Einteilung und Abgrenzung
Einteilung und Abgrenzung
Infantile Hämangiome (IH) werden nach der aktuellen ISSVA- (International Society
for the Study of Vascular Anomalies) Klassifikation der vaskulären Anomalien zu den
gutartigen vaskulären Tumoren gerechnet [1]. Sie unterscheiden sich von ihrer Tumorbiologie als auch vom Verhalten her von anderen
gutartigen vaskulären Tumoren wie dem Granuloma pyogenicum oder der Gruppe der kongenitalen
Hämangiome. Zu letzterer gehören das non-involuting congenital hemangioma (NICH),
welches bei Geburt schon bestehend keine weitere Wachstums- oder Involutionstendenz
zeigt, und das rapidly involuting congenital hemangioma (RICH), welches bei Geburt
schon seine volle Größe entwickelt hat und eine spontane Rückbildungstendenz meist
innerhalb des ersten Lebensjahres zeigt. Molekularbiologisch findet sich, neben anderen
Markern, bei IH eine Expression des Glukosetransporter 1-Proteins (GLUT1), welches
bei kongenitalen Hämangiomen nicht vorkommt, sodass es sich hier um unterschiedliche
Entitäten handelt. Auch therapeutisch spiegelt sich dies wider, und ein Ansprechen
auf z. B. Propanolol ist ausschließlich bei IH, nicht aber bei kongenitalen Hämangiomen
zu erwarten [2]
[3]
[4]. Auf Seite der vaskulären Tumoren müssen weiterhin das Tufted angioma und das kaposiforme
Hämangioendotheliom sowie sehr seltene andere Hämangioendotheliome abgegrenzt werden
([Tab. 1]) [1]
[5].
Tab. 1
Vaskulären Anomalien (ISSVA) [1]
[4]
[17]
[34]
[35].
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Vaskuläre Anomalien
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Charakteristika
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Klinische Präsentation und Verhalten
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Vaskuläre Tumoren
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Infantiles Hämangiom
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Bei Geburt nicht vorhanden, in etwa 50 % jedoch mögliche Vorläuferläsion w > m (3 : 1)
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Aktive Wachstumsphase wenige Wochen nach Geburt bis zum 6. – 9. Lebensmonat, dann
Übergang in spontane Rückbildungsphase. Oberflächlich: rote Plaque, tiefliegend: blaue
weiche, oft in der proliferativen Phase warm tastbare Raumforderung
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RICH (rapidly involuting congenital hemangioma)
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Bei Geburt vollständig vorhanden w = m
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Livid-grauer Tumor mit oft radiärer Venenzeichnung und Teleangiektasien. Blasser Randsaum.
Spontane Rückbildung ggf. mit residualer, atropher, gefäßgezeichneter Plaque. Kardiale
Belastungssymptomatik möglich, hin und wieder mit Thrombozytopenie
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NICH (non involuting congential hemangioma)
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Bei Geburt vollständig vorhanden w = m
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Scharf begrenzter, mehrere cm großer Tumor mit hellrot-rot-blau-livider Farbe. Hypämer
Randsaum, oft auch zentral hypäme Bereiche, meist deutlich warmer Tastbefund
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Granuloma pyogenicum Eruptives Angiom
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Erworben, in jedem Alter möglich, meist aber ältere Kinder (Mittel: 6,7 Jahre) w < m (2:3)
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Erworbene Gefäßproliferation, initial meist kleine Papel, dann schnelles Wachstum
zu meist nur wenige mm großem, teils gestieltem Tumor, im Gegensatz zum infantilen Hämangiom häufige Blutungstendenz
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Tufted Angiom (TA)
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Kongenital oder erworben. Auftreten meist erste 5 Lebensjahre, damit meist später w = m
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Unterschiedlich, meist solitärer, langsam wachsender Tumor, rotbraun, indurierte,
druckempfindliche Plaque. Spontane Rückbildung (besonders bei kongenitalen TA) möglich.
