Schlüsselwörter
experimentelle Transplantation - Koaptation - kraniofaziale Chirurgie - Gesicht -
Mikrochirurgie
Key words
experimental transplantation - coaption - craniofacial surgery - face - microsurgery
Einleitung
Die Behandlung von Verletzungen, die mehrere Schichten funktionellen Gewebes betreffen,
ist eine der großen Aufgaben der plastischen Chirurgie. Aufgrund der Tatsache, dass
der konventionellen Rekonstruktionschirurgie bei ausgeprägten Defekten komplexer
Strukturen sowohl in ästhetischer wie funktioneller Hinsicht Grenzen gesetzt sind,
hat sich das Gebiet der Vascularized Composite Allotransplantation (VCA) entwickelt.
Als Composite Tissue, also „zusammengesetztes Gewebe“, werden Strukturen bezeichnet,
die sich aus verschiedenen Grundgeweben zusammensetzen. So beinhalten Gesicht und
Extremitäten bspw. Muskeln, Haut, Knochen, Sehnen, Knorpel, Gefäße, Nerven und andere
Gewebe. VCA definiert in diesem Zusammenhang die Transplantation einer vitalen, aus
unterschiedlichen Geweben zusammengesetzten, funktionellen Einheit (z. B.: Hand oder
Gesicht) von einem Spender zu einem Empfänger. Bis heute sind weltweit über 150 VCAs
zur Rekonstruktion verschiedenster anatomischer Strukturen, wie Gesicht, obere und
untere Extremitäten, Larynx, Trachea und Bauchdecke, durchgeführt worden.
Während des zweiten Weltkrieges wurden Brandverletzungen mit allogenen Hauttransplantaten
versorgt. Deren Abstoßung führte zu den ersten Untersuchungen in der Transplantationsimmunologie
[1]
[2]
[3]. Angetrieben von den ersten Studien über Hauttransplantatabstoßung, führte der plastische
Chirurg Joseph Murray in Boston im Jahre 1954 die erste erfolgreiche klinische Organtransplantation
von Nieren zwischen eineiigen Zwillingen durch [4]. Im Jahre 1959 folgte dann unter Anwendung von Ganzkörperbestrahlung die erste Nierentransplantation
zwischen 2-eiigen Zwillingen [5]. Es sollte nur noch bis zum Anfang der 60er Jahre dauern, bevor Steroide und Azathioprin
als erste chemische Immunsuppressiva die allogene Nierentransplantation ermöglichten
[6]. Die erste dokumentierte VCA war der Versuch einer Handtransplantation im Jahre
1963 [7]
[8]. Diese scheiterte aufgrund einer akuten Abstoßungsreaktion nach 2 Wochen mit konsekutivem
Transplantatverlust. Das stetig wachsende Verständnis über das menschliche Immunsystem
und der immense Fortschritt in der Entwicklung von Strategien zur Immunsuppression
über die folgenden Jahrzehnte führte schließlich, über 3 Jahrzehnte nach dem ersten
Versuch, zur ersten erfolgreichen Handtransplantation im Jahre 1998 in Lyon, Frankreich
[9]
[10].
Ebenfalls in Frankreich in Amiens wurde im Jahre 2005 die erste partielle Gesichtstransplantation
durchgeführt [11]. Die ästhetischen und funktionellen Ergebnisse dieses ersten Versuchs motivierten
weitere Zentren zur Gründung eigener Transplantationsprogramme. Bis Februar 2014
ist weltweit insgesamt über 31 partielle oder totale Gesichtstransplantationen berichtet
worden [12]
[13]. Über einige Fälle ist bis dato noch nicht in der Fachpresse, sondern lediglich
in öffentlichen Medien, berichtet worden. 6 Gesichtstransplantationen (2 partielle
und 4 totale) sind am Transplantationszentrum des Brigham and Women’s Hospital in
Boston, USA durchgeführt worden ([Abb. 1]).
