Neuroradiologie Scan 2017; 07(01): 45-53
DOI: 10.1055/s-0042-121032
CME-Fortbildung
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Magnetresonanztomografie beim akuten ischämischen Schlaganfall

Adrian Ringelstein
,
Michael Forsting
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PD Dr. med. Adrian Ringelstein
Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie
Universitätsklinikum Essen
Hufelandstr. 55
45122 Essen
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Fax: (+)49-201-7231548   

Publication History

Publication Date:
07 March 2017 (online)

 

Die bildgebende Darstellung der hirnversorgenden Gefäße ist in der Akutphase des Schlaganfalls besonders wichtig. Spezielles Augenmerk wird in diesem Beitrag auf die Selektionskraft der MRT-Bildgebung hinsichtlich der Indikationsstellung für eine Thrombektomie oder i. v. Lysetherapie gelegt. Außerdem gibt der Text einen Einblick in zukünftige Entwicklungen bildgebender Verfahren, die das Potenzial haben, die Schlaganfallversorgung zu verändern.


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Abkürzungen

ASPECTS: Alberta Stroke Program early CT Scoring
CTA: computertomografische Angiografie
DECT(-A): Dual-Energy-CT(-A)
DWI: diffusionsgewichtete Bildgebung
ECASS-4:EXTEND: Cooperative acute Stroke Study-4: Extending the Time for Thrombolysis in Emergency neurological Deficits (Studie)
ESCAPE: Endovascular Treatment for small Core and anterior Circulation proximal Occlusion with Emphasis on Minimizing CT to Recanalization Times (Studie)
EXTEND: Extending the Time for Thrombolysis in Emergency neurological Deficits (Studie)
FLAIR: Fluid-attenuated Inversion Recovery
GE: Gradienten-Echo
i. v.: intravenös
MRA: Magnetresonanzangiografie
MTE: mechanische Thrombektomie
PCT: computertomografische Perfusionsmessung
POSITIVE: Perfusion Imaging Selection of ischemic Stroke Patients for endovascular Therapy (Studie)
PWI: perfusionsgewichtete Bildgebung
THAWS: Thrombolysis for acute Wake-up and unclear-Onset Strokes (Studie)
TOF: Time of Flight

Einleitung

Gemäß den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie [1] ist die Anwendung eines schnittbildgebenden Verfahrens in der Akutphase eines ischämischen Schlaganfalls vor Einleitung einer Lysetherapie obligat. In der Regel wird heute eine CT des Schädels durchgeführt, häufig kombiniert mit einer CTA (computertomografische Angiografie) und gelegentlich auch in Kombination mit einer PCT (computertomografische Perfusionsmessung).

Aufgaben der Bildgebung in der Akutphase

Leitliniengerecht ist es, mit einer nativen CT eine intrakranielle Blutung auszuschließen. Denn diese ist rein klinisch von einem ischämischen Schlaganfall nicht ausreichend verlässlich zu unterscheiden, stellt aber eine Kontraindikation gegen die Einleitung einer i. v. (intravenösen) Lysetherapie dar. Alternativ ist es selbstverständlich erlaubt und auch weit verbreitet, in der Akutphase eine MRT-Untersuchung durchzuführen. Auch die MRT wird häufig mit einer Darstellung der hirnversorgenden Gefäße in Form einer MRA (Magnetresonanzangiografie) und einer Perfusionsmessung (PWI [perfusionsgewichtete Bildgebung]) kombiniert.

Die Anforderungen an die initiale Bildgebung beim akuten ischämischen Schlaganfall gehen heutzutage über den reinen Blutungsausschluss hinaus. Die Bilder dienen auch dazu, bereits in der Akutphase den Grad (Tiefe der Ischämie) und das räumliche Ausmaß (Volumen des Hirninfarkts) und damit die Hirnschädigung zu bewerten. Damit lassen sich die Erfolgsaussichten einer i. v. Lysetherapie und einer MTE (mechanische Thrombektomie) abschätzen. Für die Indikation zur MTE wird zusätzlich der Nachweis eines Verschlusses einer großen Hirnbasisarterie gefordert. Dies hat damit auch direkten Einfluss auf die Indikationsstellung beider Verfahren.

