Vorhofflimmern ist die in Praxis und Klinik am häufigsten diagnostizierte Herzrhythmusstörung.
Es erhöht vor allem das Risiko für thromboembolische Komplikationen. Therapiestandard
zur Prävention von Schlaganfällen bei diesen Patienten waren bislang Vitamin-K-Antagonisten.
Die neuen direkten oralen Antikoagulanzien haben ihnen gegenüber jedoch hinsichtlich
der Anwendung und Wirksamkeit entscheidende Vorteile.
Risiko Vorhofflimmern | Das Risiko für einen ischämischen Schlaganfall liegt bei Patienten mit Vorhofflimmern
um das 4- bis 5-Fache höher als bei Sinus-rhythmischen Patienten [1]. Thromboembolische Komplikationen treten bei allen Formen von Vorhofflimmern auf.
Ihre Inzidenz ist bei paroxysmalem, persistierendem und permanentem Vorhofflimmern
ähnlich [2].
Vorhofflimmern und Schlaganfall | 20–25 % aller ischämischen Schlaganfälle sind auf Vorhofflimmern zurückzuführen.
Dies verdeutlicht die enorme Bedeutung dieser Rhythmusstörung als signifikanter Risikofaktor
für kardioembolische Schlaganfälle.
Der Verlauf von Schlaganfällen, die mit Vorhofflimmern assoziiert sind, ist wesentlich
schwerer als von Schlaganfällen anderer Ursache.
Das belegen mehrere Studien:
-
Marini et al. [3]:
-
Die 30-Tage-Mortalität bei Vorhofflimmern-assoziierten Schlaganfällen betrug 33 %,
aber nur 16 % bei Schlaganfällen anderer Ursache.
-
Nach einem Jahr waren 50 % der Patienten mit Vorhofflimmern-bedingten Schlaganfällen
gestorben, aber nur 27 % derjenigen ohne Vorhofflimmern.
-
Bei den überlebenden Patienten waren die funktionellen Ausfälle nach Vorhofflimmern-assoziierten
Schlaganfällen wesentlich gravierender als nach solchen anderer Ursache
-
Dulli et al. [4]:
-
Lamassa et al. [5]
Rezidivrisiko | Bei Patienten, die bereits einen Schlaganfall oder eine TIA erlitten haben, ist das
Rezidivrisiko hoch. In einer Metaanalyse [6] fand sich eine durchschnittliche Schlaganfallsrate von 13 % pro Jahr bei Vorhofflimmern-Patienten
mit stattgehabten Schlaganfällen. Bei Patienten ohne eine solche Anamnese lag die
Rate bei 4,1 %.
Patienten mit Vorhofflimmern müssen möglichst wirkungsvoll vor thrombembolischen Ereignissen
geschützt werden – insbesondere vor Schlaganfällen.
Schlaganfallprävention mit VKA | Vitamin-K-Antagonisten (VKA), namentlich Warfarin, wurden vor über 60 Jahren zur
Prävention von tiefen Beinvenen-Thrombosen und Schlaganfällen in die Klinik eingeführt.
In den vergangenen 25 Jahren sind insgesamt 6 Placebo-kontrollierte klinische Studien
zur Prävention von thrombembolischen Ereignissen bei Patienten mit Vorhofflimmern
durchgeführt worden. In einer Metaanalyse [7] dieser Untersuchungen, die insgesamt Daten von 2900 Patienten miteinbezog, zeigte
sich:
-
Die Therapie mit Warfarin war mit einer 64 %igen Reduktion (95 %-Konfidenzintervall
[KI] 49–74 %) des Risikos für einen Schlaganfall im Vergleich zu Plazebo assoziiert.
-
Absolute Risikoreduktion: 2,9 % pro Jahr
-
Im Vergleich zu einer Plättchen-Hemmung (4876 Patienten) betrug die Risikoreduktion
zugunsten der VKA 37 % (95 %-KI 23–48 %).