Abb. 1 Anzahl weltweit durchgeführter Gesichtstransplantationen, Stand Februar 2014.
Rekonstruktion oder Restoration
Rekonstruktion oder Restoration
Das Gesicht ist ein einzigartiges Organ. Obwohl es viele Funktionen wie Atmung, Sprachproduktion
und Essensverarbeitung unterstützt, ist das reine Erscheinungsbild an sich seine eigentliche
Hauptfunktion. Gesichtserkennung wird als angeborene menschliche Fähigkeit angesehen.
Die starren Gesichtsstrukturen dienen hierbei zur Identifikation einzelner Personen,
die Bewegungsfähigkeit spielt eine zentrale Rolle in der sozialen Kommunikation [14]. Obwohl die Restoration nach partiellem oder totalem Verlust des Gesichts und seiner
Funktionen in den meisten Fällen keine direkt überlebenssichernde Maßnahme darstellt,
so steht der Gewinn an Lebensqualität für die Patienten im Vordergrund. Bei schweren
Gesichtsverletzungen, Verbrennungen und ausgedehnten Tumorresektionen sind manchmal
mit konventionellen rekonstruktiven Maßnahmen keine zufriedenstellenden Ergebnisse
realisierbar [15]. In diesen Fällen gilt es die potentielle Verbesserung der Lebenssituation durch
Restoration mittels VCA gegen die damit verbundenen Risiken abzuwägen. Eine VCA und
damit Restoration beschreibt in diesem Zusammenhang den Ersatz des zerstörten Gewebes
durch anatomisch identische Strukturen, Rekonstruktion das Mobilisieren anderer anatomischer
Strukturen zum Ort der Verletzung hin. Zwar können durch rekonstruktive Maßnahmen
Strukturen wie die Nase nachempfunden werden, jedoch sind zur vollen Reintegration
des Gesichts weitaus komplexere Funktionen notwendig. Hierzu gehört die Motorik von
Lippen und Augenlidern sowie Gesichtsmuskeln. Da wir unsere Gesichter im täglichen
Leben nur selten selbst sehen, ist die Oberflächensensibilität sowie die Propriozeption
für die Interaktion mit der Umwelt essentiell. Somit spielt sowohl die motorische
als auch die sensible Innervation für den Erfolg der Reintegration des Transplantats
eine wichtige Rolle. Es konnte gezeigt werden, dass die Koaptation von Hauptästen
der sensiblen und motorischen Nerven zu einer kortikalen Wiedereingliederung im Motorkortex
führen kann und somit auch eine funktionelle Rehabilitation des Gesichts ermöglicht
[16]. Folglich ist also nicht nur die Motorik, sondern auch das sensible Feedback entscheidend
für bessere funktionelle Ergebnisse.
Patientenscreening
Potentielle Empfänger für ein Gesichtstransplantat werden äußerst genau und nach strengen
Kriterien evaluiert, um sicherzustellen, dass das zu erwartende Outcome die Risiken
des Eingriffs überwiegt. Der potentielle Empfänger muss sich der Risiken und Nebenwirkungen
der sich anschließenden lebenslangen Immunsuppression bewusst sein. Zudem muss für
jeden Patienten individuell festgestellt werden, ob die Operation sicher durchgeführt
werden kann und der Empfänger realistische Erwartungen an das Ergebnis hat. Der Screeningprozess
ist eine multidisziplinäre Aufgabe, in die unter anderem plastische Chirurgen, Transplantationsimmunologen,
Radiologen, Mikrobiologen, Psychologen, Sozialarbeiter und Physiotherapeuten in enger
Zusammenarbeit involviert sind. Nachdem das Chirurgenteam das Ausmaß des Defekts und
die Durchführbarkeit der Transplantation bewertet hat, erstellen die Transplantationsimmunologen
ein Profil des potentiellen Empfängers. Hierbei spielen unter anderem Blutgruppe,
HLA (humanes Leukozytenantigen)-Profil und bestehende Sensibilisierung gegen bestimmte
Antigene eine Rolle. Die Radiologen erstellen ein Gesamtbild der anatomischen Gegebenheiten.