Eine weitere wichtige Aufgabe der initialen Bildgebung ist der Ausschluss oder die Bestätigung anderer, der Symptomatik zugrunde liegender pathologischer Prozesse. Diese können wie die oben bereits erwähnte intrakranielle Blutung Symptome eines ischämischen Schlaganfalls simulieren (sog. Stroke Mimics [2]). Zu diesen pathologischen Prozessen zählen u. a. subakute Enzephalitiden, aber auch ein Krampfanfall (Todd-Parese) bzw. eine akut symptomatisch gewordene Liquorzirkulationsstörung oder Raumforderung.

Die Darstellung der hirnversorgenden Gefäße in der Akutphase des ischämischen Schlaganfalls gehört heute zum Standard. Die CTA oder die MRA hilft nicht nur, die Ursache der Akutsymptomatik z. B. durch den Nachweis eines Gefäßverschlusses zu finden. Sie erleichtert es darüber hinaus auch, die Indikation für eine i. v. Lysetherapie [3] und die Indikation für eine MTE zu stellen. Gerade für letzteres Verfahren ist die zusätzliche Darstellung der zervikalen Abschnitte der hirnversorgenden Gefäße oft hilfreich.


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Vor- und Nachteile der bildgebenden Verfahren

Die MRT ist der CT bekanntermaßen in der Detektion von Ischämien überlegen. Sie ist besser geeignet, kleinere ischämische Hirnläsionen sehr früh nachzuweisen [4]. Zudem zeigt sie mit größerer Sicherheit als die CT Ischämien des Hirnstamms oder mikroangiopathische, subkortikale Infarkte [5]. Zwangsläufig ist die MRT deshalb wegen des therapeutischen Zeitdrucks besser geeignet, in der Akutphase valide Aussagen zur Infarktgenese (z. B. hämodynamische Infarkte) zu machen. In zahlreichen Studien zeigte sich auch eine deutliche Überlegenheit der MRT in der Detektion von Stroke Mimics [6]. Die Nachteile der MRT sind ebenfalls lange bekannt: Neben der längeren Akquisezeit und den schwierigeren Überwachungsmöglichkeiten schwerkranker Patienten gibt es häufig Verzögerungen der Diagnostik. Dies betrifft z. B. Patienten mit Herzschrittmachern oder anderen metallischen Implantaten, auch wenn diese heutzutage meistens keine Kontraindikation gegen eine MRT-Untersuchung mehr darstellen [7].


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Magnetresonanztomografie

Akutphase

Untersuchungsprotokoll

Bestimmte Schädel-MRT-Protokolle können inzwischen sowohl akute ischämische Schlaganfälle als auch z. B. eine akute intrakranielle Blutung oder einen hämorrhagischen Umbau des infarzierten Gewebes zuverlässig differenzieren. Dabei handelt es sich um Kombinationen der herkömmlichen T1w und T2w Sequenzen mit DWI (diffusionsgewichtete Bildgebung) und GE-Sequenzen (Gradienten-Echo-Sequenzen) [8].

Auch gibt es mittlerweile von allen großen MRT-Herstellern vorbereitete Protokolle, die bezüglich der Akquisezeit optimiert sind ([Abb. 1]). Manche Hersteller werben mit Bildakquisitionszeiten von lediglich 5 min. Damit sind die MRT-Untersuchungszeiten kaum länger als die Akquisitionszeiten einer nativen CT mit CTA und stellen deshalb eine absolut sinnvolle Alternative zur CT dar.

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Abb. 1 MRT-Kurzprotokoll. Die reine Akquisitionszeit einschließlich der Kontrastmittelinjektion dauert etwa 10 min. Werden die Gefäßdarstellungen z. B. durch eine FLAIR-Sequenz (Fluid-attenuated-Inversion-Recovery-Sequenz) und ein T1w Bild ersetzt (hier nicht gezeigt), lässt sich die Bildakquisitionszeit auf 5 min reduzieren. Obwohl die Sequenzen geschwindigkeitsoptimiert sind, ist die Bildqualität sehr gut. Auch das in diesem Beispiel vorliegende DWI/PWI-Mismatch ist gut erkennbar. a PWI. b DWI. c TOF-MRA. d Kontrastmittelgestützte MRA.