Somit ist die Effektivität einer sachgerechten Antikoagulation mit VKA zu Prävention
von ischämischen Schlaganfällen bei Vorhofflimmern gut belegt.
ASS zur Schlaganfallprävention | Acetylsalicylsäure (ASS) hat – wenn überhaupt – nur eine geringe präventive Wirkung
bezüglich thrombembolischer Ereignisse bei Vorhofflimmern. In der bereits angesprochenen
Metaanalyse [7], die alle 7 dementsprechenden kontrollierten Studien mit einbezog, zeigte sich gegenüber
Placebo lediglich eine 19 % ige Risikoreduktion (95 %-KI – 1 bis 35 %) für Schlaganfälle.
Dies bestätigte auch eine randomisierte Studie an 973 Vorhofflimmern-Patienten im
Alter von über 75 Jahren – sie waren mit VKA oder ASS behandelt worden [8]. Die VKA-Therapie reduzierte Schlaganfälle im Vergleich zur ASS-Therapie hochsignifikant.
Ebenso wichtig war jedoch die Analyse der Blutungsereignisse in dieser Studie: Für
schwerwiegende Blutungen (inklusive intrakranieller Blutungen) zeigte sich kein signifikanter
Unterschied zwischen der VKA- und der ASS-Gruppe, d. h. die Thrombozyten-Aggregationshemmung
war
mit einem ähnlichen Blutungsrisiko vergesellschaftet wie eine Antikoagulation mit
VKA.
Die neuesten Therapierichtlinien zur Behandlung von Vorhofflimmern empfehlen die ASS-Therapie
nicht mehr zur Schlaganfallprävention [9].
Limitationen der Vitamin-K-Antagonisten
Wirkung | VKA hemmen die Synthese der Gerinnungsfaktoren II, VII, IX und X, und werden über
den Cytochrom-p450-Enzym-Komplex metabolisiert [10]
[11]. Aus diesem Grund existieren zahlreiche Interaktionen mit anderen Medikamenten –
nicht nur mit solchen, die das Gerinnungssystem beeinflussen. Die Effekte der VKA
hängen daneben auch ab von
Ziel-INR-Bereich eng | VKA haben ein sehr enges therapeutisches Fenster in einem INR-Bereich zwischen 2,0
und 3,0:
-
INR-Werte < 2,0: unzureichende antithrombotische Effektivität und konsekutiv erhöhtes
Risiko für einen ischämischen Schlaganfall
-
INR-Werte > 4,0: Risiko für Blutungen erhöht, insbesondere für intrakranielle Blutungen
[12]
[13].
Bei vielen Patienten erfordert eine suffiziente INR-Einstellung unter VKA-Therapie
zahlreiche Kontrolluntersuchungen – oft über lange Zeiträume. Sowohl Ärzte als auch
Patienten sind deshalb allzu oft zurückhaltend bezüglich dieser Therapiemodalität.
Daneben brechen viele Patienten eine VKA-Therapie häufig ab. Daten aus dem schwedischen
Schlaganfall-Register belegen, dass mehr als die Hälfte der Patienten nach überstandenem
Schlaganfall, die unter VKA-Therapie aus der Klinik entlassen werden, innerhalb von
nur 2 Jahren die Antikoagulationstherapie beendeten [14].
Nutzen und Risiko abwägen | Die Prävention von ischämischen Schlaganfällen bei Vorhofflimmern muss ein vernünftiges
Nutzen-Risiko-Verhältnis aufweisen. Auf der Risikoseite stehen vor allem Blutungen,
insbesondere intrakranielle Blutungen.
Während Patienten in der Regel vor allem den Schlaganfall fürchten, fürchten Ärzte
in vielen Fällen vor allem die Blutungskomplikationen.
Aus all diesen Gründen wird die Antikoagulationstherapie bei Vorhofflimmern-Patienten
noch immer zu wenig durchgeführt:
-
Bis zu 40 % der Hochrisiko-Patienten (Zustand nach TIA oder Schlaganfall) erhalten
keine Antikoagulationstherapie zur sekundären Schlaganfallprävention [15].
