DO 2017; 15(03): 36-40
DOI: 10.1055/s-0043-106057
Praxis
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Reflexionen über Psyche und Geist in der Osteopathie

Susan Turner
,
Renate Schilling (Übersetzung)
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Korrespondenzadresse

Susan Turner MA, PGCE, DO
41 Leinster Square
London W2 4PU
England   

Publication History

Publication Date:
29 June 2017 (online)

 

Die Osteopathie wird – sowohl innerhalb des Berufsstandes als auch in der Öffentlichkeit – häufig in rein physischen Begriffen definiert, so als würde es ausschließlich um die Beziehung zwischen Struktur und Funktion gehen. Doch die alltägliche Erfahrung der meisten Osteopathen zeigt, dass wir im Grunde daran arbeiten, das Wohlbefinden wiederherzustellen, d. h., die Fähigkeit des Patienten, sein natürliches inneres und äußeres Wesen in all seinen Aspekten mithilfe eines harmonischen und gesunden Körpers auszudrücken. Wenn wir die frühe osteopathische Geschichte betrachten, wird deutlich, dass das innere Wesen des Menschen in der osteopathischen Sichtweise eine wesentliche Rolle spielt.


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Das Prinzip „Geist“

In Andrew Taylor Stills Werk Philosophy and Mechanical Principles [1] ist die Definition von Gesundheit eindeutig nicht auf Anatomie und Physiologie beschränkt. Still schreibt: „Der Mensch ist dreifaltig, wenn er ganz ist. Erstens ist da der materielle Körper, zweitens der spirituelle Körper, drittens ein geistiges Wesen, das weit über allen vitalen Bewegungen und materiellen Formen steht und dessen Aufgabe es ist, diese große Maschine des Lebens weise zu führen. Dieses große Prinzip, das als ‚Geist‘ bezeichnet wird, braucht für seine Orientierung die 5 Sinne, und auf deren Wahrnehmungen beruhen alle mentalen Schlussfolgerungen, und alle Befehle werden von diesem mentalen ‚Gerichtshof‘ gegeben, ob es nun darum geht, sich irgendwo hinzubewegen oder an irgendeinem Punkt innezuhalten. Um gute Ergebnisse zu erzielen, müssen wir uns mit den Wahrheiten der Natur verbinden und in Harmonie mit ihnen vorgehen.“

Dieser Abschnitt betont die Bedeutung des inneren Lebens des Osteopathen. So wie Johann Wolfgang von Goethe feststellte, dass der Weg des wahren Wissenschaftlers ein Weg der inneren Entwicklung ist, so lässt sich dasselbe auch über den wahren Osteopathen sagen. Das führt uns zu der Frage, auf was sich Still mit dem Begriff „Geist“ bezog. In seiner Biografie From Dry Bone to Living Man schreibt John Lewis [2]: „Stills Verwendung des Begriffes ‚Geist‘ verweist in der Regel auf die nicht erkennbaren Aspekte, […] die inhärente ‚göttliche Weisheit‘ des Körpers. Jede Zelle ist ein individuelles fühlendes Wesen, das sich ständig anpasst und sein Funktionieren mit Trillionen anderer Zellen abstimmt, jedes Organ und alle anderen Teile des Körpers arbeiten zusammen, als wüssten sie genau, dass sie Teile eines großen Ganzen sind. […] Der Körper ist erfüllt von geistiger Essenz und seiner Tätigkeit: Der Oberschenkelknochen ist vollkommen in seinen materiellen und geistigen Aspekten, und es gibt sogar Hinweise darauf, dass der Geist sich auch auf die Blutkörperchen überträgt.“

Stills Schriften zeigen, dass es in seiner Philosophie immer eine materielle und eine spirituelle (eine erkennbare und eine nicht erkennbare) Seite gibt, was auch für den Geist gilt. Wenn er also über die erkennbare Seite des Geistes spricht, sind damit all unsere mentalen Fähigkeiten gemeint (einschließlich des rationalen Denkens, das er als die einzige Schwachstelle in der menschlichen Struktur betrachtete). Aber es gibt auch die nicht erkennbare Seite, die sich als die Weisheit des Körpers offenbart, die es Trillionen von Zellen erlaubt, im Rahmen der Gesetze der natürlichen Vollkommenheit als Ausdruck der göttlichen Ordnung zusammenzuarbeiten.