Es muss an dieser Stelle aber erwähnt werden, dass keines dieser Protokolle eine MR-Darstellung der hirnversorgenden Gefäße (MRA) enthält. Bildakquisitionszeiten von unter 10 min sind kaum noch realisierbar, sobald eine TOF-MRA (Time-of-Flight-MRA) zum Nachweis des intrakraniellen Gefäßverschlusses oder gar eine kontrastmittelunterstützte MRA zur Darstellung der zervikalen Gefäßabschnitte verlangt wird (z. B. zur Darstellung des Zugangswegs vor einer Thrombektomie). Die Entscheidung für eine MRT-Untersuchung in der Akutphase bedeutet also einen Zeitverlust von einigen Minuten kostbarer Zeit, wenn potenziell eine Thrombektomie und/oder eine i. v. Lysetherapie angeboten werden soll. Ist allerdings in der Zusammenschau von klinischem Untersuchungsbefund und Anamnese die Ursache der Akutsymptomatik unklar, kann es vorteilhaft sein, primär eine MRT-Untersuchung durchzuführen. Wie oben schon erwähnt, ist diese der CT zum Nachweis des Infarkts in der Akutphase und zum Ausschluss oder Nachweis von Differenzialdiagnosen überlegen.

Merke

Die MRT ist in der Akutphase des ischämischen Schlaganfalls vor allem dann sinnvoll, wenn die Diagnose unklar ist und es nicht allein um den Ausschluss einer intrakraniellen Blutung geht.

In den anderen Situationen steht der Beginn der Therapie ganz im Vordergrund. Es sollte alles getan werden, um Zeitverzögerungen zu vermeiden. Da die Thrombektomie heutzutage die Therapie der Wahl im Falle eines interventionell erreichbaren Gefäßverschlusses ist, hilft eine schnelle Darstellung der großen basalen, hirnversorgenden Arterien sehr. In der Akutphase ist daher die native CT mit CTA in der Regel immer noch die sinnvollere Bildgebung.


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Wake-up-Stroke

Untersuchungsprotokoll

Merke

Bei Patienten mit einem Schlaganfall aus dem Schlaf heraus (Wake-up-Stroke) oder unklarem Zeitfenster sollte eine zerebrale MRT mit einer axialen DWI- und FLAIR-Sequenz erfolgen, um ein sog. DWI/FLAIR-Mismatch zu identifizieren.

Ein solches Mismatch mit noch fehlender oder kleinerer Infarktdemarkierung in der FLAIR-Sequenz (Fluid-attenuated-Inversion-Recovery-Sequenz; [Abb. 2]) zeigt bei der Mehrzahl der Patienten an, dass eine rekanalisierende Therapie erfolgreich und sicher eingesetzt werden kann [9]. Dieses Vorgehen hat sich in der täglichen Praxis der Autoren bewährt. Ob es in einer solchen Situation vertretbar ist, den Patienten ohne Mismatch eine Thrombektomie zu verweigern, wird kontrovers diskutiert [10] [11]. Zurzeit wird diese Frage in einer laufenden, randomisierten Studie prospektiv evaluiert (WAKE-UP-Studie, s. u.).

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Abb. 2 Typisches MRT eines Patienten mit einem Wake-up-Stroke und DWI/FLAIR-Mismatch. Nach aktuellem Kenntnisstand profitieren diese Patienten von einer MTE und möglicherweise auch von einer i. v. Lysetherapie. Das sog. unklare Zeitfenster ist heute kein Grund mehr, einem Patienten die Thrombektomie zu verweigern. a DWI-Bild. b FLAIR-Sequenz.