Viele Ähnlichkeiten mit KHE
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Kaposiformes Hemangioendotheliom (KHE)
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Auftreten meist in den ersten Lebensjahren, nur selten kongenital w = m
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Lokal infiltratives Wachstum (langsam-schnell), solitärer ggf. druckempfindlicher
Tumor. Rot- bis dunkel-livide Plaque mit hellrotem Randsaum. Spontane Rückbildungen
selten (partiell) möglich. Oft mit thrombozytopenischer Koagulopathie (Kasabach-Merritt-Phänomen)
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Vaskuläre Malformation
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Bei Geburt vorhanden Oft langsamer Progress
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Kein erhöhter Endothelzell-Turnover. Oft aber Zunahme der Läsionen im Verlauf, teilweise
mit Entwicklung massiver Befunde. Abhängig von beteiligten Gefäßen (kapillär, venös,
arteriell, lymphatisch, kombiniert)
|
Der Zeitpunkt der Erstmanifestation (bei IH fast immer in den ersten Lebenswochen),
die Wachstumsdynamik zusammen mit der klinischen Präsentation und in unklaren Fällen
auch die histologische und immunhistologische Diagnostik ermöglichen eine gute Differenzierung
dieser Entitäten gegen die IH [6]
[7].
Vaskuläre Malformationen, in Abgrenzung zu den vaskulären Tumoren, stellen die zweite
Subgruppe der vaskulären Anomalien dar und zeichnen sich durch ein vollumfängliches
Bestehen schon bei Geburt aus, entsprechen also angeborenen Fehlbildungen. Sie haben
keine erhöhte Rate von Endothelzell-Turnover und persistieren lebenslang ohne Involution.
Auch sie sind GLUT1-negativ. Je nach Typ können hier Venen, Arterien oder lymphatische
Gefäße oder auch Kombinationen der genannten beteiligt sein. Nicht selten kommt es
– vermutlich auch aufgrund hämodynamischer und druckbedingter Einflüsse – zu einem
langsamen Progress der Läsionen, welcher, da therapeutisch oft schwierig anzugehen,
durchaus massive Ausmaße annehmen kann [1]
[8].
Epidemiologie und Pathogenese
Epidemiologie und Pathogenese
Mit einer Prävalenz von ca. 2,6 – 4,5 % sind infantile Hämangiome (IH) die häufigsten
Tumoren im Kindesalter. Mädchen sind insgesamt häufiger betroffen als Jungen [9]
[10]
[11]. Die Häufigkeit von IH bei Frühgeborenen ist nochmals deutlich erhöht, und bis zu
23 % der Frühgeborenen unter 1 kg entwickeln Hämangiome [12]. Es wird spekuliert, dass unterschiedliche pathologische Prozesse, welche zur intrauterinen
oder plazentaren Hypoxie führen, ursächlich sein können, wodurch dann ein endothelialer
Proliferationsreiz gesetzt wird. Es werden jedoch unterschiedliche Hypothesen für
die Entstehung und den speziellen Verlauf von IH mit Proliferations-, Plateau- und
Involutionsphase diskutiert. Hinweise bestehen zum einen für eine Beteiligung von
endothelialen Vorläuferzellen, welche sich in GLUT1-positive Endothelzellen differenzieren
können aber ihre Stammzelleigenschaften fakultativ behalten. Darüber hinaus könnten
intrinsische Faktoren, wie die Vermehrung angio- und vaskulogenetischer Faktoren,
z. B. ausgelöst durch passagere Gewebehypoxie, beteiligt sein. Auch eine Verschleppung
von Plazentazellen, welche ähnliche immunhistochemische Marker (z. B. GLUT1) aufweisen,
ist denkbar. Die genaue Ätiopathogenese ist jedoch noch unverstanden [6]
[13].
Klinische Präsentation von infantilen Hämangiomen
Klinische Präsentation von infantilen Hämangiomen
Typischerweise bestehen zum Zeitpunkt der Geburt infantile Hämangiome (IH) klinisch
noch nicht. In bis zu 50 % der meist in den ersten Lebenswochen entstehenden IH sind
jedoch gewisse Vorläuferläsionen als leicht anämische, zentral teleangiektatische
Makulae schon bei Geburt erkennbar ([Abb. 1]) [13]. Teilweise handelt es sich bei diesen auch um sog. abortive oder „arrested“ Hämangiome,
welche im Verlauf keine merkliche Wachstumsphase zeigen.
Abb. 1 Infantile Hämangiom-Precursor-Läsionen bei einem Neugeborenen.
