1 Einführung und Hintergrund
1 Einführung und Hintergrund
1.1 Präambel
Diese von Experten aus Deutschland und Österreich erarbeitete deutschsprachige Leitlinie
zur Diagnostik und Behandlung von Patienten mit chronisch obstruktiver Bronchitis
und Lungenemphysem (COPD) ersetzt die frühere Leitlinie der Deutschen Atemwegsliga
und der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e. V. von 2007
[1 ] und den Konsensusbericht zum Management der chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen
(COPD) der Österreichischen Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) von 2004 [2 ].
Berücksichtigt wurde bei der umfangreichen Überarbeitung eine Vielzahl von publizierten
Studien und Metaanalysen und eine Reihe von Leitlinien sowie Positionspapieren, die
in den letzten Jahren erschienen sind, insbesondere die 2017 Version des Dokuments
der Global Initiative for Chronic Obstructive Lung Disease (GOLD) [3 ]. Die wichtigsten Änderungen haben sich in der Einschätzung des Schweregrades und
in den Therapieempfehlungen ergeben.
Wie die früheren Versionen der beiden oben genannten Leitlinien soll die vorliegende
Leitlinie dazu beitragen, dass COPD-Patienten wissenschaftlich begründete, angemessene,
wirtschaftliche und qualitätsgesicherte Verfahren der Diagnostik, Prävention und Behandlung
zugute kommen. Die Leitlinie wendet sich an die pneumologisch ausgerichteten Fachärzte,
die Patienten mit COPD im niedergelassenen Bereich und im Krankenhaus betreuen. Sie
soll den Ärzten eine Hilfe für Diagnostik, Verlaufskontrolle und adäquate Therapie
ihrer Patienten sein. Dieser Leitlinie der wissenschaftlichen Fachgesellschaften und
die sich in Bearbeitung befindende Nationale Versorgungsleitlinie COPD ergänzen sich
und stehen inhaltlich nicht in Widerspruch.
2 Struktur des Leitlinienprozesses
2 Struktur des Leitlinienprozesses
Die Leitlinie zur COPD wurde nach dem System der AWMF entwickelt, um dem Nutzer Kriterien
für eine rationale Diagnostik und Therapie an die Hand zu geben [4 ]. Für die Leitlinie wurde die Entwicklungsstufe S2k angestrebt. Bei der Erstellung
der Leitlinie handelt es sich um einen zweistufigen Prozess. Auf der Basis der Fachexpertise
der ausgewählten Autoren und der vorhandenen Evidenz wurden innerhalb der jeweiligen
Arbeitsgruppen die für das COPD-Management wichtigen Inhalte für die Empfehlungen
und Statements identifiziert, intensiv diskutiert und formuliert bzw. die Leitsätze
aus der alten Leitlinie bearbeitet. Parallel wurden von den Arbeitsgruppen die Hintergrundtexte
einschließlich der Literaturstellen, die die Empfehlungen und Statements unterstützen,
verfasst bzw. aktualisiert. Die Leitlinie stützt sich im Wesentlichen auf die aktuelle
systematische Literaturrecherche des Dokumentes GOLD 2017 [3 ].
Der aus diesem Prozess hervorgegangene Entwurf des Gesamtmanuskriptes wurde auf einer
Konsensuskonferenz unter Leitung eines unabhängigen Moderators ausführlich diskutiert
und überarbeitet. Als Ergebnis des Konsensusprozesses wurden starke und schwache Empfehlungen
mit „soll“ und „sollte“ formuliert und ausgesprochen. Wenn keine eindeutige Empfehlung
anhand der konsentierten Meinung der Autoren abgegeben werden konnte, wurden Empfehlungen
mit „kann“ formuliert.
Nach den Ergänzungen und Überarbeitungen der einzelnen Arbeitsgruppen nach der Konsensuskonferenz
wurde das Manuskript durch die Redaktionsgruppe bearbeitet und anschließend das Gesamtliteraturverzeichnis
eingefügt. Das Manuskript mit allen Empfehlungen und Statements wurde nach dieser
Bearbeitung an die Leitliniengruppe übersandt. Daraus entstandene Änderungsvorschläge
wurden sortiert und eingearbeitet. Im Anschluss wurde das Manuskript erneut der Leitliniengruppe
im Delphi-Verfahren vorgelegt und schließlich im Konsens verabschiedet. Weitere Informationen
sind dem Leitlinienreport zu entnehmen.
3 Definition, Pathophysiologie und Epidemiologie
3 Definition, Pathophysiologie und Epidemiologie
Empfehlungen und Statements
S1 Die COPD ist bezüglich Morbidität und Mortalität weltweit eine der führenden Erkrankungen.
S2 Die COPD zeichnet sich durch eine nicht voll reversible obstruktive Ventilationsstörung
aus.
S3 In Deutschland und Österreich ist aktives Tabakrauchen der wichtigste Risikofaktor
für die Entwicklung einer COPD.
3.1 Definition und Pathophysiologie
Die chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD) ist charakterisiert durch eine persistierende
und üblicherweise progrediente Atemwegsobstruktion. Die COPD ist assoziiert mit einer
gesteigerten Entzündungsreaktion in den Atemwegen, die durch die langjährige Inhalation
von Partikeln und Gasen ausgelöst wird. Exazerbationen und Komorbiditäten können den
Schweregrad der Erkrankung mitbestimmen.
Die Atemwegsobstruktion hat 2 wesentliche Ursachen: eine Entzündung im Bereich der
kleinen Atemwege (obstruktive Bronchiolitis) und eine Destruktion von Lungengewebe
(Emphysem). Der relative Beitrag beider pathophysiologischer Prozesse zum Krankheitsbild
ist sehr variabel. Obstruktive Bronchiolitis und Emphysem können einen Kollaps der
Atemwege während der Ausatmung bedingen, was wiederum zum Phänomen der Überblähung
unter Belastung führen kann (GOLD 2015, [3 ]).
Viele (aber bei weitem nicht alle) Patienten mit COPD haben auch Symptome einer chronischen
Bronchitis. Die chronische Bronchitis ist nach World Health Organization (WHO) definiert
als das Vorhandensein von Husten und Auswurf über mindestens 3 Monate in jedem von
2 aufeinanderfolgenden Jahren. Die chronische Bronchitis kann der Atemwegsobstruktion
zeitlich vorangehen oder ihr nachfolgen. Die Risikofaktoren für die Entwicklung einer
COPD sind in [Tab. 1 ] aufgeführt.
Tab. 1
Risikofaktoren für die Entwicklung einer COPD.
genuine Faktoren
genetische Prädisposition (z .B. Alpha-1-Protease-Inhibitor-Mangel)
bronchiale Hyperreaktivität (Asthma)
Störungen des Lungenwachstums
exogene Faktoren
inhalativer Tabakkonsum (auch passiv)
berufsbedingte inhalative Noxen (Abschnitt 9)
Umweltnoxen (Biomassenexposition, Luftverunreinigung)
intrauterine und frühkindliche Einwirkungen
Atemwegsinfektionen (in der Kindheit)
Tuberkulose
sozioökonomischer Status
3.2 Epidemiologie
Die COPD ist bezüglich Morbidität und Mortalität eine der führenden Erkrankungen.
Auch bezüglich Kosten und sozialen Folgen nimmt sie eine dominierende Stellung ein.
Informationen hierzu finden sich auf verschiedenen Websites [5 ]
[6 ].
Eine Metaanalyse von Studien, die in 28 Ländern in den Jahren 1990 bis 2004 durchgeführt
worden sind, zeigt auf, dass die Prävalenz bei Rauchern und Ex-Rauchern wesentlich
höher ist als bei Nichtrauchern, bei über 40-Jährigen höher als bei unter 40-Jährigen
und bei Männern höher als bei Frauen [7 ]. Neuere Daten weisen darauf hin, dass die Prävalenz bei Frauen in entwickelten Ländern
inzwischen ebenso hoch ist wie bei Männern [7 ].
Es existieren bislang nur wenige Daten zur Epidemiologie der COPD in Deutschland und
Österreich. Auf der Basis der BOLD-Studie waren die Prävalenzen der erwachsenen Bevölkerung
von 5 % bis über 10 % geschätzt worden [9 ]. Eine Literaturrecherche aus dem Jahr 2012, die unter Berücksichtigung einer Reihe
von entwickelten Ländern inklusive Deutschland durchgeführt wurde, beschreibt Prävalenzen
von 0,2 % (in Japan) bis 37 % (in den USA). Diese Prävalenzen variieren je nach Land,
untersuchter Population, Altersgruppen und Definition der COPD. Die Prävalenzen waren
höher, wenn die COPD spirometrisch definiert wurde (nach den GOLD-Kriterien 2001),
gegenüber einer Definition, der nur Symptome zugrunde gelegt wurden. Für die COPD-Mortalität
der letzten 30 – 40 Jahre wurde insgesamt ein Anstieg festgestellt, allerdings mit
einer relativen Tendenz zum Abfall bei Männern und zum Anstieg bei Frauen [10 ].
Daten zu Krankenhauseinweisungen wegen COPD liegen für 31 europäische Länder vor.
Die durchschnittliche altersadjustierte Einweisungsrate beträgt 200 pro 100.000 Einwohner
pro Jahr, wobei Deutschland und Österreich zu den Ländern mit den höchsten Raten gehören.
Eine Studie aus dem Vereinigten Königreich zeigt für COPD-Exazerbationen eine Krankenhausmortalität
von 7 % und eine 90-Tagesmortalität von 15 %. Mehr als 50 % der Patienten, die mit
einer COPD-Exazerbation aus dem Krankenhaus entlassen werden, werden innerhalb eines
Jahres wiederaufgenommen [6 ].
COPD ist zurzeit die vierthäufigste Todesursache weltweit, und die Vorhersagen der
Gobal Burden of Disease Study gehen davon aus, dass die COPD im Jahr 2020 die dritthäufigste
Todesursache sein wird [11 ].
Im Rahmen der Global Burden of Disease Study wurde ein zusammengesetzter Score, die
Disability-adjusted life years (DALYs), entwickelt, um den spezifischen Anteil einer
chronischen Erkrankung, wie z. B. der COPD, an der Gesamtkrankheitsbelastung einer
Bevölkerung abschätzen zu können. Die DALYs sind die Summe der Jahre, die entweder
durch frühzeitiges Versterben an der Erkrankung verloren gehen, und die Jahre, die
mit einer krankheitsbedingten Behinderung gelebt werden müssen (GOLD 2017, [3 ]). Dabei nimmt die COPD in den USA – nach der ischämischen Herzerkrankung – die 2. Position
bzgl. der Zahl von DALYs ein [12 ].
Unter den respiratorischen Erkrankungen ist die COPD mit dem größten Verlust an Arbeitstagen
assoziiert. Der Verlust an Produktivität summiert sich in der EU auf jährlich 28,5
Milliarden €. Die Gesamtkosten für die ambulante Behandlung der COPD betragen 4,7
Milliarden €, für die stationäre Versorgung 2,9 Milliarden € und für Medikamente 2,7
Milliarden € [6 ].
4 Diagnostik und Klassifizierung
4 Diagnostik und Klassifizierung
Empfehlungen und Statements
E1 Die Diagnose COPD soll anhand der Anamnese (einschließlich Expositionsanamnese),
charakteristischer Symptome (Belastungsdyspnoe, Husten, Auswurf) und der Lungenfunktionsprüfung
vor und nach Bronchodilatation gestellt werden.
E2 Differenzialdiagnostisch sollen sowohl weitere obstruktive Atemwegserkrankungen abgegrenzt,
als auch die diagnostische Unschärfe der fixierten Ratio FEV1 /FVC < 70 % zur Charakterisierung der Obstruktion berücksichtigt werden (die eine
Bronchialobstruktion bei > 50-Jährigen über- und bei < 45-Jährigen unterschätzt).
E3 Die COPD soll durch Ganzkörperplethysmografie (GKP), Blutgasanalyse (BGA), Diffusionskapazität
für Kohlenmonoxid (DLCO), Bildgebung und standardisierte Belastungstests weiter charakterisiert
werden.
Die Diagnose COPD ist bei allen Patienten mit Husten, Auswurf, Atemnot und/oder Vorhandensein
genuiner Risikofaktoren und/oder einer Expositionsanamnese in Erwägung zu ziehen.
Die Diagnose wird durch den Nachweis einer nicht vollständig reversiblen Atemwegsobstruktion
gesichert.
Die gezielte Untersuchung von symptomatischen Probanden (Husten, Auswurf und Atemnot
unter Belastung) mit und ohne Schadstoffexposition wird empfohlen. 3 einfache Fragen
nach Raucherstatus, Husten und Atemnot konnten die Prätestwahrscheinlichkeit vor Durchführung
einer Spirometrie erheblich steigern [13 ].
4.1 Untersuchungsmethoden
4.1.1 Anamnese und körperliche Untersuchung
Chronischer Husten (mit Auswurf) kann ein Frühsymptom sein (Übersicht bei Burgel [14 ]). Patienten mit Emphysem entwickeln häufig eine Belastungsdyspnoe ohne Husten und
Auswurf, die sich bei Progression der Krankheit bei allen COPD-Patienten bemerkbar
macht. Thorakales Engegefühl und pfeifende Atemgeräusche können auch vorhanden sein.
Die Anamnese soll bei Verdacht auf COPD folgende Angaben enthalten:
Exposition gegenüber Tabakrauch (aktiv: In Packungsjahren (pack-years) sowie passiv)
und anderen Risikofaktoren
Arbeitsanamnese, einschließlich Schadstoffexpositionen (siehe Kapitel 9)
Frühgeburt
Infekte in der Kindheit
Angaben über Asthma, Allergien, und andere Lungen- sowie HNO-Erkrankungen
Exazerbationen mit und ohne Krankenhausaufenthalt
Komorbiditäten (Herzerkrankungen u. a.)
gegenwärtige Medikation
körperliche Aktivität
Bei mittelschwerer und schwerer Erkrankung können folgende körperlichen Untersuchungsbefunde
vorliegen:
verlängerte Exspiration, Giemen, Pfeifen und Brummen,
Lungenüberblähung mit tief stehenden Zwerchfellen, ggf. Fassthorax, und Einziehungen
im Bereich der Flanken,
zentrale Zyanose,
periphere Ödeme.
4.1.2 Röntgenaufnahmen der Thoraxorgane
Eine Röntgenuntersuchung der Thoraxorgane ist bei der Erstdiagnostik sinnvoll und
sollte in 2 Ebenen durchgeführt werden, damit differenzialdiagnostisch relevante Erkrankungen
oder bedeutsame Komorbiditäten, wie z. B. ein Lungenkarzinom, eine Tuberkulose, Lungenparenchymerkrankungen
oder eine Lungenstauung, erkannt werden können. Große Emphysemblasen sowie ausgeprägte
pleurale Veränderungen können ebenfalls identifiziert werden. Für die Erfassung und
Quantifizierung der Lungenüberblähung ist die konventionelle Röntgenaufnahme nicht
mit hinreichender Validität geeignet [15 ].
4.1.3 Lungenfunktionsdiagnostik
Um die Diagnose COPD zu stellen, soll neben der Erhebung der Anamnese und der körperlichen
Untersuchung in jedem Fall eine Lungenfunktionsprüfung durchgeführt werden, um die
Obstruktion zu dokumentieren. Die globale Initiative GOLD definiert die persistierende
Obstruktion bei COPD anhand einfach zu messender spirometrischer Kriterien: der postbronchodilatatorisch
gemessene Tiffeneau-Index (FEV1 /FVC) < 70 % oder alternativ FEV1 /FVC < als die untere Normgrenze (lower limit of normal, LLN). Letztere wurde in einer
großen gesunden Referenzpopulation für 4 verschiedene Ethnien (Kaukasier = Weiße,
Schwarze, Süd- und Nordasiaten) in der GLI (Global Lung Initiative) als die 5er-Perzentile
des Tiffeneau-Index FEV1 /FVC bestimmt. Daraus ergeben sich (kleine) Unterschiede, da bei über 50-jährigen
Gesunden die LLN unter 70 % liegt. Je älter der gesunde Proband, umso niedriger ist
die LLN. Sie ist auch geschlechtsabhängig. So liegt die LLN des Tiffeneau-Index bei
80-jährigen Männern knapp über 60 %, bei Frauen geringfügig höher [16 ].
Eine spirometrisch gemessene Bronchialobstruktion ist keinesfalls automatisch mit
der klinischen Diagnose COPD gleichzusetzen. Zwar ist der objektive Nachweis einer
persistierenden Bronchialobstruktion ein notwendiges Kriterium für die Diagnosestellung.
Die Lungenfunktion dient somit der Bestätigung der klinischen Verdachtsdiagnose COPD.
Zu berücksichtigen ist, dass eine nicht voll reversible Bronchialobstruktion auch
andere Ursachen als eine COPD haben kann (siehe unter Differenzialdiagnose).
Diese Leitlinie verwendet die FEV1 /FVC für die Definition der Obstruktion in Übereinstimmung mit der Spirometrieempfehlung
der Deutschen Atemwegsliga [17 ] und der GLI [16 ]. Der alte, bislang verwendete Standard waren FEV1 /VC und die EGKS-Sollwerte [1 ]. Hierdurch können sich bei der Diagnose einer Obstruktion in Grenzfällen über die
LLN-Problematik hinaus weitere Abweichungen ergeben.
Einzelne Patienten mit ausgeprägtem Emphysem und daraus folgender erheblicher Lungenüberblähung
(Erhöhung des Residualvolumens und der Totalkapazität, Erniedrigung der forcierten
Vitalkapazität) weisen keine Einschränkung der FEV1 /FVC auf. Die Diagnose (nicht obstruktives Lungenemphysem) wird dann anhand erhöhter
Werte der bodyplethysmografisch gemessenen funktionellen Residualkapazität (FRCpleth ) [18 ] und der Totalkapazität bzw. einer Erniedrigung der CO-Diffusionskapazität (DLCO)
[19 ] gestellt. Zu berücksichtigen ist des Weiteren, dass bei der chronischen, nicht obstruktiven
Bronchitis nach WHO-Definition normale Werte der FEV1 /FVC bestehen. Solche Patienten können ähnliche Symptome und Exazerbationen haben
wie COPD-Patienten [20 ]. Für beide genannten Gruppen ist festzuhalten, dass keinerlei durch Studien abgesicherte
Daten zur Pharmakotherapie vorliegen.
4.1.3.1 Spirometrie
Die Spirometrie wird nach den aktuellen Empfehlungen der Deutschen Atemwegsliga durchgeführt
[17 ]. Eine Spirometrie soll zur Sicherung der Diagnose der COPD bei der Erstuntersuchung
eines jeden Patienten vor und auch nach Inhalation eines Bronchodilatators (z. B.
15 Minuten nach Salbutamol (bis zu 400 µg in 4 Einzeldosen) oder 30 Minuten nach einer
Kombination aus Salbutamol (oder Fenoterol) und 160 µg Ipratropiumbromid durchgeführt
werden. Die Feststellung, ob die Bronchialobstruktion „persistent“, also mit der Diagnose
COPD vereinbar ist, ist nur nach Bronchodilatatorgabe möglich. In der täglichen Praxis
wird bei spirometrischen Erstuntersuchungen eine Ausgangsmessung empfohlen zur Feststellung,
ob eine Obstruktion vorliegt, bevor ein Bronchodilatator appliziert wird. Die intraindividuelle
Variabilität von postbronchodilatatorischen Verlaufsmessungen ist im Vergleich zu
präbronchodilatatorischen Analysen geringer.
Das FEV1 ist Bestandteil aller kombinierten Scores (z. B. BODE Index, siehe unten), die eine
Abschätzung der Prognose vornehmen. In früheren Empfehlungen wurde das FEV1 auch zur Festlegung der medikamentösen Therapie herangezogen. Im Gegensatz dazu empfiehlt
das GOLD 2017-Dokument die Erfassung der Symptome und des Exazerbationsrisikos als
Basis für die medikamentöse Behandlung (GOLD 2017, [3 ]). Im Fall einer großen Diskrepanz zwischen spirometrischen Befunden und Symptomen
(z. B. FEV1 = 30 %, aber kaum Symptome) wird eine intensive Evaluation des Patienten empfohlen.
Spirometrische Verlaufsuntersuchungen sind angezeigt, um die Progression der Erkrankung
(Identifikation von „rapid decliners“) einzuschätzen. Dabei ist zu beachten, dass
eine symptomatische Verschlechterung bei multimorbiden COPD-Patienten bei konstant
gebliebener Lungenfunktion auch andere Ursachen als die Zunahme der Obstruktion haben
kann, z. B. Lungenstauung, Lungenembolie, Depression etc. Diese Differenzialdiagnosen
sollen durch entsprechende weiterführende Untersuchungen abgeklärt werden. Die Indikationsstellungen
zu nicht pharmakologischen Therapien (z. B. Volumenreduktion, siehe Kapitel 6.3) basieren
partiell auf spirometrischen und weiteren Lungenfunktionsergebnissen. Für die Beurteilung
der Wirksamkeit der Effekte einer pharmakologischen Therapie sollten Symptome, Lebensqualität,
physische Aktivität und Exazerbationshäufigkeit herangezogen werden, die nach gegenwärtigem
Kenntnisstand besser geeignet sind als die Lungenfunktion.
Eine COPD-typische statische Überblähung kann spirometrisch indirekt durch die Messung
der inspiratorischen Kapazität (IC) erfasst werden. Allerdings gibt es für die IC
keine Sollwerte.
4.1.3.2 Reversibilitätstestung
Die Bedeutung der Reversibilitätstestung mit Bronchodilatatoren bei COPD ist beschränkt.
Das Ausmaß der Reversibilität nach Bronchodilatatorinhalation wechselt im zeitlichen
Verlauf und trägt daher nicht zur Phänotypisierung bei [21 ]. Das Ausmaß der Reversibilität (bei COPD häufig < 12 % und < 200 ml) hilft nicht,
Asthma von COPD eindeutig zu differenzieren, da auch Asthmapatienten eine ähnlich
geringe, zudem wechselnde Reversibilität aufweisen können, besonders unter Therapie.
Ausnahme: Eine volle Reversibilität der Obstruktion schließt die Diagnose COPD aus.
Die Messung präbronchodilatatorischer Werte bei strenger Berücksichtigung der Karenzzeit
für Bronchodilatatoren mit verschieden langer Wirkungsdauer ist bei vorbehandelten
Patienten in der täglichen Praxis kaum möglich und daher eine lege artis durchgeführte
Reversibilitätstestung nicht durchführbar. Der Reversibilitätstest trägt weder zur
Beurteilung der Prognose bei, noch gibt er Hinweise auf das Ansprechen auf eine Therapie
[22 ]. Reversibilitätstests mit inhalierbaren und/oder oralen Kortikosteroiden können
in Einzelfällen zur Abgrenzung von einem Asthma bronchiale durchgeführt werden.
Peak-Flow-Messung Die Messung der Peak-Flow-Werte ist für die Diagnosestellung der COPD nicht geeignet
[23 ]
[24 ]
[25 ].
Weitere Lungenfunktionsuntersuchungen Häufig sind sie unter differenzialdiagnostischen Aspekten erforderlich, insbesondere
wenn eine Diskrepanz zwischen FEV1 oder FEV1 /FVC und den Symptomen besteht. Sie tragen auch zur phänotypischen Charakterisierung
der COPD mit potenziellen therapeutischen Konsequenzen bei.
4.1.3.3 Bodyplethysmografie
Sie erlaubt die Bestimmung einer Vielzahl von Parametern, die wichtigsten davon sind
ITGV und RV/TLC [18 ].
Eine Erhöhung des Anteils des Residualvolumens im Rahmen der (normalen oder gar erhöhten)
Totalkapazität geht zu Lasten der FVC, die erniedrigt gemessen wird, und täuscht eine
– neben der Obstruktion vermutete – restriktive Ventilationsstörung vor. Die Bodyplethysmografie
hilft, die richtige Diagnose (einer häufig rein obstruktiven Störung) zu stellen,
falls die Totalkapazität normal oder erhöht ist [26 ].