Zum Nachweis eines intrakraniellen Gefäßverschlusses kann eine TOF-MRA ohne die Gabe eines Kontrastmittels erfolgen. Da in vielen Kliniken ein MRT nicht rund um die Uhr zur Verfügung steht, wird alternativ – wie oben bereits beschrieben – eine multimodale CT-Bildgebung (natives CT, CTA und PCT) zur Bestimmung eines minderperfundierten, aber noch nicht irreversibel geschädigten Mismatch-Hirngewebes bei unklarem Zeitfenster eingesetzt.


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Aktuelle Studienlage

Die Frage, welchen Patienten eine rekanalisierende Akutbehandlung überhaupt noch verweigert werden kann, muss angesprochen werden. Die meisten Studien, die sich mit dieser Frage befasst haben, basieren auf CT-Parametern [12] [13]. Eine systematische Untersuchung mittels MRT-Parametern, die helfen, eine solch weitreichende Entscheidung zu treffen, wurde bisher noch nicht publiziert. Die bisherigen Studien zeigen, welche Patienten von der Therapie besonders profitieren, aber nicht, welche von einer Thrombektomie nicht profitieren. Die kanadische ESCAPE-Studie (Endovascular Treatment for small Core and anterior Circulation proximal Occlusion with Emphasis on Minimizing CT to Recanalization Times), in die Patienten bis zu 12 h nach Symptombeginn für eine endovaskuläre Rekanalisation eingeschlossen wurden, bringt in diesem Dilemma nicht weiter. Der durchschnittliche Randomisierungszeitpunkt war zwar 169 min nach Symptombeginn, aber nur 49 Patienten wurden nach mehr als 6 h nach Beginn der Symptomatik für den endovaskulären Arm randomisiert [14]. Bei dieser Fragestellung könnte die WAKE-UP-Studie eine Antwort liefern.

Bei der WAKE-UP-Studie geht es um Efficacy and Safety of MRI-based Thrombolysis in Wake-Up Stroke. Die randomisierte, doppelt-blinde, placebokontrollierte Studie untersucht den Nutzen der i. v. Lyse für Patienten mit unbekanntem Zeitfenster. Sie verwendet für die Indikationsstellung das DWI/FLAIR-Mismatch. Die Hypothese ist, dass „nur“ diffusionsgestörte Hirnareale als nur reversibel geschädigt gelten. Dagegen werden Hirnareale, die bereits eine Signalanhebung in der FLAIR-Sequenz zeigen, als dauerhaft geschädigt angesehen. Wenn also die DWI-Läsion größer als der FLAIR-Defekt ist, wäre eine Therapie indiziert, um die diffusionsgestörten Areale, die über den FLAIR-Defekt hinausgehen, noch zu retten. Patienten mit sehr großen Ischämiearealen (DWI mehr als 100 ml oder mehr als ⅓ des Middle cerebral Artery Territory) und über 80-jährige Patienten wurden ausgeschlossen. WAKE-UP soll 800 Patienten einschließen, die etwa 60 Kliniken in Europa beisteuern. Primärer Endpunkt der Studie ist das Outcome nach 1 und 3 Monaten (Modified Rankin-Scale).

Parallel läuft eine ähnliche japanische Studie (THAWS [Thrombolysis for acute Wake-up and unclear-Onset Strokes]), allerdings ohne Alterslimit. Bei dieser Studie sollen 300 Patienten randomisiert werden. Auch dabei werden Patienten mit sehr großen DWI-Läsionen ausgeschlossen (ASPECTS [Alberta Stroke Program early CT Scoring] < 5 [15]). Die Ergebnisse beider Studien werden Anfang 2017 erwartet.

Die randomisierte, doppelt-blinde, placebokontrollierte Multizenterstudie EXTEND (Extending the Time for Thrombolysis in Emergency neurological Deficits) untersucht den Nutzen einer i. v. Lysetherapie maximal 9 h nach Symptombeginn. Auch bei dieser Studie können unter bestimmten Bedingungen Patienten mit unklarem Zeitfenster eingeschlossen werden. Die Studie verwendet nicht das DWI/FLAIR-Mismatch, sondern das PWI/DWI-Mismatch oder das CT/PCT-Mismatch. Patienten werden vorwiegend in Australien und Asien rekrutiert. Das europäische Pendant heißt ECASS-4:EXTEND (Cooperative acute Stroke Study-4: Extending the Time for Thrombolysis in Emergency neurological Deficits). Bei dieser Studie ist allerdings nur die MRT als bildgebendes Verfahren erlaubt. Der primäre Endpunkt ist das Outcome, gemessen als Verbesserung des Modified Rankin-Score nach 3 Monaten.