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Verbindung von Körper und Geist

Daraus folgt, dass Stills Vision des „ganzen“ Menschen nicht nur den physischen Körper umfasst, sondern alle Ebenen seines Wesens, die für ihn in der universellen Weisheit des göttlichen Seins verwurzelt sind. Er blickte durch die äußere Form hindurch auf die wahre Natur des Menschen, wie auch in folgender Aussage deutlich wird: „Ich liebe meine Mitmenschen, weil ich Gott in ihren Gesichtern und Gestalten erkenne.“

Am 24. Mai 1912 schrieb Still [8], dass er das Leben im Körper als Leben in einem „Brutkasten“ betrachten würde, „der der Entwicklung des geistigen Menschen von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit dient“, sodass beim Tod das geistige Wesen wie ein Küken aus dem Ei schlüpft und sich in eine höhere Ebene hinein befreit. In einem anderen Zusammenhang spricht er vom Körper als der „zweiten Plazenta“. Dies weist darauf hin, dass aus seiner Sicht die Hinwendung des Osteopathen zum Körper nicht einfach nur der physischen Gesundheit dient, sondern dass es immer auch darum geht, den Körper als das Werkzeug zu unterstützen, das die Reifung des essenziellen Wesens dieses Menschen und seines Lebenssinns ermöglicht.

Sehen wir uns weiter in der osteopathischen Ahnenreihe um, so stoßen wir auf John Martin Littlejohn, für den der Geist nicht auf das Gehirn begrenzt ist, sondern sich durch den Körper als Ganzes ausdrückt: Ihm zufolge gibt es die Körper-Geist-Verbindung als integrale Einheit. Und weil der Geist den Körper durchdringt und sich durch ihn ausdrückt, so ist er auch über den Körper erreichbar. Still drückt eine ähnliche Sichtweise mit den folgenden Worten aus: „Die menschliche Seele mit all ihren Strömen reinen, lebendigen Wassers wohnt in den Faszien des Körpers.“ Dies war noch in einer Zeit, als Körper und Geist gesamtgesellschaftlich als getrennte Instanzen betrachtet wurden.

Ein weiteres Beispiel für die wechselseitige Beziehung zwischen Körper und Geist aus osteopathischer Sicht liefert William Garner Sutherland in seinem Werk Contributions of Thought [3], in dem er die Geschichte einer Patientin erzählt, die unter einer postnatalen Psychose litt und sich davon sofort erholte, als das durch die schwierige Geburt verursachte „Durchhängen des Kreuzbeins“ durch Reiten korrigiert wurde. Um Sutherland zu zitieren: „Fascial drags and sacral sags make chronic rags.“ (Dieses Wortspiel lässt sich im Deutschen nicht nachahmen; die Übersetzung lautet in etwa: Schlaffe Faszien und ein hängendes Kreuzbein verursachen chronische Depression.)

Interessanterweise war eines der ersten osteopathischen Krankenhäuser das Still-Hildreth-Sanatorium in Macon (in Missouri), ein psychiatrisches Krankenhaus, in dem Schizophrenie und andere schwere psychische Störungen mit einer hohen Erfolgsquote behandelt wurden. In dem Buch The Lengthening Shadow of Andrew Taylor Still beschreibt Arthur Hildreth [4], wie osteopathische Behandlungen eingesetzt wurden, mit besonderer Berücksichtigung der Inhibition der subokzipitalen und thorakalen Paraspinalmuskulatur, in Verbindung mit einem Programm, das unterstützende Begleitung, lange Spaziergänge in der Natur und gesunde Ernährung umfasste. All dies geschah zu einer Zeit, als in der gesamten westlichen Welt die Behandlung psychisch kranker Menschen in psychiatrischen Kliniken primitiv, grausam und ohne jedes Verständnis war.