Die bodyplethysmografische Messung des spezifischen Atemwegswiderstandes stellt eine
(beinahe) mitarbeitsunabhängige objektive Messmethode der Obstruktion dar. Auch die
zur Bestimmung weiterer ganzkörperplethysmografischen Messgrößen (Raw: Atemwegswiderstand;
FRCpleth : Die bodyplethysmografisch gemessene funktionelle Residualkapazität) erforderliche
Verschlussdruckkurve fordert die Mitarbeit des Patienten weniger heraus als die Spirometrie.
Somit ist bei Patienten, die nicht in der Lage sind, auswertbare maximale und/oder
forcierte Atemmanöver durchzuführen, zusätzlich zur Spirometrie die Durchführung der
Bodyplethysmografie sinnvoll.
4.1.3.4 CO-Diffusionskapazität (DLCO)
Die Bestimmung der CO-Diffusionskapazität wird üblicherweise nach der Single-Breath-Methode
durchgeführt. Damit können 2 wichtige Parameter bestimmt werden:
Die Messung der Heliumverdünnung gibt Auskunft über das Residualvolumen. Im Gegensatz
zur Bodyplethysmografie werden nur die gut belüfteten Lungenanteile gemessen. In fortgeschrittenen
Fällen mit ausgeprägter Obstruktion wird das Residualvolumen zu niedrig gemessen.
Durch Messung der CO-Diffusionskapazität ist eine Abschätzung der Gasaustauschstörung
(des Emphysemanteils) möglich. Die Messwerte korrelieren mit dem im CT (Spezialsoftware)
bestimmten Schweregrad des Emphysems [27 ]. Mittels DLCO kann eine eventuelle Diskrepanz zwischen Symptomen und Spirometrie
sowie pathologischen Blutgaswerten erklärt werden. Die Messwerte der DLCO sind bei
COPD – je nach Emphysemanteil – fast immer erniedrigt, bei Asthma normal.
4.1.3.5 Blutgasanalyse
Eine arterielle Hypoxämie mit oder ohne Hyperkapnie wird bei Patienten mit schwerer
COPD häufig angetroffen – entweder nur nach Belastung oder auch schon in Ruhe. Eine
respiratorische Insuffizienz liegt bei PaO2 -Werten < 8,0 kPa (60 mmHg) vor. Eine ventilatorische Insuffizienz besteht bei Hyperkapnie
(PaCO2 > 6,0 kPa = 45 mmHg). Die in Europa übliche Messung der Blutgase aus hyperämisiertem
Kapillarblut (Ohrläppchen) ist nur zuverlässig, wenn keine Linksherzinsuffizienz mit
peripherer Zyanose bzw. ein Präschock- oder Schockzustand besteht. In diesen Fällen
muss die Blutgasanalyse über eine arterielle Punktion durchgeführt werden. Blutgasanalysen
sind unerlässlich zur Indikationsstellung einer Langzeit-Sauerstofftherapie.
Die Pulsoxymetrie ist zur Kontrolle der Oxygenierung als Verlaufsparameter geeignet.
Anzustreben ist eine Sauerstoffsättigung > 90 %. Messungen sind möglich sowohl in
Ruhe, unter körperlicher Belastung als auch zur Kontrolle einer Sauerstofftherapie.
4.1.3.6 Belastungstests
Kontrollierte Belastungstests können bei COPD-Patienten zur Differenzierung der Ursachen
einer Belastungsdyspnoe, zur Quantifizierung der Belastbarkeit, zur Beurteilung von
Therapieeffekten sowie zur Auswahl eines individuell abgestuften Trainingsprogramms
eingesetzt werden. Die Auswahl der verschiedenen Belastungstests, der Belastungsprotokolle
sowie der Kenngrößen zur Beurteilung der Belastbarkeit sind den Empfehlungen der Deutschen
Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) zur Durchführung und Beurteilung
von Belastungstests in der Pneumologie zu entnehmen [28 ].
Der 6-Minuten-Gehtest [29 ] ist der am häufigsten eingesetzte Belastungstest. Zur ursächlichen Zuordnung der
Belastungsdyspnoe bei COPD-Patienten mit z. B. kardialer Komorbidität eignet sich
die spiroergometrische Untersuchung. Sie dient auch der Objektivierung der Einschränkung
der körperlichen Belastbarkeit (Minderung der Erwerbsfähigkeit, Invaliditätsgrad).
4.1.4 Computertomografie des Thorax
Das Computertomogramm des Thorax bei COPD-Patienten kann zur phänotypischen Charakterisierung
beitragen [30 ]. Es ist geeignet, Veränderungen der Atemwege zu charakterisieren und zu quantifizieren
und Art, Verteilung und Ausmaß des Emphysems (diffus, ober- oder unterlappenbetont,
Bullae etc.) zu bestimmen. Hierfür ist die Anwendung von Spezialsoftware erforderlich.
Der Nachweis von Komorbiditäten, wie z. B. Lungentumoren und Bronchiektasen, ist ebenfalls
möglich.
Technische Anmerkungen Für die genannten Indikationen wird die Multidetektor-CT-Untersuchung empfohlen.
Die Darstellung in 5 mm-Schichten und 1 – 1,5 mm-Rekonstruktionen ergibt die beste
diagnostische Auslese. Die Gabe von Kontrastmittel ist nur bei Verdacht auf Tumoren
und auf eine Lungenembolie erforderlich.
CT-Untersuchungen tragen bei folgenden Fragestellungen zur therapierelevanten Diagnostik
bei COPD bei:
Abklärung pathologischer Befunde auf der Thorax Übersichtsaufnahme (einschließlich
Verdacht auf Lungenkarzinom)
bei differenzialdiagnostischen Erwägungen (z. B. Bronchiektasen, Lungenembolie, diffuse
Lungenparenchymerkrankung, pleurale Erkrankungen)
vor möglichen interventionellen oder operativen Eingriffen wegen COPD (Bullektomie,
Volumenreduktion, Resektion wegen Bronchiektasen, Lungentransplantation).
4.1.5 Laboruntersuchungen
Die Bestimmung des Differenzialblutbildes (Eosinophile), der Elektrolyte und der Nierenfunktion
sowie bei häufig exazerbierenden Patienten außerdem der Immunglobuline ist sinnvoll,
da sich hieraus therapeutische Konsequenzen ergeben können. Bei allen COPD-Patienten,
insbesondere denen mit früh einsetzender COPD-Erkrankung (Raucher und Nichtraucher
unter 45 Jahren) oder mit basal betontem panlobulärem Lungenemphysem, sollte einmal
eine Untersuchung bezüglich eines hereditären Alpha-1-Protease-Inhibitor-Mangels erfolgen,
da bei einem homozygoten Mangel (Phänotyp ZZ) eine Substitutionstherapie zur Verfügung
steht. Bei Exazerbation ist die Bestimmung des Blutbildes und des CRP im Serum sinnvoll.
Bei klinischem Verdacht auf z. B. Lungenembolie oder akutes Koronarsyndrom sollten
D-Dimere, Brain natriuretic peptide (BNP) und Troponine bestimmt werden. Bei Exazerbationen
und bei Polyglobulie ist eine Blutgasanalyse indiziert.
4.1.6 Sputumdiagnostik
Eine mikrobiologische Sputumdiagnostik ist bei akuten Exazerbationen in der Praxis
nicht notwendig, jedoch bei Exazberbationen mit produktivem Husten, die zu einer Klinikeinweisung
führen, zu diskutieren. Hauptindikationen zur Durchführung sind
Notwendigkeit der stationären Aufnahme,
fehlendes Ansprechen auf eine kalkulierte antiinfektiöse Therapie nach 72 Stunden,
rezidivierende Exazerbationen (≥ 2 pro Jahr),
Bronchiektasen,
immunkompromittierte Patienten.
Zur Sputumabgabe sollte das Morgensputum (nach Spülung des Mund-Rachenraumes mit klarem
Wasser) genutzt werden. Das Sputum sollte innerhalb von 2 – 4 Stunden im bakteriologischen
Labor bearbeitet werden. Ein Transport ist auch bei Kühlung (4 °C) nur bedingt zu
empfehlen, wenn die Zeit zwischen Gewinnung und Verarbeitung des Sputums 4 Stunden
überschreitet. Dann ist zu beachten, dass die Aussagekraft der Untersuchung für wichtige
Keime wie Streptococcus pneumoniae abnimmt. Dennoch kann die Untersuchung therapeutisch verwertbare Hinweise auf wichtige
Keime – darunter Enterobakterien, P. aeruginosa und auch nicht tuberkulöse Mykobakterien – liefern. Die Qualität des Sputums bei
Purulenz, > 25 Neutrophile pro Gesichtsfeld bei < 10 Epithelzellen pro Gesichtsfeld,
sollte im Befund angegeben werden.
4.1.7 Elektrokardiogramm und Echokardiografie
Diese Untersuchungen dienen a) zum Ausschluss von potenziellen kardiovaskulären Erkrankungen,
die mit ähnlichen Symptomen einhergehen können, b) zur Abschätzung der Auswirkungen
der COPD auf das Herz-Kreislauf-System. Bei Verdacht auf ein Cor pulmonale erlaubt
die Echokardiografie mit der Doppler- und Farbdopplertechnik in vielen Fällen eine
Abschätzung des systolischen Drucks im kleinen Kreislauf und der Dimensionen des rechten
Herzens.
4.2 COPD Bewertung (Assessment)
4.2.1 Schweregrade der Obstruktion
GOLD empfiehlt, den Schweregrad der Obstruktion (1 – 4) anhand der postbronchodilatatorisch
gemessenen FEV1 -Werte zu bestimmen, wenn das Kriterium der Obstruktion (FEV1 /FVC < LLN oder < 70 %) erfüllt wurde ([Tab. 2 ]).
Tab. 2
Schweregrad der Obstruktion bei COPD nach GOLD [3 ].
Schweregrad nach FEV1 (nach Bronchodilatation gemessen)
Kriterium für Obstruktion
FEV1 /FVC < LLN oder < 70 %
IV (sehr schwer)
FEV1 < 30 % Soll
III (schwer)
30 % – 49 % Soll
II (mittelgradig)
50 % – 79 % Soll
I (leicht)
FEV1 ≥ 80 % Soll
FEV1 ist der beste einzelne Prognosefaktor für die COPD (Übersicht bei [31 ], allerdings nur für Gruppen, nicht aber indivduelle Patienten). Es besteht eine
positive, wenngleich schwache Korrelation des FEV1 mit der Lebensqualität [32 ] und den Symptomen [33 ], zur Korrelation mit der Exazerbations-häufigkeit liegen widersprüchliche Daten
vor [34 ]
[35 ]
[36 ]
[37 ]. In Anlehnung an das 2017 Dokument von GOLD empfehlen wir als Basis für die Wahl
der medikamentösen Behandlung die Evaluation der Symptomatik und die Abschätzung des
Exazerbationsrisikos auf der Basis der Exazerbationshistorie.
4.2.2 Kombinierte Einschätzung der COPD
In der vorherigen Version dieser Leitlinie [1 ] sowie in den GOLD-Versionen vor 2011 [3 ] richtete sich die medikamentöse Stufentherapie nur nach dem Schweregrad der Obstruktion.
In den letzten Jahren wurde zunehmend Evidenz dafür generiert, dass die spirometrischen
Befunde nur schwach mit patientenzentrierten Endpunkten wie Symptomen und Exazerbationen
korrelieren, und damit nicht geeignet sind, eine auf die Bedürfnisse des Patienten
fokussierte Therapie zu begründen [33 ]
[35 ]
[38 ]
[39 ]. Daher wurde ein Schema vorgeschlagen, das auf die Symptomatik und das Exazerbationsrisiko
aufbaut. In der 2011-Version von GOLD wurde ein System generiert, indem das Exazerbationsrisiko
durch die Exazerbationshistorie und die Spirometrie definiert sein konnte. In der
GOLD 2017-Version wurde dieses System revidiert. Jetzt werden nur noch in der Vorgeschichte
erlittene Exazerbationen und die Symptomatik berücksichtigt.
Vier Gruppen werden unterschieden: A, B, C und D (siehe [Abb. 1 ]).
Abb. 1 COPD: Einteilung in die Gruppen A, B, C und D.
Exazerbationsrisiko : Die Anzahl der Exazerbationen wird anamnestisch erfasst. Mindestens eine stationär
behandelte (schwere) oder mindestens 2 ambulant behandelte mittelschwere (Gabe von
Antibiotika und/oder systemische Kortikosteroiden) Exazerbationen gelten als erhöhtes
zukünftiges Risiko und werden den COPD-Stadien C oder D zugeordnet. Patienten mit
0 – 1 mittelschwerer Exazerbation im Jahr werden in die Stadien A oder B eingeteilt.
Symptome : Sie sollen mithilfe validierter Fragebögen gemessen und in 2 Kategorien eingeteilt
werden: gering symptomatisch und höhergradig symptomatisch.
mMRC (modified Medical Research Council)-Skala: Das wichtigste Symptom der COPD, die
Belastungsdyspnoe wird in einer 5-Stufenskala gemessen ([Tab. 3 ]). Als wenig symptomatisch (Stadium A oder C) gelten die Stufen 0 und 1. Bevorzugt wird jedoch die Anwendung von Fragebögen, die auch weitere Symptome (z. B.
Husten, Verschleimung etc.) messen und damit die Lebensqualität abbilden:
CAT (COPD Assessment Test): Fragebogen mit 8 Fragen, zu beantworten auf einer Likert
Skala von 0 – 5. Minimum Score bei völliger Beschwerdefreiheit 0, Maximum Score 8 × 5 = 40.
Als wenig symptomatisch gilt ein Score < 10. Für den CAT gibt es eine validierte deutsche
Übersetzung (siehe [Abb. 2 ]).
CCQ (COPD Control Questionnaire): Fragebogen mit 10 Fragen, zu beantworten auf einer
Likert Skala von 0 – 6, Minimum Score bei völliger Beschwerdefreiheit 0, Maximum Score
10 × 6:10 = 6. Als wenig symptomatisch gilt ein Score von 1. Für CCQ gibt es eine
validierte deutsche Übersetzung als 24 Stunden- und 1 Woche-Version.
Tab. 3
mMRC-Skala für Dyspnoe.
Stufe 0
Ich werde nur bei starker Belastung kurzatmig.
Stufe 1
Ich werde kurzatmig, wenn ich mich auf ebener Erde beeile oder wenn es leicht ansteigt.
Stufe 2
Ich gehe wegen Atemnot langsamer als Altersgenossen oder ich muss anhalten, um Luft
zu holen, wenn ich auf ebener Erde gehe.
Stufe 3
Ich halte an, um Luft zu holen nach 100 m oder nach wenigen Minuten, ebenerdig.
Stufe 4
Ich bin zu kurzatmig, um das Haus zu verlassen oder ich bin kurzatmig bei An- und
Ausziehen
Abb. 2 Der CAT-Fragebogen. Quelle: © 2009 GlaxoSmithKline. Alle Rechte vorbehalten.
Komorbiditäten beeinflussen ebenfalls die Schwere der COPD (siehe Kapitel 8), werden aber bei der
Stadieneinteilung A, B, C und D bisher nicht berücksichtigt.
Die COPD-Patienten werden anhand der erhobenen 2 Dimensionen (Symptome, Exazerbationsrisiko)
wie folgt den Gruppen A bis D zugeordnet:
gering symptomatische Patienten (mMRC Score 0 – 1, oder CAT Score < 10, oder CCQ Score < 1):
Gruppe A und C,
höhergradig symptomatische Patienten: Gruppe B und D.
Eine volle Übereinstimmung zwischen mMRC und CAT/CCQ Score ist nicht zu erwarten,
da mMRC nur die Dyspnoe berücksichtigt. Die beiden anderen Instrumente erlauben eine
umfassendere Einschätzung und sollen daher bevorzugt angewendet werden.
Patienten mit geringem Exazerbationsrisiko: Gruppe A und B,
Patienten mit hohem Exazerbationsrisiko: Gruppe C und D.
Die Lungenfunktion ist nur noch dann zwingend zu berücksichtigen, wenn eine Diskrepanz
zwischen Einschränkung der Lungenfunktion und Symptomen besteht. So können COPD-Patienten
mit schwergradiger Obstruktion durch maximale Einschränkung ihrer körperlichen Aktivität
wenig Symptome empfinden. Da die ABCD Krankheitsstadien der COPD die Basis für die
medikamentöse Therapie sind, ist darauf zu achten, dass solche Patienten unter Einbeziehung
von Belastungsuntersuchungen umfassend evaluiert werden, um eine exakte Abschätzung
der krankheitsbedingten Einschränkungen zu ermöglichen. Die Klassifizierung der Patienten
soll an 2 Beispielen dargestellt werden; ein Patient mit einem Post-Bronchodilatator
FEV1 von 40 % des Solls ist deutlich symptomatisch (CAT 20) und hatte im letzten Jahr
eine mit oralem Kortikosteroid behandelte Exazerbation. Damit fällt er in die Kategorie
GOLD 3 B.
Ein Patient mit einem Post-Bronchodilatator FEV1 von 45 % des Solls, einem CAT von 25 und 2 mit Antibiotika behandelten Exazerbationen
im letzten Jahr fällt in die Kategorie GOLD 3 D.
4.2.3 Multidimensionale Schweregradeinteilung
Die bekannteste multidimensionale Schweregradeinteilung, der BODE-Index (B : body-mass-index, O : obstruction, D : dyspnoea, E : exercise capacity), berücksichtigt Ausmaß der Obstruktion, Atemnot (mMRC-Skala),
körperliche Belastbarkeit und Body-Mass-Index [40 ]. Die Belastbarkeit wird über die 6-Minuten-Gehstrecke gemessen. [Tab. 4 ] zeigt die Kriterien für den BODE-Score.
Tab. 4
BODE-Index.
Parameter
Punkte auf der BODE-Skala
0
1
2
3
FEV1 (% Soll)
≥ 65
50 – 64
36 – 49
≥ 35
6-Min-Gehtest (m)
> 350
250 – 349
150 – 249
≤ 149
MRC-Dyspnoe [28 ]
0 – 1
2
3
4
Body-Mass-Index (kg/m2 )
> 21
≤ 21
Die BODE-Scorebereiche (Quartile) 0 – 2, 3 – 4, 5 – 6 und 7 – 10 Punkte korrelierten
mit der Gesamtmortalität und mit der COPD-bedingten Mortalität besser als die FEV1
[40 ].
Es gibt weitere multidimensionale Indizes, die zum Teil andere Parameter: ADO (Age,
Dyspnoe, Obstruction) [41 ], DOSE (Dyspnoe, Obstruction, Smoking, Exacerbation) [42 ] bzw. die Komorbiditäten (COTE) [43 ]
[44 ] berücksichtigen.
4.3 Phänotypen bei COPD
Die Phänotypisierung der COPD steckt noch in den Anfängen, es wird jedoch zunehmend
klar, dass gemeinsame klinische Charakteristika von Subgruppen von COPD-Patienten
(„Phänotypen“) (Übersicht bei [45 ]) heute schon therapeutisch relevant sein können (siehe Kapitel Therapie).
Empfohlene Untersuchungsmethoden sind:
Erhebung einer gezielten Anamnese (Vorhandensein von Husten und Auswurf, Anzahl der Exazerbationen, am meisten beeinträchtigende
Symptome gemessen durch Fragebögen wie CAT, CCQ oder mMRC)
Spirometrie mit Messung von Ausmaß und Reversibilität der Obstruktion sowie Bestimmung der inspiratorischen
Kapazität (IC)
Bodyplethysmografie mit Messung der Obstruktion und der Überblähung (RV, RV/TLC),
CO-Diffusionskapazität zur Abschätzung des Ausmaßes eines Emphysems,
6-Minuten-Gehstrecke zur Messung der Belastbarkeit. Diese kann durch eine Spiroergometrie ergänzt werden.
Blutgasanalyse für die Charakterisierung der respiratorischen Insuffizienz und Erfassung von Gasaustauschstörungen
Sauerstoffsättigung zur Kontrolle der Oxygenierung
Multidetektor CT (ohne Kontrastmittel mit 1 – 1,5 mm Rekonstruktionen) zur Bestimmung von Ausprägung
und Verteilung des Emphysems und der Atemwegsveränderungen, z. B. Bronchiektasen ([Tab. 5 ])
Tab. 5
Zusatzuntersuchungen für die Diagnostik relevanter phänotypischer Merkmale.
Therapie- oder prognoserelevante phänotypische Merkmale
Messmethoden
Anmerkungen und Alternativen
Symptomlast
CAT, CCQ, mMRC
nur einen Fragebogen anwenden
körperliche Belastbarkeit
6-Min-Gehtest
evtl. Spiroergometrie oder Belastungsblutgasanalyse
Exazerbationsfrequenz
Exazerbationen dokumentieren
retrospektiv bei der ersten Konsultation, danach prospektiv erfassen
Überblähung
Ganzkörperplethysmografie: RV/TLC, ITGV
Spirometrie: IC
Röntgenaufnahme in 2 Ebenen
CT[1 ]
nur wenn ohnehin erforderlich
Emphysemkomponente
DLCO
CT
bei speziellen Fragestellungen
chronische Bronchitis Komponente
Husten, Auswurf (Anamnese)
CT[1 ]
Technik: 1 – 1,5 mm Schichten/Rekonstruktionen
Bronchiektasen
1 – 1,5 mm CT-Schichtdicke, ohne Kontrastmittel
ACO
gezielte Anamnese
bei Verdacht: Allergietestung
bei Krankheitsbeginn im Kindesalter
Komorbiditäten
siehe eigenes Kapitel
1 Anmerkungen zu CT-Untersuchungen siehe unten unter Paragraf CT.
4.4 Diagnostischer Algorithmus
In [Abb. 3 ] ist ein Algorithmus zum Einsatz der genannten diagnostischen Verfahren in der Diagnostik
der COPD dargestellt. Zur initialen Diagnostik, die vom niedergelassenen Allgemeinarzt
oder Internisten durchgeführt werden kann, gehören die Anamnese, die körperliche Untersuchung,
eine Thoraxaufnahme in 2 Ebenen und die Spirometrie.
Abb. 3 Diagnostik der COPD. *Es ist unwahrscheinlich, aber grundsätzlich möglich, dass bei
normaler Spirometrie in der Bodyplethysmografie unauffällige Befunde erhoben werden,
sich in der DLCO-Messung aber ein deutlich verminderter Wert ergibt. Das kann zum
einen Ausdruck eines Emphysems sein, andererseits können z. B. auch interstitielle
Lungenerkrankungen, eine kardiale Grunderkrankung oder eine pulmonale Hypertonie ein
derartiges Bild machen. Eine restriktive Lungenerkrankung sollte bei normalen Tiffeneau-Index
und erniedrigter TLC in der Bodyplethysmografie bzw. auch erniedrigter DLCO erwogen
werden.
Wenn COPD-Symptome bestehen, obwohl das Verhältnis FEV1 /FVC > LLN oder > 70 % ist bzw. nur gering darunterliegt, kann die Ganzkörperplethysmografie
(GKP) Hinweise auf eine COPD mit starker Überblähung liefern, die zu einer Erniedrigung
der FVC (bei normaler oder erhöhter Totalkapazität) und zu relativ hohen Werten für
FEV1 /FVC führt [17 ]. Des Weiteren kann die Messung der DLCO bei ausgeprägter Belastungsdyspnoe und relativ
geringer Beeinträchtigung der spirometrisch gemessenen Volumina weiterhelfen (Emphysem
Phänotyp) [27 ]
[46 ]
[47 ].
Bei einer spirometrisch gemessenen Obstruktion mit Hinweis auf das Vorliegen einer
zentralen Atemwegsstenose [17 ] oder bei entsprechendem klinischem Verdacht sollte eine Bronchoskopie durchgeführt
werden. Bei Patienten mit – nach den genannten Untersuchungen – unklar gebliebener
Dyspnoe sollen weitere Ursachen abgeklärt werden: kardiale Erkrankungen, Anämie, interstitielle
Lungenerkrankungen, pulmonale Hypertonie (ggf. auch als Folge von Lungenembolien),
Schlafapnoe, neuromuskuläre Erkrankungen etc.
