Schlüsselwörter
Corona-Pandemie - Lebensstil - Herzinfarkt - Hypertonie - körperliche Aktivität -
Diabetes - kardiovaskuläre Risikofaktoren
Key words
corona pandemic - lifestyle - myocardial infarction - hypertension - physical activity
- diabetes - cardiovascular risk factors
Einleitung
Die COVID-19-Pandemie und deren Bekämpfung hat neben direkten Folgen durch die Infektionen
auch zu erheblichen psychosozialen, ökonomischen und medizinischen Auswirkungen geführt.
Sichtbare Folgen zeigte bereits der erste Lockdown mit einem Rückgang von Hausarztbesuchen
verglichen zum Vorjahr [1].
Früh verdichteten sich auch in der klinischen Akutversorgung Berichte über rückläufige
Aufnahmezahlen. Auffällig war, dass dies eher leichte Schlaganfälle und Herzinfarkte
betraf, während sich schwere Verläufe häuften, was darauf hindeutet, dass insbesondere
Patient*innen bei geringer Symptomatik eine Krankenhausaufnahme vermieden haben könnten
[2]
[3]
[4]. Da leichte Ereignisse mitunter schwerwiegende Folgeereignisse nach sich ziehen,
könnte sich langfristig eine neue Welle schwerer Herzinfarkte und Schlaganfälle anbahnen.
Daneben mussten medizinische Eingriffe und geplante diagnostische Maßnahmen verlegt
oder abgesagt werden. Das deutsche Ärzteblatt spricht von 1,6 Millionen verschobenen
operativen Eingriffen in Deutschland [5]. Gleichzeitig erhöhen ökonomische und psychosoziale Belastungen der Pandemie durch
einen Anstieg von psychischem Stress und Depressionen das kardiovaskuläre Risiko [6]
[7].
Dies alles legt nahe, dass es während der Corona-Pandemie zu einem Defizit der medizinischen
Versorgung und zu einer Verschlechterung der klassischen vaskulären Risikofaktoren,
zumindest bei einem Teil der Bevölkerung, gekommen sein könnte.
Allerdings ist die Datenlage zu den Veränderungen von kardiovaskulären Risikofaktoren
sehr lückenhaft und beruht im Wesentlichen auf Umfragen. In der ELITE-Studie werden
seit Jahren bei über 5000 Personen regelmäßige Kontrollen von Risikofaktoren und psychosozialen
Parametern (Stress, Depressionen, Wohlbefinden, Ernährung, Hirnleistung, Bewegung)
vorgenommen [8]
[9]. Deshalb wurden die Daten bei Teilnehmer*innen, die vor der Pandemie und erneut
während der Pandemiejahre untersucht worden sind, ausgewertet. Da die Ausgangswerte
unbeeinflusst von der Pandemie waren, lassen sich so Veränderungen auf die kardiovaskuläre
Prävention während der COVID-19-Pandemie genauer darstellen.
Methodik
Basis dieser Daten ist die ELITE-Studie (Ernährung, Lebensstil und individuelle Information
zur Verhinderung von Herzinfarkt, Schlaganfall und Demenz, Ethikvotum Universität
Göttingen: 18.09.2014, 34/6/14). Die Methodik wurde bereits an anderer Stelle publiziert
und wird vor diesem Hintergrund nur kurz geschildert [8]
[9]
[10]
[11]
[12]
[13]. In der ELITE-Studie werden seit 2014 regelmäßige Untersuchungen bei derzeit über
5000 Teilnehmer*innen durchgeführt. Diese erhalten Risikoprofile mit individuellen
Informationen und Empfehlungen zur Verbesserung kardiovaskulärer Risikofaktoren zum
Zwecke der Prävention von Herzinfarkt, Schlaganfall und Demenz. Für den vorliegenden
Beitrag wurden Daten von Personen analysiert, bei denen eine Untersuchung im Zeitraum
vor Beginn des ersten deutschen Lockdowns (02.01.2019–22.03.2020) und eine Folgeuntersuchung
nach Ende des ersten Lockdowns (06.05.2020–25.01.2022) erfolgte. Das Kollektiv umfasste
1775 Teilnehmer*innen. 59 % von ihnen waren männlich (41 % weiblich), wobei in der
gesamten ELITE-Studie etwas mehr als 50 % Frauen eingeschlossen wurden. Die Basisdaten
der untersuchten Teilnehmer/innen sind in [Tab. 1] dargestellt.
