Einleitung
Der komplexe anatomische Aufbau des Handgelenks und der Handwurzel führt insbesondere
bei Frakturen mit hohem Dislokationsgrad bzw. hoher Krafteinwirkung relativ oft zu
ossären und ligamentären Begleitverletzungen. Von besonderer Bedeutung aufgrund der
Häufung ist die Skaphoidfraktur, die Läsion des Discus triangularis und Ruptur des
scapholunären Bandes (s. [Abb. 1], Kapitel 1). Trotz der
Vorteile moderner Implantate, die in vielen Fällen eine anatomische
Wiederherstellung und ein gutes radiologisches Ergebnis nach Radiusfraktur
ermöglichen, finden sich immer wieder schlechte funktionelle Ergebnisse. Die Ursache
hierfür liegt sicherlich zum Großteil an den Begleitverletzungen, die aufgrund der
häufig funktionellen Nachbehandlung nicht sicher ausheilen. Dies war sicherlich bei
der früher üblichen Ruhigstellung u. U. nicht so offensichtlich, da man spekulieren
kann, dass einige – insbesondere Bandverletzungen – dadurch ausgeheilt sind. Auch
die besonders fatale Begleitverletzung einer Skaphoidfraktur war dadurch im Falle
einer Spätdiagnose zumindest ruhig gestellt. Trotz dieser plausiblen Argumentation
bleibt das Ziel der Behandlung die funktionelle Nachbehandlung und das schnelle
Erreichen des vollen Bewegungsumfangs. Im Umkehrschluss erfordert dies dann
natürlich eine entsprechend genaue Diagnostik und führt nicht selten im Vorfeld der
operativen Versorgung zu einer Erweiterung der radiologischen Diagnostik (meist
Computertomogramm – CT) bzw. dezidierten intraoperativen Untersuchungsmaßnahmen, um
gerade die Stabilität der Handwurzel und des distalen Radioulnargelenks zu
beurteilen und dann konsequent die zusätzlichen Verletzungen mitzubehandeln.
Abb. 1 Arthroskopisches Bild der karpalen Bandstrukturen. RSC:
Radioskaphokapitäres Band; LRL: Langes radiolunäres Band; RSL:
Radioskapholunäres Band (aus [2]).
Hauptteil
Die Begleitverletzungen kann man im Wesentlichen in knöcherne und ligamentäre
Verletzungen einteilen. Die Behandlungsbedürftigkeit ergibt sich aus dem Schweregrad
der Begleitverletzung unter Berücksichtigung der Strategie zur Radiusversorgung,
z. B. kann eine unkomplizierte Skaphoidfraktur nach entsprechender Beratung durchaus
operativ gleich mitversorgt werden, um eine schneller funktionelle Behandlung zur
erreichen. Oftmals erfordert die Versorgung der begleitenden Bandverletzung eine
längere Ruhigstellung und kann durchaus dadurch die Technik zur operativen
Stabilisierung des Radius beeinflussen oder auch erleichtern, wenn z. B. der
erforderliche Zugang von dorsal bei skapholunärer Bandruptur (SL-Band) dann
letztlich auch einen guten Gelenkeinblick ermöglicht [1].
Bandverletzungen
Das Übersehen einer Verletzung der Bandstrukturen kann zu einem zunehmenden
Kollaps der Handwurzel mit erheblicher Schmerzhaftigkeit und
Bewegungseinschränkung führen, weshalb dem Erkennen und Wiederherstellen der
Strukturen eine erhebliche Bedeutung zukommt. Prinzipiell können bei solchen
Bandverletzungen verschiedene Kategorien unterschieden werden wie Zeit,
Konstanz, Ätiologie, Lokalisation und besonders Richtung bzw. Muster. Eine
Rotationsfehlstellung findet sich gerade bei den SL-Bandläsionen in der Form
einer Dorsalverkippung (DISI: Dorsal Intercalated Segment Instability) und der
Palmarverkippung des Lunatums (VISI: Volar Intercalated Segment Instability).
Auch bez. des Musters findet sich bei der SL-Bandläsion gehäufter ein
Auseinanderweichen von Kahn- und Mondbein als Ausdruck der Dissoziation (CID:
Carpal Instability Dissociative) ([Tab. 1] und [2]). Insbesondere die Bandverbindung von Skaphoid und
Lunatum ist hier häufiger betroffen – in eigenen Untersuchungen 8 % mit
relevanter Instabilität. Besonders betroffen war der Komplex mit dem Discus
triangularis (TFCC) in 25 %, Abrisse des Processus styloideus ulnae und damit
ein potenzielles Risiko der Instabilität des DRUG fanden sich in 60 % der
Patienten [3], [4], [8]. Der Verdacht auf eine SL-Bandruptur ergibt sich
häufig bereits aus der primären Röntgenaufnahme, wenn eine Diastase von Skaphoid
und Lunatum festgestellt werden kann. Die Diagnose kann nicht invasiv durch
Faustschlussaufnahmen in Ulnarduktion oder mittels Arthrografie bzw.