Die Bedeutung der geistigen Dimension in Stills Vision und seine Begeisterung über die Arbeit in diesem Sanatorium zeigen sich auch in seinem Weihnachtsbrief an seinen Sohn Charles vom 12. Dezember 1917, eine Woche vor seinem Tod:

„Liebe Kinder,

ich weiß, dass ihr euer Augenmerk auf die Fortschritte werft, die in Macon in der Behandlung mentaler und neurologischer Erkrankungen erzielt werden. Wir haben inzwischen sehr viel Erfahrung. Meine persönlichen Erfahrungen mit der Behandlung mentaler Störungen umfassen einen Zeitraum von etwas über 50 Jahren, doch bevor Arthur und seine Söhne Charlie und Harry anfingen, sich für das Macon-Sanatorium zu interessieren, hatten wir nie einen Ort, an dem wir diese Art von Patienten betreuen konnten. Ich habe immer behauptet, dass der größte Teil der Patienten, die an psychiatrischen Störungen leidet, mit Osteopathie erfolgreich behandelt werden könnte, und die Erfolge, die in den letzten 3½ Jahren erzielt werden konnten, geben mir Recht. Ich hoffe sehr, dass der gesamte Berufsstand erfährt, was hier gemacht wird.“

Diese aufgeklärte Vorgehensweise war ihrer Zeit weit voraus, auch wenn unser Berufsstand sich auf offizieller Ebene scheut, dieses reiche Erbe anzuerkennen. Vielleicht sind wir angesichts der rasch zunehmenden Erkenntnisse über das Körper-Geist-Kontinuum sogar in Gefahr, ins Hintertreffen zu geraten. So sagte Candace Pert [5]: „Die Stoffe, die unseren Körper und unser Gehirn lenken, sind dieselben Stoffe, die auch an unserem Gefühlshaushalt beteiligt sind. Das bedeutet, dass wir in Bezug auf das Thema Gesundheit unsere Gefühle genauer betrachten sollten.“ Das junge Forschungsfeld der Psychoneuroimmunologie entdeckt laufend neue Hinweise darauf, wie das Gehirn auf molekularer Ebene in den Körper integriert ist.

Die inspirierenden Schriften von Rollin Becker belegen, wie sehr er die osteopathische Behandlung als einen Prozess der Integration von Körper, Geist und spirituellem Wesen betrachtete [6]: „Wenn ich nur auf das höre, was die Patienten mit ihren Worten, Gefühlen, Gedanken und ihrem Ego ausdrücken, dann habe ich noch kein wahres Bild. Ich muss hinter all das gehen, hin zu dem, was sie wirklich ausmacht. […] Und doch benötigt das, was sie als ihr Problem darstellen, ebenfalls Aufmerksamkeit. Also kümmert man sich darum, doch man tut das, indem man lauscht. Hinter all dem steht natürlich die Annahme, dass es möglich ist, die Erfahrung eines lebenden Wesens mit einem anderen lebenden Wesen zu teilen. […] Die Patienten haben ein Problem, und ich muss dieses Problem erfahren. […] Ich kann es nicht erfahren, wenn ich mich wie ein Lehrer verhalte; ich muss es als Schüler erfahren.“


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Die metaphorische Sprache von Körperrhythmen, Faszien, innerer Haltung und innerem Dialog

Als A. T. Still davon sprach, dass die menschliche Seele mit all ihren Strömen reinen, lebendigen Wassers in den Faszien des Körpers wohnt, bezog er sich damit auf eine palpierbare Realität. Die alltägliche Arbeit vieler Osteopathen liefert Beispiele für die Wechselwirkungen zwischen dem Körper und dem inneren Leben des Patienten. Neben dem Lesen der sichtbaren Körpersprache und des Gesichtsausdrucks entwickeln viele Osteopathen mit der Zeit ein gewisses sensorisches Vokabular, wobei die palpierenden Hände bestimmte Gewebequalitäten und subtile innere Haltungen erkennen können, v. a. in den Faszienmustern. Kleinste Unterschiede in Rhythmus, Gewebedichte, Ausrichtung und Energiefluss erinnern uns an vertraute Zustände, die wir aus unserer eigenen Erfahrung kennen, und helfen uns zu verstehen, was das System uns mitteilt.