Mittels CT und Angiografie werden die tiefen Strukturen der Kopf- und Halsregion sowie
die Gefäßanatomie dargestellt. Das MRT dient zur Bewertung der Weichteilsituation.
Am Transplantationszentrum des Brigham and Women’s Hospital in Boston wird zusätzlich
präoperativ ein Funktions-MRT durchgeführt, um postoperative kortikale Umbauprozesse
im Rahmen der funktionellen Reintegration des Transplantats besser beurteilen zu können.
Der Patient wird auf Hepatitis A, B und C, Zytomegalievirus (CMV), Varizellen (VZV),
Epstein Barr Virus (EBV), HIV, Tuberkulose, Toxoplasmose und Syphilis getestet und
präoperativ mit notwendigen Impfungen versorgt. Die psychologische Beurteilung darf
neben den üblichen Stressfaktoren der prä-, peri- und postoperativen Maßnahmen auch
die Belastungen durch das zu erwartende Medieninteresse nicht außer Acht lassen. Sozialarbeiter
analysieren und stabilisieren das soziale Umfeld, sowohl in der präoperativen als
auch postoperativen Phase. Die Physiotherapeuten arbeiten zusammen mit dem Patienten
schon vor der Transplantation ein intensives Trainingsprogramm aus, das neben Umfang
und Frequenz auch Ziele und Erwartungen des Kandidaten beschreibt. Der Patient muss
zum Erreichen eines möglichst optimalen funktionellen Ergebnisses diesen Therapieplan
voll und ganz unterstützen ([Abb. 2]).
Abb. 2 Frontalansicht von 8 Transplantationskandidaten. Nach Ausschöpfung konventioneller
rekonstruktiver Maßnahmen bestand bei allen Patienten aufgrund fortbestehender ausgeprägter
funktioneller und ästhetischer Einschränkungen die Indikation zur Transplantation.
Publiziert in: Evolution of indications for facial transplantation. Pomahac et al.
J Plast Reconstr Aesthet Surg. 2011 Nov; 64 (11): 1410-6. doi: 10.1016/j.bjps.2011.06.024.
Epub 2011 Aug 16.PMID: 21843979.
Problem Organtransfer
Ein wichtiger Punkt zum Erreichen einer breiteren Anwendung der Gesichtstransplantation
und VCAs im Allgemeinen ist die Verlängerung der maximal möglichen Ischämiezeit und
die Prozessoptimierung im Rahmen des Organtransfers. Muskelgewebe reagiert im Vergleich
mit soliden Organen wie Niere und Leber extrem empfindlich auf Sauerstoffmangel und
stellt den sensitivsten Teil des Gesichtstransplantats dar. Während Nieren eine kalte
Ischämiezeit von 36–48 h [17] in Preservationslösung tolerieren und für die Leber immerhin noch 12–18 h [18] gelten, so werden für Herztransplantationen generell noch immer nur 4 h kalte Ischämie
empfohlen [19]. Da Gesichtstransplantate in der Regel ebenfalls eine signifikante Masse an Muskelgewebe
enthalten, geht man auch hier von einer nicht zu überschreitenden kalte Ischämiezeit
von 4 Stunden aus [20]. Die Kürze dieser Zeitspanne schränkt wiederum den Spenderradius und damit die Organangebote
pro Patient auf der Warteliste stark ein. Um diesem Dilemma zu entkommen gibt es mindestens
2 Lösungsansätze: Auf der einen Seite gilt es die Abläufe der Transplantathebung
und -implantation sowie die Orchestrierung der dazu notwendigen Chirurgenteams zu
optimieren, um kostbare Ischämiezeit einzusparen. Auf der anderen Seite sollte die
Erforschung alternativer Preservationsmethoden, wie die Transplantatperfusion mit
transportablen extrakorporalen Membranoxygenierungs(ECMO)-maschinen weiter vorangetrieben
werden, um mögliche Ischämiezeit hinzuzugewinnen. Ein Zeitgewinn kann dabei zu einer
exponentiellen Erweiterung des Spenderradius führen.
