Einleitung
Wunden, solche, die verheilen, und andere, die schlecht heilen, sowie deren Folgezustände,
die Narben, begleiten die Menschheit seit Gedenken. Schon in den frühen Mythen der
Schöpfung und der stufenweisen Sozialisation mit ihren Auseinandersetzungen und Kriegen
werden Wunden und Narben [1]
[2]
[3]
[4] geschildert mit all ihren Bedeutungen und Symbolwerten. Die kriegerischen Auseinandersetzungen
mit der Fülle von Verletzungen der Überlebenden durch die Stoss-, Stich- und Hiebwaffen
führten zwangsweise zu vertieften Kenntnissen der Wundheilung und zu reicher empirischer
Erfahrung in Therapie und Pflege derselben. Die modernen Kriege erweiterten das Spektrum
der anfallenden Wunden durch Schuss- und Explosivwaffen mit fast unvermeidlicher Infektion.
„Kriegsmedizin“ bezeichnet die dadurch angereicherte, besondere Erfahrung.
Unabhängig davon beschäftigen uns immer noch und verstärkt die Diagnostik und die
Therapie der Wunden und der Ablauf der Wundheilung zu deren Vernarbung. Neben den
Verletzungen, die im Alltag, in „Haus und Hof“, in Freizeit und Sport, kurz überall
und jederzeit im Leben passieren, treten zudem Wunden auf durch Beeinträchtigung der
arteriellen oder venösen Durchblutung, durch Aufliegen (Dekubitus), durch Schwächung
der Immunabwehr, durch Infektionen und nicht selten infolge von angeborenen oder erworbenen
Störungen der Wundheilung. Ist diese verzögert oder ungenügend, spricht man von nicht
heilenden Wunden.
Wundpflege und Wundheilung obliegen der modernen Medizin und ihren vielen Spezialfächern.
Forschung und therapeutische Erfahrung gehören jedoch gebündelt, fächervereint sozusagen,
was glücklicherweise national und international vorangetrieben wird. In Deutschland
werden diese Bemühungen durch die 1996 gegründete „Deutsche Gesellschaft für Wundheilung
und Wundbehandlung e. V.“ getragen, die ein Netz von Kompetenzzentren zusammenfasst.
Ihre Vision „Jede Wunde ist heilbar, jede chronische Wunde vermeidbar“ verbindet Anspruch,
Versprechen und Ziel zugleich. Die Dermatologen und dermatologischen Kliniken sind
mit dabei. Sie tragen mit eigenen Forschungszentren maßgeblich zur Grundlagenforschung
und deren raschen Anwendung am Patienten bei.
Der mythologische Hintergrund
Der mythologische Hintergrund
Es beginnt in der griechischen Mythologie mit Cheiron dem Kentaur, als erstem Kenner und Förderer der Kunde von Krankheiten, Verletzungen und Arzneimitteln
([Abb. 1]). Als Sohn von Kronos und Halbbruder des Zeus war er als Mischwesen (vierbeiniger
Pferdeleib mit menschlichem Oberkörper, Armen und Kopf) unsterblich. Er galt als geschickt,
weise und gerecht, im Gegensatz zu den wilden Tierfiguren der übrigen Kentauren. „Cheiron“
heißt Hand; die geschickte und die pflegende Hand. Er stand den Göttern nahe. Als
Erzieher mehrerer Heroen vermittelte er neben Lebensführung und Gerechtigkeit auch
die Kunst des Bogenschießens und vor allem der Heilkunde. Nach ihm ist das Tausendgüldenkraut
„Centaurium erythraea“ benannt. Der Argonaut Jason war sein Schüler und Achilles lernte
bei ihm über Heilkunde, was er vor Troja bei der Wundpflege seines Freundes Patroklus
mit Schafgarbe (eben Achillea millefolia) bewies. Cheiron gilt auch als Lehrer des
Asklepios von Kos, des göttlichen Arztes und vorbildlichen Ahnherrn aller nachfolgenden
Ärzte. Er war der Erzieher und Lehrer von Herakles, der von ihm das Bogenschießen
erlernte. Und es geschah, oh Schicksal, bei einem Gerangel mit den übrigen Zentauren,
dass ein vergifteter Pfeil seines Lieblingsschülers Herakles ihn aus Versehen am Knie
traf. Es entstand die unsäglich quälende, nicht heilende Verletzung; die erste nicht heilende Wunde der Kulturgeschichte! Cheiron war so verzweifelt, dass er freiwillig auf die Unsterblichkeit verzichtete.