Aus neuroradiologischer Sicht ist die POSITIVE-Studie (Perfusion Imaging Selection of ischemic Stroke Patients for endovascular Therapy) interessant. Diese untersucht den Nutzen der MTE innerhalb von 12 h nach Symptombeginn bei Patienten, die nicht für eine i. v. Thrombolyse geeignet sind. Kleinere, bereits publizierte Studien zu diesem Thema suggerieren, dass auch diese Patienten von der MTE profitieren können [16].


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Diffusionsnegative Ischämien

Merke

Wird in der Akutphase des ischämischen Schlaganfalls die MRT als bildgebendes Verfahren eingesetzt, ist zu beachten, dass bei etwa ⅕ – ⅓ der Patienten keine Diffusionsstörung im MRT messbar ist.

Dies betrifft klinisch manifeste Ischämien und nicht transitorische ischämische Attacken und hat keinen Einfluss auf das Outcome des Patienten [17]. Aufgrund einer fehlenden DWI-Läsion darf also dem Patienten mit einem Schlaganfallsyndrom keine rekanalisierende Therapie verweigert werden. Der klinische Befund und nicht das Ergebnis der Bildgebung ist dann ausschlaggebend. In der zitierten Studie von Makin u. Mitarb. zeigte sich bei 29 % der Patienten keine DWI-Läsion innerhalb von 4 Tagen nach Symptombeginn (Median: 95 % Vertrauensintervall: 23 – 25 %) [17]. Nach einem Jahr hatten 14 % der initial „DWI-negativen“ Patienten einen Reinfarkt, genauso oft wie Patienten mit einer initialen DWI-Läsion. Daraus lässt sich vor allem ableiten, dass eine fehlende DWI-Läsion kein Grund ist, die begründete klinische Diagnose einer akuten zerebralen Ischämie aufgrund eines unauffälligen Bildbefunds anzuzweifeln. Auch ist das kein Grund, gar die leitliniengerechte Akuttherapie und die Sekundärprophylaxe zu verändern. Wenn klinische Zweifel an der Diagnose bestehen, kann ein PWI ergänzt werden. Dies zeigt nämlich trotz fehlender DWI-Läsion ein Perfusionsdefizit in ca. 25 % der Fälle. Das gilt übrigens auch bei Patienten mit der klinischen Diagnose einer nicht transitorischen ischämischen Attacke [18].


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Neue computertomografische Techniken

Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass immer mehr Patienten eine akute rekanalisierende Schlaganfalltherapie erhalten:

  • insgesamt zunehmendes Bewusstsein in der Bevölkerung für die Dringlichkeit einer Behandlung beim akuten ischämischen Schlaganfall („Jede Minute zählt!“)

  • zunehmend flächendeckende Versorgung mit Stroke Units

  • Verbesserungen in den Strukturen des Rettungsdiensts

  • Beschleunigung der In-House-Versorgung in den Krankenhäusern

Dies bedeutet, dass die Bildgebung immer früher nach Beginn der Symptomatik durchgeführt werden kann. Native CT-Untersuchungen, die tatsächlich bereits den demarkierten Infarkt zeigen, werden daher zunehmend seltener. In den meisten Akutsituationen zeigt die native CT-Untersuchung deshalb einen Normalbefund, allenfalls mit dezenten Ischämiefrühzeichen. In der Akutphase ist der Infarkt nur mittels PCT als solcher visualisierbar. Die PCT führt aber zu einer hohen Strahlenbelastung [19] und die Auswertung ist aufgrund zahlreicher technischer Schwächen fehleranfällig [20]. Das Ziel neuerer Entwicklungen ist daher, eine zerebrale Ischämie ohne die Verwendung einer PCT früh sichtbar zu machen.