Magnetresonanztomografie (MRT) gesichert werden. Diese Bandrupturen sind jedoch
besonders gut im Rahmen einer Handgelenksarthroskopie zu sehen ([Abb. 1]). Dabei kann deren Stabilität mit dem
Tasthaken direkt überprüft und klassifiziert werden, was insbesondere für das
skapholunäre Band von erheblicher Bedeutung ist ([Tab. 3]).
Tab. 1 Klassifikation der karpalen
Instabilität.
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Kategorie I Zeit
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Kategorie II Konstanz
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Kategorie III Ätiologie
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Kategorie IV Lokalisation
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Kategorie V Richtung
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Kategorie VI Muster
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akut < 1
Woche subakut chronisch > 6
Wochen
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statisch – nicht reduzierbar statisch –
reduzierbar dynamisch prädynamisch
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kongenital traumatisch entzündlich Arthrose neoplastisch iatrogen sonstiges
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radiokarpal prox.
interkarpal mediokarpal dist.
interkarpal karpometakarpal knochenspez.
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VISI-Rotation DISI-Rotation ulnare
Translat. radiale Translat. palmare
Translat. dorsale Translat. prox.
Translat. dist. Translat.
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karpale Instabilität dissoziativ
(CID) non-dissoziativ (CIND) komplex
(CIC) adaptiv (CIA)
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Tab. 2 Mayo-Klassifikation der karpalen
Instabilität.
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I CID
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II CIND
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III CIC
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IV CIA
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1.1. proximale Reihe a. Skaphoidfraktur b.
SL-Dissoziation c. LT-Dissoziation 1.2.
distale Reihe a. axial radial b. axial
ulnar c. Kombinationen 1.3. Kombinationen
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2.1. proximale Reihe a. palmare Bandruptur b.
dorsale Bandruptur c. Z. n. Fehlheilung 2.2.
distale Reihe a. ulnopalmare Dislokation b.
radiopalmare Dislokation c. Kombinationen aus a u.
b d. dorsale Dislokation 2.3 Kombinationen
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a. perilunär mit radiokarpaler Instabilität b.
perilunär mit axialer Instabilität c. radiokarpal mit
axialer Instabilität d. SL-Dissoziation mit ulnarer
Translation
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a. fehlverheilte Radiusfraktur b.
Madelung-Deformität
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Tab. 3 Arthroskopische Klassifikation der Verletzungen
des skapholunären und lunotriquetralen Bandes.
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Schweregrad
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arthroskopischer Befund
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Grad I
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ligamentäre Einblutung (radiokarpal) keine Inkongruenz
mediokarpal
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Grad II
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ligamentäre Einblutung (radiokarpal) Inkongruenz
mediokarpal, Taststab passt nicht interossär
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Grad III
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Inkongruenz radiokarpal und mediokarpal Taststab passt
interossär
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Grad IV
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Inkongruenz radiokarpal und mediokarpal Instabilität
bei Manipulation 2,7 mm Arthroskop passt
interossär
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Die Reposition der Handwurzelknochen im Fall der Läsion, temporäre
Transfixation (6–8 Wochen) mit entsprechender Ruhigstellung und Refixation
der Bandstrukturen ist für die stabile Ausheilung von eminenter Bedeutung
([Abb. 2]).
Abb. 2 Röntgenbilder und intraoperative Bilder einer skapholunären
Bandverletzung und deren operativer Stabilisierung mittels Knochenanker und
Anteilen des dorsalen interkarpalen Bandes. a Röntgenbild der
Handwurzel mit deutlicher Bandläsion und Dissoziation des Lunatums und
Skaphoids. b Intraoperativer Situs mit deutlich sichtbarer
Bandläsion. c Röntgenbild nach Reposition und Stabilisierung mittels
Knochenanker und 2 Kirschner-Drähten. d Intraoperativer Befund nach
Stabilisierung.
Unterbleibt bei Stabilitätsverlust die adäquate Versorgung, muss nach 5–10 Jahren
mit einer klinisch relevanten Handgelenksarthrose gerechnet werden [7], [9]. Diese wird nach
SL-Bandruptur als SLAC-Wrist (Scapho-Lunate-Advanced-Collapse) bezeichnet ([Abb. 3]).
