Katsoularis I.
et al.
Risks of deep vein thrombosis, pulmonary embolism, and bleeding after covid-19: nationwide
self-controlled cases series and matched cohort study.
BMJ 2022;
376: e069590
DOI:
10.1136/bmj-2021-069590
In die Studie gingen die Daten von mehr als 1,1 Mio. Patientinnen und Patienten aus
der schwedischen Allgemeinbevölkerung ein, die zwischen Februar 2020 und Mai 2021
erstmals an COVID-19 erkrankten. Das mittlere Alter lag in der Kohorte bei 40,2 Jahren
und 49 % der Studienteilnehmer waren Männer. Ihnen wurden mehr als 4,1 Mio. Personen
ohne durchgemachte COVID-19-Erkrankung gegenübergestellt, die nach Alter, Geschlecht
und Wohnort gematcht wurden. Einzelheiten zum weiteren klinischen Verlauf der Studienteilnehmer
wurden verschiedenen Registern entnommen; eine Verknüpfung der Daten auf Patientenebene
war jeweils über die persönliche Identifikationsnummer möglich, die in Schweden jedem
Einwohner zugeordnet wird. Als primäre Endpunkte definierten die Autoren das Auftreten
von tiefen Venenthrombosen, Lungenembolien bzw. Blutungskomplikationen innerhalb von
180 Tagen nach dem positiven SARS-CoV2-Test. Die statistischen Analysen erfolgten
zum einen nach einem selbstkontrollierenden Design im zeitlichen Verlauf innerhalb
der Patientenkohorte und zum anderen anhand der im Verhältnis 1:4 gematchten Kontrollpersonen.
Die Risiken für eine tiefe Venenthrombose, Lungenembolie bzw. Hämorrhagie waren bis
jeweils 70, 110 bzw. 60 Tage nach einer SARS-CoV2-Infektion signifikant erhöht. Am
deutlichsten fiel die Risikoerhöhung für Lungenembolien aus: In der ersten bzw. zweiten
Woche nach dem positiven Testergebnis ergab sich ein Inzidenzraten-Verhältnis von
36,2 (95 %-KI 31,6–41,5) bzw. 46,4 (95 %-KI 40,6–53,0). Innerhalb der ersten 30 Tage
wurden die Inzidenzraten-Verhältnisse für tiefe Venenthrombosen, Lungenembolien bzw.
Hämorrhagien mit 5,90 (95 %-KI 5,12–6,80), 31,59 (95 %-KI 27,99–35,63) bzw. 2,48 (95 %-KI
2,30–2,68) beziffert. In den gematchten Kohorten fanden sich vergleichbare Resultate:
Nach statistischen Adjustierungen an mögliche Confounder betrugen die Risiko-Relationen
innerhalb der ersten 30 Tage nach der Diagnose der COVID-19-Erkrankung 4,98 (95 %-KI
4,96–5,01), 33,05 (95 %-KI 32,8–33,3) bzw. 1,88 (95 %-KI 1,71–2,07) für tiefe Venenthrombosen,
Lungenembolien bzw. Blutungskomplikationen. Das höchste Risiko für das Auftreten eines
der Endpunkt-Ereignisse wurde bei Patienten mit einem schweren Verlauf der COVID-19-Erkrankung
verzeichnet. Darüber hinaus waren Patienten, die in der ersten Pandemiewelle erkrankten,
einem höheren Risiko ausgesetzt als Patienten, die eine COVID-19-Erkrankung in der
zweiten oder dritten Pandemiewelle durchmachten. Die Autoren erklären dies mit den
im Laufe der Zeit verbesserten Therapiestrategien und der weiteren Verbreitung der
Thrombembolie-Prophylaxe. Die absoluten Risiken für das Auftreten von tiefen Venenthrombosen,
Lungenembolien bzw. Hämorrhagien wurden mit 0,039 %, 0,17 % bzw. 0,101 % beziffert.
Die Inzidenz der tiefen Venenthrombosen könnte bei Patienten mit schwerem COVID-19-Verlauf
unterschätzt sein, da die Diagnostik im Rahmen der Intensivmedizin eher auf die Erkennung
von Lungenembolien abzielt. Allerdings ist die höhere Rate an Lungenembolien möglicherweise
auch damit zu erklären, dass das lokale Inflammationsgeschehen in der Lunge mit einer
vermehrten intravasalen Thrombenbildung einhergeht, so die Autoren. Das erhöhte hämorrhagische
Risiko könnte ebenfalls auf Faktoren wie endotheliale Dysfunktion, Koagulopathie oder
disseminierte intravasale Gerinnung zurückzuführen sein.
Nach einer SARS-CoV2-Infektion sind die Risiken für das Auftreten einer tiefen Venenthrombose,
einer akuten Lungenembolie bzw. einer Hämorrhagie deutlich erhöht. Die Bedeutung der
Thromboseprophylaxe und der Impfung wird durch die Ergebnisse untermauert. Die aktuellen
Daten sollten prospektive Untersuchungen zum Einsatz gerinnungshemmender Substanzen
während bzw. nach einer COVID-19-Erkrankung nach sich ziehen, so die Autoren.
Dr. Katharina Franke, Darmstadt