Jedes Gefühl, jeder wiederkehrende emotionale Zustand hinterlässt einen einzigartigen Abdruck im Fasziensystem des Körpers, und dieses Faszienmuster gibt wiederum Informationen und Einflüsse an die Psyche weiter. Legt man z. B. eine Hand auf das Sternum, kann sich an den Bändern zum Perikard ein Zug nach unten in Richtung eines angespannten Zwerchfells manifestieren, buchstäblich ein „schweres Herz“. Dies kann die Brustwirbelsäule in eine Kyphose ziehen, was dem Gehirn eine Botschaft von Kummer oder Erschöpfung vermittelt und den emotionalen Zustand wiederum verstärkt. Die Frage ist hier, wie sich solche psycho-physischen Prozesse so beeinflussen lassen, dass die sich gegenseitig verstärkenden Zyklen aufgelöst werden können.

Die Faszie spricht sozusagen durch die in ihr eingeprägten mentalen und emotionalen Muster. So drückt sich in vielen Formulierungen der Alltagssprache, wie „das Herz ist mir schwer“, „das Herz ist mir in die Hosen gerutscht“ oder „ich stehe neben mir“, unser allgemein menschliches Verständnis für die metaphorische Sprache des Körpers aus. Dabei zeigt sich beim Palpieren, dass der Körper nicht immer zwischen emotionalen und körperlichen Schlägen unterscheidet. So sind Phänomene wie „ein Schlag in die Magengrube“, „ein Stich ins Herz“, „ein Schlag zwischen die Augen“ oft im Gewebegedächtnis so gespeichert, als hätte es sich um tatsächliche physische Erfahrungen gehandelt.

Wenn ein alter Schock, tiefsitzender Ärger, Angst oder einfach ein zu hoher Sympathikotonus vorliegen, weist das Gewebe häufig eine subtile Schwingung auf, wie ein leises „unterirdisches“ Zittern, das von außen nicht sichtbar, aber durchaus palpierbar ist. Diese Frequenz wirkt wie ein Interferenzmuster, das den Ausdruck des primären Respirationsmechanismus (PRM) überlagert. Wenn der Behandelnde in solch einem Fall präsent bleiben und gleichzeitig das innere Zittern sowie die Tidenfrequenz des PRM unterstützen kann, führt das oft zu einer Beruhigung der autonomen Schwingung und erlaubt dem gesunden Rhythmus, sich wieder im gesamten Körper auszudehnen. Der Zugang von Dr. Anne Wales zu einem hypergestressten Zustand des autonomen Nervensystems im Patienten bestand in einem Release der dorsalen Seite der Kostovertebralgelenke, um ein Reset der sympathischen Grenzstrangganglien auf der anterioren Seite der Rippenköpfchen zu ermöglichen und damit die Fazilitation des sympathischen Nervensystems aufzulösen. Ich habe selbst erfahren, wie mein System von Angst auf tiefe Ruhe umschaltete, als sie neben mir saß, ausgerichtet zwischen Himmel und Erde, und mich mit ihren gleichzeitig starken und sensiblen Händen berührte. Wie bereits erwähnt, ist weniger die Methode als vielmehr die Ausrichtung und Einstellung des Therapeuten entscheidend.

