Einleitung
Die interventionelle Radiologie ist integraler Bestandteil der klinischen Radiologie.
Den Kern dieser Spezialität bilden bildgesteuerte diagnostische und therapeutische
Prozeduren. Neben den minimalinvasiven Eingriffen umfasst die interventionelle Radiologie
als wichtige Bestandteile die Krankheitslehre die verschiedenen Techniken der Bildgebung
und insbesondere das Patientenmanagement [1]. Dabei gibt es erhebliche Überschneidungen mit anderen klinischen Fächern, die teilweise
ebenfalls Techniken zur Bildsteuerung und primär in der Radiologie entwickelte Kathetertechniken
verwenden. Da auf radiologischen Techniken basierende Bildsteuerung ein Kernelement
der interventionellen Radiologie ist, sind fundamentale Kenntnisse von Strahlenbiologie
und Strahlenschutz essenziell für interventionelle Radiologen [2]
[3].
Die interventionelle Radiologie hat sich in den letzten Jahrzehnten rapide entwickelt.
Die Art der Prozeduren, die steigende Zahl der Prozeduren und insbesondere die zunehmende
Komplexität der Prozeduren haben hier zu besonderen Anforderungen in der Ausbildung
von Radiologen geführt [2]. Dabei ist neben dem Wissen um die Art, Durchführung und Ergebnisse der interventionell-radiologischen
Prozeduren auch der manuelle Aspekt zu berücksichtigen. Entsprechend der zunehmenden
Komplexität und der damit einhergehenden Spezialisierung hat sich die interventionelle
Radiologie beispielsweise in den USA kürzlich als eigene Spezialität etabliert. Im
Jahr 2015 wurde ein eigenes „Residency Program“ durch das “Accreditation Council for
Graduate Medical Education” eingeführt [4]. Im europäischen Raum hat die European Union of Medical Specialists (UEMS) die interventionelle
Radiologie bereits im Jahr 2009 als eigenständige Subspezialität der Radiologie anerkannt
[5]. Besondere Zielsetzung der “UEMS Specialist Division – Interventional Radiology”
ist es seither, Standards für die Ausbildung und das Training von interventionellen
Radiologen zu etablieren. Dazu wurde u. a. durch die CIRSE ein Curriculum in Interventioneller
Radiologie geschaffen, das nach einer Fachprüfung in einer Zertifizierung (European
Board of Interventional Radiology – EBIR) kumuliert [2]
[6].
In Deutschland hat sich die interventionelle Radiologie seit 2008 von einer Arbeitsgemeinschaft
innerhalb der Deutschen Röntgengesellschaft (DRG) zu einer Deutschen Gesellschaft
für Interventionelle Radiologie und minimalinvasive Therapie (DeGIR) neu organisiert.
Die DeGIR ist als Tochtergesellschaft der DRG fest in dieser verankert. Da die Weiterbildung
zum Facharzt für Radiologie bereits ausführliche Vorgaben enthält, sieht die DeGIR
auch keinen Anlass für die Einrichtung eines eigenen Schwerpunkts. Analog der „UEMS
Specialist Division – Interventional Radiology“ ist die Etablierung von Trainingsstandards
für die interventionelle Radiologie unter Einbeziehung von hochspezialisierten interventionellen
Eingriffen eine zentrale Aufgabe der DeGIR. Dieses Ziel wird in enger Kooperation
mit der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie (DGNR) betrieben. Ziel ist es einen
einheitlichen Standard an Wissen und Fähigkeiten, welche die Anforderungen an einen
interventionellen Radiologen abbilden, zu etablieren. Hierbei muss berücksichtigt
werden, dass die Interventionelle Radiologie mit Ihrem breiten Spektrum mehrere Gebiete
umfasst, wie z. B. revaskularisierende Gefäßeingriffe, onkologische und neuroradiologische
Interventionen.