Tab. 1
Basisdaten.
|
Basisdaten (n = 1775)
|
|
n
|
%
|
|
männlich
|
1048
|
59,0
|
|
weiblich
|
727
|
41,0
|
|
MW
|
SD
|
|
Alter (in Jahren)
|
51,3
|
13,2
|
|
BMI (in kg/m2)
|
26,5
|
4,5
|
|
Blutdruck (in mmHg)
|
|
|
|
systolisch
|
138,1
|
15,7
|
|
diastolisch
|
83,2
|
9,9
|
|
Herzfrequenz (in bpm)
|
72,2
|
11,5
|
|
n
|
%
|
|
Hypertoniker
|
1024
|
57,7
|
|
davon Antihypertensiva
|
503
|
49,1
|
|
LDL > 130 mg/dl
|
897
|
50,5
|
|
davon Statine
|
125
|
13,9
|
|
Diabetes
|
73
|
4,1
|
|
Nikotinabusus
|
244
|
13,7
|
Es wurden folgende kardiovaskuläre Parameter und deren Veränderung im Vergleich von
Untersuchung 1 zu Untersuchung 2 untersucht: Blutdruck, Gewicht, körperliche Aktivität,
Stress, Depression, Medikation (Antihypertensiva, Statine), Vorerkrankungen (Hypertonie,
Adipositas, LDL-Cholesterin, Nikotinabusus und Diabetes mellitus). Die Blutdruckmessungen
wurden per oszillometrischer Messung nach 5-minütiger Ruhephase durchgeführt. Zur
Einordnung einer möglichen depressiven Symptomatik erfolgte der Einsatz des Beck-Depressions-Inventars
II (BDI II). Daten zum Gewicht und zur Frequenz von Stress und Sport wurden mittels
standardisierter Fragebögen erfasst. Die Laborparameter wurden durch eigens durchgeführte
Blutentnahmen im Labor des St. Josefs-Hospitals Cloppenburg analysiert.
Folgende 5 Parameter wurden hierbei als kardiovaskuläre Risikofaktoren definiert:
Hypertonie (≥ 140/90 mmHg), Adipositas (BMI ≥ 30 kg/m2), Depression (BDI II ≥ 9 Punkte),
Stress (≥ 1 ×/Woche), körperliche Aktivität (≤ 1 ×/Woche) und Hyperlipidämie (LDL > 130 mg/dl), Nikotinabusus, Diabetes mellitus (DM). Zusätzlich
erfolgte eine Unterteilung in Verbesserung und Verschlechterung, je nachdem, ob sich die untersuchten Parameter von Untersuchung 1 zu Untersuchung 2 verbesserten oder verschlechterten. Eine Blutdruckverbesserung bzw. Blutdruckverschlechterung
wurde definiert, wenn der Blutdruck sich von Untersuchung 1 zu Untersuchung 2 > 5 mmHg
reduzierte bzw. erhöhte. Eine Gewichtsverbesserung bzw. Gewichtsverschlechterung wurde
definiert als Gewichtsabnahme bzw. Gewichtszunahme ab 2 kg. Eine Verbesserung der
depressiven Symptomatik lag bei einem Aufstieg in eine höhere der Frequenzgruppen
vor, eine Verschlechterung im Falle eines Abstiegs in eine niedrigere der Frequenzgruppen.
Bei dem Parameter Stress wurde eine Stressfrequenz-Abnahme als Verbesserung eingeordnet,
eine Stressfrequenz-Zunahme als Verschlechterung. Eine Zunahme der Frequenz der körperlichen
Aktivität bedeutete hierbei eine Verbesserung, eine Frequenzabnahme eine Verschlechterung.
Statistische Analyse
Die statistische Auswertung wurde mit dem Softwarepaket IBM SPSS Statistics, Version 28, durchgeführt. Zunächst wurden aus den vorliegenden Daten die üblichen
deskriptiven Statistiken wie Häufigkeitsverteilungen, Mittelwert mit Standardfehler,
Minimum, Maximum und die Standardabweichung (Varianz) berechnet.
