Schlüsselwörter
CRPS - komplex regionales Schmerzsyndrom - Handtherapie - Rehabilitation
Key words
CRPS - complex regional pain syndrome - hand therapy - rehabilitation
Einleitung
Das komplexe regionale Schmerzsyndrom (CRPS) wird aktuell definiert als: „…eine anhaltende
Empfindungsstörung (Schmerz, Hyperästhesie, Hyperalgesie, Allodynie) auf ein initial
schädigendes Ereignis, nicht auf das Versorgungsgebiet eines peripheren Nerven und
auch nicht auf den ursprünglich geschädigten Ort beschränkt, in der Regel bis distal
zu den Akren reichend, und unverhältnismäßig zum Trauma“ [1]. Die Erkrankung kann in 3 Stadien eingeteilt werden ([Tab. 1]). Sowohl die klinische Praxis als auch die Fachliteratur zeigen jedoch, dass es
sich um ein Schmerzsyndrom mit fließenden Übergängen in Symptomatik und Ausprägung
handelt. Eine Einteilung in Stadien kann demnach nur als pragmatischer Versuch angesehen
werden [2]. In vielen Fällen kann diese Einteilung jedoch die Zuordnung zu einer entsprechenden
handtherapeutischen Anwendung erleichtern.
Tab. 1 Stadieneinteilung des CRPS nach Sudeck:
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Stadium I:
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Akutes, bzw. Entzündungsstadium (bis zu 3 Monaten) Im Vordergrund stehen Schmerzen (auch Ruheschmerz), Ödematisierung und Funktionseinschränkung.
Die Haut ist livide verfärbt und teigig verändert sowie meist überwärmt.
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Stadium II:
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Dystrophie (3 Monate bis ein Jahr) Gewebsatrophie, häufig lässt der Schmerz nach, gelegentlich kommt es zu einer Abkühlung
der Haut.
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Stadium III:
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Atrophie (ab einem Jahr) Knochen und Weichteile sind atrophiert, deutliche Entkalkungen im Röntgenbild sichtbar.
Muskelatrophie, Funktionseinschränkung, die Haut ist meist dünn und blass.
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In der modernen Therapie des CRPS hat sich ein multimodales Behandlungskonzept (MMST:
multimodale Schmerztherapie) durchgesetzt. Neben der Physio- und Ergotherapie zählen
die medikamentöse Therapie sowie die Psychotherapie zu den Basistherapieformen. Ergänzend
zu diesen können je nach Verlauf Grenzstrangblockaden, Spinal Cord Stimulation oder
intrathekale Injektionen mit Baclofen durchgeführt werden [3].
In den Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft Wissenschaftlicher Medizinischer Fachgesellschaften
(AWMF-Leitlinien, 2012) zum CRPS [3] wird ausdrücklich die intensive Anwendung von Physio- und Ergotherapie (hier im
Weiteren als Handtherapie zusammengefasst) unter systemischer Analgesie und antineuropathischer
Medikation als Basistherapie genannt jedoch nicht weiter spezifiziert.
So ist die Verordnung von Physiotherapie und Ergotherapie im klinischen Alltag häufig
die erste therapeutische Maßnahme des Handchirurgen und viele Autoren betonen die
Wichtigkeit der handtherapeutischen Maßnahmen im Rahmen der Behandlung des CRPS [2]
[3]
[4]
[5]
[6].
Es besteht jedoch das Problem, dass zum einen die Physio- als auch die Ergotherapie
einen weit gefassten Begriff mit zahlreichen unterschiedlichen Anwendungen darstellen,
zum anderen gleichartige Anwendungen unterschiedlich benannt oder auch ausgeführt
werden können. Es fehlen also zum einen klare Definitionen der Begrifflichkeiten und
zum anderen klare Spezifizierungen hinsichtlich der meist sehr allgemein gefassten
Behandlungsempfehlungen.
Ein weiteres Problem ist, dass die einzelnen Therapiemaßnahmen innerhalb der Handtherapie
bisher kaum wissenschaftlich untersucht und auf Ihre Wirksamkeit im Rahmen der Behandlung
des CRPS nicht überprüft sind. So existiert im Zeitalter der „evidenz-basierten Medizin“
kein wissenschaftlich begründeter Behandlungsalgorithmus, bzw. erscheinen die wenigen,
vorliegenden Therapierichtlinien [6] unvollständig oder veraltet.
Ziel dieser Arbeit ist es daher, die in der Behandlung des CRPS zur Anwendung kommenden
handtherapeutischen Techniken hinsichtlich Begrifflichkeit, Funktion, Anwendung/Durchführung
und Wirksamkeit darzustellen und falls möglich einen aktuellen Behandlungsalgorithmus
daraus abzuleiten.
Handtherapeutische Behandlungsansätze beim CRPS
Handtherapeutische Behandlungsansätze beim CRPS
Im Folgenden werden die unterschiedlichen, in der Behandlung des CRPS zur Anwendung
kommenden, handtherapeutischen Maßnahmen vorgestellt und erläutert. Diese sollten
im klinischen Alltag Bestandteil oben genannter MMST sein, welche häufig initial über
einen Zeitraum von ca. 3 Wochen stationär verläuft [7]. Hieran folgt das ambulante Intervall mit Fortsetzung der intensiven multimodalen
Behandlung.
