ZKH 2016; 60(02): 64-71
DOI: 10.1055/s-0042-106508
Wissen
© Karl F. Haug Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG

Erfahrungen mit der Homöopathie bei akuten Harnwegsinfekten bei Frauen

Klaus Holzapfel
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Dr. med. Klaus Holzapfel
Blumenstr. 22
73760 Ostfildern

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Publikationsdatum:
17. Juni 2016 (online)

 

Zusammenfassung

Harnwegsinfekte erscheinen oft als einseitige Krankheiten und sind daher homöopathisch schwierig zu behandeln. Es werden wichtige Rubriken aufgezeigt und einige Arzneien, die häufige Symptome dieser Krankheitsform aufweisen, untersucht. Es wird ein Mittelpool erstellt, der den häufigsten Charakteristika homöopathisch angemessen ist. Einige Kasuistiken folgen als Beispiele.


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Summary

Bladder inflammations often impose as one-sided diseases and thence seem difficult to treat homoeopathically. Important rubrics are shown and some remedies with the more frequent symptoms of this class of disease are examined. A pool of remedies with the most frequent symptoms is established. Some cases are presented as examples.


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Nur Cantharis und Sarsaparilla?

Akute Harnwegsinfektionen scheinen in der sich klassisch nennenden Homöopathie eher ein Schattendasein zu fristen. So fand ich bei Durchsicht meiner Mitschriebe eines C-Kurses Anfang der 90er Jahre die Notiz: „Psoriasis, akute Cystitis, akuter Heuschnupfen, Tinnitus: homöopathisch kaum zu behandeln.“ Das Problem schien dem Referenten darin zu liegen, dass bei diesen Krankheitsbildern oft die wahlanzeigenden Symptome fehlen, es sich somit um einseitige Krankheiten handelte. So warnte er auch davor, das Brennen in der Harnröhre, eher ein Pathognomonikum, allzu hoch zu werten.

Immer wieder war auf Seminaren zu hören, dass Kollegen bei Blasenentzündungen eher nur auf zwei Arzneien zurückgreifen: An erster Stelle scheint Cantharis zu stehen, an zweiter Sarsaparilla; letztere v. a., wenn die Beschwerden am Ende des Harnens am stärksten auftreten. Nun hat aber auch Cantharis diese Modalität in seiner Symptomenreihe. Auch in meiner Praxis bin ich lange Jahre nicht über diese beiden Arzneien hinausgekommen; mit eher entmutigenden Resultaten, wobei ich mit Sarsaparilla noch bessere Erfahrungen gemacht habe als mit Cantharis.


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Ein Arzneimittelpool für „pathognomonische“ Fälle

Lokalisation und Erstreckung

Als ich vor einigen Jahren eine Akutanamnese eines Harnwegsinfektes erhob, versuchte ich die eher spärliche Symptomatik so genau wie möglich zu eruieren nach ORT – EMPFINDUNG – MODALITÄT. Die Patientin hatte ein Brennen in der Harnröhre am Ende des Wasserlassens angegeben, und bei genauerem Nachfragen ergab sich, dass dieses Brennen an der Harnröhrenmündung saß und von dort in die Blase ausstrahlte.

Dies war nun eine sehr exakte Ortsangabe, die ich im Repertorium nachschlug. In Synthesis Edition 9.1 [SYN][ 1 ] gibt es unter „Urethra, pain, meatus, extending backward“ [SYN 1063] nur 2 Arzneien: Cannabis sativa und Thuja, letzteres als Nachtrag von C. M. Boger aus seinen Additions to Kent’s Repertory, die er im Homoeopathic Recorder 1931/32 veröffentlicht hat [BAK]. Beim Nachschlagen in diesem Werk findet sich eine Rubrik „Urethra, Pain backward along“ mit immerhin 15 Arzneien [BAK 64]. Diese Rubrik ist auch im Synthesis 9.1 nachgetragen, doch hier hat man Cannabis sativa und Scilla maritima übersehen bzw. vergessen [SYN 1061]. Bei den Erstreckungen findet man in Synthesis 9.1 aber auch: „Extending to: Abdomen [SYN 1061]; to Anus [SYN 1061]; to Bladder [SYN 1061]; to Hypogastrium“ [SYN 1062], was ebenfalls Ausstrahlungen nach rückwärts entspricht. Dieser Patientin konnte ich seinerzeit mit Cannabis sativa helfen; der Fall ist weiter unten geschildert.