Fehlende Werte wurden mit dem entsprechenden SPSS-Modul untersucht. Der Anteil fehlender
Werte lag bei 4 der analysierten Variablen unter 5 %, lediglich beim BDI war er geringfügig
darüber (7 %). Weiterhin zeigte der Little`s-MCAR-Test (Missing Completely At Random),
dass die Daten völlig zufällig fehlen. Insofern wurde auf komplizierte Imputationsverfahren
verzichtet.
Die Häufigkeiten kategorialer Variablen wurden zunächst in Form von Kreuztabellen
zusammengefasst. Zur Überprüfung möglicher Zusammenhänge (Korrelationen) zwischen
diesen Variablen wurde dann der Pearson-Chi-Test verwendet. Weiterhin wurde für diesen
Test die Effektstärke nach Cramer-V geschätzt. Cramer-V-Werte unter 0,2 deuten auf
einen schwachen statistischen Zusammenhang hin. Werte darüber bedeuten eine mittlere
bis starke Beziehung.
Der Vergleich von 2 Anteilen innerhalb einer Variablen erfolgte mit dem Binomialtest.
Für den Vergleich metrischer Werte von 2 gepaarten Stichproben wurde der t-Test für
verbundene Stichproben verwendet. Auch hier wurde zusätzlich die Effektstärke nach
Cohen‘s d berechnet. Bekanntlich weisen Cohen’s-d-Werte unter 0,5 nur auf einen kleinen
Effekt hin.
Alle Tests wurden 2-seitig durchgeführt und ein p-Wert kleiner als α = 0,05 deutete
auf einen signifikanten Unterschied hin. Die p-Werte wurden aber grundsätzlich als
deskriptiv/explorativ angesehen.
Ergebnisse
Hauptzielparameter waren Veränderungen von Blutdruck, Gewicht, körperlicher Aktivität,
Stressbelastung und depressiven Symptomen gegenüber der ersten Untersuchung in den
Jahren 2019 und 2020. Wie erwartet fanden sich Verbesserungen und Verschlechterungen.
[Abb. 1] stellt die prozentuale Häufigkeit der Veränderungen dieser Parameter dar. Blutdruck
(p = 0,006) und depressive Symptome (p < 0,001) zeigten signifikant häufiger Verschlechterungen
als Verbesserungen. Das Gewicht war tendenziell häufiger angestiegen (p = 0,186).
Stress nahm häufiger zu als ab, aber nicht signifikant (p = 0,281). Nur bei der körperlichen
Aktivität fanden sich geringgradig häufiger Verbesserungen, die aber ebenfalls nicht
signifikant waren (p = 0,463).
Abb. 1 Anteile der Verbesserungen und Verschlechterungen der 5 Parameter Blutdruck (p < 0,006),
Gewicht (p = 0,186), Stressfrequenz (p = 0,281), Frequenz der sportlichen Aktivität
(p = 0,463) und depressiver Symptomatik/BDI (p < 0,001). Vergleich der Anteile mit
Binomialtest.
In dem Gesamtkollektiv wiesen 57,7 % eine Hypertonie auf, wovon 49,1 % eine antihypertensive
Therapie erhielten. 2,2 % aller Personen wurden wegen hypertensiver Werte zum Kontrollzeitpunkt
neu behandelt. Bei 3,9 % der behandelten Personen wurden die Antihypertensiva abgesetzt.
Insgesamt nahmen 184 hypertone Personen mehr Antihypertensiva ein, während 119 Personen
die Antihypertensiva reduzierten. Dabei wurden Renin-Angiotensin-System-Hemmstoffe
(RAS-Hemmstoffe) bei 117 Patient*innen zusätzlich verschrieben und bei 77 Personen
abgesetzt.
In der Gruppe mit einer Verschlechterung des Blutdrucks stieg der Mittelwert von 132/86 mmHg
auf 146/86 mmHg an (p < 0,001; Cohen`s d = 0,163), während er in der Gruppe mit einer
Blutdruckverbesserung vergleichbar von 146/87 mmHg auf 132/81 mmHg (p < 0,001, Cohen’s = -0.162)
abfiel ([Abb. 2]). Hierbei verschlechterte sich der Blutdruck häufiger bei normotonen Personen, während
er sich bei zuvor erhöhten Werten im Mittel verbesserte (jeweils behandelt und unbehandelt).