Lymphdrainage
Die Lymphdrainage ist eine sanfte Massageformen mit dem Ziel der Ödemreduktion. Synonym
werden auch die Begriffe Komplexe Physikalische Ödemtherapie (KPE), Manuelle Lymphdrainage
(MLD) oder einfach Entstauungstherapie verwendet.
90% der Lymphgefäße verlaufen dicht unter der Haut und sind somit manuell gut erreichbar
[8]. Durch kreisende Druckimpulse wird eine Steigerung des Abflusses von interstitieller
Flüssigkeit erreicht ([Abb. 1]). Die Motorik der Lymphgefäße wird gesteigert, indem die Pumpleistung der Lymphgefäße
beeinflusst wird. Unter Ruhebedingungen beträgt die Frequenz der Lymphgefäße ca. 10–12
Kontraktionen pro Minute, dies kann mithilfe der Therapie auf bis zu 20 gesteigert
werden [9]. Die Grifftechniken werden mit wechselndem Druck angewendet, dabei kommt es in der
Druckphase zu einer Quer- bzw. Längsdehnung, was einen Reiz für das Gewebe darstellt.
Die glatten Muskelzellen der Lymphgefäße reagieren auf diesen Reiz mit einer Steigerung
der Pumpfrequenz. Einer oftmaligen Wiederholung der Griffe folgt eine erhöhte Durchflussrate.
Neben der entstauenden Wirkung kommt es zu einer sympathikolytischen Wirkung mit Tonussenkung
der Skelettmuskulatur [9].
Abb. 1 Entstauende Schöpfgriffe der Lymphdrainage an Handrücken a und Finger b.
Manuelle Therapie
Unter Manueller Therapie versteht man die Befundaufnahme und ggf. Therapie von Gelenkfunktionsstörungen.
Diese Therapieform wird mit dem Ziel der Bewegungserweiterung und Gelenksentlastung
durchgeführt.
In der Manuellen Medizin oder Manuellen Therapie wird ein Gelenk mit allen Einflussfaktoren
als Funktionseinheit betrachtet. Alle artikulären und periartikulären anatomischen
Strukturen werden hinsichtlich ihrer pathophysiologischen Auswirkung auf die Gelenkdysfunktion
untersucht und wenn nötig therapiert [10].
Das Spektrum der manuellen Techniken umfasst verschiedene Mobilisations- und Dehnverfahren
sowie muskulär wirksame Techniken, wie z. B. die Triggerpunkttherapie, die myofaszialen
Release-Techniken, reflektorisch unterstützende Therapieformen und verschiedene Massagetechniken
([Abb. 2]). Passiv geführte Bewegungen und die Unterstützung aktiver Bewegungsmuster (assistives
Bewegen) runden das Bild der manuellen Therapieformen ab.
Abb. 2 Mobilisationstechniken am Zeigefingermittelgelenk a und der Hohlhand b.
Schmerzen können im Allgemeinen durch Aktivierung inhibitorischer Interneurone der
Hautpropriozeptoren sofort beeinflusst werden [10]. So soll durch die Manuelle Therapie eine Downregulation von Wide-Dynamic-Range
Neuronen erfolgen, die über zahlreiche propriozeptiven A-Beta-Afferenzen mit inhibitorischen
GABAergen Interneuronen verfügen und eine Hemmung des nozizeptiven Reflexbogens erzielen.
Eine chronifizierte neurogene Entzündung führt zu einer Verkleinerung der inhibitorischen
und einer Verstärkung der nozizeptiven Felder. Daher sollte vor dem Einsatz der Manuellen
Therapie ein medikamentöses Regime zur Reduktion der neurogenen Entzündung begonnen
werden. Inwieweit die inhibitorischen Felder beim CRPS noch vorhanden sind bzw. der
Chronifizierungsprozess im zentralen Nervensystem fortgeschritten ist, entscheidet
über die Wahl der segmental angewandten Manuellen Therapie [11].
Bewegungstherapie/Aktive Bewegung/Krankengymnastik
Im Gegensatz zu der Manuellen Therapie, die meistens für die Patienten passiv durchgeführt
wird, steht bei der Bewegungstherapie das aktive Üben der gestörten Funktion im Fokus
([Abb. 3]). Ziele des aktiven Bewegens sind Wiederherstellung der eingeschränkten Funktion,
Muskelkräftigung, Koordinationsverbesserung, Beseitigung von Sensibilitätsstörungen
und das übergeordnete Ziel, die Erhaltung der Selbstständigkeit der Patienten. Sämtliche
Bewegungsrichtungen sollen beim aktiven Üben berücksichtigt werden. Eine besondere
Betonung liegt zwar auf dem Bewegen in die eingeschränkten Bewegungsrichtungen, aber
nicht ausschließlich. Jedes Gelenk soll endgradig bewegt werden. Die Intensität richtet
sich nach dem Schmerz und der Funktionsfähigkeit. Schmerzen und reflektorische Abwehrspannungen
sollten konsequent vermieden werden. Die aktiven Übungen sind auch als Kombination
mit der Spiegeltherapie (s. unten) durchführbar.