4.5 Differenzialdiagnosen
Die wichtigste Differenzialdiagnose ist das Asthma bronchiale. Charakteristische Merkmale
beider Erkrankungen sind in [Tab. 6 ] gegenübergestellt. In der klinischen Wirklichkeit ist die Unterscheidung zwischen
Asthma und COPD häufig schwierig. Eine Reversibilität der Atemwegsobstruktion, ein
definierendes Merkmal des Asthmas kann auch bei COPD vorkommen. Das Ausmaß der Reversibilität
bei Asthma ist in der Regel größer (ΔFEV1 > 12 % und > 200 ml). Je größer die Reversibilität, umso wahrscheinlicher ist die
Diagnose Asthma. Sie kann aber unter Therapie und bei langanhaltendem Asthma auch
geringer ausfallen. Eine bronchiale Hyperreagibilität kommt bei 85,1 % der Frauen
und 58,9 % der Männer mit COPD in der Lung Health Study vor [48 ]. Die Messung der bronchialen Hyperreagibilität in der klinischen Routine erlaubt
daher auch keine sichere Differenzierung von Asthma und COPD.
Tab. 6
Differenzialdiagnose: Asthma – COPD.
Merkmal
Asthma
COPD
Alter bei Erstdiagnose
in jedem Lebensalter möglich
häufig in Kindheit, Jugend
meist 5 – 6. Lebensdekade
Symptombeginn in Kindheit spricht gegen COPD
Anamnese einschließlich Tabakrauchen
Familienanamnese: oft positiv
Rauchen, inhalative Noxen: kein Kausalzusammenhang; Verschlechterung bzw. Therapieresistenz
durch Rauchen
Rauchen, inhalative Noxen:
Kausalzusammenhang
Atemnot
anfallartig auftretende Atemnot, wechselnd im Laufe der Zeit; Triggerung durch:
körperliche Belastung
seelische Belastung
Allergene, Staub, Rauch
kalte Luft
Lachen
kontinuierlich symptomatisch,
kein beschwerdefreies Intervall
Atemnot unter Belastung
Verlauf
variabel, episodisch, kann unter Behandlung oder spontan symptomfrei werden
meistens progredient,
auch unter Behandlung
Allergie
häufig
selten, nicht kausal
Lungenfunktion
oft normal,
variable Obstruktion (anamnestisch),
gut reversible Obstruktion bei Testung üblich
persistierende Obstruktion
FEV1 /FVC immer < LLN oder < 70 %,
Reversibilität wechselnd, meistens gering und umgekehrt proportional zu FEV1
Bronchiale Hyperreaktivität
vorhanden
häufig vorhanden
Ansprechen auf systemische Glukokortikoide
regelhaft vorhanden
nur bei Exazerbation
Merkmale, die zu Asthma und COPD passen, können auch gemeinsam vorkommen. Nach einem
Vorschlag von GINA und GOLD wird dies als Asthma COPD Overlap (ACO) bezeichnet. [49 ]. Asthma und COPD werden zunehmend als Oberbegriff für verschiedene Phänotypen von
Asthma und COPD verwendet [50 ]. Derzeit sind diese Phänotypen noch nicht endgültig charakterisiert. Als besondere
Herausforderung gilt der Asthma Phänotyp bei Patienten mit langjährigem Verlauf und
fixierter Atemwegsobstruktion [51 ]. Die Merkmale in [Tab. 7 ] sollen als Wegweiser dienen. In vielen Fällen helfen auch die klinische Beobachtung
im Verlauf und das Ansprechen auf die Therapie weiter.
Tab. 7
Wichtige Differenzialdiagnosen der COPD mit Atemwegsobstruktion.
Diagnose
Diagnostik
Asthma
wichtigste Differenzialdiagnose (siehe Text)
Linksherzinsuffizenz
EKG, UKG, Röntgenaufnahme, Biomarker
Lungenfunktion: Restriktion, ggf. zusätzlich Obstruktion („Asthma cardiale“)
Bronchiektasen-Krankheit
HR-CT
oft großes Sputumvolumen, aber auch Reizhusten möglich
Lungenfunktion: oft Obstruktion
Sarkoidose Typ III und IV
Lungenfunktion: häufig teilreversible Bronchialobstruktion
Tuberkulose, auch als posttuberkulöses Syndrom
Lungenfunktion: fixierte Obstruktion möglich
Bronchiolitis obliterans
idiopathisch, Infekt, akute inhalative Noxen, rheumatoide Arthritis, Lungentransplantation
HR CT: „mosaic pattern“
Lungenfunktion: oft fixierte Obstruktion
Tumor
Bronchoskopie zum Nachweis einer zentralen Atemwegsstenose
Weitere Differenzialdiagnosen Husten, Auswurf und Atemnot können bei einer Reihe von Erkrankungen auftreten. Alle
Erkrankungen mit Bronchialobstruktion (u. a. Bronchiektasie, Bronchiolitis obliterans,
diffuse Lungenparenchym-erkrankungen mit möglicher Obstruktion wie z. B. Sarkoidose),
mit chronischem Husten (u. a. Lungenkarzinom, Tuberkulose, idiopathischer Husten oder
chronische Rhinosinusitis) oder Atemnot (u. a. Anämie, Linksherzinsuffizienz, pulmonale
Hypertonie, Übergewicht, Trainingsmangel, Hyperthyreose, metabolische Azidose) sollen
als Differenzialdiagnose oder auch als Komorbidität in Betracht gezogen werden.
4.6 Spirometrisches Screening auf COPD
Obwohl durch ein spirometrisches Screening die Zahl an diagnostizierten COPD-Fällen
in einer Population verdoppelt werden kann [52 ]
[53 ], ist die Wertigkeit des Screenings umstritten. Nach gegenwärtigem Kenntnisstand
verbessert nur die Raucherentwöhnung die Prognose der frühdiagnostizierten Fälle,
aber die Effekte auf die Raucherentwöhnung sind selbst bei einem ergiebigen Screening
unklar, die Abstinenzraten durch die Frühdiagnose der COPD konnten nur in einigen
[54 ], aber nicht in allen Studien verbessert werden [55 ]
[56 ]. Der Stellenwert der medikamentösen Therapie bei durch Screening diagnostizierten
COPD-Fällen ist offen. Die US Preventive Services Task Force (USPSTF) publizierte
2016 eine detaillierte Analyse zum Screening [57 ]. In der Stellungnahme der USPSTF wird Screening asymptomatischer Personen nicht
empfohlen. Vor diesem Hintergrund empfehlen wir bei Patienten mit Symptomen und einer
relevanten Tabakrauchexposition, frühzeitig eine Spirometrie durchzuführen (“early
case finding”), nicht aber bei asymptomatischen Individuen [3 ].
5 Medikamentöse Therapie
Empfehlungen und Statements
S4 Die medikamentöse Therapie der COPD kann zu einer Linderung/Vermeidung von Symptomen,
zu einer Reduktion der Häufigkeit und des Schweregrades von Exazerbationen, ferner
zu einer Verbesserung der Lebensqualität und der körperlichen Leistungsfähigkeit führen.
E4 Jede Pharmakotherapie sollte individuell ausgewählt werden in Abhängigkeit von Symptomatik,
Exazerbationsrisiko, Ansprechen, unerwünschten Effekten, Komorbiditäten, Patientenpräferenz
und -fähigkeit, verschiedene Inhalatoren korrekt anzuwenden, sowie der Kosten.
E5 Die Patienten sollen in der korrekten Inhalationstechnik angeleitet werden und diese
bis zur sicheren Beherrschung üben. Die Inhalationstechnik soll vom Arzt oder einer
medizinischen Fachkraft regelmäßig überprüft werden.
E6 Bronchodilatatoren sollen bei Bedarf zur Symptomlinderung oder regelmäßig als Basistherapie
zur Vorbeugung von Symptomen bzw. zur Symptomlinderung eingesetzt werden.
E7 LAMAs und LABAs sollen in der Dauertherapie kurzwirksamen Substanzen vorgezogen werden
mit Ausnahme von Patienten mit geringer Symptomatik.
E8 Patienten mit höhergradigen Symptomen sollen, je nach klinischer Einschätzung, initial
mit einem langwirkenden Bronchodilatator oder einer LAMA/LABA-Kombination behandelt
werden.
E9 Inhalierbare Bronchodilatatoren sollen oralen Applikationen vorgezogen werden.
E10 Theophyllin soll nur in begründeten Ausnahmefällen eingesetzt werden.
E11 ICS sollen nicht als Monotherapie eingesetzt werden.
E12 ICS sollen erwogen werden, wenn trotz einer adäquaten Behandlung mit langwirksamen
Bronchodilatatoren Exazerbationen auftreten.
E13 Eine Langzeitbehandlung mit oralen Kortikosteroiden soll vermieden werden.
E14 Bei Patienten, die trotz einer Behandlung mit LABA/ICS oder LABA/LAMA/ICS Exazerbationen
entwickeln, und Symptome einer chronischen Bronchitis sowie eine schwere bis sehr
schwere Atemflusseinschränkung aufweisen, soll der Einsatz von Roflumilast erwogen
werden.
E15 Eine Langzeitbehandlung mit einem Makrolidantibiotikum soll nur in begründeten Ausnahmefällen
(rezividierende Exazerbationen ≥ 2 pro Jahr und Nachweis von P. aeruginosa ) erwogen werden.
E16 Antioxidativ wirksame Mukolytika sollen nur bei ausgewählten Patienten eingesetzt
werden.
E17 Bei Patienten mit schwerem Alpha 1-Antitrypsinmangel und Emphysem soll der Einsatz
einer Substitutionstherapie erwogen werden.
E18 Antitussiva können für die Dauertherapie der stabilen COPD nicht empfohlen werden.
E19 Medikamente, die für die Behandlung der primären pulmonalen Hypertonie zugelassen
wurden, sollen bei COPD-Patienten mit pulmonaler Hypertonie nicht eingesetzt werden.
E20 Niedrig dosierte orale und parenterale Opioide können bei Patienten mit fortgeschrittener
Erkrankung und schwerer Dyspnoe erwogen werden.
Die Pharmakotherapie der COPD wird eingesetzt zur Linderung der Symptome, zur Reduktion
von Frequenz und Schweregrad der Exazerbationen sowie zur Verbesserung des Gesundheitsstatus
und der Belastbarkeit. Mit keinem der vorhandenen Medikamente konnte bislang eindeutig
ein Effekt auf den Verlust an Lungenfunktion über die Zeit nachgewiesen werden, wenn
diese primärer oder sekundärer Endpunkt klinischer Studien war [58 ]
[59 ]
[60 ]
[61 ]. In [Tab. 8 ] sind die wesentlichen Medikamente für die Behandlung der COPD dargestellt. Die Auswahl
der Substanzen richtet sich nach dem Ausmaß der Symptomatik, der Schwere und Häufigkeit
von Exazerbationen und den Komorbiditäten.
Tab. 8
Einzeldosis und Wirkdauer der wesentlichen Medikamente bei der Behandlung der COPD.
Medikament
Dosier-Aerosol (MDI)/Pulverinhalator (DPI)/Soft Mist Inhaler (SMI) (µg)
Vernebler (mg/ml)
Tablette (mg)
Injektion (mg/ml)
Wirkdauer (h)
Anticholinergika – kurzwirksam (SAMA)
Ipratropiumbromid
20 (MDI)
0,125 – 0,25
6 – 8
Anticholinergika – langwirksam (LAMA)
Aclidinium
322 (DPI)[1 ]
12
Glycopyrronium
44 (DPI)[1 ]
24
Tiotropium
18 (DPI)[1 ], 2,5 (SMI)[1 ]
24
Umeclidinium
55 (DPI)
24
Beta-2-Sympathomimetika – kurzwirksam (SABA)
Fenoterolhydrobromid
100 (MDI)[2 ]
4 – 6
Salbutamol
90 – 200 (DPI)[1 ]; 90 – 180 (MDI)[2 ]
0,5
4 – 6
Reproterolhydrochlorid
0,09
Terbutalinsulfat
500 (DPI)
7,5
0,5
4 – 6
Beta-2-Sympathomimetika – langwirksam (LABA)
Formoterolfumarat-Dihydrat
10 (MDI)[1 ]; 5,1 – 10,2 (DPI)[1 ]
12
Indacaterol
120 – 240 (DPI)[1 ]
24
Olodaterolhydrochlorid
2,5 (SMI)[2 ]
24
Salmeterol
21 (MDI)[1 ]
50 (DPI)[2 ]
12
Kombination SAMA/SABA
Ipratropiumbromid/Fenoterolhydrobromid
20/50 (MDI)[2 ]
20/50 (SMI)[1 ]
0,25 /0,5
6 – 8
Kombination LAMA/LABA
Aclidinium/Formoterolfumarat-Dihydrat
340/11,8 (DPI)[1 ]
12
Indacaterol/Glycopyrronium
85/43(DPI)[1 ]
24
Umeclidinium/Vilanterol (als Trifenatat)
55/22 (DPI)[1 ]
24
Tiotropium/Olodaterol
2,5/2,5 (SMI)
24
Inhalative Kortikosteroide (ICS)
Beclometasondipropionat
100 – 250 (MDI)[2 ]
400
Budesonid
184 (MDI)[1 ]; 200 – 400 (DPI)[2 ]
500 – 1000
Fluticasonpropionat
220 (MDI)[1 ]/250 – 500 (DPI) [2 ]
Kombination LABA/ICS
Beclometasondipropionat/Formoterolfumarat-Dihydrat
84,6/5 (MDI)[1 ]
12
Budesonid/Formoterolhemifumarat
160 – 320/4,5 – 9 (DPI)[1 ]
12 – 24
Salmeterol (Salmeterolxinafoat)/Fluticasonpropionat
47 – 92/231 – 460 (DPI)[1 ]
Fluticasonfuroat/Vilanterol (als Trifenatat)
92 – 184/22 (DPI)[1 ]
24
Systemische Kortikosteroide (SCS) zu Exazerbationen
Prednisolon
1 – 50
Methylprednisolon
4 – 32
Phosphodiesterase-4-Inhibitor
Roflumilast
0,5
24
Methylxanthine
Aminophyllin
200 – 600
bis zu 24
Theophyllin
125 – 500
10 ml Injektionslösung enthalten: 200 mg Theophyllin
bis zu 24
1 aus dem Mundstück abgegebenen Menge
2 Menge pro Hub oder Sprühstoß
Bronchodilatatoren und Kortikosteroide können bei inhalativer Applikation gegenüber
der systemischen Anwendung effektiver, d. h. mit geringerer Dosis, die gewünschten
therapeutischen Effekte herbeiführen. Voraussetzung ist, dass der Patient die korrekte
Inhalationstechnik beherrscht. Hierzu ist ein Inhalationstraining ebenso erforderlich
wie die Kontrolle der Inhalationstechnik im Verlauf [62 ]. Die Auswahl des Inhalators hängt von Verfügbarkeit, Kosten und der Fähigkeit des
Patienten ab, das System korrekt zu nutzen. So kann es für COPD-Patienten schwierig
sein, Dosieraerosole (MDI) aufgrund von Koordinationsproblemen (zwischen Atmung und
Auslösung des Inhalators) korrekt zu nutzen. Alternativen sind atemzugaktivierte Inhalatoren
oder der Einsatz von Inhalationshilfen (Spacer) [63 ]. Im Allgemeinen führt die Pulverinhalation (DPI) zu einer zentraleren Deposition
des Wirkstoffs als die Inhalation über Dosieraerosole, insbesondere bei niedrigen
inspiratorischen Flussraten [64 ]
[65 ]. Bei sehr schwerer Obstruktion mit stark eingeschränkten Flussraten kann die Inhalation
mittels MDI der Pulverinhalation überlegen sein [63 ]. Bei Patienten mit ausgeprägter Lungenüberblähung und stark eingeschränkten inspiratorischen
Flussraten sind zudem Inhalationen der Medikamente über Vernebler möglich. Ob diese
den Dosieraerosolen oder Pulverinhalatoren eindeutig überlegen sind, kann anhand der
Datenlage nicht eindeutig beurteilt werden. Die Behandlung mit Verneblern sollte nur
bei den Patienten eingesetzt werden, die mit einfacheren Inhalationssystemen nicht
zurechtkommen und von der Behandlung mit Verneblern eine deutliche Besserung der Symptomatik
verspüren. Andernfalls sollten die einfacheren, kostengünstigeren und tragbaren Inhalatoren
bevorzugt werden.
5.1 Bronchodilatatoren
Medikamente, die zu einer Abnahme des Atemwegswiderstandes bzw. einer Zunahme der
FEV1 infolge einer Erschlaffung des Tonus der Muskulatur der Atemwege führen, werden als
Bronchodilatatoren bezeichnet. Diese Medikamente verringern die Überblähung in Ruhe
(statische Überblähung) und bei körperlicher Belastung (dynamische Überblähung) und
steigern die Belastbarkeit der Patienten. Der Effekt der Bronchodilatatoren kann insbesondere
bei Patienten mit schwerer und sehr schwerer COPD nicht anhand der Verbesserung der
FEV1 alleine vorausgesagt werden [66 ]. Bronchodilatatoren (Anticholinergika, Beta-2-Sympathomimetika) sind die Basismedikamente
zur Linderung der Beschwerden bei COPD. Für alle Bronchodilatatoren nehmen dosisabhängig
Wirkungen und unerwünschte Effekte zu [67 ]
[68 ]. Eine Steigerung der Dosis von kurzwirksamen Beta-2-Sympathomimetika oder Anticholinergika,
z. B. beim Einsatz von Verneblern, kann bei akuter Atemnot [69 ] von Vorteil sein [70 ]. Bronchodilatatoren können bedarfsorientiert bei akuter Atemnot oder regelmäßig
eingesetzt werden [67 ]
[68 ]
[70 ]
[71 ]
[72 ] (siehe [Tab. 8 ]). Bei regelmäßiger Anwendung sind langwirksame Bronchodilatatoren den kurzwirksamen
Präparaten vorzuziehen.
5.1.1 Anticholinergika
Die wesentliche Wirkung der Anticholinergika ([Tab. 8 ]) erfolgt über die Blockade der Effekte von Acetylcholin an muskarinergen Rezeptoren
[73 ]. Die Dauer der bronchodilatatorischen Wirkung ist für das kurzwirksame Ipratropium
mit 6 – 8 Stunden nach der Applikation länger als die von kurzwirksamen Beta-2-Sympathomimetika
[74 ]. Unter den langwirksamen Anticholinergika weist Aclidinium eine Wirkdauer von mindestens
12 Stunden auf, während Tiotropium, Glycopyrronium und Umeclidinium eine Wirkdauer
von 24 Stunden infolge längerer Bindung an die M3-Rezeptoren und rascherer Dissoziation
von den M2-Rezeptoren haben [75 ].
Anticholinergika führen zu einer signifikanten Verbesserung von Lungenfunktion, Symptomen
und Lebensqualität. Für Tiotropium wurden eine Abnahme von Exazerbationen und Hospitalisationen
wegen Exazerbationen ebenso gezeigt wie eine Besserung der Symptomatik und des Gesundheitsstatus
[76 ]
[77 ]. Tiotropium trägt auch zur Besserung der Effizienz der pneumologischen Rehabilitation
bei [78 ]. In einer großen Langzeitstudie über 4 Jahre führte eine Behandlung mit Tiotropium
als Zusatzmedikation zu einer Standardtherapie nicht zu einer Reduktion des jährlichen
Abfalls der Lungenfunktion [79 ]. In 2 großen Studien konnte im Vergleich zu den langwirksamen Beta-2-Sympathomimetika
Salmeterol [80 ] und Indacaterol [81 ] für Tiotropium eine stärkere Reduktion von Exazerbationen gezeigt werden. Die langwirksamen
Anticholinergika Aclidinium [82 ]
[83 ] und Glycopyrronium [84 ] zeigen ähnliche Effekte auf die Lungenfunktion wie auch auf die Atemnot wie Tiotropium,
allerdings auf Basis einer bisher geringeren Datenlage.
Unerwünschte Effekte Wichtigste unerwünschte Wirkung der nach inhalativer Anwendung schlecht, kaum oder
wenig resorbierten Anticholinergika ist die Mundtrockenheit. Bei Prostatabeschwerden
und Engwinkelglaukom kann der Einsatz von Anticholinergika zu einer Verschlechterung
führen, wobei kontrollierte Studien zu diesen Nebenwirkungen nicht vorliegen. Für
Ipratropiumbromid wurde in der Lung Health Studie [85 ] eine leichte Zunahme kardiovaskulärer Ereignisse, insbesondere supraventrikulärer
tachykarder Rhythmusstörungen, beobachtet, während in der UPLIFT-Studie für Tiotropium
keine Zunahme kardiovaskulärer Ereignisse erfasst wurde [79 ]. In der TIOSPIR-Studie zeigten sich entgegen initialer Bedenken bei Einsatz des
Respimat® keine Unterschiede zwischen Pulverinhalation und Inhalation über den Respimat® bzgl. Sterblichkeit und Exazerbationsrate [86 ]
[87 ]
[88 ].
5.1.2 Beta-2-Sympathomimetika
Der Wirkungsmechanismus der Beta-2-Sympathomimetika ([Tab. 8 ]) besteht in einer Relaxation der glatten Bronchialmuskulatur durch eine Stimulation
von Beta-2-Rezeptoren. Die Inhalation rasch wirksamer Beta-2-Sympathomimetika mittels
Dosieraerosol oder Pulver gehört zur Basistherapie bei akuter Atemnot. Zu diesen gehören
die kurzwirksamen Beta-2-Sympathomimetika Fenoterol, Salbutamol und Terbutalin ([Tab. 8 ]) sowie auch das rasch und langwirksame Beta-2-Sympathomimetikum Formoterol [74 ]
[89 ]
[90 ]. Der Einsatz kurzwirksamer Beta-2-Sympathomimetika als Bedarfs- oder Dauermedikation
führt zu einer Linderung der Beschwerden und einer Besserung der Lungenfunktion. Der
Einsatz hoher Dosen kurzwirksamer Beta-2-Sympathomimetika als Bedarfsmedikation bei
Patienten, die bereits mit langwirksamen Bronchodilatatoren behandelt werden, ist
anhand der vorhandenen Evidenz nicht begründet und kann durch unerwünschte Effekte
limitiert werden, sodass diese Zusatztherapie nicht empfohlen werden kann.
Für die langwirksamen Beta-2-Sympathomimetika Formoterol und Salmeterol ([Tab. 8 ]) konnte eine signifikante Besserung der Lungenfunktion, der Dyspnoe, der krankheitsbezogenen
Lebensqualität sowie der Exazerbationsrate [91 ]
[92 ]
[93 ]
[94 ]
[95 ] nachgewiesen werden. Das 24 Stunden lang wirksame Beta-2-Sympathomimetikum Indacaterol
weist gegenüber Formoterol und Salmeterol einen stärkeren bronchodilatatorischen Effekt
auf, in der ähnlichen Größenordnung wie Tiotropium. Durch Indacaterol lassen sich
Atemnot, Gesundheitsstatus und Exazerbationsrate signifikant bessern [96 ]
[97 ].
Unerwünschte Effekte An potenziellen unerwünschten Wirkungen von Beta-2-Sympathomimetika sind v. a. Herzrhythmusstörungen
(Vorhofflattern, ventrikuläre Extrasystolie, supraventrikuläre Tachykardien), in seltenen
Fällen Angina pectoris sowie Palpitationen zu nennen, die insbesondere bei Vorliegen
einer chronischen Hypoxämie auftreten können [98 ]. Eine meist leicht beherrschbare Hypokaliämie kann insbesondere bei einer Komedikation
mit Thiaziddiuretika beobachtet werden. Für ältere Patienten, die mit höheren Dosen
von Beta-2-Sympathomimetika behandelt werden, kann ein Tremor Dosierung und Therapie
mit Beta-2-Sympathomimetika limitieren. Sowohl nach kurz- als auch nach langwirksamen
Beta-2-Sympathomimetika kann der arterielle Sauerstoffpartialdruck leicht abfallen
[99 ]
[100 ], wobei die klinische Relevanz dieses Abfalls wohl gering ist. Für Patienten mit
COPD konnten keine Assoziationen zwischen Einsatz von Beta-2-Sympathomimetika und
gesteigerter Mortalität bzw. rascherem Verlust an Lungenfunktion festgestellt werden.