-
60–80 % der Behandlungsfälle (d. h. Patienten ohne Kontraindikationen für eine solche
Behandlung) erhalten eine Antikoagulationstherapie – mindestens ein Fünftel bis ein
Drittel der Patienten mit Vorhofflimmern jedoch immer noch nicht [16]
[17].
Leider gilt dies gerade auch für die Patienten mit hohem Schlaganfallrisiko. Aufgrund
der Schwierigkeiten bei der Einstellung auf eine INR zwischen 2,0 und 3,0 muss außerdem
davon ausgegangen werden, dass die meisten Patienten mit ihren INR-Werten lediglich
etwa 50–60 % der Zeit in diesem therapeutischen Bereich liegen („time in therapeutic
range, TTR“) [18]
[19].
Die Limitationen der VKA-Therapie machen die Notwendigkeit für effektivere und sicherere
Antikoagulationsmedikamente sehr deutlich.
Neue direkte orale Antikoagulanzien
Pharmakologie | In den letzten 10 Jahren sind insgesamt vier neue orale Antikoagulanzien für die
Prävention von thrombembolischen Komplikationen bei Patienten mit Vorhofflimmern entwickelt
worden. Diese hemmen dosisabhängig und selektiv entweder
-
den Faktor II, Thrombin (Dabigatran) oder
-
den Faktor Xa (Rivaroxaban, Apixaban, Edoxaban).
Wegen dieser selektiven Wirkung auf jeweils nur einen spezifischen Gerinnungsfaktor
werden diese Substanzen auch als direkte orale Antikoagulantien (DOAC) bezeichnet.
Alle Substanzen weisen neben dieser selektiven Wirkung zahlreiche andere pharmakologische
und pharmakodynamische Vorteile gegenüber den VKA auf (Tab.
[
1
]):
Tab. 1
Pharmakologie der neuen direkten oralen Antikoagulanzien im Vergleich zu den Vitamin-K-Antagonisten.
|
Apixaban
|
Dabigatran
|
Edoxaban
|
Rivaroxaban
|
Warfarin
|
|
Wirkmechanismus
|
Direkter Faktor-Xa-Inhibitor
|
Direkter Thrombin-Inhibitor
|
Direkter Faktor-Xa-Inhibitor
|
Direkter Faktor-Xa-Inhibitor
|
Inhibitor der Vitamin-K-abhängigen Faktoren
|
|
Orale Bioverfügbarkeit
|
~ 50 %
|
~ 6,5 %
|
62 %
|
80–100 %
|
> 95 %
|
|
Pro-Drug
|
Nein
|
Ja
|
Nein
|
Nein
|
Nein
|
|
Effekt von Nahrung
|
Nein
|
Nein
|
Nein
|
Ja (muss mit Nahrung genommen werden)
|
Ja (Vitamin-K-reiche Nahrungsmittel)
|
|
Renale Clearance
|
~ 27 %
|
85 %
|
49 %
|
~ 33 %
|
0
|
|
T
max
|
3–4 h
|
0.5–2 h
|
1–2 h
|
2–4 h
|
3–5 Tage
|
|
Halbwertszeit (t
1 /2
)
|
12 h
|
12–17 h
|
6–11 h
|
5–9 h (jüngere Ptn)
11–13 h (ältere)
|
40 h
|
-
kurze Halbwertszeit mit schnellem Wirkungseintritt und schnellem Abklingen der Wirkung
(im Bereich von Stunden),
-
keine Wechselwirkungen mit Nahrungsmitteln,
-
lediglich einzelne Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten sowie
-
kein regelmäßiges Monitoring der blutverdünnenden Wirkung nötig
-
bei fixen Tagesdosierungen weitgehend unabhängig vom Körpergewicht.