Abb. 3 Aktives Üben mit Geräten. Der Einsatz eines Gymnastikballs a. Koordinationsübung zur zielgerichteten aktiven Bewegung b, c.
Darüber hinaus sollten auch die angrenzenden Gelenke mit einbezogen werden. Die Intensität
muss individuell angepasst werden, aber auch das Üben gegen Widerstand (resistives
Üben) gehört zur aktiven Bewegung und dient der Kräftigung und dem Muskelaufbau.
Propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation (PNF)
Die propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation, im folgenden PNF genannt, kann als
Sonderform der Bewegungstherapie angesehen werden. Ziel dieser Therapie ist die Fazilitation
(Anbahnung) gestörter Bewegungsmuster.
Bei der PNF werden sowohl Exterozeptoren, Telerezeptoren (hier vor allem Augen und
Ohren) und vor allem Propriozeptoren genutzt, um physiologische, funktionelle und
koordinierte Bewegung anzubahnen. Ziel bei der PNF-Bewegungstherapie ist es, durch
verstärkte Stimulation der Sensoren das neuromuskuläre Zusammenspiel zu fördern und
damit physiologische Bewegungsmuster zu ermöglichen (Fazilitation), die im Zentralnervensystem
abgespeichert sind [12].
Praktisch werden 3-dimensionale, physiologische Bewegungsmuster an einem Körperabschnitt
gegen einen angepassten Widerstand durchgeführt, meist mit einer rotatorischen Komponente.
Hintergrund ist, dass sich funktionelle Bewegungsmuster immer durch Dreidimensionalität
auszeichnen. Bei den Bewegungsmustern der Extremitäten ist grundsätzlich auch eine
flektierende oder extensorische Komponente des Ellbogens bzw. des Kniegelenks zu finden.
Die Bewegungen werden mit festgelegten taktilen Reizen durchgeführt. Die Patienten
initiieren die Bewegung aus einer korrekten Vordehnung des Muskels gegen einen angepassten
3-dimensionalen Widerstand bis in die Endstellung des Bewegungsmusters [12]. Das Zentralnervensystem speichert komplexe Bewegungsmuster wie z. B. das Gangmuster
oder auch die Greiffunktionen der Hand. Die summierten Reize des Bewegungsmusters
werden über das periphere Nervensystem zum zentralen Nervensystem (ZNS) geleitet.
Sobald ein Teil des komplexen Bewegungsmusters erkannt wird, sendet das Zentralnervensystem
die entsprechenden Informationen für die Muskelaktivität an alle anderen beteiligten
Körperabschnitte. Diese Weiterleitung der Aktivität in andere Körperabschnitte wird
physiologische Irradiation genannt. Dieser Mechanismus stellt die Grundlage für die
Fazilitation einer physiologischen Bewegung dar [12].
Graded Motor Imagery und Spiegeltherapie
Das Graded Motor Imagery (GMI) und damit auch die Spiegeltherapie, die ein Bestandteil
davon ist, kann als Teil des mentalen Trainings angesehen werden [13]
[14]. Ziel dieser Therapie ist Bewegungs- bzw. Funktionsförderung und Schmerzreduktion
mithilfe der Vorstellungskraft und im Falle der Spiegeltherapie mit einer starken,
optischen Stimulation ([Abb. 4]).
Abb. 4 Anwendung der Spiegeltherapie bei erkrankter rechter Hand.
Die Grundlage der Therapie basiert auf der Annahme, dass mittels Aktivierung der prä-
und primärmotorischen Kortexareale simultan mit den zugehörigen sensorischen Arealen
eine kortikale Reorganisation erreicht wird. Man unterscheidet 3 Phasen der Anwendung
[13]
[14]
[15].
-
Phase: Darstellung von verschiedenen Händen, bei denen die Lateralität erkannt werden
muss. Messparameter sind hier Geschwindigkeit und Treffsicherheit. Es wird der prämotorische
Kortex aktiviert [13].
-
Phase: Betrachtung von verschiedenen Handpositionen, die mental eingenommen werden.
Führt zu einer Aktivierung des primären motorischen und sensorischen Kortex.
-
Phase: Spiegeltherapie. Die Patienten beobachten Bewegungen der nichtbetroffenen Hand
4 min lang im Spiegel und stellen sich vor, die Bewegung auch mit der betroffenen
Hand durchzuführen. In einem zweiten Schritt wird die Bewegung soweit möglich tatsächlich
mit der betroffenen Hand hinter dem Spiegel ausgeführt. Es werden alle kortikalen
motorischen und sensorischen Areale aktiviert [13]
[14]
[15].
Physikalische Maßnahmen
Kohlensäure-Bad
Beim CRPS und in der Rheumatologie werden normalerweise Teilbäder der betroffenen
Extremität, gelegentlich auch der nicht-betroffenen Extremität verwendet. Letzteres
ist in jedem Stadium möglich. Ziel der Anwendung von CO2-Bädern ist eine Reduktion der Schmerzsymptomatik. Daneben soll eine Ödemreduktion
und eine Verbesserung der Beweglichkeit erzielt werden [5]
[16]. Diesen Effekt erklärt man sich unter anderem durch die Vasodilatation nach Kohlensäurebad,
welche einen Anstieg der Mikrozirkulation und des transkutanen Sauerstoffpartialdrucks
sowie eine Absenkung des arteriellen Blutdrucks zur Folge hat [5]
[16].
