Einleitung
Seit einigen Jahren ist das Füttern sog. BARF-Rationen bei Hundebesitzern besonders
populär geworden. Die
Abkürzung „BARF“ steht dabei für „biologisch-artgerechtes rohes Futter“ oder aber auch für „bones
and raw foods“. Die wesentliche Motivation der Hundebesitzer für das Füttern von BARF-Rationen besteht
in dem Wunsch nach einer „natürlichen, gesunden Fütterung“, gefolgt von gesundheitlichen
Problemen des
Hundes. Bei den gesundheitlichen Problemen werden in Besitzerumfragen vorrangig dermatologische
oder
gastrointestinale Erkrankungen ihres Hundes genannt [[7], [16], [17]]. Hervorzuheben ist dabei, dass 63 % der
Befragten mit der Umstellung auf eine BARF-Ration sehr zufrieden sind und mehr als
80 % der zufriedenen
Hundebesitzer auch in Zukunft barfen wollen (▶
Kasten
[
1
])
[[17]].
Vor- und Nachteile von BARF-Rationen
Vorteile
-
Kenntnis der Einzelkomponenten (Ausnahme: kommerzielle Produkte)
-
längere Fresszeiten (Ausnahme: gewolfte Produkte)
-
Zahngesundheit bei Knochenfütterung
-
Reduktion der Kotmenge und verbesserte Kotkonsistenz
Nachteile
-
Bakterien, z. B. Salmonellen
-
Viren, z. B. Aujeszky
-
Parasiten, z. B. Sarcocystis spp.
-
Obstipationen durch Knochenfütterung
-
Hyperthyreoidismus durch die Aufnahme von Schilddrüsengewebe bei der Schlundfütterung
-
Aufnahme von antinutritiven Faktoren, z. B. Thiaminasen in rohem Fisch
Im Unterschied zu den zahlreichen Besitzerumfragen gibt es kaum wissenschaftliche Untersuchungen, die
die langfristigen Auswirkungen von BARF-Rationen zum Gegenstand hatten. In einer aktuellen
Studie konnte
gezeigt werden, dass sich die Zahngesundheit der Hunde nach Umstellung auf eine BARF-Ration
aufgrund der
Knochenfütterung innerhalb von 12 Wochen deutlich verbesserte [[2]]. Die Fell-
und Kotqualität veränderten sich hingegen nicht wesentlich. Umgekehrt werden bei Rationskontrollen
zahlreiche Abweichungen in der Nährstoffversorgung dargestellt (▶
Kasten
[
1
]): Häufig sind die
Kalzium- (Ca) und Phosphor- (P) sowie die Spurenelementversorgung in den BARF-Rationen
marginal. Die
fettlöslichen Vitamine A und D können in Abhängigkeit von den Rationskomponenten sowohl
sehr niedrig als
auch extrem hoch sein [[7], [10], [13]]. In einer Untersuchung von Wendel et al. konnte auch gezeigt werden, dass in
einer kommerziellen BARF-Ration für Welpen, die als „Alleinfutter“ deklariert war,
nur 20 % der minimalen
Empfehlung für die Kalziumzufuhr für Welpen enthalten war [[18]]. Rechtlich
impliziert ein Alleinfutter, dass bei sachgemäßem Einsatz der gesamte Energie- und
Nährstoffbedarf des
Tieres durch die ausschließliche Fütterung des Alleinfutters abgedeckt sein muss.
Kenntnisse des Tierhalters?
Die sog. „natürliche Fütterung“ orientiert sich am Beuteschema der wilden Vorfahren
des Hundes.
BARF-Rationen bestehen im Wesentlichen aus (▶
Tab.
