Forde PM.
et al.
Neoadjuvant Nivolumab plus Chemotherapy in Resectable Lung Cancer.
N Engl J Med 2022;
386: 1973-1985
DOI:
10.1056/NEJMoa2202170
Nivolumab gehört als monoklonaler Antikörper gegen den PD-1-Rezeptor (Programmed-Cell-Death
Rezeptor 1) auf T-Zellen zu den Immun-Checkpoint-Inhibitoren. Die Substanz stimuliert
das Immunsystem, indem die inhibitorische Interaktion zwischen Antigen-präsentierenden
Zellen und T-Lymphozyten unterbrochen wird. Bei einer neoadjuvanten Gabe besteht die
Chance, Mikrometastasen frühzeitig zu beseitigen und die Immunreaktion gegenüber der
Tumormasse zu verstärken.
Im Rahmen der internationalen im Open-Label-Design konzipierten Check-Mate-816-Studie
erhielten zwischen 2017 und 2019 insgesamt 358 Patientinnen und Patienten mit NSCLC
im Stadium IB bis IIIA vor der Tumorresektion eine sog. Platin-Dublette-Chemotherapie.
Die Hälfte der Patienten wurde zusätzlich neoadjuvant mit 360 mg Nivolumab behandelt.
Geplant wurden in beiden Studiengruppen jeweils 3 Therapiezyklen im Abstand von jeweils
3 Wochen. Die operative Entfernung des Tumors erfolgte spätestens 6 Wochen nach dem
Ende der neoadjuvanten Behandlung. Nachfolgend konnten die Patienten zusätzlich bis
zu 4 Zyklen einer adjuvanten Chemotherapie und/oder Radiatio erhalten (11,9% in der
Nivolumab + Chemotherapie-Gruppe; 22,2% in der Vergleichsgruppe). Primäre Endpunkte
waren zum einen das ereignisfreie Überleben und zum anderen das vollständige Ansprechen
der Behandlung nach histopathologischen Kriterien. Als Ereignisse definierten die
Autoren dabei jedwede Erkrankungsprogression, die ein chirurgisches Vorgehen unmöglich
machte, eine Progression bzw. ein Rezidiv nach dem operativen Eingriff sowie die Gesamtmortalität.
Die neoadjuvante Therapie wurde in der Nivolumab + Chemotherapie-Gruppe von 93,8%
und in der Vergleichsgruppe von 84,7% der Patienten vollständig absolviert. Eine chirurgische
Tumorresektion erfolgte schließlich bei jeweils 83,2% bzw. 75,4% der Patienten. Das
ereignisfreie Überleben wurde in der Nivolumab + Chemotherapie-Gruppe mit 31,6 Monaten
und in der Vergleichsgruppe mit 20,8 Monaten beziffert (HR 0,63; 97,38%-KI 0,43–0,91).
Nach einem Jahr lebten jeweils noch 76,1% bzw. 63,4% der Patienten ohne Progression
oder Rezidiv und nach 2 Jahren belief sich das ereignisfreie Überleben auf 63,8% bzw.
45,3%. Subgruppenanalysen ergaben einen größeren Benefit für Patienten mit einem weiter
fortgeschrittenen Erkrankungsstadium (IIIA), mit einem PD-L1 (Programmed Cell Death
1 Ligand 1)-Expressionslevel des Tumors ≥1% bzw. einer Nicht-Plattenzell-Histologie.
Eine vollständige histopathologische Tumorfreiheit konnte bei insgesamt 24% der Patienten
der Nivolumab + Chemotherapie-Gruppe erreicht werden; demgegenüber lag diese Rate
in der Vergleichsgruppe nur bei 2,2% (OR 13,94; 95%-KI 3,49–55,75). Schwerwiegendere
Nebenwirkungen (v.a. Neutropenie) traten im Rahmen der beiden Therapiestrategien mit
einer vergleichbaren Häufigkeit auf (33,5% bzw. 36,9%). Zu einer Verzögerung bzw.
Absage des operativen Eingriffs aufgrund von Nebenwirkungen der neoadjuvanten Therapie
kam es in der Nivolumab + Chemotherapie-Gruppe in 3,4% bzw. 1,1% und in der Vergleichsgruppe
in 5,1% bzw. 0,6% der Fälle. Die Inzidenz immunvermittelter Nebenwirkungen, wie sie
für Immun-Checkpoint-Inhibitoren beschrieben werden, war insgesamt niedrig.
Nebenwirkungen wurden dabei nicht beobachtet – und insbesondere die Durchführbarkeit
des chirurgischen Eingriffs wurde durch Nivolumab nicht weiter beeinträchtigt.
Die zusätzliche Gabe von Nivolumab zu einer neoadjuvanten platinbasierten Chemotherapie
war bei Patienten mit resektablem NSCLC mit einer signifikanten Prognoseverbesserung
verbunden. Über das Maß der Chemotherapie hinausgehende schwerwiegende Nebenwirkungen
wurden dabei nicht beobachtet – und insbesondere die Durchführbarkeit des chirurgischen
Eingriffs wurde durch Nivolumab nicht weiter beeinträchtigt.
Dr. med. Katharina Franke, Darmstadt