Die Temperatur sollte beim CRPS phasendifferenziert gewählt werden. Klassischerweise
werden in der Frühphase des CRPS kühle CO2-Bäder gewählt, mit einer Temperatur von 27–32° für max. 20 min. Dies hat einen analgetischen
und antiödematösen Effekt [5]. In den folgenden Phasen hingegen sollte das CO2-Bad nach Mucha eine Temperatur von 39° haben [5]. Bei beidseitiger Anwendung kommt die konsensuelle Reaktion als zusätzlicher positiver
Effekt hinzu.
Thermische Therapie
Thermische Therapien werden zu verschiedenen Zwecken angewandt. Ammer [17] definiert die Thermotherapie als „Die Zufuhr oder der Entzug von Wärmeenergie, um
Behandlungseffekte zu erzielen“.
Sowohl bei Kälte- als auch bei Wärmetherapien kommt es zu einer Vasodilatation und
damit zu einer erwünschten Mehrdurchblutung. Bei der Kältetherapie tritt allerdings
zunächst eine Vasokonstriktion auf, die reflektorisch dann dilatierend nachwirkt,
die sog. reaktive Hyperämie [6]. Der Wärmetherapie wird eine schmerzlindernde und tonussenkende Wirkung attestiert,
insbesondere wenn es sich um muskuläre Beschwerden handelt. Der Kältetherapie wird
eine schmerzlindernde und entzündungshemmende Wirkung zugeschrieben [6].
TENS
Auf der Grundlage der Gate-Control-Theory von Melzack und Wall [18] wurde Anfang der 70er Jahre eine Methode entwickelt, die niedrige Spannungsmodulationen
über epikutane Silikonelektroden appliziert, die Transcutaneous Electrical Nerve Stimulation,
kurz TENS. Ziel des TENS ist die Schmerzlinderung. Dies geschieht durch Minimierung
oder sogar komplette Ausschaltung von dicken myelinisierten afferenten Nervenfasern
(A-Beta-Fasern), die Transmission nozizeptiver Inputs über Aktivierung der schwach
myelinisierte (A-Delta-Fasern) und nicht-myelinisierte sympathische Afferenzen (C-Fasern)
unterdrücken [19].
Ergotherapie
Die Ergotherapie ist definiert als eine Therapieform, die sich mit der Ausführung
konkreter Betätigungen und deren Auswirkungen auf den Menschen und dessen Umwelt befasst.
Beeinträchtigungen werden durch den gezielten Einsatz von individuell sinnvollen Tätigkeiten
behandelt. Die Ziele der Ergotherapie sind vielfältig und reichen über den Erhalt
der Funktion und der Selbstständigkeit bis hin zur Schmerzlinderung. Entsprechend
dieser weit gefassten Definition und der großen Anzahl unterschiedlicher Methoden
sind auch die ergotherapeutischen Anwendungen bei der CRPS Behandlung nicht exakt
beschrieben. Im engeren Sinne kann man evtl. hier die Schulung der Alltagsaktivitäten,
den Bau von speziellen Schienen und die sensomotorische Stimulation unter Ergotherapie
zusammenfassen.
Zunächst erfolgt, allerdings nur wenn notwendig, die Erstellung von Lagerungsschienen
und ggf. auch Maßnahmen zum Gelenkschutz, vor allem wenn die Patienten Begleiterkrankungen
aus dem rheumatischen Formenkreis haben.
Darüber hinaus erfolgt ab dem Stadium I die Behandlung der Hyperalgesie durch sensorische
Stimulation. Beim CRPS finden Veränderungen auf kortikaler Ebene im Zentralnervensystem
statt. Durch die Hyperalgesie und zum Teil Allodynie werden andere Fähigkeiten vernachlässigt,
die für die Sensibilität und die Motorik der betroffenen Extremität existentiell sind
[20]. Ziel der Ergotherapie ist es, diesen sog. Neglect des schmerzhaften Körperabschnittes
im Gehirn (Gyrus prä- und postcentralis) zu mindern. Zu diesem Zweck wird die betroffene
Extremität unterschiedlichen sensiblen Reizen ausgesetzt, wie bspw. mit Wasser oder
Watte berührt oder in eine Schüssel mit Linsen, Reis, Zucker, Erbsen und ähnliches
gelegt und wenn möglich darin bewegt. Damit soll schrittweise ein normales Empfindungsvermögen
wiedererlangt werden. Mit zunehmendem Fortschritt und abnehmenden Schmerz bewältigen
die Patienten sensomotorisch anspruchsvollere Aufgaben, wie das Identifizieren einfacher
Gegenstände durch den Tastsinn (Stereognosie).