Aufgrund dieser Eigenschaften sind die DOAC wesentlich einfacher zu handhaben als
die VKA.
Cave DOAC werden zu unterschiedlichen Anteilen renal eliminiert. Deshalb in allen Fällen
regelmäßig die Nierenfunktion kontrollieren: mindestens jährlich, bei interkurrenten
Erkrankungen aber häufiger.
Vergleich mit VKA | Für alle DOAC liegen die Ergebnisse großer randomisierter klinischer Studien vor,
in denen sie mit Warfarin als Prototyp der VKA verglichen wurden (Tab.
[
2
]) [20]
[21]
[22]
[23]. Alle Studien verwendeten den denselben Effektivitätsendpunkt
Tab. 2
Kenndaten der großen Zulassungsstudien der direkten oralen Antikoagulantien. CrCl = Kreatinin-Clearance.
|
Studie
|
Antikoagulans
|
Einschlusskriterien
|
Vergleich
|
Primärer Endpunkt
|
Primärer Sicherheitsendpunkt
|
Ausschlusskriterium bzgl. Nierenfunktion
|
|
RELY
N = 18 113
|
Dabigatran 2 × tgl.
|
|
Warfarin
|
|
Schwere Blutung
|
CrCl < 30 ml / min
|
|
ROCKET AF
N = 14 264
|
Rivaroxaban 1 × tgl
|
|
Warfarin
|
|
Schwere Blutung
|
CrCl < 30 ml / min
|
|
ARISTOTLE
N = 18 201
|
Apixaban 2 × tgl.
|
|
Warfarin
|
|
Schwere Blutung
|
CrCl < 25 ml / min
|
|
AVERROES
N = 5599
|
Apixaban 2 × tgl.
|
|
ASS
|
|
Schwere Blutung
|
CrCl < 25 ml / min
|
|
Engage AF – TIMI 48
N = 21 105
|
Edoxaban 1 × tgl.
(Dosistitration erlaubt)
|
|
Warfarin
|
|
Schwere Blutung
|
CrCl < 30 ml / min
|
sowie denselben Sicherheitsendpunkt
Für diese Endpunkte wurden die entsprechenden Patientenzahlen in jeder einzelnen Studie
berechnet. Bei allen Studien handelt es sich um sehr große Untersuchungen – zwischen
14 000 und 21 000 Patienten wurden eingeschlossen. Somit gehört das Prinzip der direkten
oralen Antikoagulation zu den am besten untersuchten Therapieprinzipien der modernen
Kardiologie und Neurologie.
Für die Indikation Schlaganfallprävention bei nicht-valvulärem Vorhofflimmern sind
in Deutschland bislang Dabigatran, Rivaroxaban und Apixaban zugelassen.
Wirksamkeit im Vergleich zu VKA | Betrachtet man die Datenlage der 4 großen Studien, sind alle DOAC mindestens so effektiv
und sicher wie VKA, wenn nicht sogar signifikant überlegen [20]
[21]
[22]
[23]. In einer kürzlich publizierten systematischen Metaanalyse aller 4 Warfarin-kontrollierten
Zulassungsstudien der DOAC lässt sich die primäre Effektivität und Sicherheit in der
Gesamtheit der Studienpopulationen und in wichtigen spezifischen Patientenuntergruppen
beurteilen [24]. Von insgesamt 71 683 Patienten waren 42 411 mit einem DOAC und 29 272 mit Warfarin
behandelt worden.
Abb. 1 „Schlaganfall und periphere Embolie“ als primärer Effektivitätsendpunkt in der Metaanalyse
aus den großen Zulassungsstudien der direkten oralen Antikoagulanzien bei Patienten
mit nicht-valvulärem Vorhofflimmern [24].
Dieses Ergebnis ist konsistent mit den Beobachtungen der einzelnen Studien – hier
lagen die relative Risikoreduktionen zwischen 12 und 34 % Sämtliche Endpunktereignisse
in allen Studien wurden von kardiologischen und neurologischen Experten, die die jeweilige
Therapiezuteilung der Patienten nicht kannten, hinsichtlich der genauen Diagnose klassifiziert.