In den ersten Lebenswochen kommt es bei den meisten IH zu einer raschen Proliferation
und Neubildung von Gefäßen. Die ausgeprägteste Wachstumsphase liegt meist um die 6. – 8. Lebenswoche,
und die Mehrheit aller IH erreichen 80 % ihrer Endgröße bis zum 5. Lebensmonat. Gefolgt
wird diese Phase von einer klinischen Plateauphase, in der vermutlich einzelne Hämangiomanteile
noch leicht proliferieren, während andere Anteile schon in die folgende Involutionsphase
mit der typischen Rückbildung des IH übergehen [14]
[15]. Der größte Anteil dieser Rückbildung wird meist bis zum 4. – 5. Lebensjahr (manchmal
auch erst im frühen Schulalter) erreicht.
In der anfänglichen Proliferationsphase ist die Flächenausdehnung des IH schon sehr
früh definiert und es findet folgend nur eine Dickenzunahme mit Ausbildung typischer
klinischer Befunde an der Haut statt. Diese unterscheiden sich in ihrer Präsentation
je nach Tiefenausdehnung und Lage der Gefäßproliferationen innerhalb der Kutis sowie
Subkutis: Oberflächliche IH ([Abb. 2 a]) sind in der Regel hell- bis dunkelrote, meist recht scharf abgegrenzte, im Verlauf
zunehmend erhabene bis papillomatöse Gefäßplaques. Tiefe IH zeichnen sich durch Gefäßproliferationen
in der unteren Dermis und Subkutis aus und führen zu einem meist weich und in der
Proliferationsphase warm tastbaren, oft bläulichen Tumor mit ggf. leicht gefäßinjizierter,
ansonsten unverändert erscheinender Epidermis ([Abb. 2 c]). Bei Beteiligung oberflächlicher und tiefer Anteile spricht man von gemischtförmigen
(mixed type) IH ([Abb. 2 b]).
Abb. 2 Lokalisierte infantile Hämangiome: a oberflächlich; b oberflächlich und tiefer Anteil – mixed type; c tiefliegendes infantiles Hämangiom.
Oberflächliche Anteile der IH treten zeitlich oft etwas früher auf und zeichnen sich
auch durch eine meist raschere Rückbildung im Vergleich zu tiefen Anteilen der IH
aus [15].
IH werden zusätzlich nach ihrer anatomischen Lokalisation und Ausdehnung klassifiziert:
-
die häufiger vorkommenden lokalisierten infantilen Hämangiome ([Abb. 2 a – c]) und
-
die deutlich großflächigeren segmentalen infantilen Hämangiome ([Abb. 3 a, b])
Abb. 3 Segmentales infantiles Hämangiom: a frontotemporoparietal bei einem Kind mit PHACES-Syndrom; b am Bein eines 7 Wochen alten Säuglings.
Diese Unterscheidung ist insofern wichtig, als dass segmentale IH eine deutlich erhöhte
Komplikationsrate aufweisen und gerade bei Lokalisationen im Gesichts-/Halsbereich
([Abb. 3 a]), aber auch im Lumbosakralbereich mit zusätzlichen Fehlbildungen assoziiert als
Fehlbildungssyndrome vorkommen können ([Tab. 2]). Segmentale IH in diesen Lokalisationen bedürfen einer erweiterten Diagnostik,
um Komplikationen frühzeitig und vor einer in der Regel notwendigen Therapieeinleitung
zu erkennen und zu behandeln [5]
[7]
[16]
[17].
Tab. 2
Segmentale Hämangiome: Assoziierte Fehlbildungen und Abklärung [17]
[36]
[37]
[38]
[39]
[40]
[41].
