Einleitung
Die kindliche oder präadoleszente Akne tritt als Acne neonatorum bei Neugeborenen
in den ersten vier Lebenswochen auf. Im Gegensatz zur Acne neonatorum ist die Acne
infantum (oder Acne infantilis) extrem selten. Sie betrifft in typischer Weise Säuglinge
nach dem dritten Lebensmonat oder Kleinkinder im zweiten bis vierten Lebensjahr, am
häufigsten zwischen 6. und 16. Lebensmonat mit einer Dominanz für das männliche Geschlecht.
Eine topische Behandlung dieser Akne-Form ist oft erfolglos, systemische Therapieoptionen
sind problematisch aufgrund von Kontraindikationen und Nebenwirkungen.
Patientenbeschreibung
Anamnese
Seit Juli 2007 bis Ende 2008 war ein 2 3/12 Jahre alter Junge wegen knotiger und eitriger
Hautveränderungen an beiden Wangen in Behandlung. Beim Baden würde sich unter leichtem
Druck gelegentlich Eiter aus den Knoten entleeren. Das Kind erhielt bis September
2007 verschiedene Antibiotika, u. a. Cefaclor und Sultamicillin (nacheinander für
jeweils eine Woche). Aufgrund des zweimaligen Nachweises von Acinetobacter spp. (starkes Wachstum) aus den knotigen Läsionen wurde in der Folge entsprechend
Antibiogramm mit Cotrimoxazol (Bactrim®-Saft, 2 Wochen) behandelt. Die endokrinologische Untersuchung, d. h. der Hormonstatus
inkl Dehydroepiandrosteron-Sulfat, Testosteron, Prolactin, follikel-stimulierendes
Hormon (FSH) und luteotropes Hormon (LH) war unauffällig und altersentsprechend.
Für eine Acne venenata infolge der Anwendung von komedogenen Substanzen oder Kosmetika
bzw. für eine Acne medicamentorum infolge einer externen oder internen Glukokortikoidgabe
gab es keinen Anhalt. Weitere Auslöser einer iatrogenen Akne, u. a. Antikonvulsiva,
insbesondere Phenytoin, wurden nicht eingenommen. Familienanamnestisch ist eine Acne
papulopustulosa beim Vater des Kindes – aufgetreten in der Jugendzeit sowie als junger
Erwachsener – erwähnenswert.
Lokalbefund
An beiden Wangen – rechts etwas dominierend – sah man livid-rote Papeln, außerdem
leichte Schuppung und diskrete atrophische Narben, jedoch keine Komedonen. Subkutan
palpabel waren mehrere bis linsengroße Knötchen und an der rechten Wange an der Grenze
zum Unterlid ein livid-roter, verschiebbarer, verkapselter, weicher Knoten von 5 × 10 mm
Ausmaß ([Abb. 1]).
Abb. 1 Kleinkind mit Acne conglobata infantum an den Wangen vor Therapie (Mai 2007).
Links submandibulär bestand eine kirschkerngroße Lymphknotenschwellung. Der Allgemeinzustand
war gut. Die übrige klinische Untersuchung erbrachte keine pathologischen Befunde,
die körperliche Entwicklung war altersentsprechend, insbesondere ergaben sich bei
unauffälligem körperlichen und Genitalbefund keine Hinweise auf ein adrenogenitales
Syndrom.
Diagnostik
Abstrich von den Läsionen im Gesicht zur mikrobiologischen Untersuchung (12. 9. 07):
mikroskopisches Präparat: grampositive Kokken und gramnegative Stäbchen, kulturell
Acinetobacter spp. +, Koagulase-negative Staphylokokken ++, vergrünende Streptokokken ++.
Abstrich von beiden Wangen zur mikrobiologischen Untersuchung (25. 9. 2007): kein
Wachstum von aeroben Bakterien und Pilzen. Anaerobe Kultivierung: Propionibacterium acnes ++, Antibiogramm: komplett empfindlich.
Schuppen von den Wangen zur mykologischen Untersuchung: fluoreszenzmikroskopisches
Präparat negativ, Pilze kulturell nicht nachweisbar.
Zum Ausschluss einer atypischen Mykobakteriose der Haut erfolgte ein Abstrich von
der Wange zur Untersuchung auf Mykobakterien (25. 9. 2007): Ziehl-Neelsen-Präparat
negativ, kulturelle Untersuchung auf typische und atypische Mykobakterien negativ.