Wichtig ist daher, dass es vor allem hämorrhagische Schlaganfälle sind, die unter
DOAC-Therapie wesentlich seltener auftreten als unter VKA: Hier wird das Risiko um
die Hälfte reduziert (Abb.
[
2
]). Da diese speziellen Schlaganfälle mit einer hohen Mortalität assoziiert sind,
ist es absolut konsistent, dass die Gesamtsterblichkeit unter DOAC-Therapie hochsignifikant
um 10 % im Vergleich zu den VKA gesenkt werden konnte.
Abb. 2 Wichtige Effektivitäts- und Sicherheitsendpunkte in der Metaanalyse aus den großen
Zulassungsstudien der direkten oralen Antikoagulanzien bei Patienten mit nicht-valvulärem
Vorhofflimmern [24].
Sicherheit im Vergleich zu VKA | Die gefürchtetste Komplikationen jeder Antikoagulationstherapie sind schwerwiegende
Blutungen, insbesondere intrakranielle Blutungen. Vielfach wurde in der Vergangenheit
daher bei Vorhofflimmern keine Antikoagulationstherapie durchgeführt [25]
[26].
-
Die Gabe eines DOAC war im Vergleich zu Warfarin mit einer relativen Risikominderung
von 14 % für schwere Blutungen assoziiert (P = 0,06) Abb.
[
3
]
[24].
-
Die größte Risikominderung in den einzelnen Studien war für Apixaban (29 %) sowie
für Edoxaban (20 %) zu verzeichnen.
Abb. 3 „Schwerwiegende Blutungen“ als primärer Sicherheitsendpunkt in der Metaanalyse aus
den großen Zulassungsstudien der direkten oralen Antikoagulantien bei Patienten mit
nicht-valvulärem Vorhofflimmern [24].
Wichtiger als die Inzidenz aller schwerwiegenden Blutungen ist die Häufigkeit intrakranieller
Blutungen (Summe aus hämorrhagischen Schlaganfällen und subduralen Hämatomen).
Die Reduktion intrakranieller Blutungen war in den einzelnen Studien konsistent für
alle DOAC. Die einzige spezifische Blutungskomplikation, die im Mittel häufiger unter
Behandlung mit DOAC auftrat, waren gastrointestinale Blutungen. Hier scheinen jedoch
Unterschiede zwischen den einzelnen DOAC zu bestehen.
Apixaban war als einziges der neuen Medikamente nicht mit einer Zunahme gastrointestinaler
Blutungen im Vergleich zu Warfarin assoziiert.
Dies ist bei entsprechender Anamnese daher differenzialtherapeutisch von Bedeutung.
Primäre vs. sekudäre Prävention | Das höchste Risiko für Vorhofflimmern-assoziierte Schlaganfälle haben Patienten,
die bereits eine transitorisch ischämische Attacke oder einen Schlaganfall erlitten
haben. In allen DOAC-Studien wurden solche Patienten eingeschlossen. Für Dabigatran,
Rivaroxaban und Apixaban liegen bereits entsprechende Subanalysen vor [27]
[28]
[29]: Sie zeigen gerade bei sekundär-prophylaktisch behandelten Patienten eine deutliche
Überlegenheit in puncto Effektivität und Sicherheit gegenüber den VKA.
Koronare Herzkrankheit | Für Patienten, die neben dem Vorhofflimmern eine begleitende koronare Herzkrankheit
haben, liegen ebenfalls entsprechende Analyse zu Wirksamkeit und Sicherheit vor [30]
[31]
[32] – die Patienten profitieren von den neuen Medikamenten. Wie Abb.
[
2
] zeigt, ist das Risiko für einen Herzinfarkt unter DOAC-Therapie im Vergleich zu
den VKA nicht erhöht.