Operative Technik
Die ultimativen Ziele der Gesichtstransplantation sind die sichere Revaskularisation
des transplantierten Gewebes sowie die möglichst vollständige Reintegration des Gesichts,
sowohl in ästhetischer als auch funktioneller Hinsicht. Da jede einzelne Gesichtstransplantation
ein individuelles Vorgehen erfordert, werden im Folgenden die wesentlichen einheitlichen
Aspekte der operativen Technik dargestellt ([Abb. 3]).
Abb. 3 links: reguläre Anatomie. Darstellung aller Strukturen, die zur Beschreibung der
OP-Technik notwendig sind; rechts: Gesichtstransplantat mit allen Strukturen, deren
Anastomosierung bzw. Koaptation für eine erfolgreiche Transplantation bei einem hypothetischen
Patienten, mit Verlust aller vaskulären und nervalen Strukturen sowie Weichteile im
Gesichtsbereich, notwendig sind. Publiziert in: Face transplantation. Pomahac et al.
Curr Probl Surg. 2011 May; 48 (5): 293–357. doi: 10.1067/j.cpsurg.2011.01.003. PMID:
21463717
Die A. facialis stellt die Versorgung der Weichteile des Gesichts sicher. Sie besitzt
ein ausgedehntes Netzwerk von Anastomosen mit der A. carotis interna. Über die A.
angularis im inneren Augenwinkel kommuniziert die A. facialis mit den Ästen der A.
ophthalmica der A. carotis interna. Darüber hinaus befinden sich multiple Anastomosen
zwischen der A. facialis und der A. maxillaris über A. orbitalis inferior und A. mentalis
[15]. Die klinische Erfahrung aus ästhetischen und rekonstruktiven Gesichtsseingriffen
zeigt, dass ausgedehntes Unterminieren im subkutanen Gewebe im Gesichtsbereich sicher
durchgeführt werden kann. Relativ gefahrloses Präparieren in tieferen Schichten direkt
superfiziell der Fascia parotidea, wie es für die Gesichtstransplantation benötigt
wird, kann daher erwartet werden. Vorangegangene Transplantationen haben gezeigt,
dass die A. facialis in der Lage ist das Gesichtstransplantat sicher zu versorgen
und daher auf schwierige und tiefe Inzisionen mit Einschluss der A. temporalis, deren
Manipulation häufig zu Blutungskomplikationen führt, verzichtet werden kann [21]. Diese Meinung vertreten jedoch nicht alle Autoren [22]. Einige Arbeitsgruppen empfehlen bilaterale A. carotis externa Anastomosen, die
jedoch gewisse Risiken bergen. Zum einen stellt die Zunge auf Basis anatomischer
Studien aufgrund fehlender Anastomosen zu Ästen der A. carotis interna ein Endorgan
des Stromgebietes der A. carotis externa und ihrer miteinander kommunizierenden Äste
dar [23]. Diese Versorgung wird jedoch durch Manipulation an der A. carotis externa einem
Risiko ausgesetzt. Zum anderen kann eine Gefäßanomalie im Bereich der A. ophthalmica
oder deren Thrombosierung und gleichzeitiger Verschluss der A. carotis externa durch
Manipulation zu einem akuten okulären ischämischen Syndrom führen, welches letztlich
zur Erblindung führt [24]
[25]. Falls das Transplantat parietale und/oder temporale Kopfhaut beinhaltet, kann eine
ausreichende Durchblutung durch Erhalten der A. transversalis faciei, die aus der
A. temporalis superficialis entspringt und zahlreiche Anastomosen mit der A. facialis
unterhält, erreicht werden [15]. Somit ist auch hier keine Anastomose auf Höhe der A. carotis externa zwingend erforderlich.