Zu diesem Zweck wurde in Anlehnung an die Qualifizierungsoffensive der DeGIR ein zweistufiges
modulares Konzept erarbeitet. Dieses bildet in zwei Stufen und sechs inhaltlich getrennten
Modulen die Anforderungen an einen interventionellen Radiologen bzw. Neuroradiologen
ab ([Tab. 1]). Diese Fortbildung wird mit einer Fachprüfung abgeschlossen [7].
Tab. 1
Thematisch gegliederte Module des DeGIR/DGNR Modul- und Stufenkonzeptes.
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Bezeichnung
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Kurzbeschreibung der Modulinhalte
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Modul A
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gefäßeröffnende Verfahren inkl. Lyse, PTA, Stent, Endoprothesen, Thrombektomie etc.
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Modul B
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gefäßverschließende Verfahren inkl. Coils, Flüssigembolisate, Partikel, Plugs etc.
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Modul C
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diagnostische Punktionen, Drainagen, PTCD, Gallenwege, TIPPS, Gastrostomie, Port etc.
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Modul D
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onkologische Verfahren inkl. TACE oder andere tumorspezifische Embolisationen, Ablationen,
perkutane Tumortherapien
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Modul E
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gefäßeröffnende Neurointerventionen (PTA/Stent der extrakraniellen supraaortalen Arterien,
PTA/Stent der intrakraniellen Arterien, mechanische Rekanalisation beim Schlaganfall,
lokale Lyse und Spasmolyse beim Schlaganfall)
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Modul F
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neurovaskuläre Embolisationsbehandlungen (Embolisation und vergleichbare Verfahren
bei intrakraniellen Aneurysmen, Embolisation intrakranieller und spinaler Gefäßfehlbildungen,
sonstige Embolisationen an Hirn-, hirnzuführenden und rückenmarkversorgenden Gefäßen)
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Begleitet wurde die Schaffung dieses modularen Programms von der Etablierung eines
Netzwerkes von Ausbildungs- und Hospitationszentren. Die Fortbildung zum interventionellen
Radiologen soll zukünftig an zertifizierten Ausbildungsstätten erfolgen. Diese müssen
über die seit 1994 etablierte Qualitätssicherungssoftware der DeGIR eine dokumentierte
Mindestzahl von Prozeduren für die einzelnen Module nachweisen [8]
[9]. Außerdem muss ein Ausbilder vorhanden sein, der über die entsprechenden höchsten
Qualifikationsnachweise der DeGIR verfügt.
Curriculum Interventionelle Radiologie
Um einen für den deutschsprachigen Raum einheitlichen Fortbildungsinhalt zu definieren,
bedarf es eines einheitlichen Curriculums. Auf europäischer Ebene wurde bereits 2013
durch die „Cardiovascular and Interventional Radiological Society of Europe“ (CIRSE)
mit dem „European-Curriculum-and-Syllabus-for-Interventional-Radiology“ eine Grundlage
für eine einheitliche Ausbildung geschaffen [10]. Dies wird jedoch in Struktur und Teilen seiner Inhalte nicht den Anforderungen
und Realitäten der Fortbildung auf dem Gebiet der Interventionellen Radiologie in
Deutschland gerecht. Daher wurde seitens der DeGIR ein auf das DeGIR/DGNR-Modul- und
Stufenkonzept aufbauendes Curriculum für Interventionelle Radiologie geschaffen [http://www.degir.de/media/document/12906/Curriculum-DeGIR-final.pdf (letzter Zugriff: 02.03.2017)]. Dieses Curriculum baut auf die im Rahmen der Facharztweiterbildung
zum Radiologen bereits vermittelten Kenntnisse in diagnostischer und interventioneller
Radiologie bzw. Neuroradiologie auf und entwickelt diese weiter. Dieser curriculare
Katalog stellt den möglichen Umfang der jeweiligen Module ohne eine Gewichtung der
einzelnen Themen dar.
Das DeGIR Curriculum Interventionelle Radiologie setzt sich dabei aus modulübergreifenden
Themen ([Tab. 2]) und spezifischen modulbezogenen Anforderungen zusammen. Letztere werden für die
verschiedenen Module durchgehend nach Technik, Material, Bildsteuerung und prozeduralen
Besonderheiten gegliedert, wie [Tab. 3] dies für die Katheterangiografie als Teil des Moduls A illustriert.