[
1
])
[[3], [16]]:
-
rohem Fleisch, z. B. Rind, Geflügel, Pferd, Reh, Lamm
-
Innereien, z. B. Herz, Lunge, Leber, Pansen
-
Fisch
-
Milchprodukten
-
Gemüse
-
Obst
-
Pflanzenölen
-
Knochen
Tab. 1
Tierische Rationskomponenten in BARF-Rationen, die regelmäßig verwendet werden [[16]].
|
Komponente
|
Häufigkeit (%)
|
|
Rindfleisch
|
84
|
|
Geflügel
|
72
|
|
Schlund
|
57
|
|
Leber
|
86
|
|
Herz
|
82
|
|
Fisch (insbesondere Lachs)
|
41
|
|
Knochen
|
41
|
Rund 26 % der Hundebesitzer füttern des Weiteren regelmäßig kleine Mengen an thermisch
aufbereiteten
Kohlenhydraten, z. B. Reis, Kartoffeln oder Nudeln [[3]]. Zusätzlich werden
die Rationen teilweise mit weiteren Ergänzungen komplettiert, z. B. Eigelb, Nüssen
oder Kräutern [[16]].
Die Futtermittel werden dabei im Wesentlichen von Metzgereien oder Supermärkten bezogen.
Immerhin beziehen
rund 30 % der Hundebesitzer die Futterkomponenten von Onlineshops.
Aus den verschiedenen Umfragen geht des Weiteren hervor, dass mehr als 90 % der Hundebesitzer
die
BARF-Rationen als „sicher“ bezeichnen. Nähert man sich der Frage, woher die Tierhalter
ihr Wissen über die
korrekte Zusammenstellung der Ration entnehmen, so werden überwiegend das Internet
oder
populärwissenschaftliche Literatur genannt. Nur 14 % der befragten Hundehalter nutzen
eine tierärztliche
Fütterungsempfehlung [[16]].
Herausforderung BARF-Rationen für den Tierarzt
Nährstoffimbalancen
Aus Erhebungen zur typischen Energie- und Nährstoffzusammensetzung von BARF-Rationen
bei Hunden konnte
gezeigt werden, dass 60–73 % der überprüften Rationen deutliche Abweichungen von den gültigen
Energie- und Nährstoffempfehlungen aufwiesen [[14]].
Es konnte vor allem eine deutliche Unterversorgung mit folgenden Nährstoffen beobachtet
werden
(▶
Abb.
[
1
]) [[3],
[19]]:
Abb. 1 Die durchschnittliche tägliche Versorgung mit Energie (ME), verdaulichem Rohprotein
(vRp), Kalzium (Ca), Phosphor (P), Zink (Zn), Kupfer (Cu), Jod (J), Vitamin A (Vit.
A) und Vitamin
D (Vit. D) in zur Überprüfung eingesandten BARF-Futterplänen an das Institut für Tierernährung
der
Veterinärmedizinischen Fakultät Leipzig. Angaben des Bedarfs in % nach National Research
Council
[[14]], schwarze Linie 100 % = Bedarf. (© I. Vervuert, C. Rückert, Institut für Tierernährung,
Ernährungsschäden und
Diätetik)
Um eine Ration adäquat einstellen zu können bzw. Imbalancen in der Nährstoffversorgung
detektieren zu
können, ist die Rationskalkulation das diagnostische Mittel der Wahl.
Bei der Rationsüberprüfung werden die mit der BARF-Ration aufgenommenen Nährstoffe mit den
Bedarfsempfehlungen in Abhängigkeit von der Körpermasse des Hundes abgeglichen. Notwendige
Korrekturen,
z. B. die Ergänzung eines vitaminisierten Mineralfuttermittels, können berechnet werden.
Die meisten
veterinärmedizinischen Fakultäten, aber auch einige selbstständige Tierärzte bieten
diese Beratung
an.
Hilft das BARF-Profil im Blut bei Nährstoffimbalancen?
Zahlreiche Labore bieten ein sog. „BARF-Profil“ an, wobei im Blut in der Regel das
kleine Blutbild,
Albumin, Kalzium, anorganisches Phosphat, Kupfer, Zink, Jod, Vitamin A und Vitamin
D überprüft werden.
Für die meisten der genannten Parameter besteht kein Zusammenhang zur aktuellen Fütterungspraxis,
sodass
man eine optimale Nährstoffversorgung nur
sehr unzureichend anhand der genannten
Blutparameter aufzeigen kann. Kalzium wird im Blut sehr eng homöostatisch reguliert,
z. B.
