Männer mit einer onkologischen Erkrankung des Unterleibs erleben ein verändertes Selbstund
Fremdkonzept. Zu diesem Ergebnis kamen der Diplom-Sportwissenschaftler und Physiotherapeut
Michael Worbs und der Facharzt für Urologie Dirk-Henrik Zermann von der Medizinischen
Berufsfachschule in Bad Elster.
Die Forscher führten semistrukturierte Interviews mit 10 Männern durch, die zum Zeitpunkt
der Studie zum zweiten Mal für einen Reha-Aufenthalt in die Vogtlandklinik kamen.
Anschließend analysierten sie die ermittelten Daten mithilfe der qualitativen Inhaltsanalyse
nach Bortz und Döring. Die Ergebnisse zeigen, dass die Probanden ihre Erkrankung erst
dann bewusst wahrnahmen, nachdem Operationsfolgen wie Inkontinenz oder Gefühlsschwankungen
auftraten. Männern mit einer frühen Diagnosestellung fiel es aufgrund besserer Prognosen
leichter, die Erkrankung zu akzeptieren. Generell empfanden es die 10 Teilnehmer als
schwierig, diese existenzbedrohende Situation anzunehmen. Unmittelbar nach der Operation
erlebten alle eine Phase, in der sie mit dem eigenen Körper unzufrieden waren. Als
gravierendste Einschränkung empfanden sie Operationsfolgen wie Inkontinenz oder Impotenz.
Das Verhalten ihrer Partnerinnen beschrieben sie als verständnisvoll und unterstützend.
Die Mehrheit machte positive Akzeptanzerfahrungen mit Freunden oder Familie. Lediglich
einer der Befragten fühlte sich nicht ernst genommen, da seine soziale Umwelt mit
übertriebenen Hilfestellungen reagierte. Angebote wie Ergo-, Physio- und Sporttherapie
bewerteten die Männer als positiv, da diese ihre Körperwahrnehmung sowie ihre Leistungsfähigkeit
steigerten.
Die Forschungsergebnisse zeigen, dass die Betroffenen ihre psychischen, physischen
und sozialen Voraussetzungen verbessern bzw. stabilisieren möchten. Ein ganzheitlicher
Therapieansatz berücksichtigt diese Aspekte und ermöglicht einen selbstbestimmten
Umgang mit der Erkrankung. Fühlen sich die Klienten von ihrer sozialen Umwelt akzeptiert
und integriert, unterstützt dies ebenso ein positives Selbstkonzept und stärkt ihr
Selbstbewusstsein.
dawo
ergoscience 2010; 5: 56–67