Obwohl über spontanes Wiederkehren von Sensibilität nach Gesichtstransplantationen
berichtet wurde, scheint es im Hinblick auf Langzeitresultate sinnvoll zu sein möglichst
viele sensible Nervenverbindungen wiederherzustellen. Die Frage, ob eine Verlängerung
der Operationszeit durch Koaptation sensibler Nerven gerechtfertigt ist, konnte bis
dato jedoch noch nicht abschließend geklärt werden. Die am häufigsten koaptierten
sensiblen Nerven sind N. infraorbitalis und N. buccalis [11]
[21]
[26]. N. supraorbitalis, supratrochlearis, alveolaris inferior und auricularis stellen
weitere, mit relativ geringem Aufwand erreichbare, sensible Äste dar, deren Koaptation
vom Chirurgen in Erwägung gezogen werden sollte [15].
2 Nerven im Gesichts- und Halsbereich sorgen für die motorische Innervation. Zum einen
der N. hypoglossus, der die Muskulatur der Zunge versorgt, zum anderen der N. facialis,
der für die Versorgung der mimischen Gesichtsmuskulatur zuständig ist. Er tritt an
der Schädelbasis aus dem Foramen stylomastoideum aus und zieht in einem Bogen nach
vorne, bevor er in die Parotis eintritt und sich in seine oberflächlichen und tiefen
Äste aufspaltet. Am vorderen Rand der Parotis verlassen die einzelnen Fazialisäste,
namentlich N. temporalis (frontalis), N. zygomaticus, N. buccalis, N. marginalis mandibularis
und N. cervicalis die Parotis und ziehen in Richtung ihrer Innervationsgebiete. Zwar
ist die Dissektion und Koaptation auf Stammlevel schneller durchzuführen, jedoch bringt
diese Technik einen wichtigen Nachteil mit sich. Sowohl Hirnnerven als auch periphere
Nerven führen Faszikel, die im Verlauf ihre topografische Lage innerhalb der Nervens
ändern [27]. Es muss daher ein besonderes Augenmerk auf die intraneurale Topografie gelegt werden,
um eine möglichst exakte Koaptation der einzelnen Faszikelgruppen zu gewährleisten
und störende Synkinesien, die bei Reinnervation auftreten können, zu vermeiden. Auf
dieser Grundlage lässt sich diskutieren, dass das proximale koaptieren von Nerven
das Risiko von Synkinesien erhöht [28] und somit auch im Falle einer Gesichtstransplantation zu unvorhersehbarer Reinnervation
und eingeschränkten funktionellen Ergebnissen führen kann. Daher sollte der Wiederanschluss
möglichst distal der Parotis in Nähe zu den Zielmuskeln angestrebt werden. Hierzu
ist auch die Präparation der Fazialisäste des Empfängers zur sicheren Neurorrhaphie
essentiell ([Abb. 4]).
Abb. 4 3 Patienten mit totaler Gesichtstransplantation: von links: präoperativ, Schema präoperative
Empfängeranatomie, Schema der Transplantatanatomie (alle anastomosierten Gefäße und
koaptierten Nerven dargestellt), Publiziert in: 3 patients with full facial transplantation.
Pomahac et al., N Engl J Med. 2012 Feb 23; 366 (8): 715-22. doi: 10.1056/NEJMoa1111432.
Epub 2011 Dec 28. PMID: 22204672 und Face transplantation. Pomahac et al. Curr Probl
Surg. 2011 May; 48 (5): 293–357. doi: 10.1067/j.cpsurg.2011.01.003. PMID: 21463717.