Großes Blutbild, Transaminasen, Kreatinin, Cholesterin, Triglyzeride, Bilirubin gesamt:
im Normalbereich, Gesamt-IgE i. S.: < 5 IU/ml (normal), alkalische Phosphatase i. S.
281 U/l (in diesem Alter normal).
Verlauf
Zunächst erfolgte unter dem Verdacht auf eine Acne infantum im Oktober 2007 ein Therapieversuch
mit Clindamycin per os (Sobelin®-Granulat, 3 × 1 Messlöffel oder 225 mg) in Kombination mit Prednisolon-Suppositorien
(„Prednisolonacetat 11,2 mg = 10 mg Prednisolon in Hartfett mit niedriger OHZ…Hydroxylzahl”)
über zehn Tage. Lokal kam Ichthyol (Ichtholan®-T-Gel) zur Anwendung. Unter dieser Behandlung kam es vorübergehend zu einer Verkleinerung
der Knoten. Die Behandlung wurde topisch mit Clindamycin (Basocin®-Lösung) und Adapalen (Differen®-Creme) fortgesetzt.
Da die Akne-Knoten sistierten und wieder an Größe zunahmen, wurde die Behandlung mit
Isotretinoin per os als „individueller Heilversuch” initiiert. Der Junge erhielt ab April 2008 bei einem
Körpergewicht von 16 kg eine Dosierung von 7,5 mg/die (Aknenormin®, umtägig 1 oder œ Hartkapsel á 10 mg Isotretinon, entspricht 7,5 mg/die oder 0,47 mg/kg KG).
Aller vier Wochen erfolgte die Kontrolle der Laborwerte, inklusive Leber-, Nierenwerte,
Triglyzeride und Cholesterol sowie Blutbild. Es kam zu keinerlei Auffälligkeiten.
Nach zwei Monaten wurde die Isotretinoin-Dosis im Juni 2008 auf täglich eine Hartkapsel
zu 10 mg erhöht (0,625 mg/kg KG). Darunter kam es zur Besserung des Hautzustandes
mit Verkleinerung der Knoten und Rückgang des Erythems. Das Isotretinoin wurde weitere
zwei Monate gegeben, zuletzt, im August 2008, dann wieder umtägig 10 mg alle 2 Tage.
Nach insgesamt 4 œ Monaten Behandlung mit Isotretinoin hatten sich die Knoten ohne
weitere Narbenbildung zurückgebildet ([Abb. 2]).
Abb. 2 Heilung der Acne conglobata infantum nach Behandlung mit Isotretinoin per os (November 2008).
Die Behandlung wurde subjektiv gut toleriert. Nebenwirkungen waren Cheilitis sicca,
zweimalig Nasenbluten, Ohrrhagaden und ekzematöse Erscheinungen an den Armen, die
mit Methylprednisolonaceponat (Advantan®-Salbe) und Gentamicin (Ohrrhagaden, Refobacin®-Salbe) topisch behandelt wurden.
Diskussion
Die Acne infantum ist eine äußerst seltene Dermatose, die meist im Kleinkindalter,
manchmal bereits bei älteren Säuglingen – nicht vor dem 3. Lebensmonat – auftritt
[9]. Wird die Diagnose gestellt, ist die Therapie in aller Regel problematisch. Auch
hier wurde wegen wiederholt aufgetretenen blutig-serösen Eiterentleerungen aus den
Knoten zunächst an eine subkutane bakterielle Infektion (Acinetobacter spp. im mikrobiologischen Abstrich) gedacht und antibiotisch behandelt. Da keine
Besserung eintrat, wurde die Diagnose Acne conglobata infantum gestellt und endokrinologische
Ursachen der in diesem Alter ungewöhnlichen Talgdrüsenerkrankung ausgeschlossen. Da
es keinerlei labordiagnostischen Hinweis auf eine hormonelle Störung gab (Dehydroepiandrosteron-Sulfat,
Testosteron, Prolactin, FSH und LH), wurde auf eine sonografische Untersuchung der
Nebennierenrinde verzichtet.
Beschrieben sind bei Patienten mit Acne infantum endokrine Störungen, wie z. B. ein
Anstieg des LH- und FSH-Spiegels aufgrund einer Reifungsverzögerung im Hypothalamus.