Kalzium-Freisetzung aus dem Knochen, sodass selbst bei einer dauerhaft marginalen
Unterversorgung keine
Veränderungen im Blut zu beobachten sind. Kupfer, Vitamin A und Vitamin D werden durch
die Reserven in
der Leber ebenfalls über einen langen Zeitraum im Blut unauffällig bleiben. Es gibt
keinen Zusammenhang
zur Zink- und Jodversorgung und den korrespondierenden Gehalten im Blut.
Mit gewissen Einschränkungen kann zumindest die Bestimmung des Serum-Retinylpalmitats einen
Hinweis auf die Vitamin-A-Versorgung des Hundes geben. Eine Erhöhung des Serum-Retinylpalmitats
kann bei
einer sehr hohen Vitamin-A-Versorgung beobachtet werden, z. B. bei exzessiver Leberfütterung
über mehrere
Monate. Auch das 25-Hydroxycholecalciferol (Calcidiol) im Serum kann bei Werten, die unterhalb der
empfohlenen Referenzwerte liegen, auf eine mehrmonatige Unterversorgung mit Vitamin
D schließen
lassen.
Calcitriol im Serum bleibt selbst bei einer massiven Unterversorgung mit Vitamin D
unverändert.
Unter Berücksichtigung dieser Aspekte sind BARF-Profile eher irreführend, da sie bei
unauffälligen
Nährstoffkonzentrationen im Blut suggerieren, dass die BARF-Ration eine optimale Nährstoffversorgung
bietet.
Salmonellen: Risiko rohes Fleisch
Neben den deutlichen Imbalancen in der Nährstoffversorgung bei BARF-Rationen besteht
auch ein
erhebliches Hygienerisiko durch den Umgang und Verzehr von rohem Fleisch. Parasiten wie
Bandwürmer, Viren wie das Aujeszky-Virus im rohen Schweinefleisch, aber auch Bakterien,
insbesondere
E. coli, Salmonellen oder Yersinien sind hierbei von Bedeutung.
In einer Untersuchung in Deutschland fielen von 15 gefrorenen Fertigrohfutterrationen
14 mit erhöhten
aeroben Keimgehalten auf, sodass diese zumindest nicht mehr die Kriterien eines sicheren
Lebensmittels
erfüllten [[18]]. In Kanada wurden 166 kommerzielle Rohfutterabpackungen
auf Salmonellen untersucht. Insgesamt wiesen 21 % der untersuchten Proben Salmonellen
auf, wobei 67 % der
Proben Hühnerfleisch enthielten [[4]]. Das Risiko, dass Hunde Salmonellen
ausscheiden, wird bei Rationen mit einem hohen Anteil an Geflügel zwischen 23–44 %
angegeben [[1], [5], [8], [12]]. Hierbei steht weniger die Problematik im Vordergrund, dass die Hunde
klinisch an einer Salmonellose erkranken, sondern die weitaus größere Gefahr besteht für die
Gesundheit des Hundehalters. Hunde, die mit Salmonellen kontaminiertes Fleisch (insbesondere rohes
Geflügelfleisch) aufnehmen, können über mehrere Wochen asymptomatisch Salmonellen
ausscheiden. Eine
Verteilung über den gesamten Haushalt mit der Möglichkeit der Infektion von Menschen
kann nicht
ausgeschlossen werden. Lefebvre et al. [[11]] fordern deshalb, dass Hunde,
die in Kontakt mit immungeschwächten Personen stehen, nicht mit BARF-Rationen gefüttert
werden sollten.
In einer aktuellen Studie konnte darüber hinaus die Kontamination mit E. coli in BARF-Rationen
nachgewiesen werden, wobei sich 23 % der positiven Proben als Antibiotika-resistente
E.-coli-Stämme erweisen [[15]].
Was ist sonst noch zu beachten?