Häufiger verschlechterte sich der Blutdruck bei Frauen, während Alter und Gewicht
nicht unterschiedlich in den beiden Gruppen (Männer und Frauen) waren.
Abb. 2 Mittelwerte und SD des systolischen und diastolischen Blutdrucks (mmHg) vor und nach
der Corona-Pandemie. P< 0,001 in der „verbessert“-Gruppe und p < 0,001 in der „verschlechtert“-Gruppe
(nach verbundenem t-Test); (blau: vorher, rot: nachher).
Ein ähnliches Ergebnis fand sich bei den Gewichtsveränderungen. [Abb. 3] stellt die Veränderungen des BMI in den Gruppen „verbessert“ bzw. „verschlechtert“ dar. Es zeigte sich, dass dabei die Mittelwerte des Gewichts in der Gruppe mit Gewichtszunahme
um einen vergleichbaren Wert anstiegen, wie sie in der Gruppe mit Gewichtsabnahme
abfielen.
Abb. 3 Mittelwerte und SD des Gewichtes (in kg) vor und nach der Corona-Pandemie. P< 0,001
in beiden Vergleichen nach verbundenem t-Test); (blau: vorher, rot: nachher).
Das Gewicht stieg um 4,7 kg (p < 0,001, Cohen’s = -0,254) in der Gruppe mit Gewichtsverschlechterung
und fiel um 4,8 kg (p < 0,001, Cohen‘s d = 0,252) bei Personen mit Gewichtsverbesserung.
Eine Steigerung der körperlichen Aktivität zeigte sich geringgradig häufiger als eine
Verringerung der körperlichen Aktivität. Bei den Veränderungen depressiver Symptome
im BDI oder der täglichen Stressbelastung waren häufiger Frauen von einer Verschlechterung
betroffen.
Es zeigten sich auch einige Zusammenhänge zwischen den 5 untersuchten Parametern.
So korrelierte eine Gewichtsabnahme mit einer Senkung des Blutdrucks (p < 0,001, Cramer-V = 0,142)
und mit einem Anstieg der körperlichen Aktivität (p = 0,008, Cramer-V = 0,123) und
umgekehrt.
Veränderungen des Blutdrucks korrelierten außer mit dem Gewicht auch tendenziell mit
der Stressbelastung (p = 0,177, Cramer-V = 0,052) und depressiven Symptomen (p = 0,104,
Cramer-V = 0,098). Ein weiterer Grund lag sicherlich auch in der Einnahme von Antihypertensiva.
Teilnehmer/innen mit einer Verbesserung des Blutdrucks nahmen häufiger mehr Antihypertensiva
(AH) ein (20,1 %) und reduzierten seltener Antihypertensiva (6,8 %) als Personen mit
einem Anstieg des Blutdrucks (mehr AH 5,8 %, weniger AH 7,5 %). Mehr körperliche Aktivität
führte neben der Gewichtsabnahme auch zu weniger depressiven Beschwerden (p = 0,032,
Cramer-V = 0,144). Zunehmende depressive Beschwerden korrelierten mit einer zunehmenden
Stressbelastung (p < 0,001, Cramer-V = 0,386) und einer abnehmenden körperlichen Aktivität
(p = 0,032, Cramer-V = 0,144).
Bei 57,4 % der Teilnehmer*innen kam es gleichzeitig zu Verbesserungen und Verschlechterungen
der dargestellten 5 Parameter.
Problematisch dürfte es sicher sein, wenn sich in diesen 5 Kategorien nur Verschlechterungen
und keine Verbesserungen finden. Nur Verschlechterungen wiesen immerhin 22,9 % der
Personen auf. Dies war signifikant häufiger als die Zahl der Personen nur mit Verbesserungen,
welche 19,8 % betrug (p = 0,049 nach dem Binomialtest).
Die klinische Bedeutung von nur Verschlechterungen bzw. nur Verbesserungen zeigt sich
bei der Auswertung von Veränderungen der klassischen Risikofaktoren Hypertonie, Adipositas
> 30 kg/m2), erhöhtes LDL-Cholesterin (> 130 mg/dl), Nikotinabusus und Diabetes mellitus (DM).
