Orthopädie und Unfallchirurgie ist ein großes Fach mit über 13 000 berufstätigen Ärzten.
Diese sind in ihrem alltäglichen Schaffen einem wissenschaftlichen Standard verpflichtet,
der früher fast ausschließlich in den Universitätsklinika erarbeitet wurde. Viele
bahnbrechende Erfolge in Orthopädie und Unfallchirurgie sind von Pionieren erzielt
worden, die wagemutig große Schritte in ein bis dahin „unbeackertes“ Land gesetzt
haben. Zahlreiche Operationsmethoden (Osteosynthese, Endoprothetik) haben so ihren
Siegeszug durch die Welt angetreten. Manche sind aber auch gescheitert und haben sich
nicht durchsetzen können.
Derartige häufig auf Einzelfallbeschreibungen basierende innovative Ansätze sind heute
kaum mehr denkbar. Mehr und mehr geht es um vergleichende Fragestellungen, bei denen
nicht nur das „Wie“, sondern auch das „Wann“, das „Wie effizient“ und sogar das „Wie
teuer“ im Vordergrund steht. Dafür ist der Aufbau einer Infrastruktur erforderlich,
die in der Regel nicht mehr allein von einer Universitätsklinik geschultert werden
kann. Dennoch wird an vielen Universitätsstandorten Forschung in Orthopädie und Unfallchirurgie
nicht als Aufgabe des Faches, sondern als Aufgabe des Standorts und als Wettbewerb
gegenüber anderen Universitätsklinika gesehen. So erklärt es sich, dass die heute
unerlässlichen randomisierten Studien in Orthopädie und Unfallchirurgie nur selten
anzutreffen sind. Otto et al. [1] führen in einer Veröffentlichung in dieser Zeitschrift aus, dass Arbeiten mit orthopädischem
Inhalt nur 0,2 % aller klinischen Studien und 0,5 % der randomisierten kontrollierten
Studien darstellen. Offenbar ein Beleg für das Postulat, wonach in allen chirurgischen
Fächern zu wenig geforscht wird.
Sind Chirurgen und darunter Orthopäden und Unfallchirurgen etwa keine Forscher oder
wo liegt der Fehler? Bernstein und Mitarbeiter haben eine Befragung zur Vereinbarkeit
von klinischer und akademischer Entwicklung an orthopädischen und unfallchirurgischen
Universitätskliniken in Deutschland durchgeführt. Mittels einer Fragebogenaktion bei
105 an Universitätsklinika tätigen Ärzten wurde der Konflikt zwischen Forschung, klinischer
Tätigkeit und familiären Verpflichtungen deutlich: In diesem Spannungsfeld hat die
Tätigkeit in der Klinik, d. h. vor allem eine hochwertige Weiterbildung, eindeutigen
Vorrang und dies noch vor dem Privatleben ([2], Tab. 1). Der Qualität der Weiterbildung wird deswegen ein hoher Stellenwert eingeräumt,
weil sich nach allgemeiner Meinung danach auch die Karrierechancen und die Perspektiven
im Beruf bemessen lassen. Die Mehrheit ist davon überzeugt, dass eher die klinische
als die Forschungsleistung bestimmend für das berufliche Schicksal sein wird. Dafür
sind die Ärzte sogar bereit, auf Geld zu verzichten, denn das Gehalt rangiert erst
an letzter Stelle der Prioritätenliste. Davor wird der Forschungsauftrag genannt,
dem man gerne eine höhere Priorität beimessen würde. So sind nur 55 % mit der eigenen
Forschungsleistung zufrieden, 39 % der Befragten eher unzufrieden.
Was also gilt es zu tun? Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische
Chirurgie hat bereits vor mehreren Jahren erkannt, dass vor allem in der Grundlagenforschung
Qualität nicht mehr im Alleingang, sondern durch Netzwerkbildung erreicht wird. Durch
eine Anschubfinanzierung wurde zur Bildung von Netzwerkstrukturen angeregt, die sich
mittlerweile fest etabliert haben. So konnten aus dem Netzwerk „Regenerative Knorpeltherapien“
mehrere DFG-geförderte Projekte weiterentwickelt werden. Das Netzwerk „Biomechanik“
wiederum hat inzwischen eine Drittmittelförderung von über 6 000 000,– EUR für weiterführende
Projekte erhalten.
Alle diese Forschungsprojekte sind jedoch nicht mehr von Ärzten und Oberärzten in
der Klinik zu leisten. Sie können nur noch von Grundlagenforschern erbracht werden,
die eng mit den Kliniken kooperieren. Ziel der Fachgesellschaften muss es daher sein,
weitere Strukturen aufzubauen, die die zukunftsträchtigen Forschungsfelder für das
Fach Orthopädie und Unfallchirurgie bearbeiten. Dazu gehört auch die mesenchymale
Stammzelltherapie. Anlässlich eines Expertenworkshops der Deutschen Gesellschaft für
Orthopädie und Unfallchirurgie wurde die Datenlage zum Einsatz von MSC im experimentellen
und klinischen Bereich zusammengefasst und das Potenzial zur künftigen Durchführung
klinischer Studien geprüft [3]. Daraus wurde abgeleitet, dass weitere klinische Studien erforderlich sind, um das
tatsächliche Potenzial der Applikation einschätzen zu können. Und hierfür wiederum
ist eine verstärkte Zusammenarbeit der Forschungszentren sinnvoll. Eine Aufgabe, der
sich die orthopädischen und unfallchirurgischen Universitätskliniken im Verbund annehmen
müssen. Sie erfordert eine Schwerpunktbildung und Ausrichtung der Standorte mit Schaffung
geeigneter Substrukturen. Dazu gehören nicht nur geeignete Labors, sondern auch Dauerstellen
im W-Bereich.
Und welche Lösungen gibt es für die klinische Forschung? Otto et al. [1] weisen darauf hin, dass die Novellierung des Medizinproduktegesetzes einen erheblich
erhöhten Bedarf an klinischer Forschung mit sich bringen wird. Diese Entwicklung antizipierend
hat die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie bereits Kurse zur
Zertifizierung orthopädisch-unfallchirurgischer Prüfärzte eingerichtet [4]. Allerdings ist damit das Spannungsfeld zwischen Forschungstätigkeit, klinischen
Aufgaben und Familienhintergrund noch nicht abgeglichen. Es bedarf auch für die klinische
Forschung geeigneter Substrukturen, um über eine Netzwerkbildung geeignete Studienprotokolle
aufbauen und qualifizierte Aussagen treffen zu können. Die Deutsche Gesellschaft für
Chirurgie hat mit der Einrichtung eines Studienzentrums in Heidelberg einen großen
Schritt in diese Richtung gemacht und damit breite Anerkennung gefunden. Dieses Studienzentrum
steht auch für die Mitglieder der chirurgischen Fachgesellschaften offen [1]. Die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie wird sich auch dieses
Themas annehmen, um die Breite des Faches von der Grundlagen- bis zur Versorgungsforschung
darstellen, fördern und weiterentwickeln zu können.
F. U. Niethard, Aachen
K. Weise, Tübingen