Ein weiteres Therapieziel ist die Erhaltung der persönlichen Selbstständigkeit und
wenn möglich die Wiedereingliederung in den Beruf. Dazu wird ein Selbsthilfetraining
durchgeführt (Schulung der Aktivitäten des Alltags/Activity of daily life=ADL), und
oftmals muss, insbesondere bei älteren Patienten, eine Versorgung mit einfachen Hilfsmitteln
erfolgen (Anziehhilfen, Schreibhilfen, rutschfeste Unterlagen, Küchenutensilien, wie
z. B. angepasste Dosenöffner, Flaschenöffner usw.). Bei nachlassender Schmerzintensität
kommen redressierende Maßnahmen wie eine Quengelschienung und dynamische Bewegungsschienen,
Intensivierung von Fein- und Grobmotorikschulung sowie leichte Tätigkeiten gegen zunehmenden
Wiederstand zum Einsatz [20]. Wichtig ist bei allen therapeutischen Maßnahmen, dass sie keinesfalls zu einer
Schmerzintensivierung führen dürfen.
Diskussion
Das CRPS im klinischen Vollbild gilt im handchirurgischen Alltag zwar als selten,
wenn es jedoch auftritt, ist es von hoher sozioökonomischer Relevanz. Darüber hinaus
mag das klinische Vollbild zwar eher selten zu beobachten sein, dennoch treten in
der Praxis relativ häufig dystrophe Verlaufsformen nach Trauma oder Operation auf,
die eine ähnliche Behandlungsstrategie auf handtherapeutischem Gebiet verlangen oder
zumindest nahelegen.
So steht die Handtherapie im klinischen Alltag häufig an erster Stelle eines komplexen
Behandlungskonzepts und ist für die Funktionalität der Hand nach abgeschlossener operativer
Behandlung von entscheidender Bedeutung. Dieser Stellenwert spiegelt sich jedoch bei
Betrachtung der Literatur nicht wieder.
Im Themenheft „CRPS“ der Zeitschrift für Handchirurgie, Mikrochirurgie und Plastische
Chirurgie vom Februar 2010 bspw. finden sich Beiträge über die Stadieneinteilung und
die Klinik, über die Pathophysiologie, über Differenzialdiagnosen und über die medikamentöse
Therapie des CRPS. Ein Artikel über die physio- und ergotherapeutischen Behandlungsmöglichkeiten
beim CRPS fehlt. Eventuell spiegelt dies eine fehlende Vernetzung zwischen Ärzten
und Therapeuten oder allgemein ein fehlendes Interesse der Ärzte an der Handtherapie
wieder? Diese könnte auch die geringe Anzahl an aussagekräftigen wissenschaftlichen
Untersuchungen hinsichtlich handtherapeutischer Anwendungen beim CRPS erklären. So
ist die Studienlage betreffend handtherapeutischer Interventionen im Vergleich zu
anderen medizinischen Bereichen äußerst dürftig, selbst wenn das Evidenzlevel dabei
nicht berücksichtigt wird. Die AWMF-Leitlinie zur Behandlung des CRPS bspw. beschreibt
die Ergo- und Physiotherapie als Basistherapie, bezieht sich dabei jedoch lediglich
auf 2 Studien derselben Forschergruppe, welche Physiotherapie und Ergotherapie gegeneinander
verglichen haben [21]
[22]. Ergebnis war, dass die Physiotherapie geringfügig bessere Ergebnisse bezüglich
der Reduktion von Schmerz und Beweglichkeit erzielte als die Ergotherapie.
Die Manuelle Therapie wird von der deutschen Gesellschaft für Physikalische Medizin
und Rehabilitation ab Stadium 2 des CRPS bei zunehmender Bewegungseinschränkung empfohlen.
Im Stadium 3 ist die Manuelle Therapie zur Mobilisierung der Gelenke uneingeschränkt
durchzuführen. Letzten Endes beruht diese Empfehlung jedoch lediglich auf Einzelfallberichten
bzw. Expertenerfahrung [23]
[24]
[25]. Diese beschreiben alle eine Verbesserung der Schmerzintensität und der Beweglichkeit
bei Ihren Patienten. Ein Review der Untersucher Muir und Vernon [26] von 2 000 beschreibt ebenfalls die mangelnde Anzahl an kontrolliert randomisierten
Studien, welche die Wirksamkeit der manuellen Therapie beim CRPS untersuchen.
Die aktive Beübung hingegen ist vergleichsweise gut untersucht, da in den meisten
Studien die aktive Bewegung in den physiotherapeutischen Behandlungsprotokollen stets
integriert ist. Insgesamt 5 Studien [21]
[22]
[27]
[28]
[29] – alle mit prospektiv randomisiertem Design – konnten die Wirksamkeit der aktiven
Bewegung bei CRPS hinsichtlich Schmerzreduktion und Funktionsverbesserung belegen.