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Lokalisation
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Assoziierte Fehlbildungen oder Komplikationen
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Maßnahmen
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Alle Lokalisationen
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Erhöhtes Ulzerationsrisiko (vor allem jedoch Gesicht, Hals und lumbosakral) Oft längere Proliferationsphase
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Niedrigschwellig Einleitung einer Systemtherapie
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Kopf-Hals (Schulter)
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P osterior fossa brain abnormalities (Anomalien der hinteren Schädelgruben)
H ämangiom: großes Segment an Kopf und Hals
A rterielle Blutgefäße: Gehirnanomalien
C ardiac and aortic arch anomalies (Anomalien Herz und große Gefäße)
E yes anomalies (Augenanomalien)
S ternal pit (Sternales Grübchen)
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MRT Schädel und Hals mit Gefäßdarstellung, Echokardiografie Ggf. AugenfacharztVorsichtigere Therapieeinleitung stationär
|
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Bart-Bereich (mandibulär – anteriorer Hals)
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Risiko für Atemwegshämangiome
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Ggf. MRT/Laryngoskopie Frühe Therapieeinleitung
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Lumbo-sakrale Lage
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Unterschiedliche Akronyme existieren für assoziierte Fehlbildungen: Dysraphie bis
Lipo-Meningo-Myeolozele, urogenitale und anale Anomalien, Hautanhängsel, Gefäßfehlbildungen,
ggf. knöcherne Fehlbildungen
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Vollständige körperliche Untersuchung: insbes. Anogenitalbereich Bildgebung Wirbelsäule und Urogenitalorgane (Sonografie, ggf. MRT)
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L ower body hemangioma
U rogenital anomalies
M yelopathy
B ony deformities
A norectal/Arterial anomalies
R enal anomalies
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S pinal dysraphism
A nogenital anomalies
C utaneous anomalies
R enal and urologic anomalies
A ngioma of
L umbosacral area
|
P erineales Hämangiom
E xterne genitale Fehlbildung
L ipo-meningo-myelocele
V esicorenale Fehlbildung
I mperforate anus (Analatresie)
S kintags (Hautanhängsel)
|
Besondere Obacht ist auch bei Auftreten vieler IH an der Haut geboten. Wir sprechen
hier ab 5 bzw. 10 Hämangiomen von sog. multifokalen Hämangiomen oder Hämangiomatosen.
Bei diesen besteht ein erhöhtes Risiko für das zeitgleiche Vorliegen viszeraler, vor
allem Leberhämangiome, welche nicht selten eine hämodynamische Relevanz haben können.
Darüber hinaus können auch Lunge oder Gehirn beteiligt sein. Eine sorgfältige Untersuchung
mit zusätzlicher abdomineller und kranialer Ultraschall- und Doppler-Ultraschall-Untersuchung
ist daher bei Kindern mit mehr als 5 – 10 Hämangiomen indiziert [7]
[18]. Differenzialdiagnostisch muss eine Abgrenzung zur seltenen diffusen Lymphangioendotheliomatose
(Risiko für disseminierte intravasale Koagulopathie, GLUT1-negativ) bedacht werden.
Komplikationen und Diagnostik
Komplikationen und Diagnostik
Der Großteil der infantilen Hämangiome (IH), insbesondere der lokalisierten IH im
Stamm- und Extremitätenbereich, bedarf in der Regel keiner Behandlung. Ziel ist jedoch
die frühzeitige Erkennung und Therapieeinleitung von komplikationsauslösenden oder
komplikationsverdächtigen IH. Ca. 10 – 24 % der IH führen zu Komplikationen; unter
diesen sind IH im Gesicht- und Lumbosakralgebiet sowie IH vom segmentalen Typ überproportional
vertreten [7]
[16].
Ulzerationen: Die häufigste Komplikation bei IH ist das Auftreten meist sehr schmerzhafter Ulzerationen,
welche vor allem bei schnell wachsenden IH und besonders bei segmentalen und flächigen
IH mit Lokalisation an der Lippe, Gesicht und Hals und im intertriginösen und Genitalbereich
auftreten ([Abb. 4]) [16]
[19].
Abb. 4 Ulzeriertes infantiles Hämangiom perianal.
Funktionelle Schäden: IH im Gesicht können unabhängig vom morphologischen Subtyp auch als lokalisierte
Hämangiome z. B. aufgrund ihrer Lage nahe wichtiger funktioneller Strukturen zu Komplikationen
führen. Z. B.:
-
Auge: Amblyopie, Astigmatismus
-
Nase und Ohr: Knorpeldestruktionen und anatomische Distorsion
-
Lippen: Anatomische Distorsion und Ulzerationen
Residualläsionen: Schnell wachsende IH im zentrofazialen Bereich bergen darüber hinaus das Risiko bleibender,
kosmetisch störender und stigmatisierender Residualläsionen. Gewisse Residuen (Teleangiektasien,
laxe Haut, Erythem, Narbe oder residuales Fettgewebe) nach abgeschlossener Rückbildungsphase
kommen bei über der Hälfte aller IH vor ([Abb. 5 a – c]) [20].
Abb. 5 Infantiles Hämangiom: a im ersten Lebensjahr (Plateau); b nach Involution mit residualen Teleangiektasien und Überdehnung der Haut; c residuale Narbe nach partieller Involution eines infantilen Hämangioms am Stamm.
