Quelle: Leeser DB, Aull MJ, Afaneh C et al. Living donor kidney paired donation transplantation:
experience as a founding member center of the National Kidney Registry. Clin Transplant
2012; 26: E213–E222
Thema: Angesichts des erheblichen Mangels an postmortalen Spenderorganen in Deutschland
kommt der Lebendspende eine zunehmende Bedeutung zu. Leider gibt es immer wieder Situationen,
in denen der potenzielle Spender aufgrund von fehlenden Blutgruppen- oder Gewebeübereinstimmungen
bzw. Antikörpern gegen Spenderantigene nicht infrage kommt. Mithilfe von verschiedenen
Formen der immunologischen Vorbehandlung lassen sich diese Probleme in den meisten
Fällen lösen, sodass eine Spende dennoch möglich ist. In einigen Fällen gelingt aber
keine Desensibilisierung, sodass eine direkte Spende nicht durchgeführt werden kann.
Bis vor kurzer Zeit galt die sogenannte Cross-over-Spende in Deutschland als verboten,
da eine emotionale Nähe, wie sie das Transplantationsgesetz vorschreibt, nicht gegeben
ist. Dieses wird allerdings von den meisten Juristen als falsch angesehen – so auch
vom Bundessozialgericht, da eine emotionale Nähe sich auch aus einer Schicksalsgemeinschaft
herleiten lässt. Der Ausbau eines Registers zur Cross-over-Spende macht in Deutschland
allerdings nur sehr schleppende Fortschritte.
Projekt: Vor diesem Hintergrund ist der Artikel von Leeser et al. von besonderer Bedeutung,
da die Autoren hierin ihre Erfahrungen bei der Etablierung eines Cross-over-Registers
beschreiben. Die Autoren stellen die Verläufe ihrer ersten 44 Cross-over-Spenden sowie
die Strategien vor, um das Lebendspendeprogramm zu optimieren.
Ergebnisse: Zwischen 2007 und 2011 wurden 50 Transplantationen durch das Cross-over-Programm
ermöglicht. In 54 % der Fälle war der Grund eine Blutgruppenunverträglichkeit, in
43 % eine donorspezifische Sensibilisierung. Die Wartezeit betrug im Median 157 Tage.
Mehr als 50 % der transplantierten Nieren stammten von anderen Transplantationszentren.
Das Ein-Jahres-Patienten-Überleben betrug 98 %, das Ein-Jahres-Transplantations-Überleben
94 %. Die Einbeziehung anderer Transplantationszentren wurde von den Autoren als essenziell
für das Funktionieren eines Cross-over-Programms gesehen.
Fazit: Überträgt man die Erfahrungen der Autoren auf Deutschland, so bedeutet dies, dass
wir ein bundesdeutsches Register benötigen. Um das Potenzial voll auszuschöpfen, müsste
der Spender zum jeweiligen Empfänger reisen, damit die Entnahme im Zentrum des Empfängers
stattfinden könnte. Die Paare müssten sich vorher kennenlernen, um eine Schicksalsgemeinschaft
zu etablieren. In einem späteren Schritt wäre eine Neufassung des Transplantationsgesetzes
zur Vereinfachung dieser Spendeform wünschenswert.
Im Falle des beschrieben Artikels wurden mehr als 50 % aller Cross-over-Transplantationen
wegen fehlender Blutgruppenkompatibilität durchgeführt. Hier läge der Prozentsatz
in Deutschland sicher viel niedriger. Andererseits kann man sich auch fragen, warum
der hohe personelle und finanzielle Aufwand betrieben werden muss, wenn man mit einer
Cross-over-Transplantation zum selben Ergebnis kommt.
Zusammenfassend stehen wir in Deutschland erst am mühsamen Anfang eines Cross-over-Programms.
Eine Investition in diese Form der Lebendspende würde aber vielen unserer Patienten
insbesondere angesichts des eklatanten Spendermangels eine gute Alternative bieten.
Schlüsselwörter: Lebendnierenspende – Cross-over-Transplantation – Blutgruppenunverträglichkeit –
donorspezifische Sensibilisierung – Schicksalsgemeinschaft
Prof. Dr. Dr. h. c. Uwe Heemann, München
(Bild: Fotolia)