Kinasen als Enzymklasse in der Wirkstoffforschung
Kinasen sind eine wichtige Enzymklasse, die in Signalwegen normale Zellfunktionen
regeln und in vielen Erkrankungen (z. B. bei unterschiedlichen Krebsarten, Entzündungskrankheiten
oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen) dysreguliert sind. Die Wichtigkeit der Kinasen als
Drug Targets (Zielproteine für Wirkstoffe) zeigt sich daran, dass 20–30 % der Forschungs-
und Entwicklungsprojekte in der pharmazeutischen Industrie Kinase-Projekte sind. Fast
10 Jahre nach der Zulassung des ersten niedermolekularen Kinase-Inhibitors zur zielgerichteten
Therapie in der Onkologie befindet sich nun der erste Kinase-Hemmer für Entzündungskrankheiten
im Zulassungsverfahren. Dies steht im Kontrast zu den mehr als 15 Kinase-Inhibitoren
für onkologische Indikationen, die seither auf den Markt gebracht wurden [1]. Die
Relevanz von Kinasen als zentralen Schaltstellen in der Signaltransduktion des Immunsystems
ist seit Langem unbestritten, der Mangel an zugelassenen Inhibitoren für inflammatorische
Erkrankungen reflektiert jedoch die Schwierigkeit, adäquate, selektive Arzneistoffe
zu entwickeln. Während bei Therapien in der Onkologie ein hohes Risiko an Nebenwirkungen
tolerierbar ist, muss dieses Risiko bei chronischen Indikationen auf ein absolutes
Minimum reduziert werden, weshalb eine hohe Spezifität des Inhibitors für die Ziel-Kinase
unabdingbar ist. Dies ist bei Kinasen eine hohe Hürde, da die Enzymfamilie mit 518
Mitgliedern sehr groß ist und sie eine hohe Homologie in der ATP-Bindungstasche, der
Bindungsstelle der meisten Inhibitoren, aufweisen. Mit Tofacitinib (Pfizer) befindet
sich nun ein Kinase-Inhibitor in der Zulassungsphase, der von den 518 Kinasen nur
die 4 Januskinasen (JAK1,2,3 und Tyk2) inhibiert. Die funktionelle Inhibition von
hauptsächlich JAK1 und JAK3 führt dazu, dass eine zentrale Schaltstelle im intrazellulären
Netzwerk der proinflammatorischen Zytokinausschüttung ausgeschaltet wird, was zu den
positiven klinischen Studienergebnissen für rheumatoide Arthritis führte (www.clinicaltrials.com).
PI3Kγ als Target für Entzündungskrankheiten
PI3Kγ (Phosphatidyl-Inositol-3-Kinase gamma) ist eine Lipid/Protein-Kinase, die ebenfalls
eine zentrale Rolle in der Signalweiterleitung in Immunzellen einnimmt. PI3Kγ ist
eine von insgesamt 4 Klasse-1-PI3-Kinasen, die alle im Visier der pharmazeutischen
Wirkstoffforschung stehen. Die 4 eng verwandten Kinasen (PI3Kα,β,δ,γ) phosphorylieren
Phosphatidylinositol(4,5)phosphat (PI(4,5)P2) zu PI(3,4,5)P3, einem sekundären Botenstoff, der wiederum eine wichtige Rolle in vielen Signalwegen
der Zellproliferation, -differenzierung und -migration spielt [2]. PI3Kγ kommt hauptsächlich
in Immunzellen vor, und genetische oder pharmakologische Inaktivierung dieser Kinase
führt zu unterschiedlichen antiinflammatorischen Effekten, vor allen Dingen des angeborenen
Immunsystems. So wird z. B. die Chemotaxis von Immunzellen [3] und die Degranulierung
von Mastzellen [4] durch die Inhibition von PI3Kγ gehemmt. Während die genetische
Inaktivierung in Knockout-Mäusen wichtige Einsichten in die Biologie von PI3Kγ lieferte
[5], fehlte bisher ein selektiver pharmakologischer Inhibitor, der die Erprobung in
humanen Primärzellen ermöglicht und damit die Rolle von PI3Kγ im menschlichen Immunsystem
klärt.
Chemoproteomik zur Identifizierung selektiver Inhibitoren von PI3Kγ
Um die Selektivität von Kinase-Inhibitoren in physiologisch relevanten Systemen messen
zu können, haben wir eine chemoproteomische Plattform entwickelt (Kinobeads™) [6], die statt rekombinanter Proteine Zell- oder Gewebeextrakte nutzt. Dadurch
liegen die Zielproteine in voller Länge, mit den physiologischen posttranslationalen
Modifikationen und Proteinkomplexen vor. Die Aktivität von Inhibitoren wird in einem
Kompetitionsbindungs-Assay gemessen, in dem der Inhibitor konzentrationsabhängig mit
einer speziell entwickelten, kinasebindenden Matrix (den Kinobeads™) um die Bindung der Zielkinasen direkt im Zellextrakt kompetitiert. Die Detektion
der Kinasen erfolgt anschließend durch quantitative Massenspektrometrie und erzielt
ein umfassendes Selektivitätsprofil des Inhibitors für alle in dieser Zelle vorliegende
Kinasen.
Um selektive Wirkstoffkandidaten für PI3Kγ zu finden, haben wir die Kinobeads™-Plattform erweitert. Zum einen wurde eine neue Kinobeads™-Matrix geschaffen, die die Familie der PI-Kinasen bindet, und zum zweiten musste
ein Testsystem etabliert werden, das einen höheren Durchsatz an Substanzen bewältigen
kann. Dazu haben wir statt der massenspektrometrischen Detektion einen antikörperbasierten
Ansatz auf Arrays entwickelt. Mit dieser Methode können nun ganze Bibliotheken mit
100 000 Substanzen gegen bis zu 10 unterschiedlichen Zielproteinen in einem Assay
getestet werden.
Die koordinierte Nutzung beider Systeme führte zu der Identifikation des ersten selektiven
PI3Kγ-Ιnhibitors, der antiinflammatorische Wirkung in Tiermodellen zeigt [7]. Damit
konnte bestätigt werden, dass die Hemmung der Kinase-Aktivität von PI3Kγ eine valide
Strategie zur therapeutischen Intervention bei Entzündungskrankheiten darstellt. Obwohl
die Rolle von PI3Kγ im angeborenen Immunsystem relativ gut beschrieben ist, konnte
bisher noch nicht eindeutig gezeigt werden, dass PI3Kγ auch eine Rolle im adaptiven
Immunsystem innehat. In einem zellbasierten Aktivitätsprofil von humanen Primärzellen
unter proinflammatorischen Stimuli konnte die Selektivität von CZC24832 bestätigt
und außerdem eine hemmende Wirkung der Ausschüttung von Interleukin 17A (IL-17A) gezeigt
werden. Weiterführende Studien konnten diesen Effekt auf die Differenzierung von naiven
T-Zellen zu TH17-Zellen zurückführen, die durch PI3Kγ reguliert wird. Die antiinflammatorische Wirkung
von PI3Kγ-Inhibitoren kann also durch die Modulierung von angeborenen und adaptiven
Immunreaktionen herrühren. Das erstmalige Aufzeigen der Regulierung der Differenzierung
von TH17-Zellen durch PI3Kγ wird für Krankheitsbilder interessant sein, die stark durch
IL-17 geprägt sind.