Während in der Gruppe mit nur Verbesserungen Blutdruck, Gewicht und LDL-Cholesterin
sanken, stiegen in der Gruppe mit nur Verschlechterungen die dargestellten Risikofaktoren
an. Dabei ist zu berücksichtigen, dass in der Gruppe mit nur Verbesserungen bei 19
Personen und in der Gruppe mit nur Verschlechterungen bei 4 Personen Statine neu gegeben
wurden.
Dies führte in der Gruppe mit nur Verbesserungen zu einer Zunahme von Teilnehmer*innen
ohne oder mit lediglich einem Risikofaktor (von 37,9 auf 63,5 %), während die Anzahl
von Personen mit 2 und mehr Risikofaktoren abnahm (von 62,2 auf 36,5 %). Dagegen fiel
in der Gruppe mit nur Verschlechterungen die Anzahl der Personen mit keinem oder nur
einem Risikofaktor (von 62,8 auf 44,3 %), während die Anzahl von Personen mit 2, 3
und mehr Risikofaktoren zunahm (von 37,2 auf 55,7 %), ([Tab. 2]). Auffällig war, dass Teilnehmer*innen, die sich beim Blutdruck, Gewicht und LDL-Cholesterin
verbesserten, höhere Werte dieser Risikofaktoren vor der Corona-Pandemie aufwiesen
als die Patienten, die sich verschlechterten.
Tab. 2
Häufigkeit (%) von Hypertonie, Adipositas > 30), erhöhtem LDL-Cholesterin (> 130 mg/dl),
Nikotin und Diabetes mellitus (DM) sowie der Anzahl dieser Risikofaktoren pro Person
bei ausschließlich Verbesserungen bzw. Verschlechterungen (*p = 0,049, Binomialtest)
RF = Risikofaktoren.
|
Nur verbessert (19,8 %)
|
Nur verschlechtert (22,9 %)*
|
|
vor Corona
|
nach Corona
|
vor Corona
|
nach Corona
|
|
RR > = 140/90 (%)
|
72,6
|
55,0
|
45,9
|
70,6
|
|
BMI> = 30 (%)
|
23,9
|
15,4
|
16,7
|
23,9
|
|
LDL> = 130 (%)
|
62,7
|
37,6
|
42,9
|
50,7
|
|
Diabetes (%)
|
4,3
|
4,8
|
3,2
|
5,7
|
|
Nikotin (%)
|
15,2
|
14,8
|
14,8
|
15,3
|
|
RF < = 1 (%)
|
37,9
|
63,5
|
62,8
|
44,3
|
|
RF > = 2 (%)
|
62,2
|
36,5
|
37,2
|
55,7
|
Diskussion
Schon kurz nach Beginn der COVID-19-Pandemie wurde deutlich, dass kardiovaskuläre
Risikofaktoren die Prognose einer COVID-19-Erkrankung deutlich verschlechtern. In
den letzten 2 Jahren wurden zahlreiche Studien veröffentlicht, welche die Korrelation
von Hypertonie, DM, Adipositas, Niereninsuffizienz oder Rauchen mit einem erhöhten
Mortalitätsrisiko von COVID-19 aufzeigten [14]
[15].
Frühzeitig fiel auf, dass es in den Notaufnahmen zu einem Rückgang von Herzinfarkten
und Schlaganfällen kam und ambulante Arztbesuche abgesagt oder verschoben wurden.
Eine Umfrage unserer Arbeitsgruppe zeigte, dass signifikant mehr Patient*innen mit
Vorerkrankungen und kardiovaskulären Risiken Arztbesuche mieden als Gesunde [16]. Lockdown und Quarantäne, Veränderungen der Arbeitsbedingungen, wirtschaftliche
Probleme und soziale Isolation lassen befürchten, dass sich die ohnehin nicht ausreichende
Kontrolle von kardiovaskulären Risikofaktoren, zumindest bei einem Teil der Bevölkerung,
weiter verschlechtert haben könnte. Auf der anderen Seite sind auch positive Effekte
der Pandemie auf Präventionsmaßnahmen denkbar [17]
[18]
[19]
[20]. So könnte der Lockdown bei einigen Personen zu weniger Stress und mehr Zeit für
Sport geführt haben. Auch könnte die Sorge vor schweren COVID-Erkrankungen mehr Menschen
motiviert haben, ihre Risikofaktoren zu verbessern.