Fütterung von Schlund
Bei BARF-Rationen werden häufig Kopf- und Kehlfleisch inkl. Trachea gefüttert. Diese
Futtermittel können
Schilddrüsengewebe enthalten, sodass es zu einem Hyperthyreoidismus aufgrund der exzessiven
Aufnahme von Schilddrüsenhormonen kommen kann [[9]]. Das Schilddrüsenhormon
T4 ist sehr gut geeignet, um einen nutritiven Hyperthyreoidismus detektieren zu können.
Bei den meisten
Hunden kommt es nach Diagnosestellung und dem Wechsel von einer BARF-Ration auf eine
kommerzielle Diät zu
einer Normalisierung der Hormonaktivitäten (▶
Tab.
[
2
]). Auch die klinischen Symptome, falls vorhanden, sind bei den meisten Hunden
reversibel.
Tab. 2
Plasma-T4-Aktivitäten bei 2 Hunden mit nutritivem Hyperthyreoidismus bei Fütterung
einer
BARF-Ration bzw. Wechsel auf eine kommerzielle Ration (nicht näher spezifiziert) [[9]].
|
Hund
|
Ration
|
Tag nach Futterwechsel
|
Plasma-T4-Spiegel (mmol/l)1
|
|
Fall 1
|
BARF
|
0
|
84,8
|
|
kommerzielle Ration
|
36
|
15,4
|
|
|
68
|
14,1
|
|
|
113
|
25,7
|
|
Fall 2
|
BARF
|
0
|
167,1
|
|
kommerzielle Ration
|
25
|
25,7
|
|
|
84
|
19,3
|
|
1 Referenzbereich von Plasma-T4: 19,3–51,4 mmol/l
|
Umgang mit antinutritiven Faktoren?
Neben der Auswahl von potenziell toxischen Futtermitteln wie Trauben, Avocados, Zwiebeln
oder Knoblauch
bergen BARF-Rationen das Risiko, dass Futtermittel angeboten werden, die sich nicht zur rohen
Fütterung eignen. In ▶
Tab.
[
3
] werden
Futtermittel mit antinutritiven Faktoren vorgestellt, die erst durch das Erhitzen
deaktiviert werden.
Tab. 3
Antinutritive Faktoren in verschiedenen Futtermitteln.
|
Futtermittel
|
antinutritiver Faktor
|
Konsequenz
|
|
Eier
|
Avidin (= Anti-Biotin)
|
Hemmung der Biotinabsorption aus dem Darm → Hautveränderungen
|
|
Fisch
|
Thiaminasen
|
Abbau von Thiamin → Paralyse, Enzephalopathien
|
|
Bohnen
|
Lektine
|
Permeabilitätsstörungen, insbesondere Darmschleimhaut → blutige Durchfälle
|
|
Bohnen, Maniok
|
zyanogene Glykoside
|
Blausäurevergiftung → Salivation, Dyspnoe, Taumeln, Festliegen, Konvulsionen, Krämpfe
und
Lähmung
|
Fazit
Seit einigen Jahren ist das Füttern sog. BARF-Rationen bei Hundebesitzern besonders
populär geworden. Auf
der einen Seite stehen bei der Fütterung der BARF-Rationen der Wunsch des Hundebesitzers
nach einer
„natürlichen, gesunden Fütterung“ oder gesundheitliche Probleme, z. B. dermatologische
Erkrankungen des
Hundes, im Vordergrund. Auf der anderen Seite fallen viele BARF-Rationen durch Imbalancen
in der
Nährstoffzufuhr auf. Des Weiteren ist die Rohfütterung, insbesondere von Geflügelfleisch,
mit einem
erheblichen Risiko der Salmonellenausscheidung durch den Hund behaftet. Tierärzte
sollten den Trend der
Fütterung von BARF-Rationen stärker begleiten und den Tierhalter über Vor- und Nachteile
der Rohfütterung
aufklären. Die Rationsüberprüfung ist dabei als tierärztliche Aufgabe zu verstehen,
wohingegen das
BARF-Profil irreführend in Bezug auf die Beurteilung einer adäquaten Nährstoffversorgung
ist.