Nachfolgend sind alle Rubriken zur Harnröhre mit der charakteristischen Erstreckung nach rückwärts aufgelistet sowie anschließend die darin enthaltenen Arzneien:

  • Urethra, Pain, extending backward along (SYN 1061)

  • Urethra, Pain, extending to Abdomen (SYN 1061)

  • Urethra, Pain, extending to Anus (SYN 1061)

  • Urethra, Pain, extending to Bladder (SYN 1061)

  • Urethra, Pain, extending to Hypogastrium (SYN 1062)

  • Urethra, Pain, Meatus, extending backward (SYN 1063)

(Das Repertorium Universale gibt noch eine weitere Rubrik an:

  • Urethra, Pain, extending to perineum during urination: Lyc, Sep. (RU 1564),

mit der Referenz „Repertorium von Oscar Boericke“. Diese Rubrik konnte ich dort aber nicht finden, auch keinen Nachweis für diese Erstreckung in der Materia medica, s. u.)

Erstreckung nach rückwärts, Arzneien: Alum1, Arg-n, Berb, Cann-s, Caps, Con2, Fl-ac, Lyc3, Merc4, Merc-c, Nux-v, Ph-ac5, Phos, Plan, Psor, Sars6, Squil, Sulph1, Sumb, Thuj, Zinc.

1 = in den Unterbauch; 2 = im Repertorium nicht erwähnt; 3 = in die Blase; 4 = ins Abdomen; 5 = in den Anus; 6 = im Repertorium nicht erwähnt; gehört in die Rubrik „ins Abdomen“ und kann dort nachgetragen werden, s. Materia-medica-Vergleich.

Diese Einträge werden anhand der Materia medica überprüft ([Tab. 1]). Hierzu bediene ich mich des Heilmittelarchivs von Armin Seideneder [HA]. In Klammern die Seitenzahl im HA, in eckigen Klammern die Abkürzungen der Quellen.

Tab. 1: Fundstellen in Armin Seideneders „Heilmittelarchiv“ zu Schmerzen in der Harnröhre mit der Erstreckung nach rückwärts.

Arzneimittel

Symptombeschreibungen

Alumina

„Reißende, zuckende Stiche in der Harnröhre, den Unterbauch hinauf, beim Gehen im Freien.“ (495) [CK]

Argentum nitricum

„Urethra vom Meatus bis zur Blase heiß und brennend; < am Meatus und hinter dem Skrotum.“ (1155) [CMM]

„Schneiden hinten in der Harnröhre bis in den After, beim Ejakulieren des Urins (des letzten Tropfens).“ (155) [ÖZH]

Berberis vulgaris

„Empfindlicher stechender Schmerz in der Harnröhre, bis in die Blase.“ (2145) [JAL]

„Schründender Schmerz in der Harnröhre und der Eichel, vorzüglich vorn und auf einer oder der anderen Seite, oder auch bis in die Blase, oft lange anhaltend und wiederkehrend (die Harnröhrenschmerzen werden durch Bewegung erweckt und verschlimmert).“ (2145) [JAL]

„Schründend beißender Schmerz in der Harnröhre, oft mit dem Gefühl des Wundseins, mehr außer der Zeit des Harnlassens, bald vorübergehend, bald anhaltend, vorzüglich im vorderen Teile, bisweilen sich aber auch hinterwärts bis in die Blase oder den Matsdarm fortsetzende, öfter auf der einen Seite mehr, als auf der anderen.“ (2144) [JAL]

„Brennen in der Harnröhre, bald und gewöhnlich mehr vorn, bald auch mehr hinterwärts oder der ganzen Länge derselben, noch oft stundenlang anhaltend, meistenteils mehr seitlich, mehr außer der Zeit des Urinierens, doch auch dabei und gleich nachher.“ (2145) [JAL]

Cannabis sativa

„Während des Harnens von der Eichel bis hinter, ein anfangs brennender und nach dem Harnlassen beißender Schmerz. (2906) [RA]

„Während des Harnens brennend beißender Schmerz von der Harnröhrenmündung nach rückwärts entlang der Harnröhre aus, hinten mehr stechend.“ (2906) [RA]

Cantharis

„Große Stiche von der Harnröhrenmündung bis zum After, abends und nachts.“ (2948) [ACS]