Die meisten Daten zu diesem Thema stammen aus Umfragen per Telefon, Mail oder sozialen
Medien. Bei Selbstauskünften stellt sich die Frage nach der Korrektheit und Einwirkung
durch subjektive Einschätzungen. Auch die massive öffentliche Berichterstattung könnte
die Antworten erheblich beeinflusst haben. Dagegen finden sich wenige Publikationen,
die klinische Daten bereits vor und dann im Verlauf der Pandemie verglichen haben.
Aus diesem Grund wurden hier Daten von Teilnehmer*innen ausgewertet, um die Auswirkungen
der Pandemie auf die kardiovaskuläre Prävention der Bevölkerung in einer ländlich
geprägten Region darzustellen. Ein erheblicher Vorteil ist, dass die Ausgangsdaten
unabhängig von der Pandemie erhoben wurden. Insbesondere die Erhebung von psychosozialen
Parametern während Pandemiezeiten kann zu einem erheblichen Bias durch die Bedrohung
von Pandemie und Lockdown geführt haben. Schwerpunkt der Auswertung bildeten Veränderungen
von Blutdruck, Gewicht, Stress, Depressionen und körperlicher Aktivität.
Erwartungsgemäß fanden sich sowohl Verbesserungen als auch Verschlechterungen und
unveränderte Befunde bei diesen 5 Parametern. Bei den Parametern Blutdruck und Depressionen
fanden sich signifikant häufiger Verschlechterungen. Gewicht und Stress nahmen häufiger
zu als ab. Nur bei der körperlichen Aktivität zeigte sich ein geringgradiger Anstieg.
Die häufigsten Veränderungen fanden sich beim Blutdruck, wo es bei 37,4 % zu einem
Blutdruckanstieg und bei 31,8 % zu einem Blutdruckabfall kam.
Die Gründe für Blutdruckanstiege könnten in weniger Arztbesuchen und dadurch weniger
Verordnungen von Antihypertensiva, in einer nachlassenden Compliance und auch in der
Diskussion über Renin-Angiotensin-Hemmstoffe (RAS-Hemmer) liegen. Eines der Bedenken
zu Beginn der Pandemie war, dass RAS-Hemmer das Mortalitätsrisiko bei COVID-19 steigern
könnten, da SARS-CoV-2 menschliche ACE2-Zellrezeptoren (Angiotensin-konvertierende-Enzym-2-Zellrezeptoren)
als Eintrittsrezeptor verwendet und RAS-Hemmstoffe die kardiale ACE2-Expression erhöhen
können. Allerdings fanden mehrere Autoren keine Hinweise auf negative Effekte, sondern
einen eher günstigen COVID-19-Verlauf unter RAS-Hemmern. Entsprechend gibt es keinen
Grund für ein Aussetzen [21]
[22]
[23]
[24]
[25]
[26]. Dennoch wurde berichtet, dass RAS-Hemmstoffe durch Patienten oder Ärzte bei 27 %
bzw. 36,5 % abgesetzt wurden [27]. Hier konnte dies nicht bestätigt werden. Insgesamt wurden RAS-Hemmstoffe bei 117
Patient*innen zusätzlich verschrieben und lediglich bei 77 Personen abgesetzt. Die
Verschlechterungen des Blutdrucks waren somit nicht auf das Absetzen von ACE-Hemmern
oder Sartanen zurückzuführen.
Bei den 37,4 % der Teilnehmer*innen mit einem dokumentierten Blutdruckanstieg stieg
der mittlere Wert systolisch um 13 und diastolisch um 6 mmHg, während er sich bei
den 31,8 % Teilnehmer*innen mit einem Abfall vergleichbar um 13 bzw. 5 mmHg verminderte.