Atemwegshämangiome: Eine besonders gravierende Komplikation bei IH sind Proliferationen im Bereich der
Atemwegsschleimhaut. Klinisch sind nicht selten zeitgleich segmentale Hämangiomanteile
mandibulär bis anteriorer Hals (Bartbereich) sichtbar. Diese sollten bei Erstvorstellung
auch ohne das Vorliegen einer Atemwegssymptomatik (z. B. progressiver biphasischer,
inspiratorischer und exspiratorischer Stridor) Anlass zu einer zusätzlichen Abklärung
möglicherweise vorliegender Atemwegsbeteiligung sein und meist umgehend einer Systemtherapie
zugeführt werden [5]
[21].
Systemkreislauf und Stoffwechsel: Sehr große IH bergen das Risiko einer kardialen Überlastung als Resultat der über
das Hämangiom hohen geshunteten Blutmenge.
Im Hämangiomgewebe können relevante Mengen der Typ3-Deiodinidase, welche die aktiven
Schilddrüsenhormone T3 und T4 in inaktive Metaboliten abbaut, produziert werden. Mit
dem Ausmaß des vorhandenen infantilen Hämangiomgewebes (sehr große IH und Hämangiomatosen)
steigt damit auch das Risiko für die Entwicklung einer sekundären (Verbrauchs-)Hypothyreose.
Die Bestimmung von TSH initial und im Verlauf der Therapie sollte daher für diese
Fälle in der Diagnostik ergänzt werden [7]
[22].
Eine zusätzliche bildgebende Untersuchung von IH ist bei kleinen lokalisierten oder
flachen Befunden in aller Regel nicht notwendig. Die Tiefenausdehnung und das typische
high-flow vaskuläre Muster können gut im Doppler-Ultraschall mittels hochauflösender
Linearköpfe beurteilt werden.
Zusätzliche Untersuchungen sind bei V. a. viszerale Hämangiome (Hämangiomatosen) sowie
bei Hämangiomen in besonderen Lokalisationen, z. B. bei V. a. Beteiligung der Orbita
mit unklarer Tiefenausdehnung (MRT), sinnvoll. Die o. g. mit segmentalen IH assoziierten
Fehlbildungen und zur Abklärung empfohlenen Untersuchungen sind in [Tab. 2] zusammengefasst.
Therapeutisches und klinisches Vorgehen nach Diagnosestellung
Therapeutisches und klinisches Vorgehen nach Diagnosestellung
Ziel der klinischen Untersuchung und Verlaufsuntersuchung ist zunächst die eindeutige
Diagnosestellung und Einordnung des Befundes als infantiles Hämangiom (IH). Typische
Marker, neben dem klinischen Befund, sind hier ein:
Aufgrund des nicht linearen Wachstumverhaltens IH ([Abb. 6 a, b]) empfiehlt sich gerade am Anfang ein sehr engmaschiger Kontrollabstand. Als Regel
kann hier gelten: Kontrollabstand in Wochen = Alter des Kindes in vollendeten Lebensmonaten. Immer sollte eine Fotodokumentation des Initialbefundes für einen optimalen Vergleich
im Verlauf erfolgen. Bei IH mit tiefen Anteilen empfiehlt sich die zusätzliche Ausmessung
mittels Ultraschall.
Abb. 6 Spontanverlauf eines infantilen Hämangioms der Lippe: a im Alter von 1 Monat; b mit massivem Progress bis zum Alter von 4 Monaten.
Der Großteil der IH ist unkompliziert, und ein rein beobachtendes Vorgehen ist ausreichend
und angemessen.
Entwickeln sich IH jedoch in Richtung drohender oder schon präsenter Komplikationen
oder sind bleibende, möglicherweise stigmatisierende kosmetische Beeinträchtigungen
zu erwarten, ist die Initiierung einer Therapie sinnvoll. Je nach Lokalisation und
Anamnese kann im Einzelfall, besonders bei Befall von Problemlokalisationen wie Auge,
Lippe, Nase, Anogenitalregion und eindeutigen Hinweisen für eine Wachstumstendenz
oder bei bereits funktionell einschränkenden IH, eine umgehende Therapie sinnvoll
sein [7].