Bei einem mit Placebo vergleichbaren Sicherheitsprofil findet sich bei einer relevanten
Anzahl von Patienten in den ersten Sekunden nach der Inhalation von Indacaterol ein
verstärkter Hustenreiz [101 ].
5.1.3 Methylxanthine
Der Wirkungsmechanismus von Theophyllin, dem am häufigsten eingesetzten Methylxanthin,
besteht in einer Bronchodilatation durch Hemmung nicht selektiver Phosphodiesterasen,
möglicherweise auch in einer Steigerung der Atemmuskelkraft [102 ]
[103 ]
[104 ]. Daten zur Dauer der Wirkung, auch von Retardpräparaten, für Patienten mit COPD
fehlen. Theophyllin wird über Cytochrom P450 metabolisiert. Die Theophyllin-Clearance
ist abhängig vom Lebensalter, der Herz- und Nierenfunktion und von Interaktionen mit
anderen Medikamenten. So steigern das Tabakrauchen, proteinreiche Kost und einige
Medikamente (z. B. Rifampicin) die Theophyllin-Clearance, während andere, z. B. einige
Antibiotika (Ciprofloxacin, Erythromycin, Clarithromycin, Roxithromycin), Cimetidin,
Allopurinol, aber auch Leberkrankheiten, Herzinsuffizienz, Pneumonien und Virusinfekte,
zu einer Abnahme der Theophyllin-Clearance führen. Interaktionen bestehen auch mit
Digitalispräparaten und Cumarinen. Für die Langzeittherapie sind ausschließlich Theophyllin-Präparate
mit verzögerter Wirkstofffreisetzung (Retard-Präparate) geeignet. Wiederholte Blutspiegelmessungen
sind zur Überprüfung der gewählten Dosierung und der Patienten-Compliance anzuraten.
Die Blutentnahme sollte 12 Stunden nach der letzten Einnahme erfolgen. Ein Blutspiegel
im Bereich zwischen 5 und 15 mg/l sollte angestrebt, ein Blutspiegel von 15 mg/l aber
nicht überschritten werden. Limitierend für die Anwendung ist die Häufigkeit unerwünschter
Effekte [105 ].
Theophyllin ist weniger effektiv als inhalative langwirksame Bronchodilatatoren und
wird zudem schlechter vertragen, sodass die Substanz allenfalls bei unzureichender
Wirkung von Anticholinergika und Beta-Sympathomimetika für den langzeitigen Einsatz
bei der COPD erwogen werden kann. Gegenüber Placebo zeigt Theophyllin eine leichte
Besserung der Symptomatik [106 ], als Zusatztherapie zu Salmeterol eine Zunahme des FEV1 und eine Abnahme der Atemnot [107 ] (Evidenz B). Eine Reduktion der Exazerbationsrate wurde in eine Studie bei COPD-Patienten
berichtet [106 ], in einer anderen Analyse jedoch nicht bestätigt [108 ].
Unerwünschte Effekte Dosisabhängig treten bei Theophyllin, auch wegen der geringen therapeutischen Breite,
relativ häufig unerwünschte Effekte auf [102 ]. Wesentliche unerwünschte Effekte sind Übelkeit, Erbrechen, abdominelle Schmerzen,
Schlafstörungen, Muskelkrämpfe, Hypokaliäme und insbesondere atriale und ventrikuläre,
mitunter lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen sowie zerebrale Krampfanfälle. Diese
werden insbesondere bei erhöhten Theophyllin-Serumspiegeln beobachtet, während Nebenwirkungen
wie Kopfschmerz, Schlaflosigkeit, Übelkeit, Brustschmerz auch bei Serumspiegeln im
Normbereich angetroffen werden.
5.1.4 Kombination von Bronchodilatatoren
Die Kombination von Bronchodilatatoren mit unterschiedlichen Wirkmechanismen kann
gegenüber der Inhalation von Einzelsubstanzen das Ausmaß der Bronchodilatation steigern
ohne gleichzeitige Zunahme unerwünschter Effekte [109 ]. So kann die Kombination aus einem kurzwirksamen Beta-2-Sympathomimetikum und einem
kurzwirksamen Anticholinergikum stärkere und länger anhaltende Verbesserungen der
FEV1 im Vergleich zur Inhalation der Einzelsubstanz hervorrufen, ohne dass eine Tachyphylaxie
auftritt [74 ]. Die Kombination aus Beta-Sympathomimetikum und Anticholinergikum und/oder zusätzliche
Applikation von Theophyllin kann zu einer weiteren Besserung der Lungenfunktion [74 ]
[104 ]
[107 ]
[110 ]
[111 ] und des Gesundheitsstatus führen [74 ].
Auch für die in einem Inhalator ([Tab. 8 ]) verfügbaren Kombinationen Indacaterol/Glycopyrronium [112 ], Umeclidinium/Vilanterol, Aclidinium/Formoterol [113 ]
[114 ] und Olodaterol/Tiotropium konnten signifikante Verbesserungen der Lungenfunktion
gegenüber den Einzelkomponenten gezeigt werden, allerdings nicht in dem exakt additiven
Ausmaß auf der Basis der Effekte der einzelnen Komponenten [115 ]. Auch auf patientenbezogene Outcomes zeigten die Kombinationen aus LABA/LAMA gegenüber
der jeweiligen Monotherapie stärkere Effekte [116 ]
[117 ]
[118 ]
[119 ]. Bei Patienten mit Exazerbationen in der Anamnese führte eine LABA/LAMA Kombination
(Indacaterol/Glycopyrronium) sowohl im Vergleich zu einer Monotherapie mit einem Bronchodilatator
[120 ] als auch im Vergleich zu einer ICS/LABA-Kombination [121 ] zu einer Senkung der Exazerbationsraten. Auf diese Befunde aufbauend, lassen sich
zusammenfassend die in der [Tab. 9 ] gemachten Aussagen über die Effekte der Bronchodilatatoren machen.
Tab. 9
Aussagen zum Einsatz von Brochodilatatoren und antiinflammatorisch wirksamer Substanzen
in der Therapie der COPD (modifiziert nach GOLD 2017) [3 ].
Bronchodilatatoren bei COPD
Inhalative Bronchodilatatoren sind in der Dauertherapie die Basismedikamente zur Reduktion
und Prävention von Symptomen.
Kurzwirksame Bronchodilatatoren (SABA, SAMA) verbessern FEV1 und Symptomatik.
Die Kombination von SABA und SAMA ist der jeweiligen Monotherapie bezüglich Besserung
des FEV1 und Linderung der Symptome überlegen.
LABAs und LAMAs bessern signifikant Lungenfunktion, Dyspnoe, Gesundheitsstatus und
senken die Exazerbationsraten.
Kombinationen aus LABA/LAMA sind effektiver als die Monotherapie bezüglich Zunahme
des FEV1 und Verbesserungen von patientenzentrierten Endpunkten.
Tiotropium steigert die Effekte der pneumologischen Rehabilitation auf die Zunahme
der Belastbarkeit.
Theophyllin ist ein schwacher Bronchodilatator mit mäßiger Symptomlinderung.
Antiinflammatorisch wirksame Substanzen bei COPD
Im Vergleich zu einer Monotherapie mit ICS oder LABA ist die Kombination aus ICS und
LABA effektiver bezüglich Besserung der Lungenfunktion, der Belastbarkeit, des Gesundheitsstatus
und der Reduktion von Exazerbationen bei mittelgradiger und schwerer COPD.
Eine Dauerbehandlung mit ICS erhöht das Pneumonierisiko, insbesondere bei schwerer
Erkrankung.
Eine Triple-Therapie aus ICS/LABA/LAMA verbessert im Vergleich zu ICS/LABA Lungenfunktion,
Symptomatik und Gesundheitsstatus; außerdem werden im Vergleich zu ICS/LABA oder LAMA
als Monotherapie Exazerbationen reduziert.
Orale Kortikosteroide zeigen in der Langzeitbehandlung zahlreiche unerwünschte Effekte
ohne Nutzen.
Ein PDE4-Inhibitor führt bei Patienten mit chronischer Bronchitis, schwerer/sehr schwerer
COPD und Exazerbationen zu einer Verbesserung der Lungenfunktion und einer Reduktion
mittelgradiger und schwerer Exazerbationen.
5.2 Antiinflammatorisch wirksame Substanzen
Der wesentliche klinische Endpunkt zur Beurteilung der Wirkung antinflammatorisch
wirksamer Substanzen bei stabiler COPD ist die Reduktion der Exazerbationsrate bei
Patienten mit mindestens 1 Exazerbation/Jahr.
5.2.1 Inhalative Kortikosteroide (ICS)
Die Effekte von Kortikosteroiden auf die pulmonale und systemische Inflammation der
COPD sind limitiert, der Einsatz der ICS ist auf spezielle Situationen begrenzt. Die
Dosis-Wirkungsbeziehungen und die langzeitige (> 3 Jahre) Sicherheit inhalativer Kortikosteroide
sind für Patienten mit COPD nicht hinreichend bekannt [122 ]. Die klinische Relevanz von Interaktionen mit Beta-2-Sympathomimetika, Theophyllin
oder Makroliden, die partiell die Sensitivität der Kortikosteroide bei COPD erhöhen,
ist ebenfalls noch nicht eindeutig geklärt [122 ]
[123 ].
5.2.1.1 Effekte der alleinigen Therapie mit ICS
Nach der gegenwärtigen Datenlage führt eine Dauertherapie mit ICS nicht zu einer Abnahme
des Verlusts an Lungenfunktion oder der Letalität [124 ]. Während in der TORCH-Studie ein Trend in Richtung einer höheren Letalität bei Patienten
unter einer Behandlung mit Fluticasonpropionat im Vergleich zu Placebo oder der Kombination
aus Salmeterol und Fluticasonpropionat beobachtet wurde [91 ], konnte dieses Ergebns bei den mit Fluticasonfuorat behandelten COPD-Patienten in
der SUMMIT-Studie nicht reproduziert werden [125 ]. ICS werden bei Patienten mit obstruktiven Lungenkrankheiten häufig ohne eine klare
Differenzierung zwischen Asthma und COPD eingesetzt. ICS haben keine Zulassung für
die alleinige Therapie bei COPD. Findet sich bei Patienten mit COPD eine asthmatische
Komponente, sollten diese Patienten ICS wie Asthmatiker erhalten.
5.2.1.2 Effekte der Therapie mit einer Kombination aus ICS und LABA
Bei Patienten mit mittelgradiger, schwerer und sehr schwerer COPD können Lungenfunktion,
Belastbarkeit, Gesundheitsstatus und Exazerbationsfrequenz durch die Behandlung mit
der Kombination ICS/LABA stärker als mit den Einzelsubstanzen gebessert werden [126 ]
[127 ]. Ein signifikanter Effekt der Kombination auf das Überleben der Patienten fand sich
jedoch nicht [91 ]
[125 ]. In einer britischen Studie im Bereich der Primärversorgung zeigte die Behandlung
mit einer LABA/ICS-Kombination im Vergleich zur Standardtherapie eine 8,4 % Reduktion
der mittelgradigen und schweren Exazerbationen sowie eine Verbesserung des CAT-Scores
[128 ]. Wegen der Heterogenität der Standardtherapie, der häufigen Therapieänderungen in
der LABA/ICS-Gruppe und der Besonderheiten der medizinischen Versorgung in der untersuchten
Region können aus dieser Studie keine Empfehlungen für die Anwendung in Deutschland
abgeleitet werden [128 ].
Post-hoc-Analysen verschiedener Studien [129 ] legen nahe, dass die Zahl der eosinophilen Granulozyten im Sputum oder im Blut als
Biomarker für den Effekt auf die Exazerbationsrate dienen kann. Eine prospektiv erhobene
Evidenz und damit die Grundlage für die Bestimmung eines Differenzialblutbildes in
der täglichen Praxis fehlen jedoch bisher.
Unerwünschte Effekte Der Einsatz von ICS kann mit einer oralen Candidiasis, einer Heiserkeit und kortikoidbedingten
Hautveränderungen einhergehen [59 ]
[60 ]. Außerdem wird in der Langzeittherapie mit ICS ein erhöhtes Pneumonie-Risiko beobachtet
[91 ]
[130 ]
[131 ], wobei noch umstritten ist, ob dieser Effekt nicht nur dosisabhängig, sondern auch
substanzspezifisch ist. Während die Langzeittherapie mit Triamcinolon mit einem erhöhten
Osteoporoserisiko einherging, ist für die Langzeitbehandlung mit Budesonid keine Abnahme
der Knochendichte und kein erhöhtes Frakturrisiko [60 ]
[132 ] berichtet worden. Auch bei einer Tagesdosis von 2 × 500 µg Fluticasonpropionat allein
oder in Kombination mit Salmeterol wurde keine Abnahme der Knochendichte bei COPD-Patienten
mit hoher Prävalenz einer Osteoporose nachgewiesen [133 ]. Beobachtungsstudien legen nahe, dass der Einsatz von ICS auch das Risiko für das
Auftreten bzw. eine schlechtere Kontrolle eines Diabetes [134 ], von Katarakten [135 ] und von Infektionen mit Mykobakterien erhöht [136 ]
[137 ]
[138 ].
5.2.1.3 Absetzen von ICS
Die Auswirkungen des Absetzens von ICS bei Patienten mit COPD auf Symptomatik, Lungenfunktion
und Exazerbationsfrequenz sind nach der Analyse verschiedener Studien nicht eindeutig
vorherzusagen [39 ]
[139 ]
[140 ]
[141 ]
[142 ]
[143 ]. In einigen Untersuchungen führte das Absetzen von ICS zu einer Zunahme von Exazerbationen
und Symptomen, in anderen hingegen nicht [39 ]
[143 ]. Außerdem fand sich in einer Untersuchung eine leichte Abnahme der FEV1 um ca. 40 ml nach Absetzen [39 ], wobei der Abfall möglicherweise mit einer erhöhten Anzahl eosinophiler Granulozyten
im Blut assoziiert ist [129 ]. Als Ursachen der unterschiedlichen Studienergebnisse kommen methodische Unterschiede
in Betracht wie z. B. die Medikation in der Vergleichsgruppe.
5.2.1.4 Triple-Therapie mit LABA/LAMA/ICS
In mehreren Studien verbesserte die Behandlung mit LAMA/ LABA/ICS im Vergleich zu
LABA/ICS die Lungenfunktion und die Exazerbationsfrequenz [144 ]
[145 ]
[146 ]
[147 ]
[148 ]
[149 ]
[150 ]. Aaron et al. [150 ] konnten in einer früheren Studie mit (zu) geringer Patientenzahl keinen Effekt von
LAMA/LABA/ICS auf Exazerbationen entdecken. Für welche Patienten Triple-Therapiekombinationen
signifikante Vorteile im Vergleich zur Kombination LABA/LAMA bieten, ist noch zu klären.
5.2.2 Systemische Kortikosteroide
Die systemische Applikation von Kortikosteroiden geht mit zahlreichen Nebenwirkungen
einher [151 ]. Besonders gefürchtet ist die Steroidmyopathie, die zur Muskelschwäche der Patienten
beiträgt, ebenso zur respiratorischen Insuffizienz schwer erkrankter Patienten. Diese
Steroidmyopathie kann schon bei geringen Tagesdosen von < 10 mg Prednisolon-Äquivalent
auftreten. Dosisabhängig ist mit einer erhöhten Letalität zu rechnen.
Systemische Kortikosteroide können in der Behandlung akuter Exazerbationen zu einer
Besserung von Lungenfunktion und Atemnot beitragen sowie die Rückfallquote und ein
Behandlungsversagen verringern [152 ]. Daher sind orale Kortikosteroide für die Behandlung akuter Exazerbationen bedeutsam,
während sie in der Langzeittherapie wegen des Fehlens gesicherter positiver Effekte
und einer hohen Rate systemischer Komplikationen keinen Platz haben.
5.2.3 Phosphodiesterase-4-Inhibitoren
Phosphodiesterase-4-Inhibitoren wirken entzündungshemmend durch Inhibition des Abbaus
von intrazellulärem zyklischen AMP [153 ]
[154 ]. Roflumilast führt bei einer Tagesdosis von 500 mg zu einer Zunahme des FEV1 . Bei Patienten mit schwerer und sehr schwerer Atemflusslimitierung, Symptomen einer
chronischen Bronchitis und häufigen Exazerbationen lassen sich durch die Therapie
mit Roflumilast zusätzlich zu LABA/ICS und LAMA/LABA/IBS Krankenhausaufenthalte wegen
Exazerbationen vermindern [155 ]. Roflumilast ist somit indiziert bei Patienten mit schwerer und sehr schwerer Atemflusslimitierung,
mit Symptomen einer Bronchitis und häufigen Exazerbationen als Add-on-Therapie zu
mindestens einem langwirksamen Bronchodilatator. Es liegt derzeit keine Studie mit
einem direkten Vergleich von Roflumilast und ICS bei Patienten mit COPD vor.
Unerwünschte Effekte Die häufigsten unerwünschten Effekte von Roflumilast sind Übelkeit, Appetitmangel,
Bauchschmerzen, Diarrhoe, Schlafstörungen und Kopfschmerz [153 ]
[154 ]
[156 ]. Die unerwünschten Effekte treten mit Beginn der Therapie auf, sind häufig reversibel
und nehmen an Intensität mit fortlaufender Behandlung ab. In kontrollierten Studien
konnte ein nicht zu erklärender Gewichtsverlust von bis zu 2 kg beobachtet werden,
weshalb ein Monitoring des Körpergewichts während der Behandlung empfehlenswert ist
und die Behandlung mit Roflumilast nicht bei untergewichtigen Patienten durchgeführt
werden sollte. Vorsicht ist geboten bei Patienten mit Depressionen. Roflumilast sollte
nicht gleichzeitig mit Theophyllin eingesetzt werden. Bei Patienten mit Diabetes mellitus
kann eine Blutzuckersenkung unter Roflumilast beobachtet werden [157 ]. Ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko durch den Einsatz von Roflumilast konnte bisher
nicht beobachtet werden [158 ].
5.3 Dauertherapie mit Antibiotika
Neuere Studien zeigten, dass eine Langzeitantibiose mit Makroliden bei Patienten mit
COPD zu einer Senkung der Exazerbationsraten führen kann [159 ]
[160 ]. Azithromycin (250 mg/Tag oder 500 mg, 3-mal pro Woche) oder Erythromycin (2-mal
500 mg/Tag) reduzierten bei COPD-Patienten mit häufigen Exazerbationen die Exazerbationsrate
innerhalb von 12 Monaten [161 ]
[162 ]
[163 ]. Unter Azithromycin wurden allerdings eine Zunahme von Resistenzen gegenüber S. pneumoniae und eine (in der Regel reversible) Beeinträchtigung des Gehörs festgestellt [163 ]. Eine Kontraindikation besteht bei relevanten Rhythmusstörungen bzw. schwerer kardialer
Komorbidität. Eine Pulstherapie mit Moxifloxacin (400 mg/Tag alle 8 Wochen) zeigte
bei Patienten mit chronischer Bronchitis und häufigen Exazerbationen keinen Effekt
auf die Exazerbationsrate [164 ]. Wegen der Gefahr der Resistenzentwicklung, der potenziellen Effekte auf das Gehör
und fehlenden Langzeitergebnissen (> 1 Jahr) kann aus unserer Sicht die Langzeitbehandlung
mit Makroliden gegenwärtig nicht generell empfohlen werden. Ausnahmen stellen Patienten
mit COPD und rezividierenden Exazerbationen (≥ 2 pro Jahr) und Nachweis von P. aeruginosa dar.
5.4 Substitutionstherapie bei Alpha-1-Protease-Inhibitor-Mangel
Patienten mit angeborenem Alpha-1-Protease-Inhibitor-Mangel entwickeln häufig, insbesondere
bei chronischem Tabakkonsum, frühzeitig ein Lungenemphysem. Haupteffekt der Substitutionsbehandlung
mit aus menschlichem Plasma gewonnenen Alpha-1-Protease-Inhibitor ist auf der Basis
der Auswertungen eines amerikanischen und deutschen Fallregisters eine Verlangsamung
der Emphysemprogredienz, erkennbar an einer geringeren jährlichen Abnahme des FEV1 [165 ]
[166 ]
[167 ]. Eine Substitutionstherapie, z. B. mit wöchentlicher i. v.-Applikation von Alpha-1-Protease-Inhibitor
in einer Dosis von 60 mg/kg Körpergewicht, kommt unter Berücksichtigung der begrenzten
Wirkung und der hohen Therapiekosten v. a. bei Patienten mit FEV1 -Werten zwischen 30 – 65 % des Sollwertes und einem jährlichen FEV1 -Verlust > 50 ml in Betracht.
Neuere Studien mit Bestimmung der Progression des Emphysems mittels CT zeigen unter
Substitutionsbehandlung einen stärkeren Schutz des Lungengewebes vor emphysematösem
Umbau im Vergleich zu Placebo [168 ]
[169 ]. Daher sollte auch bei Patienten mit einer nach Aufgabe des Tabakkonsums rasch progredienten
Verschlechterung der Lungenfunktion bei einem FEV1 > 65 % des Sollwertes eine Substitutionstherapie auf individueller Basis erwogen
werden [170 ]. Bei Patienten mit schwerem Alpha-1-Protease-Inhibitor-Mangel und schwerer Funktionseinschränkung
(FEV1 ≤ 30 % des Sollwertes) kann die Substitutionstherapie nicht generell empfohlen werden.
Ein dekompensiertes Cor pulmonale ist eine Kontraindikation für diese Substitutionstherapie.
Bei Patienten mit schwerem Alpha-1-Protease-Inhibitor-Mangel und normaler Lungenfunktion
sowie jährlichem Abfall des FEV1 von weniger als 50 ml ist die Substitutionstherapie ebenfalls nicht erforderlich.
Bei Patienten unter Substitution sollte der Alpha-1-Protease-Inhibitor-Spiegel vor
der nächsten Infusion über 35 % des Normwertes liegen.
Unabhängig von einer Substitutionstherapie ist für alle Patienten mit Alpha-1-Protease-Inhibitor-Mangel
eine strikte Nikotinkarenz zu fordern. Eine Substitutionstherapie bei Rauchern ist
angesichts der Inaktivierung des Alpha-1-Protease-Inhibitors durch das Zigarettenrauchen
nicht zu rechtfertigen. Eiweißunverträglichkeiten sowie ein kompletter IgA-Mangel
sind Kontraindikationen der Substitutionstherapie.
5.5 Mukopharmaka
Die Indikation zum Einsatz von Mukopharmaka zur besseren Sekretelimination sollte
kritisch gestellt werden und sich an dem subjektiven Therapieerfolg orientieren. N-Acetylcystein,
Ambroxol und Cineol können bei einigen Patienten mit viskösem Sekret hilfreich sein.
Widersprüchliche Resultate [171 ]
[172 ]
[173 ] und geringe Effekte sprechen gegen den großzügigen Einsatz der Mukopharmaka. Substanzen
mit antiinflammatorischen und antioxidativen Effekten können zur Senkung der Exazerbationsraten
bei COPD-Patienten mit häufigen Exazerbationen eingesetzt werden. Für Cineol konnte
eine signifikante Reduktion von Exazerbationen bei COPD-Patienten mit häufigen Exazerbationen
beim Einsatz in den Wintermonaten festgestellt werden [174 ]. Die Bedeutung von N-Acetylcystein mit seinen antioxidativen Effekten auf die Reduktion
von Exazerbationen wurde mehrfach untersucht [175 ]
[176 ]
[177 ]
[178 ]
[179 ]. Bei Patienten mit und ohne Einsatz inhalativer Kortikosteroide kann im GOLD-Stadium
2 hoch dosiertes N-Acetylcystein (2 × täglich 600 mg) die Exazerbationsraten signifikant
senken [179 ]. Auch bei COPD-Patienten, die keine inhalativen Steroide erhalten, kann die Behandlung
mit Mukopharmaka wie N-Acetylcystein die Exazerbationsrate senken, wenn auch nach
einer Cochrane-Analyse nur minimale Effekte auf die Lebensqualität feststellbar waren
[180 ].