Abb. 3 Schemadarstellung einer SLAC-Wrist. a: Stadien I–III.
b: Das Capitatum senkt sich in die Lücke zwischen Skaphoid und
Lunatum.
Besonders betroffen bei der zuvor erwähnten Nachuntersuchung war der Komplex mit
dem Discus triangularis (TFCC) in 25 %. Abrisse des Processus styloideus ulnae
und damit ein potenzielles Risiko der Instabilität des DRUG fanden sich bei 60 %
der Patienten [3], [4], [6].
Wiederum eignet sich besonders die MRT den Weichteilanteil des TFC zu analysieren
und Verletzungen von Normvarianten zu differenzieren ([Abb. 4] und [5]). Bei unklarem Befund
und/oder anhaltender Klinik kann letztlich eine arthroskopische Klärung erfolgen
([Abb. 6], [Tab. 4]).
Abb. 4 Kernspintomografisches Bild mit Handwurzelknochen und Discus
triangularis (TFC). Die Fasern des TFC, die zum Processus styloideus ulnae
bzw. den Handwurzelknochen verlaufen, sind deutlich zu differenzieren. Die
kleine palmare Öffnung im TFC (Rezessus) ist ebenfalls zu erkennen und darf
nicht mit einer Ruptur verwechselt werden (aus: [2]).
Abb. 5 Kernspintomografische Darstellung einer TFC-Ruptur (aus: [2]).
Abb. 6 Arthroskopisches Bild des TFC. Der Tasthaken verschwindet in
dem Rezessus (Normalbefund) (aus: [2]).
Tab. 4 Klassifikation der traumatischen und degenerativen
TFCC- (triangular fibrocartilage complex)
Veränderungen.
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Traumatisch
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Degenerativ
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Klassifikation I: IA: zentrale Perforation des
TFC IB: ulnarseitige Avulsion mit/ohne distale
Ulnafraktur IC: distale karpale Avulsion ID:
radialseitige Avulsion mit/ohne Fraktur der
DRUG-Gelenkpfanne („Sigmoid Notch“)
|
Klassifikation II: Stadium 1:
TFC-Verschleiß Stadium 2: TFC-Verschleiß u. Lunatum-
u./od. Ulna-Chondromalazie Stadium 3: TFC-Perforation
u. Lunatum- u./od. Ulna-Chondromalazie Stadium 4:
TFC-Perforation u. Lunatum- u./od. Ulna-Chondromalazie u.
LT-Bandperforation Stadium 5: TFC-Perforation u.
Lunatum- u./od. Ulna-Chondromalazie u. LT-Bandperforation u.
ulnokarpale Arthrose
|
Im Zusammenhang mit einer Radiusfraktur und deren operativer Versorgung
sollte neben der Prüfung der Stabilität der Handwurzel auch die Festigkeit
des DRUG geprüft werden.
Dies erfolgt regelrecht durch Kontrolle in maximaler Pronation und Supination.
Zum einen wird dabei eine übermäßige relative Palmardislokation des Radius und
zum anderen ein übermäßiges Abweichen des Radius nach dorsal überprüft. Findet
sich ein solcher Befund, empfiehlt sich die operative Stabilisierung der
relevanten Strukturen, entweder durch Naht der beteiligten Bandanteile oder auch
die Fixation des abgerissenen Processus styloideus ulnae mittels Knochenanker,
Schraube, Zuggurtung oder K-Draht-Fixation ([Abb. 7])
[6]. Neben dieser relativen Überbeweglichkeit
zwischen Radius und Ulna nach palmar oder dorsal muss auch eine übermäßige
Translation (z. B. mehr als 5 mm) ausgeschlossen werden. Dies gilt insbesondere
zum Ausschluss einer Essex-Lopresti-Läsion bei gleichzeitigen Verletzungen des
Ellenbogens (z. B. Radiushalsfraktur). Unterbleibt eine exakte Analyse des DRUG,
dann muss konsekutiv mit der Entwicklung einer Arthrose gerechnet werden ([Abb. 8]).
Abb. 7 Arthroskopisches Bild einer ulnarseitigen TFC-Ruptur (1B). Auf
der Abbildung sind die Fäden bzw. die Kanüle sichtbar, mit denen die
arthroskopische Refixation erfolgte (aus: [2]).
Abb. 8 Rolle des TFC bei Pronation u. Supination als Stabilisator des
distalen Radioulnargelenks. Zusätzlich dargestellt sind
computertomografische Bilder bei posttraumatischer Arthrose dieses Gelenks
in unterschiedlicher Position. Eine Verschiebung des Radius nach palmar in
Relation zur Ulna ist erkennbar als Ausdruck der Instabilität (Pfeil) (aus:
[2]).