DECT-Geräte (Dual-Energy-CT-Geräte) sind mit 2 Röntgenröhren ausgestattet, die häufig im rechten Winkel zueinander eingebaut sind. Es ist möglich, die Röhren mit unterschiedlicher „Energie“ zu betreiben (variable Stromstärke und Spannung). Mit dieser Technik können Gewebe oder Material mit hoher Atomzahl von solchen mit niedriger Atomzahl differenziert werden. Ein Material mit hoher Atomzahl ist z. B. das Jod im CT-Kontrastmittel. Das Hirngewebe hat im Verhältnis dazu eine sehr niedrige Atomzahl. Mithilfe einer geeigneten Modifizierung von Rekonstruktionsalgorithmen ist es damit möglich, die Verteilung des während der CTA verabreichten Kontrastmittels im Hirnparenchym zu messen. Auf diese Weise können sog. Jodkarten erstellt werden, die den Infarkt bereits in der Frühphase visualisieren. Wird das Kontrastmittel vollständig aus dem Datensatz „herausgerechnet“, entsteht ein „virtuelles“ natives CT-Bild. Es lässt sich also mit einer einzelnen DECTA (Dual-Energy-CTA) ein natives Schädel-CT „herstellen“. Gleichzeitig kann das ischämische Hirnareal ohne Verwendung einer PCT in der Akutphase dargestellt werden ([Abb. 3]). Erste vielversprechende Ergebnisse wurden auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie vorgestellt [21].

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Abb. 3 Neue CT-Techniken, die das Potenzial haben, einige der Nachteile der CT zu kompensieren. a Natives CT des Kopfes mit einer akuten Blutung links in den Stammganglien. b Virtuelles natives CT desselben Patienten. Dieses Bild wurde nie „gescannt“, sondern aus dem DECTA-Datensatz berechnet. Die Bildqualität reicht noch nicht an a heran, zeigt aber sicher auch die akute Blutung. c Echtes natives CT des Schädels in der Akutphase einer zerebralen Ischämie ohne pathologischen Befund. d Virtuelle (aus DECTA-Daten berechnete) Jodkarte. Diese zeigt bereits in der Akutphase das Kontrastierungsdefizit. e Das Kontrastierungsdefizit aus d entspricht dem später demarkierten rechtsseitigen Mediainfarkt.

Diese Technik hat durchaus das Potenzial, den Nachteil der schlechteren Visualisierung einer akuten Ischämie mittels CT wettzumachen und damit das Problem der Stroke Mimics einer Lösung näher zu bringen.

Kernaussagen
  • Der akute ischämische Schlaganfall ist eine der häufigsten lebensbedrohlichen Erkrankungen in Deutschland und die häufigste Ursache für Behinderungen oder Pflegebedürftigkeit im Erwachsenenalter.

  • In den letzten Jahrzehnten hat sich die Schlaganfallversorgung in Deutschland massiv verbessert. Die Einführung der Stroke Units, aber auch die mittlerweile flächendeckend eingesetzten Therapieverfahren haben entscheidend dazu beigetragen. Zu diesen Therapieverfahren zählen die i. v. Lysetherapie, die dekompressive Kraniektomie und die transarterielle Thrombektomie. Alle 4 Bausteine haben nachweislich zu einer signifikanten Reduktion von Mortalität und/oder Morbidität geführt.

  • Neben den Versorgungsstrukturen an sich ist eine schnelle und aussagekräftige Bildgebung Grundlage jeder zeitbewussten Schlaganfalltherapie. Zu den infrage kommenden bildgebenden Verfahren zählen die CT und die MRT.

  • In der Akutphase des Schlaganfalls ist die native CT mit CTA die bildgebende Methode der Wahl. Die MRT dagegen ist in dieser Phase bei unklarer Diagnose hilfreich.

  • Bei Patienten mit Wake-up-Stroke oder unklarem Zeitfenster ist ein DWI/FLAIR-Mismatch ein Zeichen dafür, dass eine rekanalisierende Therapie sicher möglich und erfolgversprechend ist.