Immunsuppression und Abstoßung
Immunsuppression und Abstoßung
Bis dato konnten die großen Fortschritte in der Immunsuppression bei Transplantation
solider Organe noch nicht in den Bereich der VCA übertragen werden. Das mag daran
liegen, dass die Haut als das immunogenste Gewebe im menschlichen Körper angesehen
wird. Jedoch befinden sich nun einige vielversprechende Immunsuppressiva wie Calcineurininhibitoren
und antiproliferative Substanzen wie Mycophenolat Mofetil (MMF) nach erfolgreichen
Versuchen im VCA Tiermodell [29] im klinischen Einsatz.
Induktionstherapie
Der Großteil der Teams weltweit, die VCAs durchführen, verabreicht zur Induktion der
immunsuppressiven Therapie Thymoglobulin in variierenden Dosen (1,25–3,0 mg/kgKg/Tag
für 3–10 Tage) [16]
[26]
[30]
[31]
[32]
[33]
[34]. Am Transplantationszentrum des Brigham and Women’s Hospital wird perioperativ Thymoglobulin
in einer Dosis von 1,5 mg/kgKg/Tag für 4 Tage gegeben. Andere Zentren verabreichen
perioperativ Anti-Interleukin-2 Rezeptor monoklonale Antikörper mit 1–2 Bolusinjektionen
in den ersten Tagen bis Wochen postoperativ [35]
[36]
[37]
[38]. Interessanter Weise sind Tracheatransplantationen ohne Induktionstherapie mit Antikörpern
ausgekommen, was möglicherweise an der fehlenden immunogenen Komponente Haut liegen
mag [39].
Erhaltungstherapie
Die momentan gängigste Methode zur Erhaltung der Immunsuppression besteht aus einer
Dreifachtherapie mit Tacrolimus, einer antiproliferativen Substanz und Corticosteroiden
[40]. Am Brigham and Women’s Hospital wird eine Kombination aus 1 g MMF präoperativ und
anschließend 2 g/Tag plus Methylprednisolon 500 mg i.v. perioperativ verabreicht.
Das Methylprednisolon wird nachfolgend stetig reduziert und am 4. postoperativen Tag
gegen Prednison 40 mg per os 2×täglich ausgetauscht. Ab Tag 5 beträgt die Dosis nur
noch 20 mg per os/Tag. Tacrolimus wird postoperativ mit dem Ziel eines stabilen Vollblutkonzentration
von 10–15 ng/ml bis zum 3. Monat nach Transplantation verabreicht. Andere Arbeitsgruppen
haben über vergleichbare Protokolle berichtet [16]
[30]
[31]
[32]
[33]
[35]
[36]
[38]. Im weiteren Verlauf wird die Gabe von Tacrolimus auf 6–8 ng/ml nach 6 Monaten und
4–6 ng/ml nach 12 Monaten reduziert. MMF wird nach Gabe der Initialdosis kontinuierlich
zurückgefahren und Steroide konnten in allen gesichts- und handtransplantierten Patienten
am Brigham and Women’s Hospital zwischen Monat 1 und 12 nach Transplantation ausgeschlichen
werden. Hierbei unterscheidet sich der Ansatz der steroidfreien Erhaltungstherapie
von den Strategien anderer Zentren [30]
[33]
[35]
[36]
[41]
[42].
Einige Arbeitsgruppen haben postoperative hämatopoetische Stammzelltransplantationen
mit anschließender serieller Photochemotherapie als Ergänzung zur Dreifachherapie
durchgeführt [16]
[43]
[44]. Es konnte jedoch im Verlauf kein Chimärismus im peripheren Blut nachgewiesen werden
[42]. Weitere alternative Behandlungsansätze befassen sich mit Zelltherapie und Immunmodulation
zur Toleranzinduktion und befinden sich momentan allesamt noch in experimentellen
Stadien [45]
[46].