Eine Steigerung der Expektoration lässt sich durch die Inhalation von Beta-2-Sympathomimetika
(ggf. in Kombination mit physiologischer oder hypertoner Kochsalzlösung) und durch
Theophyllin erzielen. Eine erhöhte Flüssigkeitszufuhr fördert die Expektoration nur
bei dehydrierten Patienten, die Empfehlung großer Trinkmengen ist nicht gerechtfertigt.
Sie kann der Dekompensation eines chronischen Cor pulmonale Vorschub leisten.
5.6 Antitussiva
Husten kann COPD-Patienten stark beeinträchtigen. Bei zunehmendem nicht produktiven
Husten sind Antibiotika nicht indiziert. Patienten mit hustenbedingter Störung der
Nachtruhe können von der abendlichen Gabe ausreichend hoch dosierter Antitussiva (30 – 60 mg
Codein, 20 – 30 mg Dihydrocodein, 20 – 30 mg Dextrometorphan) profitieren. Die potenziell
atemdepressive Wirkung mancher Antitussiva ist bei COPD-Patienten mit Hypoxämie und
Hyperkapnie zu beachten. Gegebenenfalls kann die Hustendämpfung mit Codein-freien
Antitussiva (z. B. Noscapin) erfolgen [181 ].
Wegen des protektiven Effektes eines erhaltenen Hustenreflexes [182 ] – besonders wichtig bei Hyperkapnie – kann die regelmäßige Einnahme von Antitussiva
bei Patienten mit stabiler COPD nicht empfohlen werden. Ihr Einsatz sollte auf maximal
3 Wochen beschränkt bleiben. Insbesondere sollten bei Zunahme des Hustens im Rahmen
von schweren Exazerbationen der COPD Codein bzw. Narkotika vermieden werden, um eine
Atemdepression und die hiermit verbundene Verschlechterung der Hyperkapnie zu vermeiden.
5.7 Vasodilatatoren
Unter der Annahme, dass die pulmonale Hypertonie bei Patienten mit COPD mit einer
schlechteren Prognose einhergeht, wurden verschiedene therapeutische Ansätze erprobt,
um die rechtsventrikuläre Nachlast zu senken, das Herzzeitvolumen zu steigern und
die Oxygenation zu verbessern. Der Einsatz von Vasodilatatoren unter Einschluss von
NO hat bisher enttäuschende Ergebnisse gezeigt. So kann inhaliertes NO den Gasaustausch
bei Patienten mit Hypoxämie infolge von Ventilations-/Perfusions-Inhomogenitäten verschlechtern
[183 ]
[184 ]. Daher ist NO bei Patienten mit stabiler COPD kontraindiziert. Zur Behandlung des
pulmonalen Hochdrucks bei COPD können auch Endothelin-rezeptorantagonisten nicht empfohlen
werden, da bisher Daten zur Effizienz und Sicherheit bei dieser Indikation fehlen
[185 ]. Auch für Sildenafil [186 ] und Tadalafil [187 ] ließen sich keine positiven Effekte für COPD-Patienten mit pulmonaler Hypertonie
nachweisen.
5.8 Stufentherapie
Die Empfehlungen für die Initiierung und Eskalation bzw. Deeskalation der Therapie
richten sich nach dem Ausmaß der Symptomatik und der Exazerbationsanamnese (siehe
[Abb. 4 ]).
Abb. 4 Stufentherapie bei COPD.
Gruppe A Patienten mit relativ geringer Symptomatik (z. B. mit einem CAT < 10) sowie maximal
einer Exazerbation im Vorjahr, die nicht zu einer stationären Behandlung geführt hat,
sollten initial mit einem kurz- oder langwirksamen Bronchodilatator behandelt werden.
Bei symptomatischer Besserung sollte die Behandlung fortgeführt werden. Alternativ
können asymptomatische Patienten zunächst nur beobachtet werden und ohne medikamentöse
Behandlung bleiben.
Gruppe B Patienten mit deutlicher Symptomatik (z. B. CAT ≥ 10) und höchstens 1 Exazerbation
im Vorjahr, die nicht zu einer stationären Behandlung geführt hat, sollen mit einem
langwirksamen Bronchodilatator behandelt werden. Dabei können nach individuellen Gesichtspunkten
LABAs oder LAMAs eingesetzt werden. Studien, die eindeutig die klinische Überlegenheit
einer Klasse gegenüber der anderen belegen, existieren nicht. Bei Patienten mit schwerer
Symptomatik kann die Therapie mit 2 Bronchodilatoren aus den unterschiedlichen Klassen
initiiert werden. Wenn es unter Monotherapie zu keiner relevanten klinischen Besserung
kommt, sollen ebenfalls 2 Bronchodilatatoren aus den unterschiedlichen Klassen verwendet
werden [188 ].
Wenn das Hinzufügen eines zweiten Bronchodilatators die Symptome nicht verbessert,
kann die Behandlung auf einen Bronchodilatator deeskaliert werden. Es ist zu beachten,
dass in dieser Patientengruppe häufig Komorbiditäten zur Symptomatik beitragen, sodass
hier eine entsprechende Diagnostik und ggf. Behandlung der Komorbiditäten erfolgen
soll [189 ]
[190 ].
Gruppe C und D Bei bisher unbehandelten Patienten mit mehr als einer Exazerbation im letzten Jahr
oder einer Exazerbation, die zu einer stationären Behandlung geführt hat, sollte die
Therapie mit einem LAMA begonnen werden, da in 2 Studien bezüglich Exazerbationsprävention
gegenüber LABAs eine Überlegenheit gezeigt werden konnte [80 ]
[81 ]. Sollte es unter der Monotherapie mit einem LAMA zu weiteren Exazerbationen kommen,
sollte ein LABA hinzugefügt werden.
Bei Patienten mit erheblicher Symptomatik (z. B. CAT ≥ 10) (Gruppe D) sollte gleich
mit einer dualen Bronchodilatation mit LAMA + LABA begonnen werden. Nach gegenwärtigem
Wissensstand sollten ICS dann bereits in der Initialtherapie zum Einsatz kommen, wenn
Anhaltspunkte für eine Asthmakomponente vorliegen (Asthma-COPD-Overlap = ACO). Auch
erhöhte Eosinophilenzahlen in Blut und/oder Sputum könnten ein Indikator für einen
sinnvollen Einsatz von ICS sein.
Kommt es unter der Vorbehandlung mit einer dualen Bronchodilatation (LAMA/LABA) zu
weiteren Exazerbationen, sind 2 alternative Behandlungspfade zu erwägen: a) Die Eskalation
zu einer Triple-Therapie mit LAMA/LABA/ICS oder b) ein Wechsel zur Kombinationstherapie
mit LABA/ICS ([Abb. 4 ]).
Zu a)
Bisher sind keine Studien publiziert worden, die einen Vorteil der Triple-Therapie
mit LAMA/LABA/ICS gegenüber der Therapie mit LAMA/LABA bzgl. der Exazerbationsprophylaxe
belegen. Solche Studien wurden aber durchgeführt und ihre Ergebnisse werden in naher
Zukunft erwartet. Sollte es unter der Triple-Therapie zu weiteren Exazerbationen kommen,
soll das Absetzen des ICS erwogen werden.
Zu b)
Die initiale Behandlung mit LABA/ICS kann erwogen werden, wenn Patienten Anhaltspunkte
für eine Asthmakomponente bieten, da für Patienten mit einer derartigen Konstellation
von GINA und GOLD der Einsatz eines ICS empfohlen wird. Hingegen hat ein Vergleich
der Therapie mit LAMA/LABA gegenüber der Therapie mit LABA/ICS bei Patienten mit COPD
ohne Asthmakomponente eine bessere Prävention von Exazerbationen für die LAMA/LABA-Behandlung
ergeben [121 ]. Kommt es unter der Therapie mit LABA/ICS zu weiteren Exazerbationen, kann das Hinzufügen
eines LAMAs eine Reduktion der Exazerbationen bewirken [149 ].
Als weitere Option zur Vermeidung von Exazerbationen kann bei Patienten mit einem
FEV1 < 50 % des Solls und chronischer Bronchitis Roflumilast in Betracht gezogen werden
[155 ], insbesondere wenn diese im vergangenen Jahr häufige Exazerbationen erlitten haben
oder wegen einer Exazerbation stationär behandelt werden mussten [191 ].
Wie im Kapitel 3 beschrieben kann die Exazerbationsfrequenz auch durch eine Langzeittherapie
mit Makroliden verringert werden. Aufgrund der Gefahr von Resistenzentwicklung, unerwünschter
Effekte mit Beeinträchtigung z. B. des Gehöres und fehlenden Langzeitergebnissen über
1 Jahr hinaus, kann diese Therapie derzeit nicht generell empfohlen werden.
6 Nicht medikamentöse Maßnahmen
6 Nicht medikamentöse Maßnahmen
Empfehlungen und Statements
S5 Die Vermeidung inhalativer Noxen, insbesondere des Tabakrauchens [192 ], ist vorrangiges Ziel, um die Entwicklung zu verhindern und/oder die Progression
der COPD zu vermindern.
S6 Eine begleitende Pharmakotherapie und eine Nikotinersatztherapie steigern die langzeitigen
Abstinenzraten der Raucherentwöhnung.
S7 Effizienz, Risiken und Sicherheit der E-Zigaretten als Hilfe bei der Raucherentwöhnung
sind gegenwärtig nicht geklärt.
S8 Die Schutzimpfung gegen Influenza senkt die durch Influenza bedingten Infektionen
der tiefen Atemwege.
S9 Die Schutzimpfungen gegen Pneumokokken senken invasive Pneumokokken-Infektionen.
S10 Die pneumologische Rehabilitation bessert Symptomatik, Lebensqualität sowie die körperlichen
und emotionalen Fähigkeiten der Alltagsbewältigung.
S11 Die Therapie der chronischen hypoxämischen respiratorischen Insuffizienz besteht
in der Langzeit-Sauerstofftherapie (Ruhe-PaO2 ≤ 55 mmHg oder PaO2 55 bis 60 mmHg bei Cor pulmonale/Polyglobulie).
E21 Bei Patienten mit stabiler COPD und moderater (SO2 ≥ 90 %) Entsättigung in Ruhe oder unter Belastung sollte die Langzeit-Sauerstofftherapie
nicht routinemäßig, sondern individuell in Abhängigkeit vom evaluierten O2 -Bedarf des Patienten verordnet werden.
E22 Eine chronische hyperkapnische respiratorische Insuffizienz sollte primär mittels
Langzeit-NIV behandelt werden. Indikationskriterien sind entweder die chronische Tageshyperkapnie
(PaCO2 ≥ 50 mmHg), die nächtliche Hyperkapnie (PaCO2 ≥ 55 mmHg), der nächtliche Anstieg des PCO2 um ≥ 10 mmHg, eine persistierende Hyperkapnie (PaCO2 ≥ 45 mmHg mindestens 2 Wochen nach Beendigung einer Akutbeatmung im Rahmen einer
Akutexazerbation) oder die Fortsetzung der NIV im Rahmen des Weanings.
E23 Bei Patienten mit schwerem Lungenemphysem und ausgeprägter Symptomatik soll nach
Ausschöpfung aller konservativen Maßnahmen in ausgewählten Fällen eine endoskopische
Lungenvolumenreduktion erwogen werden.
E24 Patienten mit weit fortgeschrittener COPD sollen einer palliativen Therapie zugeführt
werden.
Die nicht medikamentösen Therapieoptionen unterteilen sich in Prävention, nicht medikamentöse
Behandlung und apparative/operative Behandlung (siehe [Tab.10 ]).
Tab. 10
Therapieoptionen bei COPD.
Prävention
Nicht medikamentöse Behandlung
Apparative/operative Behandlung
Raucherentwöhnung
körperliches Training
Langzeitsauerstoff-Therapie
Schutzimpfungen
Patientenschulung
nicht invasive Beatmung
Arbeitsplatzhygiene
physiotherapeutische Atemtherapie
Lungenvolumenreduktion
Ernährungsberatung
Lungentransplantation
6.1 Prävention
6.1.1 Raucherentwöhnung
Die Tabakentwöhnung ist die wirksamste und kosteneffektivste Einzelmaßnahme, um die
Entstehung der COPD zu verhindern und die Progression der Krankheit zu verlangsamen.
Durch eine Kombination aus verhaltenstherapeutischen Maßnahmen und einer begleitenden
Pharmakotherapie mit Nikotinersatzstoffen und/oder Vareniclin bzw. Bupropion können
langzeitige Abstinenzraten von 25 % und mehr erreicht werden [58 ]
[192 ] ([Abb. 5 ]).
Abb. 5 Management rauchender COPD-Patienten [193 ].
6.1.1.1 Medikamentöse Unterstützung der Tabakentwöhnung
Die Ergänzung psychosozialer Behandlungsformen durch eine medikamentöse Unterstützung
erhöht die Abstinenzraten bei Patienten mit COPD [194 ]. Im Vergleich zu Placebo lag die Rate der entwöhnten Raucher bei Vareniclin am höchsten,
gefolgt von Bupropion und der Nikotinersatztherapie. Durch Kombination von Vareniclin
und Nikotinersatzstoffen kann die Entwöhnungsrate nochmals erhöht werden, sodass Kombinationstherapien
aus einer Nikotinersatztherapie mit Vareniclin oder Bupropion erfolgversprechend sind
[194 ].
Nikotinersatztherapie Die Nikotinersatztherapie zielt auf eine Milderung der Entzugssymptomatik und des
Rauchverlangens durch eine vorübergehende, gesteuerte Nikotingabe über ein schadstofffreies
Trägermedium. Die verfügbaren Nikotinersatzprodukte sind apothekenpflichtig. Die höchste
Effektivität wird für die Applikation von Nikotinnasenspray angegeben. Zur Nikotinersatztherapie
bei Patienten mit COPD liegen insbesondere für das Kaugummi gute Erfahrungen vor.
Bei identischem Wirkstoff ist davon auszugehen, dass auch die anderen Applikationsformen
(Nikotinpflaster, Nikotinnasenspray, Tabletten) bei COPD-Patienten gut wirksam sind.
Am schnellsten wirkt das Nikotinnasenspray, es kann daher am besten akute Entzugssymptome
kupieren. Während das Nikotinpflaster eine langanhaltende, weitgehend konstante Nikotinfreigabe
bewirkt, kommt es beim Nikotinkaugummi und bei den Nikotintabletten nach wenigen Minuten
zu einer stärkeren, allerdings auch deutlich kürzeren Nikotinfreigabe. Aufgrund dieser
pharmakologischen Eigenschaften ist es insbesondere bei starker Nikotinabhängigkeit
sinnvoll, Pflaster und Kaugummi/Tabletten bzw. Nasenspray zu kombinieren. Kontraindiziert
sind Nikotinersatzstoffe nach kürzlich durchgemachtem Herzinfarkt, bei instabiler
Angina pectoris, schwerer Arrhythmie oder nach kürzlich erlittenem Schlaganfall. Daher
sollte eine Nikotinersatztherapie frühestens nach mehr als 2 Wochen nach Auftreten
eines dieser kardiovaskulären Ereignisse begonnen werden [195 ].
Alle Nikotinersatztherapeutika weisen eine gute Verträglichkeit bei einzelnen applikationsspezifischen
Nebenwirkungen auf (Pflaster: Hautirritationen, Pflasterallergien; Kaugummi und Tablette:
Reizung der Mundschleimhaut, Zunge, Rachen, Speiseröhre und Magen in Form von brennenden
Schmerzen, Ulzerationen und Schluckauf; Nasenspray: Reizung der Nasenschleimhaut in
Form von Brennen, Schmerzen, Atrophie) [193 ].
E-Zigaretten Zur derzeit kontrovers diskutierten Frage zur potenziellen Rolle der E-Zigaretten
in der Raucherentwöhnung zeigen die bisherigen Analysen eine geringe bzw. sehr geringe
Evidenz für eine Eignung der E-Zigaretten in der Tabakentwöhnung [196 ]. Aussagen zur Eignung von E-Zigaretten für die Tabakentwöhnung sind nicht im Entferntesten
so valide wie diejenigen für qualitätsgesicherte multimodale Entwöhnungsprogramme
[197 ]. Entwöhnungswillige Raucher sollten daher stets auf diese Programme hingewiesen
werden.
Bupropion Die mittlere Entwöhnungsrate nach 12 Monaten liegt in den meisten Studien bei etwa
24 %, gegenüber der alleinigen Nikotinersatztherapie ist die Kombination aus Bupropion
und Nikotinersatztherapie effektiver [194 ]. Unter Bupropion können Nebenwirkungen wie Schlafstörungen, Schwindel und Mundtrockenheit
auftreten. Das Risiko für epileptische Anfälle ist erhöht. Vor Beginn einer Behandlung
mit Bupropion sollten daher Risiken für ein epileptisches Ereignis, schwere körperliche
Erkrankungen sowie eine psychische Instabilität ausgeschlossen werden.
Vareniclin Vareniclin ist ein partieller Nikotin-Agonist am α4β2-Nikotin-Rezeptor. Seine Wirksamkeit
wurde auch für Patienten mit COPD mit einer deutlich höheren Rate entwöhnter Patienten
als bei der Behandlung mit Placebo belegt [194 ]
[198 ]. Die Behandlung sieht eine einwöchige Aufdosierungsphase mit einer Zieldosis von
zweimal 1 mg pro Tag bei gleichzeitiger Fortsetzung des Zigarettenkonsums vor. Nach
dem Rauchstopp am Ende der ersten Woche sollte die Medikation für 12 bis 24 Wochen
fortgesetzt werden. Vareniclin ist bei Patienten mit COPD die effektivste medikamentöse
Einzelmaßnahme in der Raucherentwöhnung. Als unerwünschte Effekte werden Schwindel,
Übelkeit, lebhafte Träume, Kopfschmerzen, Erbrechen, Schlaflosigkeit und Flatulenz
genannt. Die Behandlung ist nebenwirkungsarm. Gefahren für Patienten mit schweren
psychischen oder kardiovaskulären Erkrankungen können nicht ausgeschlossen werden,
sodass Vareniclin für diese Patienten zunächst nicht empfohlen wird.
6.1.1.2 Notwendige Strukturen für eine erfolgreiche Tabakentwöhnung
Voraussetzung einer effektiven Tabakentwöhnung ist ein abgestuftes und koordiniertes
Vorgehen in den unterschiedlichen Versorgungsebenen. Die Tabakanamnese und das zur
Entwöhnung motivierende Gespräch sollten von allen an der Therapie der COPD beteiligten
Ärzten durchgeführt werden. Zusätzlich sind Entwöhnungsprogramme mit medikamentöser
und psychosozialer Unterstützung anzubieten [193 ]. Eine kurze Beratung zur Tabakentwöhnung kann bei Rauchern bereits zur Entwöhnungsraten
von 5 – 10 % führen [199 ]. Es besteht eine starke Beziehung zwischen Intensität der Beratung und dem Entwöhnungserfolg
[200 ]
[201 ].
Die Erfolgsrate der Tabakentwöhnung steigt, wenn die entsprechenden personellen und
strukturellen Voraussetzungen erfüllt sind. Hierzu ist eine flächendeckende Basisversorgung
im ambulanten Bereich durch Schulung der behandelnden Ärzte erforderlich. Die Angebote
zur Entwöhnung mittels zertifizierter Programme in spezialisierten Praxen sind zu
erhöhen. Schließlich bedarf es professioneller Entwöhnungsprogramme in Akutkrankenhäusern
und Rehabilitationseinrichtungen, in denen COPD-Patienten behandelt werden. Die Ergebnisse
der Lung Health Studie zeigen, dass bei Patienten mit leichtgradiger COPD über einen
Zeitraum von 5 Jahren mit repetitiven Entwöhnungsprogrammen Entwöhnungsraten von 37 %
mit den Ergebnissen einer geringeren Sterblichkeit und einem langsameren Verlust an
Lungenfunktion zu erzielen sind [58 ]
[192 ]. Um diese Erfolge zu erreichen, sind allerdings auch angemessene Kostenerstattungen
für die medizinischen Leistungen und die Pharmakotherapie erforderlich [202 ]
[203 ].
6.1.2 Prophylaxe von arbeitsplatzbezogenen Schadstoffexpositionen
Berufstätige COPD-Patienten sollten am Arbeitsplatz von inhalativen Noxen unter Einschluss
des Passivrauchens geschützt werden [204 ]
[205 ].
6.1.3 Schutzimpfungen
6.1.3.1 Influenza-Schutzimpfung
Die Influenza-Schutzimpfung sollte jährlich bei allen Patienten mit COPD mit der jeweils
aktuellen Vakzine durchgeführt werden [206 ]. Vakzinen mit inaktivierten Viren werden empfohlen [207 ], die bei älteren Patienten effektiver sind als bei jüngeren [208 ]. Nach einem Cochrane Review konnte bei COPD-Patienten eine signifikante Reduktion
einer Influenza induzierten Exazerbation bei 6 der analysierten Studien in den ersten
3 – 4 Wochen nach der Impfung nachgewiesen werden [209 ]. Außerdem wird das Risiko, an einer ischämischen Herzkrankheit zu erkranken, insbesondere
bei älteren COPD-Patienten reduziert [210 ]. Das Problem der derzeit verfügbaren Impfstoffe ist die rasch nachlassende Immunogenität
nach der Impfung [211 ]. Hieraus folgt, dass die derzeit verfügbaren Influenza-Impfstoffe in jedem Jahr
so spät wie möglich im November verabreicht werden sollten, da sich die saisonalen
Epidemien nicht vor Januar des nachfolgenden Jahres manifestieren.
6.1.3.2 Pneumokokken-Schutzimpfung
Die STIKO empfiehlt eine Indikationsimpfung gegen Pneumokokken bei allen bronchopulmonalen
Erkrankungen, ausdrücklich auch der COPD [212 ]
[213 ]
[214 ]. Als Vakzine empfiehlt die STIKO die Gabe des 23-valenten Polysaccharidimpfstoffs
(PSV23) sowie eine Wiederholungsimpfung nach frühestens 6 Jahren. Damit steht die
STIKO-Empfehlung im Gegensatz zur Empfehlung der deutschsprachigen Leitlinie zur Behandlung
von Patienten mit ambulant erworbener Pneumonie [215 ] sowie der europäischen Leitlinie [216 ], die den 13-valenten konjugierten Impfstoff (PCV13) vorzieht. Die amerikanische
ACIP-Empfehlung sieht eine Impfung mit PCV13 vor, anschließend innerhalb von 1 Jahr
eine zusätzliche Impfung mit PSV23 [217 ].
Über die bessere Wirksamkeit der konjugierten Vakzine kann kein Zweifel bestehen.
Der Beleg der 45 %igen Reduktion der Rate an Pneumokokken-Pneumonien sowie der 90 %igen
Reduktion der Rate an invasiven Pneumokokken-Infektionen durch Impfserotypen wurde
in einer großen populationsbasierten Studie erbracht [218 ].
Zweifel hegt die STIKO an der Effektivität der Impfung von Erwachsenen durch Eradikation
der Impfserotypen im Rahmen der längerfristigen Anwendung der PCV13-Kinderimpfung
[214 ]. Die bisherigen Daten aus dem Referenzzentrum für Pneumokokken und von CAPNETZ sowie
auch britische Daten stützen jedoch die Sicht, dass ein relevanter Teil der PCV13-Serotypen
(v. a. die Nicht-PCV7-Serotypen) nicht in gleicher Weise der Eradikation unterliegen
wie die PCV7-Serotypen [219 ]
[220 ]
[221 ].