„Schmerzhafter Abgang weniger Tropfen blutigen Harns, verursacht sehr heftigen, scharfen Schmerz, als würde ein rotglühendes Eisen die Urethra entlang geführt; dieser Schmerz wurde am deutlichsten im membranösen Teil der Harnröhre und im Meatus gespürt.“ (2948) [GS]

„Heftige Schmerzen im Perineum längs der Urethra bis in die Testikel, welche hinaufgezogen sind; unerträglich brennende Schmerzen in der Blase; heftiges erfolgloses Drängen zum Urinieren mit tropfenweiser Absonderung eines gesättigten, dunklen Urins; stechende und brennende Schmerzen in der Blasengegend vor und nach dem Harnen; Abdomen ausgedehnt und schmerzhaft bei Berührung, besonders in der Blasengegend; Erbrechen und Nausea; großer Durst, aber das Trinken und selbst der Anblick des Wassers veranlaßt die Pein.“ (2944) [AHZ (Lilienthal)]

Capsicum annuum

„Außer dem Urinieren, ein schneidender Schmerz in der Harnröhre, rückwärts.“ (2984) [RA]

Conium maculatum

„Zuckende Stiche in die Harnröhre hinter“ (4238) [CK]

Fluoricum acidum

Kein Nachweis im Heilmittelarchiv. Dafür findet sich im Synoptic Key von Boger, und zwar schon in der ersten Auflage, in der Synopsis: „Upward drawing in urethra.“ (SKI, 127)

Lycopodium

„Scharfes Schneiden vom hinteren Ende der Harnröhre schief bis in den Bauch hinauf.“ (7042) [CK]

„Nach dem Harnen, äußerst schmerzhaftes Brennen und Zusammenziehen längs der Harnröhre, bis in die Blase sich erstreckend.“ (7042) [AHZ]

Mercurius solubilis

„Stiche in der Harnröhre nach dem Unterleib zu, gegen Abend.“ (7630) [RA]

Mercurius corrosivus

„An der Mündung der Harnröhre heftiges Jucken, das beim Harnen in Beißen überging; nebstdem einige Stiche durch die ganze Harnröhre; 12. Tag.“ (7522) [AHZ]

„Harnröhrentripper, anfangs dünn, dann dicker, zuletzt beißend beim Harnlassen und Stiche durch die Harnröhre hin.“ (7523) [RA]

Nux vomica

„Juckender Stich vorne in der Harnröhre, der nach hinten ging.“ (8421) [RA]

Phosphoricum acidum

„Ziehen in der Harnröhre, bis an den After hin.“ (8840) [CK]

Phosphorus

„Schnelles Hin- und Herziehen in der Harnröhre bis zur Blase, mit zusammenziehender Empfindung. (nach 10 Tagen)“ (8953) [CK]

Plantago major

„Plötzliches, zuckendes, nach oben ziehendes Stechen in der Harnröhre im Sitzen.“ (9115) [HNR]

Psorinum

„Stechen in der Harnröhre, von der Harnröhrenmündung nach innen (den 2. Tag)“ (9339) [ACS]

Sarsaparilla

„Nach dem Abgang des Harns, brennender und juckend reißender Schmerz von der Eichel bis zur Wurzel des Penis.“ (10075) [CK]

„Starker Schmerz, gerade wenn der Urin zu fließen aufhört; heftiger Schmerz in der Harnröhre, der sich zuweilen in den Bauch zieht.“ (10075) [AHZ]

Scilla maritima

„Stechen an der Mündung der Harnröhre und etwas weiter zurück (nach 2¼ Stunden).“ (10605) [RA]

Sulfur

„Stiche oder Schnitte in der Harnröhre und im Unterbauch.“ (10982) [CK]

„Öfters wiederkehrende Stiche in der Harnröhre, die sich oft bis zum Schambogen erstrecken.“ (10982) [AHZ]

„Beim Harnen ein heftiger Stich durch die Harnröhre über den Schambogen hinauf.“ (10982) [AHZ]

Sumbulus moschatus

„Stiche etwa einen Zentimeter die Harnröhre nach oben, morgens.“ (11100) [EN]

Thuja occidentalis

„Sehr empfindliche Stiche von der Harnröhre bis in den After.“ (11425) [ÖZH]

„Gegen Mittag fuhr beim Gehen im Freien ein plötzlicher, flüchtiger Stich durch die Harnröhre, der vom Bulbus ausging, bis ungefähr in die Mitte der Harnröhre drang und so heftig war, daß er sich automatisch vorwärts beugen mußte.“ (11425) [ÖZH]

Zincum metallicum

„Ein würgender Stich in der Harnröhre, blitzschnell von vorne nach ganz hinten (nach 2 Tagen).“ (11977) [CK]

Seit dieser Anamnese habe ich alle Patienten, in der Regel weibliche, nach dem genauen Ort gefragt und in den meisten Fällen (ich führe allerdings keine Statistiken) eben diese Ortsangabe bekommen, nämlich Schmerzen, die im Meatus urethrae oder im vorderen Teil der Harnröhre beginnen und nach rückwärts in die Blase oder in den Unterbach ausstrahlen.