Auch die Brustkorbatmung hat ihre eigene Sprache. Beispielsweise kann sich ein Beben im Oberflächenmuster des Atems anfühlen, als wolle es sagen: „Ich würde mich ja gern für Freude und Vertrauen öffnen, doch ich weiß nicht, wann der nächste Angriff kommt.“ Die Frage des Behandelnden könnte dann lauten: „Was muss geschehen, damit ein Gefühl von Sicherheit entstehen kann?“ Wenn der Patient sich alter und tiefer Gefühle bewusst wird, ermöglichen es ihm offene Fragen, wie: „Ist das ein vertrautes Gefühl?“, auf der Gefühlsebene zu bleiben, statt auf die rationale Ebene zu wechseln, was oft dazu führt, dass Kindheitserfahrungen von Verletzlichkeit und Schutzlosigkeit auftauchen können. An diesem Punkt ermutige ich die Patienten, sich dem ängstlichen inneren Kind und seiner Verletzlichkeit liebevoll zuzuwenden, statt es zu bewerten oder sich davon abzuwenden.

Ein weiterer Eindruck beim Palpieren kann sein, dass sich ein Körperteil „unbewohnt“ anfühlt, als hätte sich sein Bewohner innerlich zurückgezogen. Das geschieht häufig bei einer Fraktur oder bei starken Schmerzen in einem Körperbereich. Auch nach einem großen Schreck kann ein Gefühl zurückbleiben, als sei der Patient „aus der Haut gefahren“. Bei einem autistischen Jungen hatte ich einmal den Eindruck, dass in den Frontallappen niemand zu Hause war. Und bei einer jungen Mutter trat dieses Phänomen nach einer schweren und traumatischen Geburt im Kreuzbein auf. Sobald diese Qualität der Abwesenheit „gehalten“ und anerkannt wurde, begann sich das Kreuzbein wieder „bewohnt“ anzufühlen, wobei ein Schockzittern an die Oberfläche trat und sich wie ein Grundbeben entlud. Die Tendenz, sich aus einem traumatisierten Bereich des Körpers zurückzuziehen, ist eine häufige psychisch-physische Reaktion auf einen Schock, die aufgelöst werden muss, damit dieser Bereich wieder integriert und ein gesunder Energiefluss hergestellt werden kann.

Manchmal melde ich solche Eindrücke den Patienten zurück, wobei diese oft das Empfinden aus ihrer subjektiven Wahrnehmung bestätigen und Erleichterung darüber ausdrücken, dass ihr inneres Gefühl von außen anerkannt wird. Oft sage ich aber überhaupt nichts, sondern bleibe einfach nur präsent mit dem, was ist, und halte den Zustand innerhalb des Feldes des immer vorhandenen inneren Heilungspotenzials. Es ist, als wäre das Bewusstsein selbst eine Substanz, und der Akt des nicht-wertenden Annehmens, einer stillen, aber stabilen Unterstützung und Anerkennung erlaubt es dem System des Patienten, sich selbst wahrzunehmen und das Störungsmuster zu neutralisieren.


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Beeinflussung des Körpers durch mentale Suggestion

Es überrascht mich immer wieder zu sehen, wie sehr der Körper durch die Gedanken des jeweiligen Menschen von Moment zu Moment beeinflusst wird. Schon Still erklärte seinen Schülern die große Verantwortung des Osteopathen in Bezug auf seine Aussagen: „Was wir dem Patienten mitteilen, spielt eine sehr viel größere Rolle, als wir uns das oft vorstellen. Können wir dem Patienten Hoffnung auf Genesung machen und sprechen das ihm gegenüber aus, so schlägt diese Aussage wie ein Blitz der Liebe ein und seine Vitalität tanzt vor Freude. Doch wenn wir so unbesonnen sein sollten, ihm jede Hoffnung zu nehmen, bringen wir seine Vitalität zum Versiegen.“ Ich kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass ich immer nur dann das Gefühl hatte, dass das vitale Potenzial eines Patienten „ausgeschaltet“ war, wenn er eine hoffnungslose Prognose erhalten hatte. Erst wenn ein Hoffnungsschimmer zurückkehrt, erwacht im Körper wieder das Potenzial zu heilsamer Veränderung.