  • Jedoch ist bei ⅕ – ⅓ der Patienten keine Diffusionsstörung im MRT festzustellen. Das wirkt sich aber nicht auf das Outcome dieser Patienten aus. Solchen Patienten darf eine rekanalisierende Therapie deshalb nicht verweigert werden.

  • Eine mögliche Alternative stellt möglicherweise die DECTA dar, die mit einer Aufnahme sowohl ein virtuelles natives CT-Bild als auch eine Darstellung des ischämischen Hirnareals liefert. Dazu liegen erste vielversprechende Ergebnisse vor.


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Über die Autoren


Adrian Ringelstein

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Priv.-Doz. Dr. med.; 1996–2003 Studium der Humanmedizin an der Otto-von-Guericke Universität Magdeburg und der RWTH Aachen. 2004 Assistenzarzt im Institut für Diagnostische Radiologie Universitätsklinikum Düsseldorf. 2009 Facharzt und später Oberarzt der Allgemeinradiologie, 2010 Oberarzt der Neuroradiologie, jetzt Leitender Oberarzt im Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie Universitätsklinikum Essen.


Michael Forsting

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Prof. Dr. med.; 1980–1986 Studium der Medizin an der RWTH Aachen und der Universität Bern. 1997 Berufung auf die Professur für Neuroradiologie an der Universitätsklinik Essen. Seit 2003 Lehrstuhl für Radiologie und Neuroradiologie an der Universitätsklinik Essen. Seit 2016 Medizinischer Direktor der Zentralen IT am Universitätsklinikum Essen. Verschiedene wissenschaftliche Auszeichnungen und Mitarbeit in zahlreichen wissenschaftlichen Gremien.

Interessenkonflikt

Die Autoren geben an, dass kein Interessenkonflikt vorliegt.


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PD Dr. med. Adrian Ringelstein
Institut für Diagnostische und Interventionelle Radiologie und Neuroradiologie
Universitätsklinikum Essen
Hufelandstr. 55
45122 Essen
Phone: (+)49-201-7231501   
Fax: (+)49-201-7231548   


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Abb. 1 MRT-Kurzprotokoll. Die reine Akquisitionszeit einschließlich der Kontrastmittelinjektion dauert etwa 10 min. Werden die Gefäßdarstellungen z. B. durch eine FLAIR-Sequenz (Fluid-attenuated-Inversion-Recovery-Sequenz) und ein T1w Bild ersetzt (hier nicht gezeigt), lässt sich die Bildakquisitionszeit auf 5 min reduzieren. Obwohl die Sequenzen geschwindigkeitsoptimiert sind, ist die Bildqualität sehr gut. Auch das in diesem Beispiel vorliegende DWI/PWI-Mismatch ist gut erkennbar. a PWI. b DWI. c TOF-MRA. d Kontrastmittelgestützte MRA.
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Abb. 2 Typisches MRT eines Patienten mit einem Wake-up-Stroke und DWI/FLAIR-Mismatch. Nach aktuellem Kenntnisstand profitieren diese Patienten von einer MTE und möglicherweise auch von einer i. v. Lysetherapie. Das sog. unklare Zeitfenster ist heute kein Grund mehr, einem Patienten die Thrombektomie zu verweigern. a DWI-Bild. b FLAIR-Sequenz.
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Abb. 3 Neue CT-Techniken, die das Potenzial haben, einige der Nachteile der CT zu kompensieren. a Natives CT des Kopfes mit einer akuten Blutung links in den Stammganglien. b Virtuelles natives CT desselben Patienten. Dieses Bild wurde nie „gescannt“, sondern aus dem DECTA-Datensatz berechnet. Die Bildqualität reicht noch nicht an a heran, zeigt aber sicher auch die akute Blutung. c Echtes natives CT des Schädels in der Akutphase einer zerebralen Ischämie ohne pathologischen Befund. d Virtuelle (aus DECTA-Daten berechnete) Jodkarte. Diese zeigt bereits in der Akutphase das Kontrastierungsdefizit. e Das Kontrastierungsdefizit aus d entspricht dem später demarkierten rechtsseitigen Mediainfarkt.