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Modalität

Ebenso habe ich in den meisten Fällen von Blasenentzündungen die Modalität erhalten: < am Ende des Harnens bzw. bei den letzten Tropfen. Das führt nun zum nächsten Problem bei der Mittelfindung für diese Krankheitsgattung: Diese Modalität ist nämlich im Kent und in den darauf aufbauenden Repertorien an vielen Stellen zu finden, die Rubriken enthalten oft nur wenige Arzneien, und bei der Repertorisation deckt dann kein Mittel mehr alle Rubriken ab. Zunächst bedeutet aber diese Häufigkeit des Auftretens der Modalität, dass es sich hier wohl, zusammen mit der Lokalisation, um pathognomonische Symptome handelt – wohlgemerkt, bei meinem Patientengut. Aber da ich, ohnehin mehr an Bönninghausen und Boger orientiert, weniger Vorbehalte gegenüber Pathognomonika habe als Kollegen, die sich mehr an Kent orientieren, habe ich diese beiden Symptomkomponenten – Ort mit Erstreckung und Modalität – als das sich Durchziehende sozusagen für die Harnweginsfekte verallgemeinert und mir einen Mittelpool für dieses Syndrom erstellt:

„Schmerzen in der Harnröhre oder ihrer Mündung, ausstrahlend nach rückwärts, < zum Ende des Harnens“

Hierzu war es erforderlich, zunächst alle Bezeichnungen für die Harnröhrenmündung oder ihren gefühlten Ort zusammenzuschreiben. Die folgende Aufzählung umfasst alle Lokalisationen, die diesem Ort – dem vorderen Teil der Harnröhre – zugeschrieben werden können:

  • Urethra, Meatus

  • Urethra, Anterior part

  • Urethra, Fossa navicularis,

  • Urethra, Glandular portion

  • Male Genitalia, Penis, Glans

  • Male Genitalia, Penis, Tip

Sucht man nun alle Rubriken heraus, die Schmerzen an der Harnröhrenmündung mit Bezug zum Harnen angeben – es wurden aus Platzgründen nur die Modalitäten vor/zu Beginn/während/zu Ende des/nach dem Harnen ausgewählt –, so kommt man auf relativ viele Arzneien. Sie sind zusammengestellt anhand dieser Rubriken:

  • Urethra, Pain, Anterior part, before/during/after urination

  • Urethra, Pain, Fossa naviculairs, before/during/after urination

  • Urethra, Pain, Glandular portion, before/during/after urination

  • Urethra, Pain, Meatus, before/during/after urination

  • Penis, Pain, Glans, before/during/after urination

Schmerzen an der Harnröhrenmündung, < vor/während/nach dem Harnen, Arzneien: Acon, Agar, Alum, Anac, Arg-n, Arn, Ars, Asa-f, Aur, Bar-c, Berb, Bor, Calc, Camph, Cann-i, Cann-s, Canth, Caps, Carb-v, Card-m, Chin, Clem, Cob, Coc-c, Colch, Coloc, Con, Crot-t, Cupr, Cupr-ar, Dig, Dulc, Echin, Ferr-p, Ign, Kali-bi, Kali-c, Kali-n, Lac-c, Laur, Lyc, Mang, Merc, Merc-c, Mez, Mur-ac, Nat-c, Nat-s, Nit-ac, Nux-v, Ox-ac, Par, Ph-ac, Phos, Prun, Psor, Puls, Ran-s, Rhus-t, Sars, Senec, Seneg, Spig, Stann, Sulph, Tell, Teucr, Thuj, Verat, Zinc, Zing.