Kleine, sehr oberflächliche und flache IH können gerade in der Frühphase oft mit topischen
Verfahren wie der Kryotherapie behandelt werden. Bei Kryotherapieverfahren werden
in Deutschland vornehmlich Elektrokryotherapien mit einer konstanten Kühlung von – 32 °C
eingesetzt, mit welcher kleine IH bis 1 cm Durchmesser und maximal 4 mm Dicke oft
gut behandelt werden können ([Abb. 7 a, b]). Nebenwirkungen wie Hypopigmentierungen oder lokale Narbenbildungen sind bei sachgerechtem
Einsatz (auf die Säuglingshaut angepasste Therapiezeiten) und unter Verwendung von
Elektrokühlung (im Gegensatz zur Stickstoff-Kryotherapie) ([Abb. 7 c]) extrem selten und werden gut toleriert [7]
[23].
Abb. 7 Lokalisiertes oberflächliches infantiles Hämangiom perigenital: a vor Elektro-Kryotherapie; b wenige Wochen nach Elektro-Kryotherapie. c Vernarbung nach Behandlung eines infantilen Hämangioms am Thorax mittels Stickstoff-Kryotherapie.
Einsatzgebiet von Lasertherapieverfahren ist neben Spezialindikationen in der Akuttherapie
der IH häufiger die spätere Behandlung eventuell persistierender Residualläsionen
wie Teleangiektasien. Bei sehr oberflächlichen (max. 1 – 2 mm flachen), kleinflächigen
IH kann in speziellen Fällen eine Lokaltherapie mittels blitzlampengepulsten Farbstofflasers
erfolgen. Für dieses Verfahren ist in der Regel eine Oberflächenanästhesie mit topischem
Anästhetikum ausreichend [7].
Die medikamentöse Therapie für IH beinhaltet sowohl topische als auch systemische
Therapiemaßnahmen, wobei für die topische Anwendung noch keine für diese Indikation
zugelassenen und evaluierten Präparate zur Verfügung stehen.
Bis 2008 standen gerade für komplizierte, schnell proliferierende IH nur beschränkte
Optionen mit oft sehr ungünstigem Nebenwirkungsprofil, wie systemische Steroide, Interferone
oder Vincristin, zur Verfügung.
Die systemische Behandlung der IH hat sich 2007/8 mit der Entdeckung der Wirksamkeit
des Betablockers Propranolol innerhalb von Monaten (und noch lange vor Indikations-Zulassung
des Präparates 2014 in Deutschland) weltweit revolutioniert. Heute stellen systemische
Betablocker die Erstlinientherapie für komplizierte IH dar [5]
[6]
[7]
[24]
[25].
Viele proliferierende IH mit Lage im zentrofazialen oder anogenitalen Bereich sowie
segmentale IH bedürfen einer frühzeitigen Systemtherapie. Fakultativ gilt dies auch
für IH der Brust und des Dekolletés sowie für sehr großflächige IH. Die Behandlung
erfolgt hier mit Propranolol-Saft und sollte nur durch ein in dieser Therapie erfahrenes
Zentrum eingeleitet werden [7].
Die Wirksamkeit dieses nicht selektiven lipophilen Betablockers auf das Proliferationsverhalten
der IH ist fast immer dramatisch und es kommt zu klinisch sichtbaren Rückbildungen
oft innerhalb der ersten Behandlungstage.
Mit der Zulassungsstudie von Propranolol für den Einsatz bei IH wird eine Dosierung
von 3 mg/kg/d (aufgeteilt auf 2 Einzeldosen) empfohlen. Viele Zentren behandeln jedoch
aufgrund traditioneller Erfahrungen aus der Vor-Zulassungs-Ära noch mit etwas niedrigeren
Dosen. Eine Zulassung besteht für Patienten im Alter von 5 Lebenswochen (bei Frühgeborenen
korrigiertes Alter) bis 5 Lebensmonaten (Therapiestart und folgend 6 Monate Therapiedauer)
[26].
Ohne Hinweise auf individuelle oder familiäre Risikofaktoren für kardiale Erkrankungen
ist als Basisdiagnostik vor Therapieeinleitung neben der klinischen Untersuchung ein
EKG meist ausreichend. Die Einleitung erfolgt dann unter jeweils mehrstündiger Überwachung
von Puls, Blutdruck und Blutzucker in 3 Schritten mit wöchentlicher Steigerung der
Dosis von 1 mg/kg/d bis auf 3 mg/kg/d. Schnellere Einleitungen können off label im stationären Setting erfolgen.