Oerlemans und Kollegen konnten in 2 Studien [21]
[22] die Vorteile der aktiven Physiotherapie bei CRPS-Patienten aufzeigen. Auch von Wu
et al. wurde bereits 1999 ein positiver Effekt von Ganzkörperbewegungen wie dem QiGong
nachgewiesen [29]. Allerdings postulierten sie auch einen negativen Effekt von übermäßigem Training,
eine Aussage, welche sich nicht mit den Ergebnissen von Sherry et al. deckt [28]. In ihrer prospektiven Studie untersuchten diese 103 Jugendliche mit CRPS. Diese
mussten 4 Stunden täglich an einem intensiven Bewegungsprogramm für den ganzen Körper
teilnehmen. Es wurde keine pharmakologische Intervention durchgeführt. Bei allen wurde
eine psychologische Beurteilung durchgeführt, 77% der Jugendlichen wurden aufgrund
dieser Beurteilung psychotherapeutisch begleitet. 92% der Jugendlichen erreichten
eine deutliche Schmerzlinderung und volle Funktionsfähigkeit. Das Follow-up nach 2
Jahren konnte nur an 49 Probanden durchgeführt werden, von diesen waren 88% nach wie
vor beschwerdefrei.
Studien speziell zur Sicherung der Wirkungsweise und Wirksamkeit der PNF bei CRPS-Patienten
existieren nicht. Dennoch kann PNF schmerzadaptiert zur Aktivierung der betroffenen
Extremität angewendet werden und damit eine drohende Immobilisierung vermieden werden.
Die Wirksamkeit der Spiegeltherapie ist mittlerweile vergleichsweise gut belegt. Zahlreiche
Studien bestätigen die Wirksamkeit der Spiegeltherapie bei CRPS-Patienten im akuten
Stadium hinsichtlich Reduktion der Schmerzintensität und Verbesserung von Funktion
und Perzeption [2]
[9]
[14]
[15]
[30]. So hat die Spiegeltherapie mittlerweile einen festen Stellenwert, sowohl in der
Therapie des CRPS als auch generell in der Behandlung von neuropathischen Schmerzen
oder Phantomschmerzen [30]. So sollte nach der aktuellen Literatur die Anwendung so früh wie möglich in Stadium
1 begonnen und mehrfach täglich in kurzen Behandlungseinheiten wiederholt werden.
Eine mögliche Langzeitwirkung der Spiegeltherapie konnte bisher allerdings nicht nachgewiesen
werden. Hier bedarf es aus unserer Sicht weiterer Studien.
Die Wirksamkeit der manuellen Lymphdrainage bei CRPS wurde bisher in 3 Studien untersucht.
2 Studien hatten ein randomisiert kontrolliertes Design [31]
[32]
[33]. Nur in einer dieser Studien konnte für die Akutphase eine signifikante Ödemreduzierung
durch die 2-monatige Anwendung von Lymphdrainage dargestellt werden. Allerdings konnte
bereits bei der Messung weitere 2 Monate nach der Behandlung kein statistisch signifikanter
Unterschied mehr festgestellt werden. Bei der Einzelfallstudie wurden „positive Reaktionen“
auf die Behandlung durch Lymphdrainage beschrieben, allerdings ohne Berücksichtigung
des Langzeiteffektes.
Additive Maßnahmen innerhalb der Handtherapie wie die physikalischen Anwendungen sind
vergleichsweise schlecht untersucht bzw. deren Nutzen bei der Behandlung des CRPS
nur selten wissenschaftlich erwiesen. Dies liegt jedoch unter anderem auch daran,
dass häufig die Wirkung einzelner Maßnahmen generell bekannt und mit Studien belegt,
nur die Anwendung speziell beim CRPS nicht untersucht ist.
Ausnahme hierbei ist das Kohlensäurebad. Mucha und Kollegen konnte 2005 durch eine
Studie mit 34 Patienten nachweisen, dass ein CO2-Bad bei der Behandlung des CRPS zusätzlich zur obligatorischen Physiotherapie signifikant
positive Effekte auf die Parameter Schmerzentwicklung, Ödemreduktion und Beweglichkeit
hat [5]
[16].
Der Einsatz thermischer Therapie bei CRPS hingegen wurde bisher im Wesentlichen theoretisch
diskutiert und daher lediglich als Empfehlung ausgesprochen. So sollte die Wärmeapplikation
in der akuten Phase des CRPS vermieden werden, da Wärme bei manchen entzündlichen
Prozessen die Ödembildung verstärken kann und die Patienten im Allgemeinen eine deutliche
Wärmeunverträglichkeit aufweisen [6].
Hinsichtlich der Kältetherapie gibt es lediglich eine Untersuchung von Ammer und Kollegen
[17], die eine Hochvoltbehandlung mit oder ohne Kryotherapie kombiniert haben. Eingeschlossen
wurden 29 Patienten mit algodystrophen Ödemen. Diese Untersuchung ergab keinen signifikanten
Unterschied. So finden sich aktuell keine weiteren Studien, die den Einsatz von Kältetherapie
dringend nahelegen. Im Gegenteil, aus heutigem Verständnis der Schmerztherapie wird
vom Einsatz starker Kältereize grundsätzlich abgeraten. Dies bestätigt eine Arbeit
von 2002 zur Ganzkörperkühlung aus der Rheumatologie, die zeigt, dass über den Sympathikusreflex
Schmerzen in der Hand ausgelöst werden können [34]. So sollte ein starkes Absenken der Gewebstemperatur mittels Eis und Eispackungen
auf jeden Fall vermieden werden, da es zu einer reflektorischen Vasodilatation mit
Schmerz- und Ödemverstärkung kommen kann [6].