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Harnröhrenmündung, Erstreckung nach rückwärts und Verschlimmerung am Ende des Harnens

Da die häufigste Modalität meiner Patienten aber die Verschlimmerung am Ende des Harnens darstellt, habe ich alle Rubriken, die diese Modalität im Synthesis 9.1 angeben, herausgesucht und die dort enthaltenen Arzneien zusammengestellt:

  • ABDOMEN, Pain, Urination, close of; pressing towards genitals [SYN 912]

  • BLADDER, Pain [SYN 1028]

  • BLADDER, Neck, Pain [SYN 1029]

  • BLADDER, Pain,cutting [SYN1028]

  • Splinter, as from a [SYN 1028]

  • BLADDER, Neck, Pain, cutting [SYN 1029]

  • PROSTATA, Pain [SYN 1052]

  • URETHRA, Pain [SYN 1061]

  • URETHRA, Pain, burning [SYN 1061]

  • URETHRA, Pain, burning, last drops cause violent burning [SYN 1061]

  • URETHRA, Pain, cutting [SYN 1061]

  • URETHRA, Pain, extending to anus when passing last drops, cutting pain [SYN 1061]

  • URETHRA, Pain, stitching [SYN 1063]

  • URETHRA, Meatus, Pain, cutting [SYN 1063]

  • URINE, bloody, last part [SYN 1066]

< am Ende des Harnens, Arzneien: Ant-t*, Arg-n, Arn, Cann-s, Canth, Carb-v, Caust, Clem, Coca, Colch, Coloc, Con, Dig, Equis-h, Ferr-p*, Hep*, Kali-n, Lyc, Mag-p, Med, Merc, Merc-act, Merc-c, Mez, Nat-c, Nat-m, Nat-s, Nit-ac, Nux-m, Petr, Ph-ac, Phys, Pic-ac, Puls, Ruta, Sars, Sel, Spig, Sul-ac, Sulph, Tell, Thuj, Zinc*, Zing

* = Urine, bloody, last part

Nur am Rande sei vermerkt, dass die Rubrik „Verschlimmerung zu Ende des Harnens“ in Bönninghausens Therapeutischem Taschenbuch nur 5 Arzneien enthält (in Klammern die Grade): Bry (1), Canth (3), Petr (1), Phos (1), Sulph (2). [TT 325]

Nimmt man nun die Mittel der Rubriken, die den Ort der Harnröhrenmündung sowie ihre Ausstrahlung nach rückwärts haben, und aller Rubriken, die einen Bezug zur Modalität „< zum Ende des Harnens“ besitzen, zusammen, verkleinert sich der Mittelpool weiter.

Harnröhrenmündung, erstreckt sich nach rückwärts + < am Ende des Harnens, Arzneien: Arg-n, Berb, Cann-s, Canth, Con, Lyc, Merc, Merc-c, Nux-v, Ph-ac, Phos, Sars, Sulph, Thuj, (Zinc)

(Zincum metallicum steht in Klammern, weil es eigentlich nur in der Rubrik „Urine, bloody, last part“ steht.)

Für jede dieser Arzneien wird nun die o. g. Modalität in der Materia medica aufgesucht ([Tab. 2]).

Tab. 2: Fundstellen in Armin Seideneders „Heilmittelarchiv“ zu Schmerzen in der Harnröhre mit der Verschlimmerung am Ende des Harnens.

Arzneimittel

Symptombeschreibungen

Argentum nitricum

„Brennen beim Harnen und Geschwulstgefühl der Urethra; der letzte Teil des Harns wird nicht frei ausgestoßen.“ (1155) [ÖHZ]

Schneiden hinten in der Harnröhre bis in den After, beim Ejakulieren des Urins (des letzten Tropfens). (1155) [ÖHZ]

Berberis vulgaris

Kein Nachweis in der Materia medica

Cannabis sativa

Ständig das Gefühl, als wenn man ganz eilig auf das Klo müßte; wenn ich in die Nähe einer Toilette komme, ist das Gefühl wahnsinnig verstärkt; beim Urinieren brennt es, wenn es beendet ist, dann kommt so ein Schmerz, der zieht von unten nach oben hoch in die Blase; den Schmerz kann ich aufhalten, wenn ich nicht alles rauslasse (geheilt durch Cannabis Q 6) (2905–2906) [AHZ]

Brennen in der ganzen Harnröhre, doch nur zu Anfang und zum Ende des Harnens. (2906) [RA]

Cantharis

„Beim Harnlassen hat er nur zu Ende desselben Schmerz; hat sich viel Harn angesammelt, so ist dann dieser Schmerz geringer als bei wenigerem Harn. (2947) [HTRA]