Auffällig war, dass sich häufiger normotone Personen verschlechterten und hypertone
Personen verbesserten. Möglicherweise haben die deutliche Aufklärung über die Risken
der Hypertonie im Rahmen der Studienteilnahme bei Personen mit erhöhten Werten und
die Berichte über eine höhere Gefahr eines schwereren COVID-Verlaufs bei Hypertonie
zu einer verbesserten Einstellung und Adhärenz geführt. Laffin et al. fanden eine
leichten, aber signifikanten systolischen (1,1–2,5 mmHg) und diastolischen (0,14–0,53 mmHg)
Blutdruckanstieg in der Pandemie. Eine Korrelation zu einem Gewichtsanstieg war nicht
nachweisbar. Dies könnte bei dem geringen Blutdruckanstieg aber durch die Betrachtung
der Mittelwerte bedingt sein, wo sich Anstieg und Abfall ebenfalls ausgeglichen haben
könnten. Ob mögliche Veränderungen der antihypertensiven Medikation einen Einfluss
auf den Blutdruckanstieg gehabt haben, wird in der Publikation nicht mitgeteilt [28].
In dieser Untersuchung waren Änderungen der körperlichen Aktivität und des Gewichts
mitentscheidend für die Blutdruckveränderungen. So korrelierte eine Verbesserung des
Blutdrucks signifikant mit einer Gewichtsabnahme und vermehrter sportlicher Betätigung.
Umgekehrt korrelierte ein Blutdruckanstieg signifikant mit einer Gewichtszunahme und
weniger sportlicher Betätigung. Ein weiterer Grund für die Verbesserung des Blutdrucks
war die zusätzliche Verordnung von Antihypertensiva. Möglicherweise hat auch die Angst
vor schweren COVID-Verläufen die Einnahmetreue von Antihypertensiva erhöht.
Tendenziell wirkten sich auch Veränderungen des Stressempfindens auf den Blutdruck
aus. Bei Personen, die über weniger Stress in dieser Zeit berichteten, war häufiger
eine Blutdrucksenkung zu finden. Umgekehrt stieg der Blutdruck bei mehr Stress an.
Stressempfinden und depressive Symptome verschlechterten sich signifikant häufiger
als sie sich verbesserten, wobei eine signifikante Korrelation zwischen den beiden
Parametern bestand. Die Zunahme von depressiven Symptomen erhöht das Stressniveau,
was wiederum auch Blutdruckanstiege auslösen kann.
Das Gewicht änderte sich vergleichbar um ca. 5 kg bei den Gruppen mit Gewichtszunahme
bzw. -abnahme. Viele Autoren berichten über Gewichtsveränderungen während der Corona-Pandemie
bei Erwachsenen und Kindern, wobei häufiger ein Körpergewichtsanstieg als eine Gewichtsabnahme
gefunden wurde [29]
[30]
[31]
[32]. Es wurde über einen signifikanten Zusammenhang zwischen geringer körperlicher Aktivität
und Gewichtszunahme berichtet [33]
[34]
[35]
[36]. In einer Umfrage bei 2590 Teilnehmer*innen der ELITE-Studie während des ersten
Lockdowns gaben 18,3 % der Teilnehmer*innen eine Gewichtszunahme an [16].
Körperliche Aktivität war der einzige untersuchte Risikofaktor, der sich geringgradig
häufiger verbesserte als verschlechterte – im Gegensatz zu der Mehrzahl der Publikationen,
die zumeist einen Rückgang körperlicher Aktivität fanden. Dieser Unterschied könnte
in der ländlichen Region liegen, wo mehr Möglichkeiten für körperliche Aktivität,
auch in Pandemiezeiten, bestanden. In einer Umfrage im ersten Lockdown bei Teilnehmer*innen
der ELITE-Studie gaben 40,8 % der 2590 Befragten an, ihre üblichen Sportaktivitäten
reduziert zu haben, nur 12,5 % hatten sie steigern können. Dieser Rückgang wurde allerdings
durch Spazierengehen, Fahrradfahren und Gartenarbeit kompensiert. 77–79 % gaben an,
diese Tätigkeiten nicht nur regelmäßig wahrzunehmen, sondern genannte Aktivitäten
nach Beginn des Lockdowns um 39–44 % gesteigert zu haben [16]. Diese Zahlen erschienen verlässlich, da aus mehreren Untersuchungen vor Corona
die körperliche Aktivität bekannt war. Dagegen sind Befragungen zu körperlicher Aktivität
und auch zum Gewicht mit retrospektiven Vergleichen vielen Verzerrungen unterworfen.