Herakles ersetzte mit ihm den am Felsen des Kaukasus gefesselten Prometheus, der von
Zeus dorthin verbannt wurde, da er gegen des Göttervaters Willen den Menschen das
Feuer brachte. Ein Adler solle des Prometheus’ Leber täglich anfressen, damit sie
nachwachse, so lange, bis sich ein Unsterblicher bereit finde, ihn freiwillig abzulösen.
Wieder eine nicht heilende Wunde als Strafe! So ward Cheiron an Prometheus’ Stelle
am Kaukasus angekettet, wo er alsbald verstarb. Zeus erhob ihn aus Mitleid zum Sternbild
Zentaur an den Nachthimmel.
Abb. 1 Der Kentaur Cheiron gilt in der griechischen Mythologie als erster Kenner und Förderer
der Kunde von Krankheiten, Verletzungen und Arzneimitteln (Quelle: Erica Guilane-Nachez,
Fotolia).
In der Ilias berichtet Homer über die nicht heilende und stinkende Wunde des Philoktet: Ein attischer Fürst, der auf der Seefahrt nach Troja, anlässlich einer Zwischenlandung
auf der Insel Chryse, dort von einer Schlange gebissen wurde. Die Wunde am Bein heilte
nicht, schmerzte in Schüben und stank mörderisch, sodass die Gefährten sich von ihm
abwandten. Das vermieste die Weiterfahrt, sodass er auf der nächsten Insel, Lemnos,
ausgesetzt und sich selbst überlassen wurde. Dabei behielt er seine Spezialwaffen,
Pfeil und Bogen, von Herakles einst erhalten. Er war der beste Bogenschütze!
Nach neun Jahren Belagerung von Troja zeigt sich der Götterspruch als wirksam, dass
Troja erst fällt, wenn Philoktet mit seinen Waffen mitwirke. Odysseus mit Neoptolemos,
Sohn des Achilles, besuchen also Philoktet und überlisten ihn im Sinne des Götterspruches,
den Groll aufzugeben und vor Troja zu erscheinen. Dieses wird eingenommen und Philoktet
tötet mit seinem Pfeil Paris, Prinz von Troja, der durch den Raub der Helena den Trojanischen
Krieg ausgelöst hatte.
In Anspielung daran entwickelten die USA ein „Philoktetes Project“ (New York 2005
und 2008) zur Bewältigung von posttraumatischen Erkrankungen bei amerikanischen Soldaten,
die aus den Kriegen im Irak und Afghanistan zurückkehrten: die schlecht oder nicht
heilende Wunde, diesmal stinkend mit Anaerobier-Besiedlung, sehr wahrscheinlich durch
den Erreger Pseudomonas, wie heute noch!!
Der Zug der Hellenen auf dem Weg vor Troja streifte Mysien. Dort wurden sie von König Telephos, Sohn des Herakles, abgewiesen. Dieser aber wurde dabei vom Speer des Achilles verwundet.
Diese Wunde heilte nicht, wohl wegen einer Inzuchtgeschichte in seiner Vergangenheit.
Das Orakel verkündete, dass nur derjenige sie heilen könne, der sie geschlagen habe.
Als Achilles die Hilfe versagte, meinte Odysseus, dass wohl auch der Speer allein
heilen könnte. Daraufhin führte der Rost der Lanze, in die Wunde geschabt, zur erlösenden
Heilung.