„Öfterer Drang zum Harnlassen, mit sparsamer Urinabsonderung, ohne Schmerzen, nur gegen Ende des Harnens drückende Schmerzen im Grund der Harnröhre, bis in die äußerste Mündung derselben. (2946) [HTRA]

Conium maculatum

Kein Nachweis in der Materia medica

Lycopodium clavatum

„Schmerzhaftes Harnen, wobei die letzten Tropfen sich nur schwer entfernen ließen; der Harn stark dunkelbraun, mit schleimiger Masse versetzt; 1.-4. Tag.“ (7042) [HVJ]

„Zystitis; < v.a. mit jedem der letzten Tropfen (Bor, Sars); Harn brennend heiß, wie geschmolzenes Blei.“ (7040) [CMM]

Mercurius solubilis

„Schneidend beißender Schmerz in der ganzen Harnröhre während des Urinierens, besonders gegen das Ende, bis zum letzten Tropfen, und dabei kann er nicht schnell genug das Wasser abschlagen; gewöhnlich ist schon etwas unwillkürlich abgegangen, ehe er dazu gelangt.“ (7630) [RA]

Mercurius corrosivus

Kein Nachweis in der Materia medica

Nux vomica

Kein Nachweis in der Materia medica

Phosphorus

„Zu Ende des Harnens und danach, beißender Schmerz in der Eichel.“ (8953) [CK]

Sarsaparilla

„Starker Schmerz zum Schluß des Wasserlassens, fast unerträglich.“ (10075) [GS]

„Starker Schmerz, gerade wenn der Urin zu fließen aufhört, heftiger Schmerz in der Harnröhre, der sich zuweilen in den Bauch zieht.“ (10075) [AHZ]

„Spasmen am Blasenhals am Ende der Miktion.“ (10074) [VMM]

Sulfur

„Zum Ende des Harnens und danach ein Schneiden in der Harnröhre, als wäre der Harn scharf, wie ätzende Lauge.“ (10981) [CK]

Thuja occidentalis

„Heftiges Schneiden wie von einem Messer zum Ende der Miktion, nachdem der letzte Tropfen abgegangen ist.“ (11424) [CMM]

(Zincum metallicum)

„Blutausfluß aus der Harnröhre, nach dem schmerzhaften Harnen.“ (11977) [CK]


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Kasuistik

Die eben vorgestellten Arzneien stellen den Mittelpool für das Gros meiner Patientinnen dar, wenn sie die pathognomonischen Symptome eines Harnwegsinfektes aufweisen. In diesen Fällen entscheiden dann die Begleit- oder Nebensymptome, welche Arznei homöopathisch passt. Wenn bei einer Blasenentzündung andere Symptome vorliegen, was aber eher selten in meiner Praxis zu sehen ist, spielt dieser Mittelpool eine geringere Rolle.

Für beide Situationen sollen einige Beispiele folgen, zuerst 6 „pathognomonische“ Fälle. Im Anschluss an jede Kasuistik finden sich die Nachweise in der Materia medica.

Fall 1: Cantharis

Patientin, 37 Jahre, mit Stechen am Meatus, wie heißes Krabbeln, in die Blase und den Unterbauch ausstrahlend. < am Ende des Harnens.

Nebensymptom: Herpes labialis der rechten Oberlippe, Rötung der rechten Wange.

Arznei: Cantharis C 30

„Ein Kribbeln und Jucken in der Harnröhre nach dem Urinieren“ (2947) [ACS]

„Die rechte Gesichtsseite glüht, während die linke wachsgelb aussieht.“ (2931) [HTRA]

„Bläschen zwischen Kinn und Lippen und an der Stirn, 24 Stunden dauernd, bei Berührung brennend.“ (2931) [HTRA]


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Fall 2: Sarsaparilla

Patientin, 56 Jahre, mit Brennen an der Harnröhrenmündung, ausstrahlend in die Blase.

Nebensymptom: Aphthen am weichen Gaumen, leicht brennend.

Arznei: Sarsaparilla C 30

„Halsweh, Aphthen am Gaumen.“ (10069) [GS]


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Fall 3: Cannabis sativa

Patientin, 54 Jahre, bekam vor Jahren wegen Descensus uteri et vesicae ein Uratape eingelegt. Seither häufigere Harnwegsinfekte. Der Gynäkologe meint, das Tape liege perfekt.

Jetzt: Schneiden am Meatus Richtung Blase am Ende des Wasserlassens.