Über die korrekte Deutung der epidemiologischen Entwicklung werden die kommenden Monate
und Jahre unterrichten [222 ]. Neueste Daten des Referenzzentrums für Pneumokokken in Deutschland von 2016/2017
bestätigen, dass die Nicht-PCV7-Serotypen der PCV13-Impfung nicht in gleichem Maße
der Herdimmunität unterliegen wie die PCV-7-Serotypen [223 ]. Somit wäre die „Coverage“ der PCV13-Impfung aktuell unvermindert um die 30 %. Es
bleibt jedoch festzuhalten, dass eine Reduktion des Pneumonierisikos durch PSV23 nicht
belegt ist, vielmehr ist lediglich eine Reduktion der invasiven Pneumokokken-Infektionen
wahrscheinlich. Ein Effekt der Impfung auf die Exazerbationsrate besteht nicht. Bei
besonders gefährdeten Risikopatienten sollte eine sequentielle Impfung mit beiden
Vakzinen angestrebt werden.
Laut Österreichischem Impfplan 2017 wird die Impfung für Erwachsenen ab dem vollendeten
50. Lebensjahr empfohlen, da das Risiko für schwere Pneumokokkenerkrankungen ab diesem
Alter deutlich ansteigt. Zusätzlich erhöht sich das Risiko auch bei Personen, die
keine sonstigen Risiken haben, wenn sie rauchen oder Alkoholabusus betreiben. Für
Personen aller Altersgruppen mit erhöhtem Risiko ist die Impfung besonders dringend
empfohlen. Die Impfung soll für Personen ohne vorangegangene Pneumokokkenimpfung ab
dem vollendeten 50. Lebensjahr zuerst mit dem 13-valenten konjugierten Impfstoff (PCV13)
und nach ≥ 1 Jahr mit dem 23-valenten Polysaccharidimpfstoff (PSV23) durchgeführt
werden. Für Erwachsene ab dem vollendeten 50. Lebensjahr, die bereits mit PSV23 angeimpft
sind, wird nach ≥ 1 Jahr eine Impfung mit dem konjugierten Impfstoff (PCV13) empfohlen
(Österreichischer Impfplan 2017, Bundesministerium für Gesundheit und Frauen).
6.2 Nicht medikamentöse Behandlungsoptionen
6.2.1 Pneumologische Rehabilitation
Die pneumologische Rehabilitation wird als eine umfassende Intervention definiert,
die nach einer sorgfältigen Einschätzung des Gesundheitsstatus eine am Patienten individuell
ausgerichtete Behandlung mit körperlichem Training, Schulung mit Verhaltensänderung
und dem Erlernen von Maßnahmen der Selbstbehandlung einschließt, um die physische
und psychische Verfassung des Patienten mit einer chronischen Lungenkrankheit zu verbessern
und die Adhärenz zu gesundheitsfördernden Maßnahmen zu verbessern [224 ].
Wesentliche Ziele der pneumologischen Rehabilitation sind die Linderung der Beschwerden,
die Verbesserung der Lebensqualität und die Verbesserung der physischen und psychischen
Alltagsbewältigung [225 ]
[226 ]. Neben den Einschränkungen der pulmonalen Funktion sind im Fokus der pneumologischen
Rehabilitation die Rekonditionierung der körperlichen Belastbarkeit, die Bewältigung
der sozialen Isolation, die Behandlung psychischer Störungen, insbesondere der Depression,
des Muskelschwundes und des Gewichtsverlustes. Komponenten der pneumologischen Rehabilitation
sind:
Mittels pneumologischer Rehabilitation können Belastbarkeit, maximale Sauerstoffaufnahme
und Ausdauer gesteigert werden [227 ]. Die positiven Effekte der Rehabilitation können sowohl im Bereich der stationären
wie der ambulanten Rehabilitation als auch durch wohnortnahe (häusliche) Rehabilitationsangebote
erreicht werden [227 ]
[228 ]. Die Verfügbarkeit und Kosten bestimmen die Auswahl des Rehabilitationsortes, wobei
zur Verstetigung der Effekte wohnortnahe Angebote notwendig sind. Die positiven Effekte
der pneumologischen Rehabilitation sind in [Tab. 11 ] zusammengefasst [229 ]
[230 ]
[231 ]
[232 ]. Es ist allerdings zu berücksichtigen, dass eine gesteigerte Belastbarkeit nach
der Rehabilitation nicht zwingend zu einer gesteigerten Aktivität im Alltag führt
[233 ]. Die minimale Dauer effektiver Rehabilitationsprogramme sollte mindestens 3, besser
6 Wochen betragen [234 ]
[235 ]
[236 ]. Bisher konnte kein überzeugendes Konzept zur Verstetigung der Rehabilitationseffekte
entwickelt werden. Vielfach wird strukturierte Bewegung, z. B. Spazierengehen über
täglich 20 – 30 Minuten, empfohlen. Hierzu fehlen Belege. Auf der anderen Seite sind
die Effekte körperlicher Aktivität [237 ]
[238 ] auf Lebensqualität und Lebenserwartung von COPD-Patienten so eindeutig, dass derartige
Empfehlungen sinnvoll sind.
Tab. 11
Gesicherte positive Effekte der pneumologischen Rehabilitation bei Patienten mit COPD.
Nutzen
gesteigerte körperliche Leistungsfähigkeit
Abnahme der Atemnot
Steigerung der krankheitsspezifischen Lebensqualität
Reduktion der Anzahl und Dauer von Krankenhausaufenthalten
Abnahme von COPD assoziierter Angst und Depression
Verbesserung der Funktion der Arme durch Training von Kraft und Ausdauer der oberen
Extremität
Persistenz der Trainingseffekte über die Trainingsperiode hinaus
Verbesserung der Prognose
positive Effekte des Atemmuskeltrainings, insbesondere mit allgemeinem körperlichem
Training
bessere Erholung nach exazerbationsbedingtem Krankenhausaufenthalt
Auswahl der Patienten zur pneumologischen Rehabilitation Wesentlich für den Erfolg der pneumologischen Rehabilitation ist der motivierte Patient.
Indiziert sind Rehabilitationsprogramme für alle Patienten, die sich durch ihre COPD
beeinträchtigt fühlen. Dies gilt auch bei Patienten, die mit einer Langzeit-Sauerstofftherapie
behandelt werden [239 ]
[240 ]. Für Patienten nach akuten Exazerbationen ist die pneumologische Rehabilitation
ebenso indiziert, da sie zu einer Reduktion von Krankenhausaufnahmen und der Sterblichkeit
dieser Patienten führt [231 ]. Obwohl Raucher weniger häufig Rehabilitationsprogramme vollständig absolvieren
[241 ], profitieren auch sie von der Teilnahme an einem Rehabilitationsprogramm, insbesondere
dann, wenn sie an Entwöhnungsprogrammen teilnehmen.
Generell besteht eine Indikation zur Rehabilitation, wenn trotz adäquater Krankenbehandlung
körperliche oder psychosoziale Krankheitsfolgen [242 ] persistieren, welche alltagsrelevante Aktivitäten und die Teilnahme am normalen,
privaten, öffentlichen oder beruflichen Leben behindern [243 ]. Wichtige spezielle Indikationen sind z. B.:
alltagsrelevante, persistierende COPD-Symptome [244 ],
Gefährdung der Erwerbsfähigkeit [245 ]
[246 ],
drohende Pflegebedürftigkeit [247 ],
altersrelevante psychosoziale Krankheitsfolgen (Depressionen, Angst, Rückzugstendenz),
Notwendigkeit von rehaspezifischen, nicht medikamentösen Therapieverfahren, wenn diese
ambulant nicht im erforderlichen Umfang erfolgen können, z. B. körperliches Training,
Physiotherapie, Patientenschulung und psychosoziale Hilfen.
6.2.2 Körperliches Training
Körperliches Training wird in einer Frequenz von einmal pro Woche bis täglich, in
einer Dauer von 10 – 90 Minuten pro Sitzung und in einer Intensität von 50 % bis zur
maximal tolerierten Sauerstoffaufnahme durchgeführt [248 ]. Die optimale Dauer von Trainingsprogrammen konnte durch randomisiert kontrollierte
Studien bisher nicht ermittelt werden. In den meisten Untersuchungen lagen die Trainingseffekte
bei mehr als 28 Trainingseinheiten höher als bei kürzeren Perioden [249 ]. Die Dauer stationär durchgeführter Trainingsprogramme liegt in der Regel bei 3
Wochen, international üblich sind Trainingsperioden von 4 bis zu 10 Wochen mit besseren
Effekten für länger andauernde Trainingsprogramme [230 ].
Wesentliche Komponenten des körperlichen Trainings sind Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit
und Koordination. Beim Ausdauertraining wird eine Belastung von 60 – 80 % der symptomlimitierten
Maximalbelastung empfohlen. Das Ausdauertraining kann kontinuierlich oder als Intervalltraining
mit kürzeren Einheiten einer intensiveren Belastung und intermittierenden Pausen durchgeführt
werden. Dieses empfiehlt sich insbesondere bei Vorliegen von Komorbiditäten und schwerer
funktioneller Beeinträchtigung durch die COPD [250 ]
[251 ]. Bei Patienten mit starker Beeinträchtigung können Gehhilfen [252 ] und die Gabe von Sauerstoff die Gehstrecke verbessern und die Atemnot lindern. Experimentell
sind die Ansätze mit Einsatz einer Heliumsauerstoffatmung [253 ] oder die Entlastung der Atemmuskulatur während des körperlichen Trainings.
Obwohl keine randomisierten klinischen Studienergebnisse für den routinemäßigen Einsatz
eines speziellen Trainings der Armmuskulatur sprechen, kann insbesondere bei Patienten
mit Komorbiditäten, die ein Training der gesamten Muskulatur stark einschränken, oder
bei Patienten mit ausgeprägter Atemmuskelschwäche ein isoliertes Training der Armmuskulatur
empfohlen werden [254 ]. Im Rahmen einer intensiven pneumologischen Rehabilitation kann ein Training der
Inspirationsmuskulatur zusätzlich positive Effekte erbringen [255 ]
[256 ]
[257 ].
Wesentlich ist die Fortsetzung der Trainingstherapie nach Beendigung intensiver stationärer
Rehabilitationsprogramme im ambulanten Bereich, etwa durch Heimtraining (Treppensteigen,
Gehtraining) in Verbindung mit der Teilnahme an ambulanten Lungensportgruppen [258 ]. Das Trainingsprogramm sowie die Überwachung des körperlichen Trainings bei COPD-Patienten
soll in Abhängigkeit vom Schweregrad der Erkrankung gestaltet werden [259 ].
6.2.3 Vibrationstraining
In 2 randomisiert kontrollierten Studien konnte eine signifikante Zunahme der Gehstrecke
im 6-Minuten-Gehtest bei COPD-Patienten festgestellt werden, die im Rahmen einer pneumologischen
Rehabilitation ein Vibrationstraining des ganzen Körpers erhielten [260 ]
[261 ].
6.2.4 Patientenschulung
Die Patientenschulung ist ein wichtiges Therapieelement für alle Schweregrade der
Erkrankung, da sie zu einer Steigerung der Effizienz des Managements wesentlich beiträgt.
Jeder Patient mit COPD sollte Zugang zu einem strukturierten, evaluierten und zielgruppenspezifischen
Schulungsprogramm erhalten und ärztlicherseits regelhaft zur Teilnahme an der Schulung
motiviert werden. Nachschulungen sind nach spätestens 2 Jahren sinnvoll.
Der Stellenwert der alleinigen Patientenschulung im Management der COPD ist bisher
nicht abschließend durch randomisiert kontrollierte Studien belegt. Für Patienten
mit leichter bis schwererer COPD konnte gezeigt werden, dass mit einem ambulanten
strukturierten Schulungsprogramm im Vergleich zur Kontrollgruppe die Inhalationstechnik
gebessert, die Selbstkontrolle der Erkrankung gesteigert, die Zahl akuter Exazerbationen
reduziert und bei Steigerung der Lebensqualität die Kosten vermindert werden [262 ]
[263 ]. In einer randomisierten, kontrollierten Multicenterstudie führten strukturierte
Patientenschulungen im Rahmen eines umfassenden Selbstmanagementtrainings mit individuellen
Anweisungen zur Behandlung von Exazerbationen und zum körperlichen Training unter
Einsatz telefonischer Nachsorge innerhalb eines Jahres zu einer signifikanten Reduktion
von Krankenhausaufenthalten und Notfallbehandlungen [264 ]. Dieser Effekt war auch nach 2 Jahren noch nachweisbar [265 ].
Zu den wesentlichen Inhalten der Patientenschulung gehören Information über Risikofaktoren
und deren Reduktion bzw. Elimination, insbesondere der Hinweis auf die Wichtigkeit
der Raucherentwöhnung. Für alle Schweregrade sind das Monitoring von Symptomen, die
schweregradabhängige Selbstmedikation, die Vorbeugung und Behandlung von Exazerbationen
und Bronchialinfekten neben korrekter Inhalationstechnik und Wissensvermittlung über
die COPD sowie atemerleichternde Körperstellungen wichtige Lehrinhalte. Für Patienten
mit sehr schwerer COPD kommen Informationen über Komplikationen, Komorbidität, die
apparative Therapie mittels Langzeitsauerstoff sowie intermittierende Selbstbeatmung
als zusätzliche Lehrinhalte in Betracht. Die Raucherentwöhnung kann während einer
pneumologischen Rehabilitation in ein multimodales Schulungsprogramm integriert werden;
in ambulanten Programmen sollte sie wegen ihres erheblichen Zeitaufwandes separat
von anderen Schulungsprogrammelementen durchgeführt werden, um die positiven Effekte
der Gruppeninteraktion nicht durch eine zu lang terminierte Schulung mit der Schwierigkeit
des Einhaltens gemeinsamer Termine aller Schulungsteilnehmer zu gefährden. Patienten
mit schwerer COPD und ihre Angehörigen wünschen häufig eine Diskussion über die Versorgung
in der letzten Lebensphase. Einfache strukturierte Programme können aus Patientenperspektive
hilfreich sein [266 ]. Patienten mit lebensbedrohlicher Erkrankung sollten über die Krankheitsfolgen unter
Einschluss der Möglichkeiten und Folgen intensivmedizinischer Behandlungsmaßnahmen
unter Einbeziehung ihrer Familienmitglieder informiert werden [267 ].
6.2.5 Physiotherapeutische Atemtherapie
Hauptziele der physiotherapeutischen Atemtherapie sind eine Linderung der Dyspnoe
in Ruhe und unter körperlicher Belastung, eine Verbesserung von Sekretmobilisation
und Sekretelimination sowie eine Abnahme des Hustens. Die physiotherapeutische Atemtherapie
wird bei COPD-Patienten zur Reduktion der Atemarbeit, zum effektiveren Einsatz der
Atemmuskulatur, zur Verbesserung der Sekretelimination und der Thoraxbeweglichkeit
und damit auch zur Verbesserung des Gasaustausches eingesetzt. Eine Übersicht zu Indikationen,
therapeutischen Zielen, Techniken und wahrscheinlichen Wirkungsmechanismen verschiedener
physiotherapeutischer Ansätze bei Patienten mit COPD sind in den Empfehlungen zur
physiotherapeutischen Atemtherapie niedergelegt [268 ].
Randomisierte, kontrollierte Studien zum Stellenwert der physiotherapeutischen Atemtherapie
oder zum Nutzen der einzelnen physiotherapeutischen Atemtechniken in der Behandlung
der COPD sind in sehr geringem Maße verfügbar. Randomisierte Studien [269 ]
[270 ], eine systematische Übersicht [271 ], sowie eine Evaluation der Evidenz aus systematischen Übersichten [272 ] zeigen positive Effekte von Atemtechniken, insbesondere der dosierten Lippenbremse,
aber auch von einem Training der Zwerchfellatmung, das in Übereinstimmung mit den
BTS-Empfehlungen zur physiotherapeutischen Atemtherapie Patienten mit COPD von Atemtechniken
profitieren. Weniger gut belegt sind atemerleichternde Körperpositionen wie das Sitzen
mit nach vorne geneigtem Oberkörper, die Fixation des Schultergürtels oder Relaxationsübungen,
die bei COPD-Patienten mit Angst und ausgeprägter Dyspnoe zur Reduktion von Dyspnoe
und der Atemfrequenz führen können. Auch für die manuelle Kompression von Thorax und
Abdomen beim Husten, die bei COPD-Patienten mit Atemmuskelschwäche indiziert sein
kann, liegt keine hinreichende Evidenz aus randomisiert kontrollierten Studien vor.
6.2.6 Hilfsmittel zur Sekretelimination
Bei ausgewählten Patienten mit Sekretretention und viskösem Sekret kann im Rahmen
von Exazerbationen die Atemphysiotherapie mit PEP-Masken zu einer besseren Sekretelimination
beitragen [240 ]. Randomisierte, kontrollierte Studien zum Stellenwert von Hilfsmitteln mit und ohne
Oszillation zur Sekretelimination liegen nicht vor. Handliche Geräte (Strohhalmstück,
VRP1-Flutter, RC-Cornet, acapella, Choice, Pari-PEP-System, PEP-Maske) mit deren Hilfe
ein positiver exspiratorischer Druck (PEP) aufgebaut wird, sind potenziell auf der
einen Seite in der Lage, Bronchialverschlüsse durch Instabilität der Bronchialwände
zu verhindern oder zumindest zu verringern, auf der anderen Seite durch den Überdruck
und die nachfolgende Erweiterung der Bronchien Sekret von den Bronchialwänden zu lösen,
das mittels Huffing aus dem Bronchialbaum entfernt werden kann. Aus Studien mit geringer
Teilnehmerzahl gibt es Hinweise darauf, dass der VRP1-Flutter effektiv ist [273 ]
[274 ]. Das RC-Cornet hat gegenüber dem VRP1-Flutter den Vorteil, dass es unabhängig von
der Schwerkraft ist und somit in jeder Körperlage eingesetzt werden kann. Zeitsparend
lässt sich die Anwendung dieser Hilfsmittel mit Inhalationen, Drainagelagerungen und
weiteren physiotherapeutischen Techniken kombinieren.
6.2.7 Ernährung
Übergewicht und Untergewicht beeinflussen Symptomatik und Prognose von Patienten mit
COPD. BMI-Werte zwischen 20 und 25 kg/m2 kennzeichnen den Normbereich des Patienten mit COPD. Bei übergewichtigen Patienten
führt eine Gewichtsreduktion zu einer Abnahme des Energiebedarfs bei körperlicher
Belastung sowie zu einer Besserung der Atemmechanik und damit zu einer leichteren
Bewältigung der im Alltag anfallenden körperlichen Aktivitäten. Diäten zur Gewichtsreduktion
können mit einer Beschränkung der täglichen Kalorienaufnahme auf 1200 – 1500 Kalorien
erfolgreich durchgeführt werden. Bei untergewichtigen Patienten oder Patienten mit
einer Gewichtsabnahme um mehr als 10 % in den letzten 6 Monaten oder mehr als 5 %
im letzten Monat besteht das Ziel der Ernährungstherapie darin, mittels oraler Nährstoffzufuhr,
ggf. Ernährungssupplementierung, eine Gewichtszunahme zu erreichen. Die optimale Anzahl
der zugeführten Kalorien sowie die Dauer der Ernährungstherapie sind nicht eindeutig
etabliert [275 ]. Durch die Supplementierung der Ernährung können eine Gewichtszunahme mit Verbesserung
der Kraft der Atemmuskeln und Besserung des Gesundheitsstatus erreicht werden [275 ]. Sinnvoll erscheint die Kombination der Ernährungstherapie mit körperlichem Training,
z. B. im Rahmen eines Rehabilitationsprogramms.
6.2.8 Maßnahmen zur Behandlung der schweren Dyspnoe bei fortgeschrittener Erkrankung
Der Einsatz von Morphin kann bei schwerer Dyspnoe zur Linderung beitragen [276 ]
[277 ]
[278 ]. Wegen bedeutsamer unerwünschter Effekte, insbesondere der Atemdepression, sollte
der Einsatz auf wenige besonders beeinträchtigte Patienten mit schwerer Atemnot beschränkt
und unter stationären Bedingungen eingeleitet werden. Weitere Möglichkeiten zur Reduktion
der Dyspnoe sind die neuromuskuläre Elektrostimulation [278 ]
[279 ], Vibrationen der Thoraxwand [278 ] und Lenkung eines Luftstroms auf das Gesicht über Fächer oder Ventilatoren [278 ] sowie die Applikation von O2 trotz Fehlens einer Hypoxämie [280 ]. Die pneumologische Rehabilitation und auch die nicht invasive Beatmung können in
geeigneten Fällen zur Linderung der Dyspnoe beitragen. Eine refraktäre schwere Dyspnoe
wird am besten im Rahmen eines multzidisziplinären Palliativteams behandelt [281 ].
6.2.9 Behandlung von Angst und Depression
Die Ursachen von Angstzuständen und Depressionen bei Patienten mit COPD sind vielfältig
und schließen biologische und psychosoziale Faktoren ein [282 ]. Die pneumologische Rehabilitaton kann Angstsymptome lindern. Die Effekte von Antidepressiva
bei Patienten mit COPD können anhand der publizierten Daten aufgrund methodischer
Probleme nicht hinreichend bewertet werden. Psychosoziale Interventionen (Verhaltenstherapie,
Yoga, Relaxation) können bei Patienten mit COPD und psychosozialen Problemen die Atemnot
lindern, die Lungenfunktion und die Belastbarkeit sowie Erschöpfungszustände verbessern
[283 ].
Die COPD ist eine komplexe Erkrankung, die von einem Betreuungsnetzwerk profitieren
kann. Evidenz zu integrierten Behandlungsprogrammen liegt nicht vor [284 ]
[285 ]. Eine Metaanalyse kleiner Untersuchungen ergab Vorteile integrierter Versorgungsprogramme
für verschiedene Verlaufsparameter, nicht jedoch bezüglich der Mortalität [284 ]. In einer großen Multicenterstudie konnten diese Effekte jedoch nicht bestätigt
werden [285 ].
6.2.10 Palliative Therapie
Angesichts des prinzipiell progressiven Krankheitsverlaufs, der damit in Verbindung
stehenden progredienten klinischen Symptomatik und der mit zunehmendem Alter wachsenden
Beeinträchtigung durch Komorbiditäten können und müssen bei Patienten mit weit fortgeschrittener
COPD auch primär palliativmedizinisch orientierte Therapieoptionen unter Einschluss
einer Betreuung in einem Hospiz zum Einsatz kommen. Die Palliativversorgung umfaßt
die Symptomkontrolle und die Behandlung im Terminalstadium des Patienten unter Berücksichtigung
der psychologischen Auswirkungen auf den betroffenen Patienten und seine Angehörigen
[286 ]. Studien zum Stellenwert von palliativmedizinischen Maßnahmen bei COPD liegen bislang
nicht vor. Nach Expertenmeinung darf erwartet werden, dass COPD-Patienten im Endstadium
von der Palliativversorgung profitieren. Ausmaß und Zeitpunkt einer palliativen Therapie
des kritisch kranken COPD-Patienten lassen sich heute noch nicht ausreichend sicher
definieren. Ihre Bedeutung wird aber trotz weiterer Fortschritte der Basisbehandlung
der COPD in den nächsten Jahren zunehmen.
Atemnot, Müdigkeit, Angst, Depression und Schmerzen unterschiedlicher Organlokalisation
sind die Hauptsymptome bei Patienten im letzten Jahr vor ihrem Tod [287 ]. Die Wirksamkeit von Sauerstoff zur Linderung der Atemnot bei COPD-Patienten im
Endstadium ist belegt [280 ]. Eine Metaanalyse zum Einsatz von Opioiden bei Dyspnoe jeder Ursache zeigt einen
statistisch gesicherten Effekt, der bei oraler oder parenteraler Applikation größer
ist als bei der inhalativen Anwendung [288 ]. Bei untergewichtigen Patienten kann eine Ernährungstherapie mit hochkalorischer
Zusatznahrung zur Besserung des Allgemeinbefindens und zu einer Verbesserung der Kraft
der Atemmuskeln beitragen.