KHK und Plättchenhemmung | Ein ganz spezielles Problem ist bei KHK-Patienten oft die begleitende Plättchen-hemmende
Therapie (ASS, P2Y12 Hemmer). Prinzipiell muss davon ausgegangen werden, dass eine
kombinierte Behandlung mit Plättchenhemmern und oralen Antikoagulanzien die Blutungsgefahr
natürlich erhöht. Die entsprechenden Analysen z. B. für Dabigatran [30] oder Apixaban [31] zeigen aber: Auch unter kombinierter Therapie ist die Blutungshäufigkeit unter DOAC
niedriger als unter VKA. Die komplette Problematik der kombinierten Therapie bei verschiedenen
Indikationen hier abzuhandeln, würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen.
Niereninsuffizienz | Alle DOAC werden zu unterschiedlichen Anteilen renal eliminiert (Tab.
[
1
]). Für Dabigatran ist dieser Anteil am größten. Da bei vielen, gerade älteren Patienten
mit Vorhofflimmern die Nierenfunktion eingeschränkt ist, muss sie sorgfältig beachtet
werden. Aktuelle Therapierichtlinien [9] empfehlen deshalb mindestens jährliche Kontrolluntersuchungen der Nierenfunktion,
bei interkurrenten Erkrankungen durchaus auch häufiger. Für alle DOAC gibt es für
Patienten mit einer reduzierten Nierenfunktion reduzierte Dosisschemata, die auch
in den entsprechenden Zulassungsstudien überprüft wurden.
Cave Ab einer Kreatinin-Clearance von < 30 ml / min sollen jedoch keine DOACs mehr verwenden
[9].
Kardioversion | Bei vielen Patienten mit symptomatischem Vorhofflimmern wird eine elektrische oder
pharmakologische Konversion in den Sinusrhythmus angestrebt. Derartige Kardioversionen
haben ein Risiko für thrombembolische Komplikationen (1–3 % der Fälle).
Für Rivaroxaban liegt mittlerweile eine prospektive randomisierte Studie an mehr als
1500 Patienten vor, in der seine Effektivität und Sicherheit mit VKA vor und nach
Kardioversion verglichen wurde [33]. Rivaroxaban war mit dem bisherigen Therapiestandard vergleichbar. Für Dabigatran
liegt eine große Post-hoc-Analyse an 1270 Patienten aus der RE-LY Studie vor, die
ebenfalls eine dem Warfarin vergleichbare Wirksamkeit und Sicherheit zeigen konnte
[34]. Schließlich gibt es vergleichbare Daten auch für das Apixaban aus der entsprechenden
großen Zulassungsstudie [35].
Akuter Schlaganfall | Erleidet ein Patient mit Vorhofflimmern einen ischämischen Schlaganfall, so ergibt
sich die Frage nach eine Lysetherapie.
Eine orale Antikoagulation mit Vitamin-K-Antagonisten oder DOAC ist eine Kontraindikation
für eine systemische Thrombolyse mit rt-PA bei Patienten mit akutem ischämischem Insult.
Liegt bei einem mit Vitamin-K-Antagonisten behandelten Patienten die INR bei Aufnahme
unter 1,7, kann allerdings die systemische Lyse durchgeführt werden [36]. Als Point-of-care-Test steht für Patienten unter Dabigatran-Behandlung die Messung
der aPTT zur Verfügung. Ist diese normal, liegt bei Patienten mit normalen Nierenfunktionen
die letzte Einnahme von Dabigatran mehr als 24 Stunden zurück und der Patient kann
systemisch lysiert werden [37]. Einen ähnlichen Schnelltest gibt es für Apixaban und Rivaroxaban nicht. Bei Patienten
mit distalen Verschlüssen der A. carotis interna oder mit proximalen Verschlüssen
der A. cerebri media kann eine Thrombektomie mit einem Stent-Retriever auch bei wirksamer
Antikoagulation durchgeführt werden.