Nebensymptom: Hitze und Schweiß an Hals und Nacken; Schweißausbruch am ganzen Körper, wenn sie merkt, dass sie auf die Toilette gehen muss.

Arznei: Cannabis sativa C 30

„Es steigt ihr warm herauf bis in den Hals und verschließt den Atem, als wenn etwas in der Luftröhre säße, mit fliegender Hitze.“ (2902) [RA]

„Schweiß an der Stirn und am Hals nachts.“ (2914) [RA]

Perspiration, Anxiety, during. (SYN 1831)


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Fall 4: Mercurius solubilis

Patientin, 37 Jahre, Schmerzen an der Harnröhrenmündung, < am Ende des Harnens, > durch Wärme. Urin riecht stechend, Farbe orange bis bräunlich.

Arznei: Mercurius solubilis C 30

„Braunroter Harn.“ (7630) [RA]

„Urin riecht sauer.“ (7631) [RA]

„Urin riecht stechend.“ (7631) [GS]


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Fall 5: Mercurius solubilis

Patientin, 51 Jahre, hatte im Vorjahr bereits eine Blasenentzündung (s. Fall Nr. 7), hat Brennen und Ziehen vom Meatus in die Blase.

Ein Jahr später: Schmerzen vom Meatus in Richtung Umbilicus, < am Ende des Harnens, > durch Bewegung und Umhergehen.

Nebensymptom: Schweiß am ganzen Körper.

Arznei: Mercurius solubilis C 30

„Es ist ihm wohler beim Gehen als im Liegen oder Sitzen.“ (7670) [RA]


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Fall 6: Zincum

Patientin, 43 Jahre, brennendes Beißen am Meatus, nach hinten ausstrahlend, Urin trübe. < am Ende und nach dem Harnen. < im Sitzen. Schweißausbruch mit den Schmerzen.

Arznei: Zincum C 30, wegen der Modalität < im Sitzen, obwohl es in der Rubrik „Schweiß bei Schmerzen“ fehlt.

„Schneiden in der Harnröhrenmündung, abends im Sitzen.“ (11977) [CK]


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Fall 7: Mercurius corrosivus

Patientin, 51 Jahre, leidet an IgA-Nephritis. Gelegentlich akute Blasenentzündungen. Jetzt: Brennen vom Meatus in die Blase hinein, < wenn sie nicht uriniert. In der Toilette ist eine schwärzliche Flüssigkeit zu sehen.

Arznei: Mercurius corrosivus C 30

„Blackish, albuminous urine.“ [EN VI, 254]


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Fall 8: Mercurius solubilis

Patientin, 43 Jahre. Schmerz am schlimmsten zu Beginn des Harnens. Der Urin ist bräunlich und riecht nach Essig.

Arznei: Mercurius solubilis C 30

„Brennen in der Harnröhre beim Anfang des Urinierens.“ (7630) [RA]

„Schneiden, beim Anfang des Harnens (den 10. Tag).“ (7630) [RA]

„Braunroter Harn.“ (7630) [RA]

„Urin riecht sauer.“ (7631) [RA]


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Fall 9: Mercurius solubilis

Patientin, 43 Jahre, schmerzhafter Harndrang, begleitet von Frost, muss zum Lindern die Hand auf die Vulva drücken.

Arznei: Mercurius solubilis C 30

„Bladder, Urination, urging, painful, children grasp the genitals and cry out.“ (SYN 1041)

„Abends um 21 Uhr, Frost über und über und die Nacht durch: dabei alle Stunden Urinieren und während des Liegens und Schlummerns unwillkürliches Zucken, Werfen und Rucken des Kopfes, der Arme und Beine.“ (7664) [RA]

„Frösteln im Bauch; beim Stuhlgang; in der Nacht, mit häufigem Urinieren.“ (7664) [GS]


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Fall 10: Colocynthis

Patientin, 38 Jahre. Plötzlich am Abend, Brennen in der Harnröhrenmündung und häufiger Harndrang. Am schlimmsten ist es am Ende und nach dem Harnen. > durch Wärme und warme Getränke sowie beim Liegen im Bett.

Begleitsymptome: Übelkeit. Ziehende Bauschmerzen unterhalb des linken Rippenbogens. Lt. Sonografie sehe die linke Niere „nicht so gut aus“.