Bezüglich der palliativen Beeinflussung von Müdigkeit und rascher Erschöpfung werden
Atemstimulantien, Zytokinantagonisten und Anabolika in Kombination mit physikalischer
Therapie empfohlen (siehe auch Ernährung). Wenigstens bei zwei Dritteln aller COPD-Patienten
im Endstadium liegen Depressionen und Angststörungen vor. Zur Behandlung stehen in
Abhängigkeit von der Qualität der Störung medikamentöse und nicht medikamentöse Therapieverfahren
zu Verfügung [289 ]. Die analgetische Therapie eines COPD-Patienten orientiert sich an den WHO-Empfehlungen
[290 ].
In der Endphase der Erkrankung ist eine Diskussion mit den Patienten und ihren Angehörigen
über ihre Wünsche und Einstellungen zu Reanimation, etwaigen Aufenthalten auf der
Intensivstation, einer eventuell erforderlichen invasiven Beatmung und damit über
die Grenzen einer noch als sinnvoll erachteten Behandlung erforderlich [291 ]. Hierbei ist auch danach zu fragen, ob der betroffene Patient lieber zuhause oder
aber auf einer Palliativstation sterben möchte. Die hierbei getroffenen Vereinbarungen
helfen dem Patienten und seinen Angehörigen, Ängste über den bevorstehenden Tod abzubauen,
kontinuierliche emotionale Unterstützung zu signalisieren sowie unerwünschte und eventuell
kostenintensive invasive Maßnahmen zu vermeiden [292 ]
[293 ].
6.3 Apparative/operative Behandlungen
6.3.1 Bullektomie
Bei großen Bullae, die mehr als ein Drittel eines Lungenflügels einnehmen und das
benachbarte Gewebe komprimieren, kann die Bullektomie zu einer Besserung der Lungenfunktion
und zu einer Abnahme der Dyspnoe führen [294 ]. Gelegentlich kann die Indikation auch bei Hämoptysen oder rezidivierenden Infektionen
gestellt werden. Vor der Entscheidung zur Bullektomie sollten eine Bronchoskopie,
ein Computertomogramm des Thorax (HR-CT), Lungenfunktionstests unter Einschluss der
arteriellen Blutgase, die Messung der CO-Diffusionskapazität und ein Perfusionsszintigramm
der Lunge durchgeführt werden. Gute Ergebnisse des chirurgischen Eingriffs sind bei
normaler oder nur gering reduzierter Diffusionskapazität, dem Nachweis von komprimiertem
Lungengewebe und dem Fehlen einer signifikanten Hypoxämie zu erwarten [295 ]. Die Bullektomie kann im Rahmen einer videoassistierten oder offenen Thorakotomie,
bei beidseitigen Bullae auch mittels Sternotomie erfolgen. Bei schwerem, generalisiertem
Lungenemphysem ist dieser Eingriff nicht indiziert.
6.3.2 Lungenvolumenreduktion
6.3.2.1 Operative Lungenvolumenreduktion (LVRS)
Die chirurgische Lungenvolumenreduktion (LVRS) beim Lungenemphysem beinhaltet die
Resektion von stark emphysematös veränderten Lungenarealen mit dem Ziel, die Überblähung
zu reduzieren, die Dyspnoe zu lindern, die Lungenfunktion zu verbessern und insbesondere
die Effizienz der Atemmuskulatur durch Reduktion der Überblähung zu verbessern [296 ]. Mittels LVRS können die elastische Rückstellkraft der Lunge gebessert, der Atemfluss
gesteigert werden und Exazerbationen vermindert werden [297 ]. Gegenüber der medikamentösen Therapie verbessert die LVRS bei Patienten mit schwerem
oberlappenbetontem Emphysem und geringer Belastbarkeit nach präoperativer Rehabilitation
Belastbarkeit und Prognose der Patienten (54 % vs 39,7 %) [298 ]. Bei Patienten mit hoher Belastbarkeit nach einer Rehabilitation besteht bezüglich
der LVRS gegenüber der konservativen Therapie kein Prognosevorteil, während Lebensqualität
und Belastbarkeit zunahmen. Die LVRS zeigt eine höhere Mortalität als die medikamentöse
Therapie bei Patienten mit schwerem Emphysem, wenn ein FEV1 ≤ 20 % des Sollwertes, ein homogenes Emphysem oder eine DLCO ≤ 20 % des Sollwertes
vorliegen [299 ]. Wie auch bei der Lungentransplantation können somit nur Patienten für die Operation
berücksichtigt werden, bei denen präoperativ eine Rehabilitation erfolgte und alle
medikamentösen und nicht medikamentösen Therapieoptionen ausgeschöpft wurden. Weiterhin
ist eine mehrmonatige Rauchabstinenz zwingend erforderlich.
6.3.2.2 Endoskopische Lungenvolumenreduktion
Ziel der endoskopischen Lungenvolumenreduktion ist die Reduktion der Hyperinflation
bei ausgeprägtem Lungenemphysem unter Vermeidung der bei den chirurgischen Verfahren
deutlich erhöhten perioperativen Mortalität von 7,5 %. Durch die Verminderung der
Hyperinflation wird die elastische Rückstellkraft der Lunge optimiert und eine gesteigerte
Effizienz von Atemmechanik und Atemmuskulatur erreicht. Hierdurch werden die Belastungsdyspnoe
vermindert, die Leistungsfähigkeit gesteigert und die Lebensqualität verbessert.
Für die endoskopische Lungenvolumenreduktion wurden endobronchiale Ventile, endobronchial
applizierbare Coils, Stents, die thermische Lungenvolumenreduktion mit Dampf sowie
die polymerische Lungenvolumenreduktion mit einem Hydrogelschaum untersucht. Den Verfahren
ist gemeinsam, dass sie nur bei einem ausgeprägten Lungenemphysem mit einem forcierten
exspiratorischen Volumen (FEV1 ) von < 45 % des Solls nach Bronchodilatatorgabe sowie einer Lungenüberblähung mit
einem Residualvolumen von > 175 – 200 % des Solls eingesetzt werden sollen. In Abhängigkeit
von der Emphysemverteilung, die durch eine Dünnschichtcomputertomografie mithilfe
unterschiedlicher Softwareprogramme quantifiziert und analysiert werden sollte, kommen
unterschiedliche Verfahren zum Einsatz. Vor jeder Lungenvolumenreduktion sollten die
konservativen medikamentösen und nicht medikamentösen Behandlungsoptionen unter Einschluss
einer pneumologischen Rehabilitation ausgeschöpft sein.
Seitens der Emphysemverteilung hat sich gezeigt, dass bei korrekter Patientenselektion
positive Ergebnisse sowohl bei homogenem als auch bei heterogenem Emphysem erzielt
werden können. Von den genannten Verfahren stehen derzeit an mehreren Zentren die
endobronchiale Ventilapplikation sowie die Implantation von Coils zur Verfügung. Die
Anlage bronchialer Stents erwies sich als ineffektiv [300 ]. Eine multizentrische Studie mit Anwendung von polymerischem Hydrogelschaum ging
mit einer erhöhten Morbidität und Letalität einher und musste deshalb vorzeitig abgebrochen
werden [301 ].
Die Applikation von heißem Dampf in Segmente mit ausgeprägtem emphysematösem Umbau
führte in einer prospektiven randomisierten Studie zu einer klinisch relevanten Besserung
von Lungenfunktion und Lebensqualität nach 6 Monaten [302 ] sowie im Follow-Up auch nach 12 Monaten [303 ]. Häufigste unerwünschte Wirkung waren Exazerbationen. Diese Verfahren steht derzeit
nur für Patienten mit oberlappenbetontem heterogenem Emphysem im Rahmen von Registerstudien
zur Verfügung.
6.3.2.2.1 Endobronchiale Ventilapplikation
Der Wirkungsmechanismus besteht in der Förderung einer Atelektasenbildung des zu behandelnden
überblähten Lungenareals durch Verhinderung des Einstroms von Luft bei gleichzeitiger
Möglichkeit zur Entleerung während der Exspiration und der Drainage von Sekreten.
Das distal der durch Ventile verschlossenen Atemwege gelegene Lungengewebe wird so
von Luft entleert und kollabiert mit der Folge einer Volumenreduktion und Besserung
der Atemmechanik. Wirksamkeit und Sicherheit der Ventile sind bislang durch mehrere
randomisierte und kontrollierte Studien [304 ]
[305 ]
[306 ]
[307 ]
[308 ]
[309 ] und eine Vielzahl prospektiver Fallserien mit Nachuntersuchung bis zu 5 Jahren [310 ]
[311 ]
[312 ] überprüft worden. Die besten Ergebnisse werden bei heterogenem, oberlappenbetontem
Emphysem erreicht, wenn gleichzeitig keine oder nur eine geringfügige kollaterale
Ventilation über benachbarte Lungenlappen vorliegt. Zur Beurteilung der kollateralen
Ventilation und der Vollständigkeit von Lappenfissuren wurden HR-CT Analysetechniken
sowie das endoskopische Chartis-Diagnosesystem entwickelt [313 ]. Bei Patienten mit geringer kollateraler Ventilation und Fissurintegrität lassen
sich Lebensqualität, körperliche Belastbarkeit, gemessen an der 6-Minuten-Gehstrecke,
und FEV1 deutlich und nachhaltig steigern – erheblich besser als bei Patienten, bei denen
keine Fissurintegrität vorliegt bzw. eine kollaterale Ventilation vorhanden ist [307 ]
[308 ]
[309 ]. Die Hauptkomplikation der Ventilimplantation stellt der postinterventionelle Pneumothorax
in 20 – 25 % der Fälle dar. Durch eine Schrumpfung des behandelten Lungenlappens und
die daraus folgende Expansion des ipsilateralen Lappens kommt es durch Verwachsungen
oder Bullae häufig zu einem Einriss des nicht behandelten Lungenlappens.
Analysen zeigen, dass insbesondere Patienten mit postinterventionellem Pneumothorax
von dem Verfahren profitieren. Somit kann die Hauptkomplikation gleichzeitig als Erfolgsparameter
angesehen werden [314 ]
[315 ].
6.3.2.2.2 Coils
Coils wurden entwickelt, um mechanisch in emphysematös verändertem Lungengewebe Kompressionszonen
zu generieren und dadurch Gewebespannungen in der Umgebung der Gewebskompressionszonen
wiederherzustellen. Ziel ist es, in den behandelten Lungenlappen 10 – 14 Coils zwischen
den Segmentbronchien und der Pleura gleichmäßig zu implantieren. Das Verfahren ist
unabhängig vom Vorliegen einer kollateralen Ventilation, die Explantation von Coils
ist im Gegensatz zu Ventilen in der Regel nicht möglich.
Mehrere offene Multicenterstudien [316 ]
[317 ]
[318 ]
[319 ]
[320 ] sowie 3 randomisiert kontrollierte Studien [321 ]
[322 ]
[323 ] zeigten eine Verbesserung von Lebensqualität, Belastbarkeit und des FEV1 . Die am häufigsten auftretenden Nebenwirkungen im Verlauf nach Coilimplantation sind
milde Hämoptysen, die in der Regel spontan sistieren und nur in seltensten Fällen
eine Intervention erfordern. Ausschlusskriterien für eine Coilimplantation sind Patienten
mit Anzeichen einer bestehenden Lungeninfektion, bekannter Nickel-Titan-Allergie,
erhöhtem Blutungsrisiko, pulmonalarterieller Hypertonie und großbullösen Lungenveränderungen.
Insgesamt kann eine endoskopische Lungenvolumenreduktion nach Ausschöpfung aller konservativen
Behandlungsmöglichkeiten des ausgeprägten Emphysems unter Einschluss der pneumologischen
Rehabilitation bei Patienten mit ausgeprägter Dyspnoe erwogen werden, wenn die Kriterien
für die Implantation von Ventilen oder Coils erfüllt sind (siehe [Abb. 6 ]). Weitere randomisiert kontrollierte Studien sind notwendig, um die Verfahren mit
hinreichender Evidenz zu etablieren.
Abb. 6 Differenzialindikatoren für interventionelle Behandlungsoptionen des schweren Lungenemphysems.
6.3.2 Lungentransplantation (LTx)
Weltweit stellt das Lungenemphysem bei COPD die häufigste Indikation zur Lungentransplantation
dar. Neben der Verbesserung der Lebensqualität hat die LTx auch die Verbesserung der
Prognose [324 ] zum Ziel. Um einen realistischen Überlebensvorteil zu erzielen, sollte die prognostizierte
5-Jahres-Überlebensrate niedriger als 50 % sein [325 ]. Liegt die Überlebenswahrscheinlichkeit der Grundkrankheit ohne LTx deutlich höher,
ist die Evaluation zur Lungentransplantation nicht sinnvoll. Bei ausgeprägtem Leidensdruck
und daher starkem Transplantationswunsch des Patienten kann die Vorstellung in einem
Transplantationszentrum dennoch erwogen werden. Für Transplantationskandidaten werden
das Fehlen von wesentlichen Kontrainidikationen, eine hohe Motivation, eine effiziente,
vorbereitende Rehabilitations- und Trainingstherapie sowie psychosoziale Stabilität
vorausgesetzt.
Eine LTx kommt nur dann in Betracht, wenn alle anderen Therapieverfahren unter Einschluss
der Langzeit-Sauerstofftherapie, der intermittierenden Heimbeatmung, der Ernährungs-
und Trainingstherapie sowie der medikamentösen Therapie ausgeschöpft sind. Die Altersobergrenze
in vielen Zentren liegt bei 65 Jahren, da die 5-Jahres-Überlebensrate bei über 65-Jährigen
nur bei 38 % liegt [326 ]. Die auf retrospektive Berechnungen des Überlebensvorteils gestützten Indikationen
zur Aufnahme eines Patienten mit schwerem Emphysem auf die Transplantationsliste [327 ] sind in der [Tab. 12 ], die Kontraindikationen in der [Tab. 13 ] angegeben. Kontraindikation sind auch relevante extrapulmonale Komorbiditäten (z. B.
KHK, Niereninsuffizienz, Leberzirrhose) [324 ]. Eine koronare Mehrgefäßerkrankung, welche einer Revaskularisation nicht zugänglich
ist, eine signifikant reduzierte linksventrikuläre Funktion sowie aktive Tumorerkrankungen
ohne ausreichende Rezidivfreiheit von mindestens 2 Jahren stellen ebenfalls eine absolute
Kontraindikation zur Operation dar. Voraussetzung für die Aufnahme auf die Warteliste
ist eine dokumentierte mindestens sechsmonatige, laborchemisch bestätigte Abstinenz
vom Tabakrauchen. Auch andere aktive Abhängigkeitssyndrome, der Gebrauch schädlicher
Substanzen sowie eine fehlende Therapieadhärenz stellen Kontraindikationen dar (siehe
Richtlinien zur Organtransplantation der Bundesärztekammer nach § 16, Transplantationsgesetz
[328 ]).
Tab. 12
Krankheitsspezifische Selektionskriterien zur Lungentransplantation beim Lungenemphysem.
FEV1 : forciertes exspiratorisches Volumen, PAP: pulmonal-arterieller Druck.
Tab. 13
Relative und absolute Kontraindikationen zur Lungentransplantation [330 ].
Relative Kontraindikationen
Absolute Kontraindikationen
schwere muskuläre Dekonditionierung
Alter über 65 Jahre
Kolonisation mit resistenten oder sehr pathogenen Keimen
schwere Mangelernährung, Kachexie
mechanische Ventilation oder extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO)
Übergewicht BMI 30 – 34,9 kg/m2
signifikante Komorbiditäten
Hepatitis B/C mit oder ohne Leberzirrhose
Suchtkrankheit, aktiver Raucher
schwere psychiatrische Erkrankungen (Depression, Schizophrenie)
mangelnde Therapieadhärenz
mangelhaftes soziales Umfeld
unkontrollierte systemische Infektion (einschließlich Mykobakterium tuberculosis)
aktive Tumorerkrankung
morbide Adipositas (BMI > 35 kg/m2 )
schwere Arteriosklerose mit Minderperfusion von Organen
BMI: Body-Mass-Index, ECMO: extrakorporale Membranoxygenierung.
Zur Organallokation wird in Deutschland seit Dezember 2011 der Lung allocation Score
(LAS) verwendet. Ist eine Vergabe nach diesem Verfahren nicht möglich oder droht aus
anderen Gründen der Verlust eines Spenderorgans, so kann auf ein beschleunigtes Vermittlungsverfahren
zurückgegriffen werden. Bei diesem Verfahren wird das Organangebot direkt an Transplantationszentren
vermittelt, mit der Möglichkeit, einen geeigneten Empfänger auszuwählen. Der LAS setzt
sich aus 19 Variablen zusammen (z. B. Diagnose, Vitalkapazität, 6-min-Gehstrecke,
Sauerstoffbedarf, Beatmung und pulmonalarterieller Druck). Die Variablen gehen unterschiedlich
gewichtet in die Berechnung des voraussichtlichen Überlebens aus der Warteliste und
nach Lungentransplantation ein und bilden damit den wahrscheinlichen Nutzen der LTx
ab. Der LAS hat einen Wert zwischen 0 und 100. Der mediane LAS der deutschen Warteliste
lag im Dezember 2016 bei 32. Der mediane LAS von Patienten der Diagnosekategorie A
(überwiegend COPD-Patienten) lag zwischen 2012 und 2014 bei 34, da 50 % der Spenderlungen
im beschleunigten Vermittlungsverfahren an COPD-Patienten ohne Berücksichtigung des
LAS vermittelt wurden. Im gleichen Zeitraum lag der mediane LAS aller Transplantierten
bei 41 [329 ].
Im Falle einer LTx stehen für COPD-Patienten grundsätzlich die Verfahren der Einzel-
und Doppellungentransplantation zur Verfügung. Die einseitige LTx ist technisch einfacher
und hat daher eine geringere Letalität im Vergleich zum beidseitigen Verfahren. Problematisch
sind nach Einzeltransplantation allerdings Komplikationen, welche die native Lunge
betreffen, wie die Entwicklung von Infektionen, Malignomen oder eines Pneumothorax.
Insgesamt ist das Langzeitüberleben nach Doppellungentransplantation dem der Einzellungentransplantation
überlegen, sodass dieses Verfahren auch bei COPD-Patienten das Verfahren der Wahl
darstellt [330 ]. Etwa 70 % der LTx weltweit wird bei COPD bilateral ausgeführt [326 ].
Das frühpostoperative Überleben nach LTx ist für Patienten mit einer COPD besser als
für Patienten mit anderen Lungenerkrankungen [326 ]. Das Langzeit-Überleben (5-Jahres Überlebensrate 53 %) bleibt allerdings hinter
dem von Patienten mit anderen Grunderkrankungen zurück, was sich insbesondere durch
das fortgeschrittene Alter und die erhöhte Zahl an Komorbiditäten erklären lässt.
Die Wiederaufnahme des Rauchens unter den Empfängern hat einen Anteil von 12 % [331 ]. Ebenfalls bedingt durch die dauerhafte Immunsuppression sind im Langzeitverlauf
Niereninsuffizienz, Diabetes mellitus und arterieller Hypertonus sehr häufige Komorbiditäten
von LTx-Empfängern. 31 % der COPD-Patienten nach LTx sind wieder erwerbstätig [332 ].
Therapie der respiratorischen Insuffizienz
Die respiratorische Insuffizienz betrifft grundsätzlich die zwei Anteile des respiratorischen
Systems ([Abb. 7 ]) [333 ]
[334 ]
[335 ]
[336 ]:
Abb. 7 Pathophysiologie und Therapie der respiratorischen Insuffizienz auf Basis der Blutgasanalyse
[336 ].
Die Heterogenität der COPD, die Unterschiedlichkeit bezüglich verschiedener Komorbiditäten
und andere individuelle Faktoren erklären den Umstand, dass im fortgeschrittenen Stadium
einer COPD die respiratorische Insuffizienz primär die Lunge und/oder die Atempumpe
betreffen kann.
Die pulmonale Insuffizienz zeichnet sich blutgasanalytisch durch den Befund der respiratorischen
Partialinsuffizienz aus. Therapeutisch kommt hier grundsätzlich die Sauerstofftherapie
in Betracht. Eine ventilatorische Insuffizienz mit Hyperkapnie zeigt sich in der Blutgasanalyse
als respiratorische Globalinsuffizienz. Entsprechend muss eine eingeschränkte Ventilation
therapeutisch mit artifizieller Augmentierung der Ventilation, also mit künstlicher
Beatmung, einhergehen [333 ]
[334 ]
[335 ]
[336 ].
Eine respiratorische Insuffizienz kann akut, z. B. im Rahmen von Exazerbationen oder
akuten Komorbiditäten (z. B. Myokardischämie, Lungenembolie u. a.) aber auch chronisch
entstehen. Dabei können sowohl die pulmonale als auch die ventilatorische Insuffizienz
akut und chronisch entstehen. Entsprechend ergeben sich 4 verschiedene Konstellationen:
akute pulmonale Insuffizienz
chronische pulmonale Insuffizienz
akute ventilatorische Insuffizienz
chronische ventilatorische Insuffizienz
Grundlage für die Therapie einer respiratorischen Insuffizienz sind zunächst die Optimierung
und leitliniengerechte Therapie der Grunderkrankung bei chronischer respiratorischer
Insuffizienz sowie die Behandlung der auslösenden Ursache im Falle einer akuten respiratorischen
Insuffizienz. So muss bei einer chronischen respiratorischen Insuffizienz eine maximal
mögliche bronchodilatative sowie ggf. antiinflammatorische Therapie durchgeführt werden.
Bei akuter respiratorischer Insuffizienz steht zunächst die Behandlung z. B. eines
bakteriellen Infektes oder einer Pneumonie, einer Lungenembolie, eines Pneumothorax,
einer Myokardischämie sowie ggf. die Intensivierung einer antiinflammatorischen und/oder
antiobstruktiven Therapie im Vordergrund. Im Weiteren kommen für jede der 4 genannten
Entitäten spezifische Behandlungsmodalitäten in Betracht, wie im Folgenden aufgeführt.
6.3.4.1 Chronische pulmonale Insuffizienz
Langzeit-Sauerstofftherapie (LTOT) Die günstigen Effekte einer LTOT wurden 1967 detailliert beschrieben [337 ]. Die LTOT ist heute als Standardtherapie zur Behandlung der chronischen hypoxämischen
(pulmonalen) respiratorischen Insuffizienz bei der COPD etabliert [337 ]
[338 ]
[339 ]
[340 ]. Frühe Studien der frühen 1980er Jahre haben gezeigt, dass bei einer Anwendung der
LTOT von mindestens 16 Stunden pro Tag das Langzeitüberleben verbessert werden kann
[338 ]
[341 ]
[342 ]. Entsprechend sei hier auf die weiter gültigen Indikationskriterien der DGP-Leitlinien
zur Sauerstofftherapie verwiesen ([Tab. 14 ]) [339 ]
[340 ].
Tab. 14
Kriterien der Langzeit-Sauerstofftherapie LTOT [339 ].
Indikationen
PaO2 in Ruhe ≤ 55 mmHg
PaO2 in Ruhe 50 – 60 mmHg bei Cor pulmonale/Polyglobulie
PaO2 unter Belastung ≤ 55 mmHg oder Hypoxämie im Schlaf
Verschreibungskriterien
stabile Krankheit, optimale Therapie
Kontraindikationen
keine
Ziele
PaO2 ≥ 60 mmHg oder Anstieg um 10 mmHg
PaO2 ≥ 60 mmHg oder Belastbarkeit verbessert
Weiterhin bestand allerdings die Frage, ob nicht auch Patienten mit moderater Hypoxämie
von einer LTOT profitieren können. In einer großen amerikanischen Studie [343 ] wurden zunächst Patienten mit moderater Hypoxämie (pulsoxymetrisch gemessene SaO2 zwischen 89 % und 93 %) eingeschlossen. Bei schleppender Rekrutierung wurden die
Indikationskriterien im Verlauf der Studie erweitert und auch solche in die Studie
eingeschlossen, die eine moderate belastungsabhängige Desaturation aufwiesen (6-Minuten-Gehtest:
SaO2 > 80 % für > 5 Minuten und < 90 % für > 10 Sekunden). Als Ergebnis wurde im Vergleich
zur Kontrollgruppe (keine Sauerstoffzufuhr) kein Unterschied gefunden hinsichtlich
der Zeit bis zur ersten Hospitalisation oder dem Tod. Außerdem bestanden keine Unterschiede
hinsichtlich der gesundheitsbezogenen Lebensqualität, der Lungenfunktion und der Gehstrecke
im 6-Minuten-Gehtest. Auch wenn diese Studie erhebliche Schwächen aufweist (geändertes
Studiendesign, keine regelhafte Durchführung von Blutgasanalysen) zeigt sie doch,
dass Patienten mit mäßiggradiger Hypoxämie offensichtlich nicht von einer Langzeit-Sauerstofftherapie
profitieren.