In jeder therapeutischen oder zwischenmenschlichen Interaktion findet immer auch eine nonverbale Metakommunikation statt. Die Art und Weise, wie wir einen sicheren Raum von bedingungsloser Wertschätzung aufbauen und eine Ebene der energetischen Resonanz finden, hat Auswirkungen darauf, wie sehr der Patient das Gefühl hat, körperlich und emotional er selbst sein zu dürfen, und damit auch, wie sehr er sich für die heilende Energie öffnen kann, die sich stets durch uns als lebendige Wesen ausdrücken möchte.

Wir dürfen einen Patienten also niemals über seinen Schmerz oder seine Störung definieren oder ihm das Gefühl geben, dass er beim Verlassen unserer Praxis unser Wissen um sein Leiden als zusätzliche Bürde mitnimmt. Darum ist es von entscheidender Bedeutung, das Problem in den Zusammenhang des dahinter liegenden Heilungspotenzials zu stellen. Außerdem ist es wichtig, den Patienten innerlich um Erlaubnis zu bitten und seine Abwehrmechanismen zu achten, um nicht uneingeladen in seine innere Welt einzudringen. Manche Menschen brauchen beim Palpieren ein Gefühl von sehr viel Raum, während andere mehr direkten Kontakt benötigen. Jeder Mensch hat seine ganz eigenen natürlichen Grenzen.

Um die Ebene der Resonanz zu finden, frage ich mich oft innerlich, welche Art von Begegnung der jeweilige Patient sich wohl wünscht, nicht nur körperlich, sondern in seinem Sein. Die Frage, die ich mir manchmal innerlich stelle, lautet: „Wenn ich dieser Mensch, dieser Körperteil, dieses Gefühl wäre, wie möchte ich dann wohl gehalten oder berührt werden?“ Das hilft meinem Bewusstsein, sich für einen Zustand empathischer Einfühlung zu öffnen, der mich dann in der Behandlung leitet.

Wie können wir ein emotionales oder spirituelles Element im System des Patienten wahrnehmen, das in das Gesamtbild aufgenommen werden möchte? Wenn wir uns bei unserer Begegnung mit dem Patienten in einem möglichst neutralen Zustand befinden, können wir möglicherweise in uns Eindrücke, Gefühle oder Empfindungen wahrnehmen, die vorher nicht vorhanden waren. Wenn das geschieht, dann spiegeln wir höchstwahrscheinlich das wider, was uns das innere Sein des Patienten mitteilen möchte.


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Ausrichtung des Bewusstseins auf den inneren Heiler im Patienten

Goethes wissenschaftliche Methode kann uns viel über die innere Disziplin der osteopathischen Praxis lehren. Obwohl er mehr für seinen Beitrag zur Literatur als zur Wissenschaft bekannt ist, waren Goethes frühe Arbeiten zu Farbe und Licht seiner Zeit weit voraus. Er betrachtete Wissenschaft als einen Weg der inneren Entwicklung für den Wissenschaftler, nicht nur als Methode zur Erlangung von objektivem Wissen. Wie Still betonte er die Notwendigkeit, ein intuitives Bewusstsein zu entwickeln, um das Objekt der wissenschaftlichen Betrachtung wahrhaft und in seiner eigenen Gestalt sehen zu können, unbelastet von den verzerrenden Projektionen des Beobachters.

Er betonte die Notwendigkeit, sich bei dem Versuch, ein natürliches Phänomen (in unserem Fall den Patienten) zu erforschen, jedes negativen Urteils zu enthalten, offen zu sein für das Unausgesprochene hinter dem Gesagten, von den bloßen Sinneswahrnehmungen zu dem Sein des jeweiligen Gegenübers zu gehen und ein Gefühl von Ehrfurcht und Staunen vor dem Ausdruck des Göttlichen in ihm zu empfinden. Öffnet man sich so für ein empathisches Einssein mit dem anderen, so führt dies zu einer inneren Hingabe an die aktive Weisheit des Lebens, die in ihnen am Werk ist. Dadurch kann ein unmittelbares Verstehen auftreten oder sich zumindest im Anschluss entwickeln.