Arznei: Colocynthis C 30

„Gleichzeitig [mit Stuhlentleerung] ein Brennen an der Harnröhrenmündung beim Durchgang der letzten, einzelnen Tropfen.“ (4167) [ÖHZ]

„Brennen an der Mündung der Harnröhre, morgens, nach dem Urinlassen, eine Stunde anhaltend.“ (4167) [ÖHZ]

„Ziehen im linken Hypochondrium.“ (4154) [ÖHZ]


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Fall 11: Lycopodium

Patientin, 54 Jahre mit Brennen und Ziehen von der Harnröhrenmündung in die Blase. < vor und während des Harnens. Häufiger Harndrang. Urin dunkel-orange, heiß, übelriechend.

Heißer Schweiß am ganzen Körper.

Arznei: Lycopodium C 30

„Schmerzen vor und nach dem Harnlassen; der Harn sieht zitronengelb aus und fließt nur sehr wenig ab, so daß fast alle 10 Minuten Drängen dazu treibt, mehrere Tage hindurch.“ (7042) [HVJ]

„Heftiger Geruch des Harns, die ersten Tage“. (7043) [CK]

„Der Urin sah orangegelb aus und roch ziemlich stark.“ (7042) [AHZ]

„Urin brennend heiß, dabei stechende >Schmerzen in der Nierengegend.“ (7043) [AHZ]

„Heftiger Geruch des Harns, die ersten Tage.“ (7043) [CK]


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Fall 12: Mercurius solubilis

Patientin, 40 Jahre. Klopfen an der Harnröhrenmündung, bis in den Unterbauch. < nachts, < wenn sie nicht Wasser lässt, am schlimmsten nach dem Harnen.

Nebensymptome: profuser Nachtschweiß. Ekzem der Halsseiten.

Arznei: Mercurius solubilis C 30

„In der Harnröhre mehr ein Klopfen als ein Stechen.“ (7630) [RA]

„Ein ziehendes Stechen in der Harnröhre, außer dem Urinieren.“ (7630) [RA]

„Stiche vorne in der Harnröhre, außer dem Urinieren.“ (7630) [RA]

„Pressen nach dem Wasserlassen.“ (7630) [RA]

External throat, Eruptions. (SYN 768)


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Fall 13: Pulsatilla

Patientin, 30 Jahre. Hatte eine Erkältung, nahm Phosphor mit einiger Besserung. Sie hatte am Abend zuvor Freunde besucht und einige Stunden in schlecht geheizter Wohnung verbracht.

Jetzt: Brennen in der Blase, die empfindlich gegen Berührung ist, am schlimmsten bei den letzten Tropfen. Gefühl, als ob die Blase nicht leer würde. Der Urin geht unwillkürlich ab, wenn sie nicht schnell genug Wasser lässt. Der letzte Teil des Urins enthält rote Punkte.

Sie braucht es warm, aber es wird ihr heiß, wenn sie sich einhüllt. Beim Ausziehen wiederum Frösteln, so dass sie sich abwechselnd an- und auszieht. Husten, < gegen 21:00 und morgens beim Erwachen. Halsschmerzen beim Leerschlucken. Schwäche beim Gehen. Nahm Cantharis ohne Erfolg.

Arznei: Pulsatilla C 30

„Am Ende des Harnlassens, Tropfen von Blut; Hämaturie.“ (9456) [GS]

„Gegen Ende des Harnlassens wird der Urin blutig; geheilt durch Puls. XM.“ (9456) [ZKH]

„In den Kleidern ist es ihr zu heiß, und wenn sie sich auszieht, dann friert sie (nach 2 Stunden).“ (9503) [RA]


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Anmerkung

1 In Synthesis verwende ich nur die Nachträge folgender Personen bzw. Werke: T. F. Allen, H. C. Allen, C. M. v. Bönninghausen, C. M. Boger, W. Boericke, O. E. Boericke, J. H. Clarke, E. A. Farrington, J. P. Gallavardin, W. D. Gentry, A. H. Grimmer, H. N. Guernsey, S. Hahnemann, C. Hering, G. H. G. Jahr, O. Julian, J. T. Kent (bis auf die von ihm selbst erfundenen New Remedies, meist unter K4 aufgeführt), W. Klunker, J. Künzli, C. B. Knerr, A. z. Lippe, J. Mezger, S. R. Phatak, H. A. Roberts, P. Schmidt, K. Stauffer, W. Ward



Korrespondenzadresse

Dr. med. Klaus Holzapfel
Blumenstr. 22
73760 Ostfildern


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