Schlüsselwörter
Desoxypipradrol - Neue Psychoaktive Substanzen (NPS) - Rhabdomyolyse - Serotoninsyndrom
Keywords
desoxypipradrol - novel psychoactive substances - rhabdomyolysis - serotonine syndrome
Neue psychoaktive Substanzen, sogenannte „Legal Highs“, können problemlos über das
Internet gekauft werden und werden daher zunehmend konsumiert. Auf den Produkten befinden
sich keine Angaben zur Wirkstoffzusammensetzung und -konzentration. Hier berichten
wir über sechs Notfallpatienten mit Vergiftungen, bei denen Desoxypipradrol im Serum
und Urin nachgewiesen wurde.
24-Jähriger mit akutem Nierenversagen
24-Jähriger mit akutem Nierenversagen
Anamnese und klinischer Befund | Drei Tage nach Einnahme einer „Teezubereitung“ wird ein 24-jähriger Patient aufgrund
eines akuten Nierenversagens vorgestellt. Er glaubte, Methylendioxypyrovaleron eingenommen
zu haben. Es bestehen folgende Befunde:
Toxikologische Analyse | Wir untersuchten Urin- bzw. Serumproben mit
-
LC-MSn Ionenfallenscreening mittels Toxtyper™ und
-
einem Drogenscreening mittels Immunoassays, das im Falle positiver Befunde mit GC-MS
oder LC-MS / MS überprüft wurde.
Zusätzlich erfolgten spezielle LC-MS / MS-Analysen zur Erfassung von NPS und deren
Metaboliten.
Toxikologischer Befund | Desoxypipradrol war im Urin in einer Konzentration von 2300 ng / ml, in der Serumprobe
nicht (mehr) nachweisbar. Im Serum fanden sich
Gleichzeitig wurden im Urin folgende Substanzen nachgewiesen:
Blutwerte
-
Kreatin-Kinase: 75 000 U / l (< 170), nach 2 Tagen 15 700 U / l
-
Myoglobin: 36 000 mg / l (< 55), nach 2 Tagen 2600 mg / L
-
Kreatinin: 2,0 (< 1,1), nach 2 Tagen 4,5 mg / dl
-
GOT initial: 2260 U / l
-
GPT: 900 U / l
-
GGT: 166 U / l
17-Jährige mit „Kreislaufproblemen“
17-Jährige mit „Kreislaufproblemen“
Anamnese und klinischer Befund | Eine 17-jährige Patientin wurde vorgestellt, nachdem sie sogenanntes „Badesalz“ nasal
aufgenommen hatte. Sie litt unter
Blutwerte
-
Kreatin-Kinase: 644 U / l (< 170)
-
Kreatinin: zunächst 1,03 mg / dl (< 1,09), dann Anstieg auf 1,12 mg / dl, nach Volumengabe
0,78 mg / dl
Toxikologischer Befund | Die Desoxypipradrolkonzentration im Serum betrug 150 ng / ml und in der Urinproben
1800 ng / ml. Außerdem wurden im Serum nachgewiesen:
-
35,8 ng / ml Amfetamin
-
3,4 ng / ml MDMA
Im Urin fanden sich
17-Jähriger mit Taubheitsgefühlen
17-Jähriger mit Taubheitsgefühlen
Anamnese und klinischer Befund | Ein 17-jähriger Patient stellte sich nach nasaler Aufnahme von 50 mg Desoxypipradrol
vor. Er berichtete über Taubheitsgefühl und Parästhesien des rechten Armes und der
Füße, Tachykardie, vermehrtes Schwitzen sowie ein ausgeprägtes Unruhegefühl und Schlafstörungen.
Die Herzfrequenz und der Blutdruck wurden mit 110 / min bzw. 135 / 64 mm Hg gemessen,
außerdem lag eine Mydriasis vor. Die Kreatinkinase wurde mit 397 U / l bestimmt. Der
Patient erlitt eine Rhabdomyolyse.
Toxikologischer Befund | Im Serum nachwiesen wurden:
Im Urin fanden sich
24-Jähriger mit Verdacht auf Leberversagen
24-Jähriger mit Verdacht auf Leberversagen
Anamnese und klinischer Befund | Ein 24-jähriger Patient wurde mit Verdacht auf Leberversagen vorgestellt. Er berichtete
über dunklen Urin, die weitere Anamnese war nicht sicher zu erheben. Die Herzfrequenz
und der Blutdruck wurden mit 112 / min bzw. 134 / 87 mm Hg gemessen. Auch bei diesem
Patienten kam es zu einer Rhabdomyolyse.
Blutwerte
-
Kreatinkinase: 170 208 U / ml (< 170) am Aufnahmetag, nach 3 Tagen 17 666 U / ml
-
AST: 2108 U / l (< 35), nach 3 Tagen 507 U / ml
-
ALT: 410 U / l (< 45) nach 3 Tagen 230 U / ml
-
S-Kreatinin 114 µmol / l (50–104), nach 3 Tagen 93 µmol / l
Toxikologischer Befund | Im Urin konnten folgende Substanzen nachgewiesen werden:
Junger Mann mit Hyperhidrosis und Erbrechen
Junger Mann mit Hyperhidrosis und Erbrechen
Klinischer Befund | Ein junger, erwachsener Mann wurde mit ausgeprägter Vigilanzminderung, Tachykardie,
Hypertonie (210 / 90 mm Hg), Erbrechen und Hyperhidrosis vorgestellt.