Das klingt ähnlich wie Stills Aussagen „Ich liebe meine Mitmenschen, weil ich Gott in ihrem Gesicht und ihrer Gestalt erkennen kann“ und „Um gute Resultate zu erzielen, müssen wir uns mit den Wahrheiten der Natur verbinden“. Still befürwortete ebenfalls ein unmittelbares Erkennen durch empathische Einfühlung. John Lewis zitiert in seiner Biografie eine Aussage von Ernest Tucker, der über A. T. Still sagte [2]: „Er erforschte die Natur immer von innen, aus dem Herzen heraus, und als Subjekt, nicht als Objekt (also aus der Einheit mit ihr heraus). Er dachte nicht gemäß Lehrbuch, sondern gemäß dem sich entfaltenden Ereignis, und das macht einen gewaltigen Unterschied.“

John Lewis schreibt weiter: „Wenn A. T. Still einen Körperteil erforschte, dann sprach er davon, dass er sich z. B. als Leber fühlte oder ein Knochen war. Um festzustellen, was einem kranken Säugling fehlte, versetzte er sich vollständig in ihn hinein, so als würde er in ihm leben.“ Tucker sagt dazu: „Er ging komplett in Resonanz mit dem Körper, den er untersuchte, er versuchte ein Knochen zu sein, er dachte als Masern, er versetzte sich in die Milz oder in den Trochanter major, um sein Wirken als logischen Teil des großen Ganzen im Bewegungsablauf zu spüren, als Teil des lebendigen Organismus, den der jeweilige Körper darstellt. […] Er betrachtete Zustände und Prozesse immer als Ganzes, und aufgrund dieser Fähigkeit konnte er auf der mechanistischen Ebene den Schlüssel für die gestörte Funktion erkennen, die der Patient als Beschwerde oder Krankheit wahrnahm.“

Für Still war klar, dass nicht nur anatomisches Wissen und geübte Hände von Bedeutung sind, sondern auch, wie für Goethe, die Entwicklung latenter mentaler Fähigkeiten. So wie Goethes Wissenschaft ein innerer Erkenntnisweg für den Forschenden ist, so ist auch die Praxis der Osteopathie ein lebenslanger Forschungs- und Entwicklungsweg.


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Anleitung zur Einstimmung vor einer Behandlung

Von Becker stammt eine der einfachsten und hilfreichsten Anleitungen zur inneren Vorbereitung vor der Behandlung eines Patienten [7]. Vor einer Behandlung sagte er immer innerlich zum Patienten: „Vielen Dank, dass ich zusehen darf, wie du dich selbst heilst.“ Er sah sich in seiner Rolle als Osteopath immer als Gehilfen des inneren Heilers des Patienten. Im Anschluss daran empfahl er die folgenden Schritte:

  1. Erkenne den lebendigen Mechanismus in dir selbst und in deinem Patienten an. Das Leben versucht immer, der Gesundheit Ausdruck zu verleihen.

  2. Aus der Anerkennung entsteht Hingabe. Akzeptiere, dass das, was der Mechanismus dir mitteilt, wahr ist.

  3. Entwickle deine palpatorischen Fähigkeiten. Der Körper ist klüger als du, also lerne, dich von ihm lehren zu lassen.

Schritt 1 ist am schwierigsten, doch es ist ein entscheidender Schritt für das Verstehen und Nutzen des lebendigen Mechanismus der Gesundheit.

Der lebendige Mechanismus ist etwas Universelles, das den Behandelnden und den Patienten gleichermaßen am Leben erhält. In diesem Feld begegnen sich unsere individuellen Felder in der gemeinsamen Teilhabe an unserer Menschlichkeit, an der Natur und an der Stille, die das Fulkrum des Lebens ist.


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Über die Autoren

Sue Turner

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ist seit 1979 als Osteopathin in London tätig. Sie ist Mitbegründerin des Osteopathic Center for Children in London. Als Mitglied des SCCO unterrichtet sie international seit 1986 BLT und kraniale Osteopathie. Inspiriert durch Sutherlands Studentin Anne Wales brachte sie das Konzept der Balanced Ligamentous Tension (BLT) nach Europa.


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Susan Turner MA, PGCE, DO
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