In der frühmittelalterlichen Gralsgeschichte wird das Motiv wieder aufgenommen: Amfortas, der Gralskönig, hatte, neben vielen anderen Rittern, auch eine Affäre „sträflicher Minne“ mit der
schönen und unberechenbaren Orgeluse de Lagrois. Er wird von einem Speer verletzt
und diese Wunde heilt nicht mehr, er siecht dahin. Erlösung fände er, wenn ein edler
Ritter ihn mitleidig nach dem Schicksal frage. Parzival auf scheuem Besuch, tat dies
nicht, wurde verflucht und kehrte, als Ritter geläutert, reumütig zurück und brachte
Amfortas endlich Erlösung.
Die Gralslegende unterwirft das frühmittelalterliche Rittertum der christlichen Glaubenslehre,
die da lehrt, dass jeder Mensch in seinem Leben verstrickt ist durch „Schuld, Sühne
und Vergebung“. Jeder Mensch ist fehlbar, auch der Gralskönig Amfortas; nur Jesus
Christus, der Mensch gewordene Sohn Gottes, ist unfehlbar.
Das Motiv des „verletzenden und heilenden Speers“ wurde 1878 von Richard Wagner im
Bühnenfestspiel „Parsival“ wieder aufgenommen [5].
In Anspielung daran spricht die Psychologie beim posttraumatischen Belastungssyndrom
bei „Kriegskindern“ zuweilen vom Amfortas-Syndrom.
Über Phytomedizin
Aus den in Stein geschriebenen Überlieferungen der alten Hochkulturen in Mesopotamien
[6] und Ägypten [7] sind vor allem die Krankheitskonzepte und die kultischen Behandlungsanweisungen
und Rituale festgehalten und damit bekannt geworden. Dennoch ist zu vermuten, dass
auch einzelne Behandlungsmethoden und pflanzliche Heilmittel in ihren direkten Wirkungen
erfasst wurden und zum damaligen Erfahrungschatz gehörten. Zumeist aber waren sie
in komplexe, rituelle Handlungsabläufe eingebunden und somit nicht in ihrer direkten
Einzelwirkung erschlossen. Besseren Zugang gewährt das klassische griechische Altertum,
wo Mythologie und dokumentierte Erfahrung erschließbar sind und in erstaunlichem Ausmaß
bis heute weiterwirken. Diesem soll nachgegangen werden. Die antiken Erfahrungen wurden
von den Klosterschulen übernommen und weiterentwickelt. Die Klostergärten erschlossen,
katalogisierten und züchteten die pflanzlichen Nahrungsmittel, die Gewürzpflanzen
und gesondert auch die Heilkräuter. Solches wurde von Naturforschern im späteren Mittelalter
weitergeführt und seit Linné benannt und systematisch geordnet. So sind einzelne Heilkräuter
zu ihren Namen gekommen, welche an die Exponenten des klassischen Altertums erinnern
sollen, die damals schon Heileffekte bei Wunden und zur Wundheilung erzielten.
Die Heilkunde der alten Griechen geht zurück auf den Kentaur Cheiron, der diese, von
Apollo erhalten, den Menschen brachte. Asklepios ist sein erster und nachhaltigster
Schüler. Aber auch Auserwählte wurden von Cheiron während ihrer Erziehung zum Helden,
neben manch anderem, auch in Heilkunde kundig gemacht. Jason, der mit dem Zug der
Argonauten nach Kolchis am Schwarzen Meer zog, wurde, so geht die Sage, über Giftpflanzen
unterrichtet und ermahnt, welche die dortige Königstochter Medea als Zauberin meisterlich
beherrschte. Die giftige Herbstzeitlose (Colchicum autumnale) und Colchizin als ihr
Gift (und Krebsmittel) trägt diese Geschichte im Namen fort. Im Tausendgüldenkraut
(Centaurium erythraea) ist Cheiron selbst durch die Magendarmwirkung und die Wundheilung
(als Tinktur zur Wundsäuberung) verewigt, während sein Schüler Herakles bei seinem
Ableben mit dem Riesenbärenklau (Heracleum montegazianum [8]
[9] und dessen verheerender Wirkung in Verbindung gebracht wird. Ein Musterschüler muss
Achilles gewesen sein, pflegt er doch vor Troja die Wunden seines Freundes Patroklus
zunächst zur Blutstillung mit der großen Schafgarbe (Achillea magna) und stimuliert
die Wundheilung anschließend mit Achillea millefolia, der gemeinen Schafgarbe. Reich
sind die griechischen Wurzeln der Phytomedizin!