Toxikologischer Befund | Im Serum wurden 84 ng / ml Desoxypipradrol, 0,26 ‰ Ethanol und < 0,1 ng / ml 5F-PB-22
nachgewiesen. In seinem Urin fanden sich:
-
440 ng / ml Methoxyphenidin
-
120 ng / ml Methylon
-
2,4 ng / ml bk-MDDA (Dimethylon)
-
qualitativ: Metamfetamin, Pyrazolam, Nikotin und Koffein
30-Jähriger mit „Kribbelgefühl“
30-Jähriger mit „Kribbelgefühl“
Klinischer Befund | Ein 30-jähriger Patient wurde vorgestellt mit
-
Unruhe
-
Hypertonie
-
Thoraxschmerz und
-
Paraesthesien.
Toxikologischer Befund | Die Desoxypipradrolkonzentration im Urin betrug 1,5 ng / ml. Zusätzlich wurden Metaboliten
von AM-2201, 5F-PB-22, Tetrahydrocannabinol, Koffein und Nikotin nachgewiesen.
Diskussion
Altbekannte Wirkstoffe, unbekannte Dosis | Frei verkäufliche NPS enthalten bisweilen altbekannte Wirkstoffe, die aus der pharmazeutischen
Entwicklung stammen oder auch als Pharmakon eingesetzt (und wieder vom Markt genommen)
worden sind. Eine Deklaration der Inhaltsstoffe mit Hinweisen bezüglich der Dosierung
erfolgt auf den Produkten in der Regel nicht. Eine Ausnahme stellen die sogenannten
„Research Chemicals“ dar. Dem Konsumenten bleibt somit meist verborgen, ob er einzelne
Wirkstoffe oder Gemische zu sich nimmt, die mit gleichzeitig konsumierten anderen
Produkten oder einer bestehenden Pharmakotherapie zu Wechselwirkungen führen können.
Die Abschätzung einer wirksamen Dosis ist abgesehen von „Research Chemicals“ nicht
möglich und erfordert insbesondere bei den potenteren Wirkstoffen den Einsatz einer
Feinwaage, sodass es sehr leicht zu erheblichen Überdosierungen kommen kann.
Stärker als Amfetamine | In den 1950er Jahren wurde Desoxypipradrol (2-Diphenylmethylpiperidin, 2-DPMP, ▸ [
Abb. 1 D
]) [1] zur Behandlung der Narkolepsie bzw. der Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung
(ADHS) beschrieben – einige Jahre nach Methylphenidat (Ritalin, ▸ [
Abb. 1 B
]) und Pipradrol (Schlankheitsmittel [2], ▸ [
Abb. 1 C
]). Der Norepinephrin-Dopamin-Wiederaufnahme-Hemmer zeichnet sich durch eine sehr
lange Wirkdauer sowie eine stärkere Wirksamkeit im Vergleich zu Amfetamin (▸ [
Abb. 1 A
]) aus [3]. In Europa wurde er erstmals im Jahr 2007 in Großbritannien als „Legal High“ nachgewiesen
[4], [5]. Die Substanz wird in den gebräuchlichen Drogenschnelltests nicht erfasst und ist
in Deutschland bisher nicht reguliert.
Abb. 1 Stukturformeln von Amfetamin (A), Methylphenidat (B), Pipradol (C) und Desoxypipradrol
(D).*chirales Zentrum.
Rhabdomyolyse nach Konsum | Rhabdomyolysen nach Konsum von Desoxypipradrol-haltigen Drogenmischungen wurden häufig
beschrieben [6]. Bislang wurde jedoch noch kein Zusammenhang zwischen der klinischen Symptomatik
und den Wirkstoffkonzentrationen in Serum oder Urin hergestellt. Bei drei Patienten,
deren Desoxypipradrol-Urinkonzentration bei gering erhöhter Kreatininkonzentration
auf eine sehr hohe aufgenommene Dosis hindeutet, trat eine Rhabdomyolyse auf. Als
Ursache der Rhabdomyolyse ist eine toxische Ursache oder ein Krampfanfall (für den
keine anamnestischen Hinweise bestehen) zu diskutieren.
Multipler Substanzgebrauch | Eine toxische Ursache kommt insbesondere bei multiplem Substanzgebrauch in Betracht.
Dieser wurde bei allen Patienten nachgewiesen. Vor allem bei der Kombination mehrerer
serotonerg wirkender Drogen oder Pharmaka sollte eine massive Stimulation der 5-HT2A-Rezeptoren (oder der 5-HT1A-Rezeptoren) mit der Folge eines Serotoninsyndroms in Betracht gezogen werden [7]. Die Amfetamin-Serumkonzentration lag bei drei Patienten im unteren „therapeutischen
Bereich“ (20–100 ng / ml). Die Serumkonzentrationen von MDMA und MDA waren niedrig.
In einem Fall wurde aufgrund des Anfangsverdachts auf ein Leberversagen die Rhabdomyolyse
verspätet festgestellt. Hier wurde kein Amfetamin nachgewiesen.
Mortalität | Der Konsum von scheinbar harmlosen NPS kann zu bedrohlichen Vergiftungen mit protrahiertem
Verlauf führen. Es wurden einzelne Todesfälle mit postmortalem Nachweis von Desoxypipradrol
beschrieben [8], [9], wobei zwischen dem Konsum von Desoxypipradol und dem Todeseintritt kein klarer
kausaler Zusammenhang hergestellt werden konnte.
Konsequenz für Klinik und Praxis
-
Der Konsum von neuen psychoaktiven Substanzen (NPS) hat in den letzten Jahren erheblich
zugenommen.
-
Unerwünschte Begleitwirkungen erfordern häufiger eine medizinische Behandlung.
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Bei Überdosierungen, gleichzeitigem Konsum verschiedener Wirkstoffe oder bei bestehender
Vormedikation können synergistische Interaktionen auftreten.
-
Nach Aufnahme von Desoxypipradrol in Kombination mit anderen NPS kann sich Rhabdomyolyse
entwickeln.