Außerdem spielt eine gesteigerte Androgensynthese eine Rolle. Harde et al. [6] beschrieben einen zweijährigen Jungen mit Acne infantum als Ausdruck eines adrenogenitalen
Syndroms in Folge eines 11-beta-Hydroxylasemangels. Es handelte sich um einen autosomal-rezessiv
vererbten Enzymdefekt der Steroidhormonbiosynthese, der zu einem Mangel an Glukokortikoiden
und zu einer Überproduktion der Steroidvorläufer führt. Die Androgenproduktion, welche
eigentlich nicht beeinträchtigt ist, wird durch die überschießende Ausschüttung des
übergeordneten hypophysären Hormons ACTH (Adrenocorticotropes Hormon) massiv verstärkt.
Die Behandlung einer solchen Hormon-induzierten Acne conglobata erfolgt selbstverständlich
nicht mit Akne-Therapeutika, sondern es wird das entsprechende Hormon, hier war es
Hydrocortison, substituiert. Weitere hormonelle Ursachen einer Acne infantum können
Morbus Cushing oder Cushing-Syndrom, aber auch Pseudopubertas praecox, Pubertas praecox
vera und androgenproduzierende Tumoren sein.
Meist, so auch hier, liegt bei den Kindern mit infantiler Akne eine familiäre Disposition
für eine ausgeprägte papulopustulöse Akne vor. Überdurchschnittlich häufig erkranken
Jungen.
Für die Diagnose einer Acne infantum sprach neben dem klinischen Bild und dem Verlauf
auch der Nachweis von Propionibacterium (P.) acnes aus knotigen Läsionen im Gesicht. P. acnes verursacht Immunreaktionen und perifollikuläre Entzündungen. P. acnes spielt eine Schlüsselrolle im entzündlichen Prozess bei Acne vulgaris, indem proinflammatorische
Zytokine (Interleukin [IL]-1α, IL-8, Tumornekrosefaktor [TNF]-α) produziert werden
[11].
Im Einzelfall wurde über die erfolgreiche topische Therapie bei Acne infantum berichtet
[15]. Lokale Aknetherapeutika, u. a. Clindamycin, waren beim vorgestellten Patienten
jedoch ohne Wirkung. Sarazin et al. [13] sahen ein 20 Monate altes Mädchen mit nodulozystischer Akne, es lag ebenfalls kein
Zeichen für eine Endokrinopathie vor. Da konventionelle Antibiotika nicht zu einer
Besserung führten, wurde über 7 Monate mit oralem Isotretinoin behandelt, worunter
es zur Heilung kam. Die Autoren schreiben, dass bei einem Versagen der topischen Therapie
zunächst oral antibiotisch behandelt werden soll, Mittel der Wahl ist Erythromycin.
Cunliffe et al. [4] sahen in 25 Jahren 29 Kleinkinder mit infantiler Akne. Es überwogen die Jungen mit
24 : 5. Behandelt wurde lokal, außerdem mit oralen Antibiotika (Erythromycin), bei
Erythromycin-resistenten P. acnes-Stämmen auch mit Trimethoprim. Nur bei einem Kind kam Isotretinoin zur Anwendung!
Beim hier vorgestellten Patienten wurde zunächst mit dem Verdacht auf eine subkutane
bakterielle Infektion mit Cephalosporinen, außerdem Penicillinase-festem Penicillin
sowie Cotrimoxazol behandelt. Erst nachdem die Diagnose Acne conglobata infantum gestellt
war, kam Clindamycin per os zum Einsatz, auch mit Blick auf die sehr gute Wirksamkeit gegenüber P. acnes. Makrolide, insbesondere Erythromycin, weisen deutlich höhere Resistenzraten gegenüber
P. acnes auf.
Diverse systemische Antibiotika, inklusive Clindamycin, welches eine ausgeprägte Wirksamkeit
gegenüber P. acnes hat, zeigten ebenfalls nahezu keine Wirkung auf die Acne nodulocystica-Läsionen im
Gesicht. Systemische Antibiotika der Wahl für die Akne-Therapie sind Minocyclin oder
Doxycyclin. Diese sind bei Kindern unter 8 Jahren jedoch absolut kontraindiziert.
Es kann vor Abschluss der Dentitionsphase durch Ablagerung von Calcium-Orthophosphat-Komplexen
zu bleibenden (gelben) Zahnverfärbungen, Schmelzdefekten (Hypoplasie) und einer Verzögerung
des Knochenwachstums kommen. Es ist bekannt, dass häufig auf eine spontane Remission
der Acne infantum gewartet wird, trotz „kontrolliertem Zuwarten” trat eine solche
Spontanheilung beim hier vorgestellten Kind jedoch über Monate nicht ein.