Was die Wirksamkeit von TENS beim CRPS angeht, gibt es nur wenige Daten, die den positiven
Effekt belegen. Robaina et al. [35] verglichen 1989 in ihrer Studie den Einsatz von TENS allein mit dem Einsatz von
TENS und Spinal Cord Stimulation. In dieser Arbeit wurde bei 18 der 35 eingeschlossen
Patienten eine sehr gute oder gute Schmerzreduktion durch TENS allein erzielt. Sie
kamen darüber hinaus zu dem Ergebnis, dass beide Therapien bessere Resultate erzielten
als Sympathikusblockaden und Grenzstrangresektionen. Auch bei anderen Krankheitsbildern
wird die Wirksamkeit des Einsatzes von TENS kontrovers diskutiert [36]. Die insgesamt dürftige Studienlage erlaubt keine abschließende Beurteilung der
Wirksamkeit.
Obwohl die Ergotherapie eine der Basismaßnahmen innerhalb der Handtherapie beim CRPS
darstellt, gibt es keine größeren klinischen Studien hierzu. Die schmerzreduzierende
Wirkung der Ergotherapie wurde bisher lediglich durch eine Studie des Forschungsnetzwerkes
„Neuropathischer Schmerz“ untersucht [37]. Eingeschlossen wurden 6 Patienten, die 6 Monate ein Trainingsprogramm wie unter
Punkt 2,6 beschrieben absolvierten und bei denen eine Messung der neuronalen Aktivität
durchgeführt wurde. Eine Kontrollgruppe gab es nicht. Ergebnis nach 6-monatigem Training
war eine deutliche Zunahme der anfänglich stark reduzierten Aktivität der Nervenzellen,
und es konnte eine drastisch verringerte durchschnittliche Schmerzstärke festgestellt
werden [20].
Generell fordern wir im Zeitalter der evidenz-basierten Medizin einen – möglichst
mittels prospektiv angelegten, randomisierten kontrollierten Studien – wissenschaftlich
belegten Vorteil unserer Therapie. Dies ist grundlegend auch richtig. Es gibt jedoch
Situationen – wie oben bereits angesprochen – in denen nicht auf die Aussage von mehreren
solcher randomisierten, prospektiv angelegten Fallkontrollstudien zurück gegriffen
werden kann. Dies sollte jedoch nicht dazu führen entweder keine Behandlung einzuleiten
und davon auszugehen, dass die Behandlung keinen Erfolg haben kann oder die Behandlung
unstandardisiert und willkürlich durchführen zu lassen.
Nach Sacketts [38] Definition der evidenz-basierten Medizin kann nämlich auch dann von evidenzbasierter
Therapie gesprochen werden, wenn klassische randomisierte Kontrollstudien fehlen.
Hiernach gilt evidenz-basierte Medizin als die Synthese der besten verfügbaren Nachweise
aus der medizinischen Wissenschaft, der ärztlichen (therapeutischen) Berufserfahrung
und den Wertevorstellungen des Patienten [38].
So erscheint es uns möglich im Rahmen dieser Arbeit, basierend auf oben genannter
Synthese aller 3 Bereiche (medizinische Wissenschaft, ärztliche/therapeutische Berufserfahrung
und Wertevorstellung des Patienten), einen handtherapeutischen Behandlungsvorschlag
für das CRPS zu entwickeln, welcher das Stadium und den individuellen Verlauf berücksichtigt
([Tab. 2]). Additive Maßnahmen wie TENS, Elektrotherapien, PNF und Steigerungen wie z. B.
das Krafttraining müssen jeweils individuell patienten- und therapeutenabhängig abgewogen
werden.
Tab. 2 Handtherapeutischer Behandlungsalgorithmus beim CRPS.
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Therapeutische Maßnahmen im Stadium I:
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– GMI und hochfrequente Spiegeltherapie (zwischen 7–14 mal täglich)
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– Aktive Bewegungstherapie in schmerzangepasster Dosierung bzw. Intensität, PNF nur
mit Führungswiderstand (gering)
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– Ergotherapie:
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– Sensorische Reize wie lauwarmes Wasser, feiner Sand, Raps o. ä.
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– Hilfsmittels für den Alltag/Arbeitsplatz in jedem Stadium möglich und nötig
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– generell redressierende Maßnahmen wie Schienen/Quengelbehandlung werden erst ab
Stadium III empfohlen und nur bei individueller Notwendigkeit
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– Kohlensäurebäder
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– Lymphdrainage
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Therapeutische Maßnahmen im Stadium II:
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– Aktive Bewegungstherapie in schmerzangepasster Dosierung bzw. Intensität, jedoch
nach Möglichkeit gesteigert, PNF mit leichtem, schmerzangepassten Widerstand
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– GMI und hochfrequente Spiegeltherapie (zwischen 7–14 mal täglich), mit und ohne
Materialien
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– Manuelle Therapie unterhalb der Schmerzgrenze
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– Kohlensäurenbäder
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– Ergotherapie:
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– Linsenbäder, Abhärtungen mit gröberen Materialien ab Stadium 2, abhängig von der
Schmerzsituation
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– Hilfsmittelversorgung, angepasst an die Fähigkeiten und Funktionen
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Therapeutische Maßnahmen im Stadium III:
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– Aktive Spiegeltherapie (zwischen 7–14 mal täglich) in Kombination mit vielen unterschiedlichen
Materialien und sensorischen Reizen
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– Aktive Bewegungstherapie in ansteigender Intensität, PNF mit ansteigendem Widerstand,
Krafttraining
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– Manuelle Therapie unterhalb der Schmerzgrenze
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– Dehnungen zur Bewegungserweiterung
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– Kohlensäurebäder
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– Ergotherapie:
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– Hilfsmittels für den Alltag wenn möglich reduzieren und an Alltag und Haushalt
anpassen
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– generell redressierende Maßnahmen wie Schienen/Quengelbehandlung nur bei individueller
Notwendigkeit
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– intensive Schulung der Fein- und Grobmotorik/Haltungschulung
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Leider erbringt die Studienlage meist keine Aussagen über Häufigkeit, Dauer und Intensität
der einzelnen handtherapeutischen Anwendungen. Im klinischen Alltag bilden vielmehr
organisatorische und ökonomische Faktoren die dafür entscheidenden Einflussgrößen.