Abstoßung in VCA
Nachdem zuvor über unterschiedliche Klassifikationssysteme publiziert worden war [47]
[48]
[49]
[50], trafen sich im Jahr 2007 Chirurgen, Pathologen und Grundlagenforscher zur „Ninth
Banff Conference on Allograft Pathology“, um über die Notwendigkeit einer einheitlichen
Skala zur Bewertung von Transplantatabstoßung in VCA zu beraten. Die Banff 2007 Klassifikation
der akuten Abstoßung stellt das Ergebnis dieser Bemühungen dar und basiert auf der
Lokalisation und Intensität des inflammatorischen Infiltrats [51]. Einige Zentren transplantieren zusätzlich zum eigentlichen Gesichtstransplantat
einen freien fasziokutanen Radialislappen, genannt Sentinel Flap (SF) [20]
[34]
[52]. Dieser kann zur Überwachung von akuten Abstoßungsreaktionen und Abgrenzung zu anderen
Ursachen erythematöser Effloreszenzen, wie bspw. Rosacea, nützlich sein [53]. Seine Relevanz gilt es in zukünftigen Studien zu eruieren. Episoden akuter Abstoßung
treten in den ersten Monaten nach Gesichtstransplantation regelmäßig auf [16]
[26]
[32]
[33]
[34]
[35]
[36]
[38]
[39] und werden üblicherweise mit Steroid-Stosstherapie oder kurzzeitiger Dosissteigerung
der Erhaltungstherapie behandelt [31]
[32]
[33]. Auch späte akute Abstossungen sind beobachtet worden. Die topische Applikation
von Tacrolimus und Clobetasol hat bei der Behandlung von entzündlicher Dermatitis
vielversprechende Resultate gezeigt [54] und ist aufgrund der zu erwartenden minimalen systemischen Toxizität von großem
Interesse zur Behandlung akuter Abstoßung von VCAs. Chronische Abstossung wird generell
durch Vaskulopathie mit myointimaler Proliferation, die mit Atrophie und Fibrose von
Muskelgewebe, Haut und Hautanhangsgebilden einhergeht, definiert [55]. Bis dato sind keine verlässlichen Daten zu chronischer Abstoßung in VCA verfügbar
und es ist ebenfalls keine Definition in die Banff Klassifikation aufgenommen worden.
Die Abwesenheit chronischer Abstoßung mag auf die schnellere Diagnose und Behandlung
akuter Abstoßungsepisoden zurückzuführen sein ([Tab. 1]).
Tab. 1 Gradeinteilung akuter Abstoßung der Banff 2007 Klassifikation.
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Die Banff 2007 Klassifikation für Composite Tissue Allografts mit Hautanteil
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Grade 0
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Kein oder wenig inflammatorisches Infiltrat
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Grade I
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Mild. Mildes perivaskuläres Infiltrat. Keine Beteiligung der darüberliegenden Epidermis
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Grade II
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Moderate. Moderate bis starke perivaskuläre Inflammation mit oder ohne Einbeziehung
epidermaler und/oder adnexaler Strukturen (begrenzt auf Spongiose und Exozytose).
Keine epidermale Dyskeratose und/oder Keratinolyse.
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Grade III
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Schwer. Ausgeprägte Inflammation unter Einbeziehung epidermaler Strukturen mit epidermaler
Apoptose, Dyskeratose und Keratinolyse.
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Grade IV
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Nekrotisierende akute Abstoßung. Nekrose von Epidermis und anderen Hautstrukturen.
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Diskussion
Die allgemeine Einstellung hinsichtlich der ethischen Vertretbarkeit hat sich mit
der ersten erfolgreichen Gesichtstransplantation im Jahre 2005 innerhalb eines Jahrzehntes
von Ablehnung der Prozedur hin zu einer generellen Akzeptanz weiterentwickelt [56]. Kürzlich wurde in den amerikanischen Medien in großem Stil darüber berichtet, dass
Bürger in Zukunft bei der Entscheidung, ob sie Organe spenden möchten, Gesichts- und
Handtransplantationen explizit ein- oder ausschließen sollen. Somit werden Hand und
Gesicht der gleiche Status wie soliden Organen zuerkannt und dabei auch den gleichen
Regularien unterworfen. Dies kann in Zukunft die Familien von potentiellen Spendern
bei der Entscheidung entlasten und konsekutiv zu einem Anstieg der Spenderzahlen führen.