Die Reduktion körperlicher Aktivität korrelierte neben einer Gewichtszunahme auch
mit einer tendenziellen Zunahme depressiver Symptome, während eine Zunahme von körperlicher
Aktivität eine Reduktion depressiver Symptome bewirkte. Eine Reihe weiterer Autoren
berichtet ebenfalls über die Korrelation von geringer körperlicher Aktivität, Gewichtszunahme,
depressiven Symptomen, sowie einer verschlechterten Schlafqualität [37]
[38]
[39]
[40]
[41]. Aber auch unabhängig vom Gewicht kam es zu erheblichen psychosozialen Belastungen
in der Pandemie. Angstgefühle, Depressionen, Schlafstörungen und ein erhöhtes Stressniveau
traten häufiger auf [42]
[43]
[44]
[45]
[46].
Diese Faktoren sind für die kardiovaskuläre Prävention bedeutsam, da eine Zunahme
psychischer Belastungsfaktoren wie Stress, Ängste und Depressionen das Risiko für
Myokardinfarkte und Schlaganfälle deutlich erhöht [6]
[7]. In der bereits erwähnten Umfrage litten Personen mit vorbestehenden depressiven
Symptomen häufiger unter Gewichtszunahme, Stress und Schlafstörungen und vermieden
häufiger Arztbesuche [12].
Limitationen
Eine Limitation dieser Auswertung ist, dass ein Teil der Daten (Fragen zum Ernährungs-
und Sportverhalten) über die Selbstauskunft (Fragebögen) der Teilnehmer erfolgte.
Das ist allerdings aus Kosten- und Kapazitätsgründen in großen Bevölkerungsstudien
üblich. Die Einteilung in die einzelnen Kategorien erfolgte durch Grenzen, die anhand
von Leitlinien und der klinischen Erfahrung festgelegt wurden und daher in einem gewissen
Maße subjektiv sind. Die Grenzen wurden so gewählt, dass sie einer klinischen Relevanz
folgen.
Festzuhalten ist weiterhin, dass die meisten Patienten nach der ersten Corona-Welle
befragt bzw. deren Antworten dann erst ausgewertet wurden. Die Region der Teilnehmenden
war in der ersten Welle vergleichsweise weniger betroffen, sodass die Verschlechterungen
unter Umständen sogar noch gravierender ausgefallen wären. Insgesamt ist es eineStärke,
dass die Ausgangsdaten vor der Corona-Pandemie erhoben wurden und nicht retrospektiv
abgefragt werden mussten.
Fazit
Die Ergebnisse zeigen deutliche Veränderungen von kardiovaskulären Risikofaktoren
während der Pandemie. Dabei finden sich sowohl Verbesserungen als auch Verschlechterungen.
Letztere traten etwas häufiger auf. Blutdruck, Gewicht, Stressbelastung und depressive
Symptome verschlechterten sich häufiger als sie sich verbesserten. Frauen verschlechterten
sich häufiger bei Blutdruck, depressiven Symptomen und Stressbelastung. Bei Personen
ausschließlich mit Verbesserungen reduzierte sich die Anzahl der Risikofaktoren (Hypertonie,
Adipositas, erhöhtes LDL-Cholesterin, Nikotin und Diabetes mellitus), während Personen
ausschließlich mit Verschlechterungen einen Anstieg dieser Risikofaktoren verzeichneten.
Ein Teil der Bevölkerung konnte die Belastungen der Pandemie gut tolerieren und sogar
positiv für seine Gesundheit nutzen. Gleichzeitig scheint ein etwas größerer Teil
der Bevölkerung massiv unter der Pandemie und ihren Maßnahmen gelitten zu haben –
mit Einbußen bei der kardiovaskulären Gesundheit. Bei einer ohnehin weiterhin bestehenden
unzureichenden kardiovaskulären Prävention bleibt abzuwarten, welche langfristigen
Auswirkungen dies mit sich bringen wird. Dies ist besonders vor dem Hintergrund der
um 19 % gestiegenen Mortalität im Oktober 2022, die nur zum Teil durch COVID zu erklären
ist, zu befürchten [45].