Knöcherne Begleitverletzungen
Die Untersuchungsergebnisse zeigen, dass bei der distalen Radiusfraktur
insbesondere das ulnare Kompartiment und die Strukturen um das DRUG betroffen
sind. Hierbei kann die Abrissfraktur des Processus styloideus ulnae als
knöcherner Bandabriss gesehen werden und muss wie zuvor erwähnt dann bei
Instabilität ausreichend fixiert werden. Davon zu differenzieren ist die distale
Ulnafraktur als begleitende knöcherne Verletzung in bis zu 10 % der Fälle. Hier
ist zum einen die Fraktur offensichtlich und zum anderen stehen Implantate zur
Verfügung, die auch sehr distale Fragmente ausreichend fassen und stabilisieren
([Abb. 9]). Besonderes Augenmerk muss auf die
Begleitverletzungen bzw. Frakturen der Handwurzel gerichtet werden (ca. 5 % der
Begleitverletzungen).
Abb. 9 Röntgenbild einer distalen Radiusfraktur mit distaler
Ulnafraktur und operativer Versorgung mittels Plattenosteosynthese des
Radius und der Elle.
Hier steht das Skaphoid ganz im Vordergrund, da es ja in bis zu 80 % der
Fälle die häufigste Handwurzelfraktur und Begleitfraktur der Handwurzel bei
distaler Radiusfraktur ist [3], [5], [10].
Diese Begleitverletzungen finden sich gerade beim jungen Patienten (Altersgipfel
zwischen 15 und 30 Lebensjahren) und nach Trauma mit hoher Krafteinwirkung. Mit
ca. 14 % Anteil bei Handwurzelfrakturen folgt dann das Triquetrum. Alle anderen
Frakturen sind generell und in Kombination mit der Radiusfraktur extrem selten
([Tab. 5]). Trotzdem muss mit komplexen Frakturen
und Gelenkbeteiligung im Bereich der Handwurzel gerechnet und die Diagnostik
ausgeweitet werden. Hier hat sich das CT bewährt, und es kann basierend auf den
zusätzlichen Erkenntnissen eine optimale Behandlungsstrategie entwickelt werden
([Abb. 10]).
Abb. 10 Röntgenbild einer distalen Radiusfraktur mit Skaphoidfraktur
und operativer Versorgung mittels Schraubenosteosynthese des Radius und der
Skaphoidfraktur.
Tab. 5 Klassifikation der häufigien (Skaphoid, Capitatum,
Triquetrum) Handwurzelfrakturen und solcher mit hohen Komplikationen
(Lunatum, Hamatum).
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Handwurzelknochen Frakturklassifikation
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Skaphoid: Typ A: stabile Fraktur
Typ B: instabile Fraktur
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B1 distal oblique Fraktur
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B2 komplette Fraktur der Taille
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B3 proximale Polfraktur
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B4 perilunäre Luxationsfraktur
Typ C: verzögerte Heilung Typ D: Pseudarthrose
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Lunatum:
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Typ I: Fraktur des palmaren Pols
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Typ II: Knochenabsprengung
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Typ III: Fraktur des dorsalen Pols
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Typ IV: sagittale Lunatumfraktur
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Typ V: transversale Lunatumfraktur
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Triquetrum:
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dorsale Avulsionsfraktur
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Korpusfraktur
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Hamatum:
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Korpusfraktur
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Gelenkflächenfraktur
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Hamulusfraktur
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Capitatum:
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Das CT ist entscheidend für die Entwicklung einer optimalen
Behandlungsstrategie hinsichtlich der Detektion von knöchernen
Begleiterscheinungen bei der distalen Radiusfraktur.
Schlussfolgerung
Bei Frakturen des distalen Radius müssen unter Berücksichtigung der Unfallursache,
des Verletzungsmusters und Dislokationsgrads sowie individueller Voraussetzungen,
insbesondere die ligamentären und ossären Strukturen im Bereich des Handgelenks, des
distalen Radioulnargelenks und der Handwurzel beachtet werden. Durch die klinische
Untersuchung, radiologische Diagnostik mittels korrekter Standardaufnahmen und falls
erforderlich Funktionsaufnahmen, CT, MRT, Arthrografie oder Arthroskopie müssen
relevante Verletzungen erkannt und mitbehandelt werden.
Die bisherigen Untersuchungsergebnisse zeigen, dass bei guter Rekonstruktion und
ausreichender Stabilisierung des Radius die Ergebnisse wesentlich von der optimalen
Versorgung der Begleitverletzungen abhängen.