Bei Kindern mit Hinweisen für kardiale Auffälligkeiten oder schon bestehenden Beeinträchtigungen
sollte vorab eine ausführliche kinderkardiologische Beurteilung erfolgen.
Auch Kinder mit großen segmentalen IH im Kopf-, Hals- (und Schulter)-Bereich ([Abb. 3 b]) müssen immer und vor Therapieeinleitung eine vollständige kardiale Untersuchung und zusätzlich eine weitere
Gefäßbildgebung der Hals- und intrakranialen Gefäße erhalten (MRT mit Gefäßdarstellung).
Durch das mögliche Vorliegen zusätzlicher Gefäßanomalien z. B. im Rahmen eines assoziierten
PHACES-Syndroms ([Tab. 2]) kann bei rascher Einleitung der Betablockertherapie das Risiko von zerebralen Ischämien
erhöht werden. Die Risikoeinschätzung vor Therapiestart, ggf. unter Einbezug eines
Kinderneurologen, und eine vorsichtige Therapieeinleitung stationär, über mehrere
Tage auf zunächst max. 2 mg/kg/d in 3 Einzeldosen, werden empfohlen [7]
[27].
Allgemein unter Therapie mit Propranolol zu beachtende unerwünschte Wirkungen sind
ein gewisses Hypoglykämierisiko, weshalb Propranolol nie ohne Nahrung verabreicht
werden darf und ggf. im Falle einer eingeschränkten Nahrungsaufnahme, z. B. während
gastrointestinaler Infekte, pausiert werden sollte. Wiederholt werden darüber hinaus
Schlafstörungen sowie eine Akrozyanose oder kühle periphere Extremitäten beobachtet,
welche in der Regel aber nicht zu Therapieeinschränkungen führen. Ausführliche unerwünschte
Wirkungen und Gegenanzeigen sollten der Fachinformation in der jeweils gültigen Fassung
entnommen werden [26]. Nicht zentralnervensystemgängige Betablocker wie Nadolol, welche in kleinen Fallstudien
eine ähnliche Wirksamkeit wie Propranolol zeigen, können ggf. in Zukunft helfen, gewisse
Nebenwirkungen der Systemtherapie, vor allem die häufig berichteten Schlafstörungen,
zu reduzieren [28]
[29].
Mehr und mehr setzen sich in den letzten Jahren topische Therapiemaßnahmen mit Betablockern
für bestimmte Indikationen durch: Vor allem für potenziell komplikationsträchtige
IH wie möglicherweise kosmetisch stigmatisierende IH, welche eine Wachstumstendenz
aufweisen aber noch flach und unkompliziert sind, z. B. in seitlicher Gesichtslokalisation, oder für
nicht ulzerierte, flächige IH im Ano-Genitalbereich. Topische Therapieeinleitungen
sollten zum aktuellen Zeitpunkt aber noch spezialisierten Zentren vorbehalten sein,
da ausreichende klinische Studien, insbesondere Sicherheitsstudien, als auch zugelassene
topische Präparate für diese Therapien im Kindesalter noch nicht vorliegen. Erste
randomisierte Studien lassen aber hoffen, dass wir in den nächsten Jahren hier breiter
einsetzbare therapeutische Optionen für behandlungsbedürftige und topisch behandelbare
IH bekommen werden [30]
[31]
[32]
[33].
Schlussfolgerungen für die Praxis
Schlussfolgerungen für die Praxis
Infantile Hämangiome (IH) sind gutartige vaskuläre Tumoren, welche sich typischerweise
in den ersten Lebenswochen als Gefäßmakula erstmals präsentieren und dann oft sehr
rasch an Größe zunehmen. Die maximale Ausdehnung eines IH ist oft schon im Alter von
(3 –)5 Monaten weitgehend erreicht. Gerade in Problemlokalisationen wie Gesicht, Hals,
Anogenital- und Lumbosakralbereich sind Komplikationen häufig und insgesamt bestehen
auch trotz der typischen spontanen Rückbildung bei über der Hälfte der IH gewisse
Residualläsionen. Eine frühzeitige Vorstellung bei einem erfahrenen Zentrum, vorzugsweise
schon im Alter von ca. 4 Wochen und besonders bei aktiv wachsenden IH, wäre daher
anzustreben, um die Versorgung betroffener Kinder zu optimieren. Mit lokalen oder
systemischen Therapiemaßnahmen sind ungünstige Verläufe so meist zu vermeiden.