Bei Acne conglobata wird man, wenn möglich, zumindest bei Jugendlichen ab 12 Jahren
auf die Gabe von Isotretinoin per os zurückgreifen [3]. Laut Fachinformation ist das Vitamin-A-Säure-Derivat Isotretinoin jedoch nur bei
schwerer Akne indiziert, und dabei nicht als Primärtherapie, sondern nur als „second-line-therapy”
nach systemischen Antibiotika. Entsprechend den 2003 veröffentlichten Richtlinien
der EMEA (Europäische Arzneimittelagentur – European Medicines Agency) kann Isotretinoin
nur noch bei schweren Formen der Akne (wie Acne nodularis oder Acne conglobata oder
Akne mit dem Risiko einer permanenten Narbenbildung) angewendet werden, wenn diese
sich gegenüber adäquaten Standardtherapiezyklen mit systemischen Antibiotika und topischer
Therapie als resistent erwiesen hat. Die Zulassung von Isotretinoin durch die EMEA
nur bei schwerer Akne und nur nach erfolgloser Vorbehandlung wird nicht nur in Deutschland
kritisch gesehen [10]. Es kann durchaus gerechtfertigt sein, bei mittelschwerer Akne und hohem Leidensdruck
Isotretinoin einzusetzen, oder, wie hier geschehen, außerhalb der Altersindikation
bei einem Kleinkind.
Isotretinoin ist nicht für Patienten unter 12 Jahren zur Behandlung der präpubertären
Akne zugelassen. Laut Plewig et al. [12] ist ein vorzeitiger Epiphysenfugenschluss nach derzeitigem Kenntnisstand unter therapeutischen
Dosen von Isotretinoin jedoch nicht zu befürchten. Eine Altersbegrenzung nach unten
gibt es daher nicht! Trotzdem kann Isotretinoin allenfalls als sog. individueller
Therapieversuch mit schriftlichem Einverständnis der Eltern gegeben werden. Die Dosierung
beträgt 0,5 – 1 mg/kg Körpergewicht und Tag. Ein wesentlicher Aspekt für den Einsatz
von Isotretinoin bei Acne conglobata ist die Vermeidung der Narbenbildung [13].
Es gibt nur sehr wenige Mitteilungen über den Einsatz von Isotretinoin bei Acne infantum
[1]
[7]
[8]
[14]. Barnes et al. [2] beschrieben zwei Kleinkinder mit zystischer Akne, die ebenfalls mit oralem Isotretinoin
erfolgreich behandelt wurden. Die Isotretinoin-Dosis lag zwischen 0,2 und 1,5 mg/kg/die.
Die Therapiedauer betrug 5 bis 14 Monate. Es wird nochmals auf die Bedeutung der sorgfältigen,
monatlich durchzuführenden Überwachung der Laborwerte – SGOT, SGPT, alkalische Phosphatase,
Triglyzeride und Gesamtcholesterin (Nüchternwert) – hingewiesen.
Am Rande sei erwähnt, dass ein 3-jähriges Mädchen mit Rosacea fulminans (Pyoderma
faciale), bei dem systemische und topische Antibiotika versagten, eine gute Response
auf eine Behandlung mit topischen und systemischen Kortikosteroiden in Kombination
mit Isotretinoin (0,75 mg/kg Körpergewicht) zeigte [5].
Fazit
Mit der Acne conglobata infantum wird der Hautarzt selten konfrontiert. Lokale Aknetherapeutika
und systemische Antibiotika führen meist nicht zu einer Heilung der Talgdrüsenerkrankung.
Wenn durch „kontrolliertes Zuwarten” keine Spontanheilung eintritt, sollte der Einsatz
von Isotretinoin per os erwogen werden. Es gibt inzwischen einige Beschreibungen des erfolgreichen Einsatzes
von Isotretinoin bei dieser Indikation, sodass man, bei Einhaltung der entsprechenden
Laborkontrollen, wie beim hier beschriebenen Kleinkind dokumentiert, von einer sicheren,
nebenwirkungsarmen und wirksamen Therapieform ausgehen kann.
Danksagung
Herrn Prof. Dr. Christos C. Zouboulis, Dessau, danken wir für die wertvollen Hinweise
zur Acne infantum-Therapie.