Hintergrund:
Die Begleitung sterbender Menschen zu Hause ist ohne die Angehörigen nicht denkbar,
jedoch sind sie stark belastet und stehen vielen Problemen gegenüber. Über ihre Strategien,
mit dem Alltag häuslicher Palliativversorgung umzugehen, ist noch wenig bekannt.
Ziel:
Ziel der Studie war, zu verstehen, wie Familien eine Palliativsituation zu Hause erleben
und welche Handlungs- und Bewältigungsstrategien sie nutzen, um die Situation zu bewältigen.
Methoden:
In einer qualitativen Längsschnittuntersuchung wurden serielle offene Interviews mit
Familienangehörigen im Verlauf einer Palliativbegleitung und nach dem Versterben der
betreuten Person durchgeführt. Der Feldzugang erfolgte über zwei mobile Palliativteams
in Österreich. 29 offene Interviews sowie Feldnotizen lieferten Daten für die Analyse
von 11 Fallverläufen, die mit einem fallrekonstruktiven Verfahren ausgewertet wurden.
Ergebnisse:
Häusliche Palliativversorgung ist aus der Perspektive Angehöriger ein instabiler,
schwer kalkulierbarer Prozess, in dem sechs zeitlich und dynamisch unterscheidbare
Phasen identifiziert werden konnten: krisenhafte Zuspitzung, Restabilisierung, stabil, instabil, sterben und Übergang in die Trauerphase. Die erlebte Instabilität erzeugt Unsicherheit bei Angehörigen. Ihre Strategien zielen
darauf ab, in diesem dynamischen Geschehen Kontrolle zu bewahren und handlungsfähig
zu bleiben. Angehörige übernehmen viel Verantwortung, erwerben krankheits- und behandlungsbezogenes
Expertenwissen, schaffen straffe Alltagsroutinen und halten das familiäre System in
Balance. Interventionen mobiler Palliativteams können Angehörigen helfen, handlungsfähig
zu bleiben.
Schlussfolgerung:
Angehörige sollten sowohl als KooperationspartnerInnen, als auch als KlientInnen verstanden
werden. In der Praxis und Forschung muss ihnen gezielter Aufmerksamkeit geschenkt
werden. Dringendste Aufgabe ist die Entwicklung evidenzbasierter familienorientierter
Konzepte für die Angehörigenarbeit.