So ist in vielen Kliniken organisatorisch nicht mehr als 30 min Physiotherapie und
30 min Ergotherapie pro Tag möglich. Hier postulieren wir jedoch, dass die Patienten
von einer Steigerung dieser Anwendungen auf mindestens 2-mal täglich Ergo- und Physiotherapie
durchaus profitieren würden. Dies legen die Studienergebnisse von Sherry et al. [28] und neuere Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Pain Exposure Therapy (PEPT)
[39] nahe. Hier konnte gezeigt werden, dass durch eine zunehmende Belastung mit gezielter
Schmerzkontrolle ohne Analgetika eine Änderung der zentralen Deregulierung und kortikalen
Repräsentation der betroffenen Extremität möglich ist [39].
Vergleicht man den in [Tab. 2] dargestellten Behandlungsalgorithmus mit Therapieleitlinien der Deutschen Gesellschaft
für Physikalische Medizin und Rehabilitation aus dem Jahre 2002 [6] lassen sich im Laufe der letzten Jahre folgende Unterschiede/Entwicklungen festhalten:
Grundlegend wird die Anwendung von großflächiger Kälte heutzutage eher kritisch gesehen,
da unter Umständen hierdurch ein CRPS überhaupt erst ausgelöst oder zumindest die
bestehende Symptomatik verstärkt werden kann [34]. Als wichtige Säule in der Handtherapie hat sich das GMI und die hochfrequente Spiegeltherapie
in allen 3 klinischen Stadien des CRPS etabliert. Die Elektrotherapie und die TENS
werden zurückhaltender eingesetzt und als additive Maßnahmen verstanden.
Leider gibt es nur wenig neue Therapieansätze oder Forschungsvorhaben, was die Behandlung
des CRPS angeht. Einen neueren Therapieansatz stellt hierbei die bereits angesprochene
Pain Exposure Therapy (PEPT) dar [39]. Diese ist ein Übungsprogramm mit stufenweise zunehmender Belastung und Kontrolle
des Schmerzverhaltens, jedoch unter gänzlichem Verzicht von Analgetikaeinsatz. Die
autonome Deregulierung und die Änderungen der kortikalen Repräsentation der betroffenen
Extremität sollen rückgängig gemacht werden. Damit soll, die aufgrund von Schmerzvermeidungsverhalten
entstehende Immobilisierung aufgehoben werden. Die Patienten müssen bei dieser Methode
lernen, den Schmerz zu verstehen und aktiv zu ignorieren. Darüber hinaus wird von
den Patienten erwartet, selbst zu üben und das Erlernte aktiv in den individuellen
Alltag zu integrieren. Aktuell läuft hierzu eine kontrollierte, randomisierte Studie,
bei der die Wirkung von PEPT mit anderen Behandlungsstrategien verglichen wird [13]
[39].
Schlussfolgerung
Zusammenfassend zeigt sich, dass – auch bei eingeschränkter Studienlage – eine handtherapeutische
Behandlung des CRPS standardisiert möglich ist. So können die unterschiedlichen handtherapeutischen
Anwendungen spezifisch der entsprechenden Klinik zugeordnet werden. Es fehlen jedoch
weiterhin klare Behandlungsvorgaben hinsichtlich Anwendungsdauer, -häufigkeit und
-intensität. Zudem hängt die Behandlung und damit letzten Endes auch der Therapieerfolg
stark von der Erfahrung des jeweiligen Handtherapeuten ab. So bestehen zwischen unterschiedlichen
Handtherapeuten bei ein und demselben Patienten zum Teil große Unterschiede hinsichtlich
der Auswahl einzelner Anwendungen, als auch in der Durchführung derselben. Daher sollten
aus unserer Sicht Patienten mit CRPS nur an speziellen handchirurgischen Schwerpunktzentren
mit entsprechend erfahrenen und speziell ausgebildeten Therapeuten und Handchirurgen
behandelt werden.
Zudem wäre es für die Zukunft wünschenswert, dass neue Studien auf dem Gebiet gemeinsam
von Handtherapeuten und Handchirurgen initiiert und weitere Forschungsvorhaben etabliert
werden.