Zum Großteil werden die Kosten für die Transplantationen aktuell über Forschungsetats
(in den USA zum größten Teil von Geldern des Department of Defense) finanziert. Um
auch in Zukunft die Ausgaben für Operationen, Nachsorge und immunsuppressive Medikation
zu decken, sollte jedes Transplantationsteam ergebnisorientierte Studien publizieren.
Positive Ergebnisse in Arbeiten zum funktionellen Outcome, moderaten Komplikationsraten,
Patientenzufriedenheit und Kosteneffektivität im Vergleich zur konventionellen Rekonstruktion
können einen wichtigen Schritt vom experimentellen Status von VCAs hin zur klinischen
Etablierung bedeuten und somit auch die Krankenkassen zur Kostenübernahme bewegen.
Kontinuierliche Forschung in Richtung verbesserter Immunsuppression kann durch Verschiebung
der Nutzen-Risiko-Grenze den Empfängerpool erweitern. Allerdings beschreibt die lebenslang
notwendige Immunsuppression mit ihren potentiell letalen Nebenwirkungen nach wie vor
den größten Gegenspieler der nicht lebensnotwendigen Gesichtstransplantation. Eine
Weiterentwicklung der relativ unspezifischen Kriterien der Banff 2007 Klassifikation
[13] und die Verbesserung von Monitormethoden, wie die Verwendung von SFs, kann zu einer
effektiver angepassten Immunsuppression und Behandlung von Abstoßungsepisoden führen.
Bis dato stehen keine ausreichenden Daten zur abschließenden Identifizierung der Mechanismen
der chronischen Abstoßung in VCA zur Verfügung. Ihre Inzidenz scheint jedoch deutlich
geringer als in der Transplantation solider Organe. Die Entwicklung nichtinvasiver
Bildgebungstechniken wie die Ultraschallbiomikroskopie (UBM), die Intimaverdickungen
sensitiver identifizieren kann, könnten zur frühzeitigen Diagnose und Behandlung chronischer
Abstoßungsreaktionen beitragen [57].
Das Muskelgewebe des Transplantats limitiert die mögliche Ischämiezeit und somit den
potentiellen Spenderpool. Die Minimierung des Ischämie-Reperfusionsschadens kann einerseits
durch eine Verkürzung der tatsächlichen Ischämiezeit durch optimale Synchronisation
der Operationsteams erreicht werden. Auf der anderen Seite steht die Verlängerung
der möglichen Ischämiezeit, bspw. durch extrakorporale Perfusionsverfahren. Diese
Methode findet in Bereich der Nierentransplantation bereits Anwendung, konnte jedoch
für den Bereich der VCA noch nicht erfolgreich etabliert werden.
Nicht zuletzt gilt es die Operationstechniken weiter zu optimieren den und Zugang
zu kompetenten Zentren zu verbessern.
Schlussfolgerung
Die Gesichtstransplantation hat sich in kurzer Zeit zu einer klinisch relevanten Alternative
zur herkömmlichen Rekonstruktion von ausgedehnten Gesichtsdefekten entwickelt. Mit
der Publikation motivierender funktioneller und ästhetischer Ergebnisse hat sich auch
die zunächst negative Einstellung hinsichtlich dieser nicht überlebensnotwendigen
Transplantationen zum Positiven weiterentwickelt. Es bleiben jedoch weiterhin gravierende
Risiken durch die notwendige lebenslange Immunsuppression bestehen. Intensive Forschung
auf dem jungen Gebiet VCA kann zur weiteren Etablierung und Verbesserung des Nutzen-Risiko-Verhältnisses
dieser spannenden Verfahren beitragen.