Tab. 2
Modulübergreifende Themen des DeGIR Curriculums Interventionelle Radiologie.
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Allgemeine Kenntnisse und Strahlenschutz
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allgemeine Kenntnisse
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Anatomie der Arterien und Venen, Gefäßterritorien (funktionelle Hirnareale)
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Grundlagen der Hämodynamik und vaskulären Physiologie
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Grundlagen der Analgesie und Sedierung
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Grundlagen der Blutgerinnung sowie der Pharmakologie blutgerinnungshemmender Substanzen
und deren Antagonisierung
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Grundlagen der Pathologie, Pathophysiologie und klinischen Beurteilung der modultypischen
Erkrankungen
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Pharmakologie, Risiken und Komplikationsprofil von Kontrastmitteln
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alternative und komplementäre Diagnostik- und Therapieverfahren (Stellenwert nicht
invasiver Diagnostikverfahren, gefäßchirurgische Standardtherapien, Hybrid-Eingriffe,
konservative Therapieansätze etc.)
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Grundlagen des peri-interventionellen Monitorings
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Grundlagen der interdisziplinären Indikationsstellung und Zusammenarbeit
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Grundlagen der Qualitätssicherung (DeGIR-QS, gesetzlich verpflichtende QS)
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Strahlenschutz bei interventionell-radiologischen Verfahren
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aktiver Strahlenschutz (gepulste Durchleuchtung, last- image-hold, Aufzeichnung von
Durchleuchtungsserien, Einblendung, Aufnahmegeometrie)
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passiver Strahlenschutz (Schutzkleidung, Bleiglasbrille, gerätegebundener Strahlenschutz,
Strahlenschutzscheibe), Besonderheiten bei CT-Interventionen mit hohen kV-Werten
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Dosimetrie, Dosis Structure Report (DSR)
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Tab. 3
Beispiel eines modulbezogenen Themas des DeGIR Curriculums Interventonelle Radiologie.
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Aortale, viszerale und periphere Katheterangiografie
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Technik
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Cross-over-Technik, selektive und superselektive Kathetertechniken
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Materialkunde
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Übersichts- und Selektivkatheter, manuelle und maschinelle KM-Injektion. Vor- und
Nachteile unterschiedlicher Kontrastmittel (z. B. jodhaltige KM, CO2…), Medikation
(Butylscopolamin, Vasodilatatoren, etc.)
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Steuerung
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Durchleuchtung (gepulst, Hochdosis), DSA
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Besonderheiten
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Niereninsuffiziente Patienten, KM-Unverträglichkeiten
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Dieses Curriculum wird als lebendes Papier verstanden und soll entsprechend der Entwicklungen
der interventionellen Radiologie Veränderungen und Ergänzungen erfahren. Mit diesem
Curriculum wurde nun für Deutschland erstmals die Grundlage geschaffen, die Inhalte
der interventionellen Radiologie und Neuroradiologie strukturiert zu vermitteln. Das
Curriculum kann als Grundlage für die individuelle Gestaltung der Fortbildung an den
einzelnen Weiterbildungsstätten für Interventionelle Radiologie und/oder Neuroradiologie
herangezogen werden. Es bildet gleichzeitig die Basis für die Fachprüfungen der Stufe
2 „Spezialisierung in Interventioneller Radiologie und/oder Neuroradiologie“. Inhaber
von Zertifikaten der Stufe-2 dürfen sich künftig als „Zertifizierte interventionelle
Radiologen der DeGIR (Stufe 2)“ bzw. „Zertifizierte interventionelle Radiologen/Neuroradiologen
der DeGIR/DGNR (Stufe 2)“ bezeichnen. Dabei sind in Abhängigkeit davon, in welchen
Modulen die Stufe-2-Zertifizierung erworben wurde, verschiedene Zusätze wie z. B.
Gefäßmedizin oder Interventionelle Onkologie möglich.