Wann nach Schlaganfall beginnen? | Ebenso stellt sich oft die Frage, wann nach einem Schlaganfall mit einer DOAC-Therapie
begonnen werden kann. Die European Society of Cardiology und die European Heart Rhythm
Association empfehlen Folgendes [38]:
-
Bei TIA am Tag nach der initialen Bildgebung beginnen.
-
Bei leichtem Schlaganfall und geringem morphologischem Defizit in der zerebralen Bildgebung
3 Tage abwarten.
-
Bei mittelschweren Schlaganfällen mindestens 6 Tage abwarten.
-
Bei schweren Schlaganfällen 12–14 Tage abwarten.
-
Bei mittelschweren und schweren Schlaganfällen muss vor Initiierung der oralen Antikoagulation
eine Kontroll-Bildgebung erfolgen, um eine relevante hämorrhagische Transformation
auszuschließen.
Diese Empfehlungen sind allerdings nicht Evidenz-basiert, da in den großen Studien
Patienten mit akuten Schlaganfällen ausgeschlossen waren.
Entwicklung spezifischer Antidots | Wie bereits ausgeführt, ist die Inzidenz schwerwiegender Blutungskomplikationen,
insbesondere von intrazerebralen Blutungen, unter DOAC-Therapie im Vergleich zu VKA
deutlich geringer. Darüber hinaus wurde gezeigt, dass die Prognose von Patienten,
die unter Apixaban bluteten, deutlich besser war als die von Patienten, die unter
Warfarin bluteten [39]. Derzeit werden spezifische „reversal agents“ oder Antidots gegen Thrombin-Antagonisten
bzw. gegen Faktor-Xa-Hemmer entwickelt. In experimentellen Untersuchungen sowie in
ersten klinischen Studien konnte dabei gezeigt werden, dass diese Antidots in der
Lage sind, die antikoagularorische Wirkung der entsprechenden DOAC innerhalb von wenigen
Minuten vollständig und langfristig aufzuheben. Die Verfügbarkeit derartiger Antidots
wird die Sicherheit der Therapie mit DOAC noch weiter verbessern.
Mit der Zulassung des ersten derartigen Medikaments, des spezifischen Dabigatran-Antidots
Idarucizumab [40], wird noch im Jahr 2015 gerechnet.
Konsequenz für Klinik und Praxis
-
Die Entwicklung der direkten oralen Antikoagulanzien ist einer der größten medizinischen
Fortschritte der letzten 10 Jahre.
-
Im Vergleich zu den Vitamin-K-Antagonisten sind diese Medikamente ungleich einfacher
anzuwenden und weisen eine bessere Wirksamkeit und eine höhere Sicherheit auf.
-
Insbesondere die viel geringere Häufigkeit intrakranieller Blutungen machen die DOAC
zu Medikamenten der ersten Wahl für die primäre und sekundäre Schlaganfallprävention
bei nicht-valvulärem Vorhofflimmern.
Das müssen Sie bei der Behandlung mit DOAC beachten:
-
Die Wirkung tritt schnell ein (innerhalb von Stunden)
-
Die Wirkung klingt schnell ab.
-
Aufgrund der vorhersagbaren antikoagulatorischen Wirksamkeit ist kein regelhaftes
Monitoring der Gerinnung nötig.
-
Bei der Umstellung von nieder-molekularen Heparinen (LMWH) auf DOAC erfolgt die erste
DOAC-Gabe zum Zeitpunkt der nächsten LMWH-Gabe.
-
Nach einer VKA-Therapie wird die DOAC-Therapie begonnen, wenn INR ≤ 2,0
-
Es gibt nur sehr wenige Interaktionen der DOAC mit anderen Arzneimitteln.
-
DOAC interagieren nicht mit Nahrungsmitteln.
-
Nierenfunktion unter DOAC-Therapie mindestens einmal pro Jahr kontrollieren – bei
interkurrenten Erkrankungen häufiger.