Sinndeutung nicht heilender Wunden
Sinndeutung nicht heilender Wunden
Nicht heilende Wunden sind in der griechischen Mythologie selten und immer im komplexen Verbund zu deuten.
Sie sind Strafen für auserlesene Helden und dienen gleichzeitig als Regulative für kulturelle
Entwicklungen. Als Strafen wirken sie zunächst chronisch, nicht sofort eliminierend wie die Todesstrafe,
und sie unterscheidet sich auch deutlich von der alttestamentarischen Vergeltungsstrafe
(„Auge um Auge, Zahn um Zahn“). Es wird nicht der involvierte Körperteil abgeschlagen,
sondern eine Funktion wird beeinträchtigt, ewige Schmerzen und auch grässlicher Gestank
führen zur inneren und äußeren Isolation und Verzweiflung des Betroffenen. Flucht
in den Tod ist die Lösung für Cheiron und auch für Herakles [8]. Chronische Wunden können auch innere Organe betreffen, wie diejenige, die durch
den göttlichen Adler an der Leber des Prometheus täglich neu aufgerissen wurde. Chronische
Wunden können aber auch, allein oder verbunden mit Körperwunden, sich an Seele, Geist
und Gemüt auswirken, was, ganz akuell, beim posttraumatischen Belastungssyndrom von
„Kriegskindern“ als „Amfortas-Syndrom“ bezeichnet und bei USA-Kriegsheimkehrern im
„Philoktet-Projekt“ erfasst und behandelt wird.
Bei Philoktet wird die Strafe der chronisch stinkenden Wunde in einem bemerkenswerten
Tauschhandel „Kriegsdienst gegen Heilung“ instrumentalisiert und mag darauf hinweisen,
wie selektiv die Strafe sich auswirkt. Philoktet hat auch nach 9-jähriger Verbannung
nichts von seiner Kunst des Bogenschießens verlernt. Er greift rächend ins Geschehen
des Trojanischen Krieges ein, wenn er den Kriegs-Auslöser Paris erlegt.
Telophus in der Ilias und auch Amfortas in der Gralsgeschichte tragen die chronische,
zehrende Wunde wegen einer sittlichen Verfehlung, bis sie, der eine durch die Schlauheit
von Odysseus, der andere durch die Gnade des Christengottes, Erlösung finden und in
Frieden sterben können.
Nicht heilende Wunden sind auch Regulative kultureller Entwicklungen, sie werden von
den Göttern, schicksalhaft (es gibt keinen schuldigen Täter), gesetzt, um eine Entwicklung,
sei es Heilkunst (Cheiron), Machtmissbrauch (Herkules) oder Usurpation (Prometheus)
zu stoppen oder wenigstens zu lenken, zu „kanalisieren“ und damit so etwas wie Spezialisierung
einzuleiten. Asklepios und seine Schule mögen die Heilkunst in „Götterfurcht“ fortführen.
Diese soll nicht wahllos jedem Helden zur Verfügung stehen. Cheiron, der freigiebige
Lehrmeister also, wird durch Herkules, auf Zeus’ Geheiß, gestoppt und aus dem Verkehr
gezogen.
Fassen wir zusammen: Nicht heilende Wunden sind Strafe und dienen als Regulativ. Sie
sind in beiden Sinnrichtungen ein neues, differenziertes Element der psychologisch
verfeinerten Intervention in soziokulturelle Geschehnisse, die aus den sich entwickelnden
Situationen und Möglichkeiten dringlich werden und damals noch den Göttern vorenthalten
waren.
Heute sind sie eher Hinweise auf eine Grunderkrankung, eine Komplikation (Infekt)
oder gar auf einen Gendefekt; Dinge, die man rational diagnostizieren, wissenschaftlich
erforschen und therapeutisch angehen, respektive ihnen gegensteuern kann. Dies ist
zu tun.