Trotz der klaren Datenlage zur Indikation einer LTOT bei schwerer chronischer hypoxämischer
respiratorischer Insuffizienz (PaO2 in Ruhe ≤ 55 mmHg) werfen jedoch die aktuellen Publikationen in Hinsicht auf die
frühen Studiendaten neue Fragen auf [344 ]. So kann grundsätzlich hinterfragt werden, ob der etablierte Überlebensvorteil in
Studien von vor über 35 Jahren auch heute noch Gültigkeit hat, wo viele Fortschritte
in der Therapie der COPD auf anderen Bereichen erzielt worden sind. Bemerkenswert
ist zudem die kürzliche Publikation der britischen Leitlinien im Jahr 2015 [344 ]. Diese Leitlinien sind im Vergleich zu den 2008 publizierten DGP-Leitlinien aktueller.
Zwar besteht zwischen beiden Leitlinien Einigkeit hinsichtlich der klassischen Therapieindikation
für eine LTOT bei COPD und chronischer hypoxämischer respiratorischer Insuffizienz
mit einem PaO2 von ≤ 55 mmHg. Aktuell konnten jedoch auch wesentliche Unterschiede zwischen den
beiden Leitlinien identifiziert werden, die insbesondere die Messmethodik der Hypoxämie
und die Bedingungen einer Langzeit-Sauerstofftherapie bei körperlicher Belastung,
nach COPD-Exazerbation und bei den Verlaufskontrollen sowie weitere Indikationsparameter
und Kontraindikationen betreffen. Entsprechend hat eine kürzliche Publikation diese
Unterschiede detektiert und bewertet [345 ]. Aus diesem Grund empfiehlt die aktuelle Leitlinie zur COPD, weitere Empfehlungen
der DGP-Leitlinie zur Langzeit-Sauerstofftherapie mit Bezug auf die COPD zu integrieren,
sollte hier zukünftig eine Neuformulierung vorliegen.
6.3.4.2 Chronische ventilatorische Insuffizienz
Außerklinische Beatmung Die Therapie der chronischen hyperkapnischen respiratorischen (ventilatorischen)
Insuffizienz besteht in der außerklinischen Beatmung [336 ]. Das Ziel dieser Therapie umfasst damit physiologisch die mechanische Augmentierung
des Tidalvolumens mit konsekutiver PaCO2 -Abnahme sowie die atemmuskuläre Erholung, die der Atemmuskulatur im beatmungsfreien
Intervall eine gesteigerte Funktionsreserve erlaubt. Entsprechend wird die außerklinische
Beatmung als Langzeitbeatmung im intermittierenden Modus durchgeführt, wobei die Beatmungszeiten
typischer Weise zwischen 6 und 8 Stunden, individuell aber auch länger, liegen [336 ]. Die außerklinische Beatmung wird vorzugsweise nicht invasiv, d. h. über Gesichtsmasken
(NIV), durchgeführt, wobei der Patient selbständig die Maske an- und absetzen und
das Beatmungsgerät ein- und ausschalten kann. Eine invasive Langzeitbeatmung über
ein Tracheostoma wird ausschließlich in der Folge eines erfolglosen Weanings (erfolgslose
Entwöhnung von einer invasiven Beatmung nach Akutbeatmung – Klasse IIIb nach DGP-Weaning-Leitlinie)
durchgeführt [336 ]
[346 ].
Die NIV für den Indikationsbereich der COPD war international lange kontrovers diskutiert,
obwohl sie in Deutschland schon seit den 1990iger Jahren regelhaft Anwendung findet
[336 ]
[347 ]
[348 ]. Diese Diskrepanz rekrutiert sich aus der wissenschaftlichen Datenlage, nach welcher
Patienten mit restriktiven Erkrankungen (Thoraxwanderkrankungen, neuromuskuläre Erkrankungen,
Adipositas-Hypoventilationssyndrom u. a.) wesentlich deutlicher von der Langzeit-NIV
profitieren als Patienten mit einer Atemwegsobstruktion [336 ]. Allerdings konnte auch das physiologische Ziel einer PaCO2 -Absenkung bei Patienten mit COPD in vielen früheren internationalen Studien nicht
regelhaft erreicht werden, und auch das Langzeitüberleben war in diesen Arbeiten nicht
relevant verlängert [347 ]
[348 ]
[349 ]
[350 ]
[351 ]
[352 ]
[353 ]
[354 ]. Dies hat zum Einsatz der sog. High Intensity NIV geführt, welche das Ziel der maximalen
PaCO2 -Absenkung unter Verwendung wesentlich aggressiverer Beatmungsformen mit hohen Inspirationsdrücken
verfolgt [336 ]
[355 ]
[356 ]
[357 ]
[358 ]. Unter dieser primär in Deutschland eingesetzten Beatmungsform konnte die Überlegenheit
gegenüber den konventionellen Beatmungstechniken klar gezeigt werden [359 ], weshalb die Langzeit-NIV in Deutschland schon seit einigen Jahren empfohlen wird
[336 ]. Zudem zeigen die neuen Studien einen klaren Überlebensvorteil für die NIV im Vergleich
zur Standardtherapie ohne NIV bei Patienten mit stabiler hyperkapnischer respiratorischer
Insuffizienz auf dem Boden einer COPD, wenn mit intensiver Beatmungstherapie eine
signifikante PaCO2 -Absenkung gelingt [360 ]. Kürzlich konnte zudem nachgewiesen werden, dass die Prognose verbessert und die
Rehospitalisation auch dann gesenkt werden können, wenn COPD-Patienten in der Folge
einer Exazerbation mit Beatmungspflichtigkeit anschließend auf eine Langzeit-NIV eingeleitet
werden, aber nur dann, wenn eine Hyperkapnie (PaCO2 > 53 mmHg) mindestens 2 Wochen nach Beendigung der Akutbeatmung fortbesteht [361 ]
[362 ]. Aus diesem Grund gilt die Langzeit-NIV als etabliertes Therapieverfahren zur Behandlung
einer chronischen ventilatorischen Insuffizienz [336 ].
Auch für die außerklinische Beatmung hat die DGP Leitlinien formuliert und Indikationsparameter
formuliert [336 ]. Danach besteht eine Indikation für eine außerklinische Langzeit-NIV bei COPD, wenn
eines der in [Tab. 15 ] aufgeführten Indikationskriterien erfüllt ist.
Tab. 15
Kriterien für den Einsatz der chronischen nicht invasiven Beatmung.
nach prolongiertem Weaning, wenn eine Dekanülierung nur mithilfe der NIV möglich ist
und diese zur Kontrolle der Symptome und zur Vermeidung einer Hyperkapnie langfristig,
also auch nach stationärer Entlassung, notwendig ist (Weaning-Kategorie III b)
6.4 Monitoring des Verlaufs
Zur Erfassung des Verlaufs der Erkrankung und für die Evaluation von Therapieeffekten
sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen erforderlich. Bei den jeweiligen Vorstellungen
sollen Symptome (z. B. CAT) sowie zwischenzeitlich erfolgte Exazerbationen erfragt
und die Lungenfunktion geprüft werden. Weiter sollen Komplikationen und Komorbiditäten
identifiziert werden. Besonderer Wert ist darauf zu legen, noch rauchende Patienten
auf die Gefahren des Rauchens hinzuweisen und ihnen Rauchentwöhnungsprogramme anzubieten.
Neben der üblichen Lungenfunktionsdiagnostik ist bei Patienten mit höheren Schweregraden
der Erkrankung der Gasaustausch zu prüfen – in Ruhe und ggf. auch unter Belastung.
Wenn übliche medikamentöse und nicht medikamentöse Therapieverfahren ausgereizt und
der Patient weiter hochgradig symptomatisch ist, ist eine spezielle CT-Bildgebung
mit dem Ziel, die Eignung des Patienten für interventionelle Verfahren zu prüfen,
zu erwägen.
Bezüglich der Pharmakotherapie sollten folgende Punkte geprüft werden:
Leitlinienkonformität der Medikation,
Dosis der verordneten Medikamente,
Therapieadhärenz,
Inhalationstechnik,
Wirksamkeit der Behandlung,
Nebenwirkungen.
Selbstmanagementprogramme haben bislang zumindest in einem allgemeinmedizinischen
Umfeld keine überzeugenden Resultate erbracht [363 ]. Zukünftig werden zunehmend E-Health-Konzepte eine Rolle spielen, die bisher aber
noch nicht ausreichend geprüft sind.
7 Management der Exazerbationen
7 Management der Exazerbationen
Empfehlungen und Statements
E25 Bei mangelndem Therapieansprechen sollen differenzialdiagnostische Überlegungen angestellt
werden.
E26 Bei Exazerbation sollen bevorzugt kurzwirksame inhalative Bronchodilatatoren zur
Akuttherapie eingesetzt werden.
E27 Bei klinisch schwerer Exazerbation sollen systemische Kortikosteroide eingesetzt
werden, wobei die Therapiedauer auf 5 Tage und die Dosis auf 50 mg Prednisolonäquivalent/d
begrenzt ist.
E28 Theophyllin sollte bei akuten Exazerbationen nicht gegeben werden.
E29 Antibiotika sollten nur bei klinischen Hinweisen auf eine bakterielle Infektion gegeben
werden.
E30 Bei akuter hypoxämischer respiratorischer Insuffizienz soll mit Sauerstoff behandelt
werden. Bei fraglicher oder bekannter Hyperkapnie soll eine kontrollierte Sauerstofftherapie
zum Einsatz kommen (Ziel-SaO2 91 bis 92 %).
E31 Bei schwerer hypoxämischer respiratorischer Insuffizienz soll primär mit High-Flow-Sauerstoff
behandelt werden. Die akute NIV soll in erfahrenen Zentren als Alternative zur Verfügung
stehen.
E32 Bei akuter hyperkapnischer respiratorischer Insuffizienz mit respiratorischer Azidose
(pH < 7,35) soll mittels NIV zusätzlich zur Standardtherapie behandelt werden. Extrakorporale
CO2 -Eliminationsverfahren sollen nur in ausgewiesenen Zentren nach strenger Indikationsstellung
im Rahmen wissenschaftlicher Studien zum Einsatz kommen.
E33 Bei klinischer Instabilität oder Nichtansprechen auf die ambulante Therapie soll
eine Hospitalisierung erfolgen.
7.1 Definition
Die COPD-Exazerbation ist definiert als eine akute, über mindestens 2 Tage anhaltende
Verschlechterung der respiratorischen Symptome mit der Notwendigkeit einer Intensivierung
der Therapie. Der akuten Exazerbation liegen eine entzündlich bedingte vermehrte Bronchokonstriktion
und/oder Schleimproduktion mit Überblähung zugrunde. Klinisch kann diese durch eine
Zunahme der Dyspnoe, des Hustens, des Sputumvolumens und der Sputumpurulenz gekennzeichnet
sein. Es ist von hoher Bedeutung, eine Exazerbation von einer dekompensierten Herzinsuffizienz,
einem akuten Koronarsyndrom bzw. einer Lungenarterienembolie differenzialdiagnostisch
abzugrenzen und eine Pneumonie sowie einen Pneumothorax auszuschließen. Exazerbationen
wirken sich negativ auf die Lebensqualität, auf die Progression der COPD und auf die
Krankheitskosten (Hospitalisierung) aus.
Bei Patienten mit leichtgradigen akuten Exazerbationen sind laborchemische und mikrobiologische
Untersuchungen entbehrlich. Hingegen sollte bei Patienten, die stationär aufgenommen
werden müssen, immer eine Labordiagnostik unter Einschuß von inflammatorischen Parametern
und eine Sputumuntersuchung erfolgen. Zudem sollte eine Röntgen-Thoraxaufnahme durchgeführt
werden. Unter den inflammatorischen Parametern ist CRP Standard; das Procalcitonin
sollte nur dann zusätzlich bestimmt werden, wenn dieses im Rahmen eines Algorithmus
der Indikation zur antimikrobiellen Therapie oder zur Therapiezeitbegrenzung Verwendung
findet.
Schweregrad der Exazerbation GOLD klassifiziert den Schweregrad der Exazerbation auf der Basis der Inanspruchnahme
des Gesundheitswesens durch den Patienten (sogenannte „Health Care Utilization = HCU“):
Leichte Exazerbationen:
Eine leichte Exazerbation wird nur mit zusätzlichen Gaben von kurzwirksamen Bronchodilatatoren
vom Patienten selbst behandelt und wird oft dem behandelnden Arzt vom Patienten nicht
berichtet [364 ]
[365 ].
Mittelschwere Exazerbationen:
Diese sind dadurch gekennzeichnet, dass der behandelnde Arzt darüber hinaus ein systemisches
Glukokortikosteroid und/oder ein Antibiotikum verordnet.
Schwere Exazerbationen:
Diese liegen dann vor, wenn eine stationäre Behandlung erfolgt [366 ]. Diese Klassifikation wird auch in pharmakologischen Studien angewendet. Es wird
dabei in Kauf genommen, dass die Hospitalisationsrate in den europäischen Ländern
um das Zehnfache variiert [6 ].
Sehr schwere Exazerbationen:
Die Autoren dieser Leitlinie schlagen zusätzlich vor, als sehr schwere Exazerbationen
solche Ereingnisse zu bezeichnen, bei denen eine intensivierte Therapie auf einer
Intensivstation oder einer Intermediate Care Unit als erforderlich angesehen wird.
Häufig, jedoch nicht immer, korrespondiert der Schweregrad der COPD mit dem der akuten
Exazerbation. So können auch Patienten mit leichteren Formen der Erkrankung schwere
Exazerbationen und umgekehrt Patienten mit höhergradiger COPD leichtgradige Exazerbationen
entwickeln.
Kriterien für eine Hospitalisierung umfassen:
schwere Dyspnoe
schlechter Allgemeinzustand
rasch progrediente Symptomatik
Bewusstseinstrübung
Zunahme der Ödeme
instabile Komorbidität(en)
Versagen der ambulanten Therapie
Fehlen einer adäquaten häuslichen Versorgung
Kriterien für eine intensivierte Therapie sind:
schwere Dyspnoe, nicht korrigierbar durch Akuttherapie
persistierende Hypoxämie (PaO2 < 55 mmHg) trotz Sauerstoffgabe
progrediente Hyperkapnie mit respiratorischer Azidose (pH < 7,35)
Kreislaufinsuffizienz
7.2 Medikamentöse Therapie
7.2.1 Bronchodilatatoren
Für die Akuttherapie der Exazerbationen sollen sowohl ambulant als auch stationär
an erster Stelle kurzwirksame Bronchodilatatoren eingesetzt werden. Belastbare Daten
zur optimalen Inhalationstherapie bei akuter Exazerbation liegen nicht vor. Dabei
können SABAs alleine oder in Kombination mit SAMAs eingesetzt werden. Grundsätzlich
können verschiedene Inhalationssysteme Anwendung finden. Vernebler können dann bevorzugt
werden, wenn die Patienten wegen Kurzatmigkeit aus dem Dosieraerosol nicht effektiv
inhalieren können.
Es werden folgende Dosierungen empfohlen:
Kurzwirksame Beta-2-Sympathomimetika (SABA), initial 100 – 200 µg eines Dosier-Aerosols
bzw. Pulverinhalators, sind die bevorzugten Bronchodilatatoren in der Therapie der
akuten Exazerbation der COPD. Bei unzureichender Besserung innerhalb von 10 – 15 min
können erneut 2 Hübe inhaliert werden und zusätzlich Anticholinergika (SAMA) höher
dosiert verabreicht werden mit initial 250 – 500 µg Ipratropiumbromid, z. B. über
Vernebler.
Die Dauertherapie mit LAMAs, LABAs und ggf. ICS sollte in der bisherigen Dosierung
auch in der Exazerbation fortgeführt werden.
7.2.2 Kortikosteroide
Systemische Steroide verkürzen die Dauer der Exazerbation und verbessern die Lungenfunktion
(gemäß FEV1 ). Weitere gesicherte Effekte sind die Verbesserung der Oxygenierung, eine Senkung
des Risikos eines Therapieversagens, und die Verkürzung der Hospitalisationsdauer
[152 ]. Die Vorteile der systemischen Steroidgabe wurden für ambulante Patienten [367 ]
[368 ], in der Notaufnahme versorgte Patienten [369 ], hospitalisierte [370 ] und invasiv beatmete Patienten [371 ] gleichermaßen gezeigt.
Empfohlene Dosierung, Applikation und Dauer der Therapie: Es wird eine tägliche Dosis
von 40 mg Prednisolon-Äquivalent oral für 5 Tage empfohlen. 50 mg sollten nicht überschritten
werden. Eine neuere Untersuchung belegt zusammen mit einer Metaanalyse die Wirksamkeit
bei einer Therapiedauer von 5 Tagen [372 ]
[373 ]. Allerdings muss individuell entschieden werden, ob diese Therapiedauer im Einzelfall
ausreichend ist. Eine intravenöse Applikation ist der oralen nicht überlegen [374 ]. Hohe intravenöse Dosen sind mäßigen oralen Dosierungen in keinem Endpunkt überlegen,
führen aber häufiger zu Hyperglykämien [375 ]. Eine inhalative Gabe kann bei ambulanten Patienten alternativ erwogen werden [376 ]
[377 ]
[378 ]. Allerdings ist dabei die erforderliche Inhalationsdosis mit täglich 1280 µg bis
8000 µg Budesonid so hoch, dass der Vorteil der inhalativen Applikation begrenzt ist.
7.2.3 Theophyllin
Wegen des ungünstigen Wirkungs-/Nebenwirkungs-Verhältnisses sollte Theophyllin in
der Akuttherapie nicht eingesetzt werden, nachdem in einer kontrollierten Studie kein
relevanter Vorteil für Patienten mit einer akuten Exazerbation nachgewiesen werden
konnte [379 ]. Angesichts der zudem bestehenden geringen therapeutischen Breite des Theophyllins
und weniger toxischer Alternativen hat Theophyllin keinen Platz mehr in der Therapie
der akuten Exazerbation. Bei Patienten, die auf eine orale Theophyllindauertherapie
eingestellt waren, kann über die Fortsetzung dieser Therapie individuell entschieden
werden.
7.2.4 Antibiotika
Antibiotika sind bei Patienten mit mittelgradiger Exazerbation und purulentem Sputum
bei höheren Schweregraden der COPD sowie bei Patienten mit schwerer Exazerbation und
purulentem Sputum indiziert. Bei Patienten mit sehr schwerer Exazerbation kommt eine
antibiotische Therapie auch bei Fällen ohne purulentes Sputum in Betracht.
Patienten mit stabiler COPD weisen in ca. 25 % der Fälle eine bakterielle Kolonisation
auf. Bevorzugt werden abhängig vom Ausmaß der Lungenfunktionseinschränkung Haemophilus
influenzae und parainfluenzae, Streptococcus pneumoniae und Moraxella catharralis,
aber auch Staphylococcus aureus, Enterobakterien und Pseudomonas aeruginosa gefunden
[380 ]. Die Keimlast ist zuweilen außerordentlich hoch [381 ]. In der Phase der akuten Exazerbation finden sich bakterielle Erreger in bis zu
50 % der Fälle [380 ]. Dabei kann es sich um dieselben oder neu erworbene Erreger handeln. Auf Speziesebene
identische Erreger können dennoch neue Stämme repräsentieren [382 ].
Die ätiologische Bedeutung der bakteriellen Isolate für die akute Exazerbation ist
unverändert unsicher. Zweifellos liegen einer akuten Exazerbation am häufigsten virale
Erreger zugrunde. Bakterielle Erreger können dabei Kolonisationserreger sein oder
Superinfektionen bedeuten. Lange Zeit stellte die Winnipeg-Studie als methodisch beste
randomisierte placebokontrollierte Studie die Grundlage für die Indikation zur antibiotischen
Therapie von Patienten mit akuter Exazerbation dar [383 ]. Eine Metaanalyse von 1995 fand einen geringen Vorteil für die antibiotische Therapie,
wobei der Winnipeg-Studie das gesamte Gewicht zugunsten dieser zufiel [384 ].
Aktuell liegen seit Anfang 1990 sechs randomisierte placebokontrollierte Studien vor,
davon vier aus dem ambulanten Bereich, eine aus dem stationären und eine aus dem intensivstationären
Setting. Alle drei Studien aus dem ambulanten Bereich mit leichtgradigen Exazerbationen
finden keinen Vorteil für Antibiotika [385 ]
[386 ]
[387 ], eine mit leicht- bis mittelschweren Exazerbationen findet einen Vorteil hinsichtlich
der Heilungsrate an Tagen 9 – 11 für Amoxicillin-Clavulansäure von im Mittel 14,2 %
und eine längere Zeit bis zur nächsten Exazerbation [388 ]. Die Studie im stationären Setting zeigte für Doxycyclin eine im Mittel 8 % höhere
Heilungsrate an Tag 10, keinen Unterschied aber an Tag 30 [389 ]. Die Studie aus dem intensivstationären Setting ergab eine erhebliche Reduktion
der Krankenhaus-Letalität sowie eine kürzere Beatmungsdauer sowie Krankenhausverweildauer
unter Ofloxacin [390 ]. Diese Studie weist eine Fülle von methodischen Fehlern auf und wurde in einer Zeit
ohne NIV durchgeführt, sodass sie nicht geeignet erscheint, zur Begründung einer antimikrobiellen
Therapie beizutragen. Im Übrigen belegen ältere Daten einer kleinen Zahl invasiv beatmeter
Patienten ohne Keimnachweis mittels geschützter Bürste (PSB), dass ein Verzicht auf
eine antibiotische Therapie nicht mit einem schlechteren Ausgang verbunden war [391 ].
Ähnlich wie die Winnipeg-Studie ist die letztgenannte Studie jedoch bestimmend für
neuere Metaanalysen geworden. Nahezu alle Effekte, die in den Metaanalysen von Ram
et al [392 ] und Quon et al. [393 ] zugunsten der Antibiotika-Therapie gefunden wurden, erhalten ihr Gewicht durch die
Studie von Nouira et al [390 ]. Zwischenzeitlich wurde die Metaanalyse von Ram et al. von 2006 [392 ] auch zurückgezogen [394 ]. Die aktuellste Metaanalyse [395 ] erbrachte in neueren Studien im ambulanten Bereich keinen Vorteil für Antibiotika,
im stationären Bereich eine Reduktion des Risikos für Rezidive um 23 %. Auch in dieser
beziehen sich alle Befunde zum intensivstationären Setting auf die Studie von Nouira
et al. [390 ].
In Anbetracht der weitgehend ungeklärten Wirksamkeit der Antibiotika aus kontrollierten
Studien wurde die Bestimmung von Procalcitonin (PCT) als Kriterium für die Indikation
zur Antibiotikatherapie vorgeschlagen [396 ]. Tatsächlich konnte gezeigt werden, dass über vordefinierte Trennwerte für PCT die
Rate der Indikationen zur antibiotischen Therapie gegenüber der Standardtherapie ohne
kurz- oder langfristige Nachteile von 72 auf 40 % gesenkt werden konnte. Allerdings
zeigen die Daten keinen Zusammenhang der Anthonisen-Kriterien mit den PCT-Werten,
sodass unklar bleibt, was das PCT in dieser Studie tatsächlich angezeigt hat. Darüber
hinaus handelt es sich um eine nicht preiswerte und dem Patienten erklärungsbedürftige
Strategie. Zusammen mit der mangelnden raschen Verfügbarkeit des PCT-Tests dürfte
dies einer breiten Implementierung dieses Vorgehens im Wege stehen.
Schon die Winnipeg-Studie hatte einen Vorteil für Antibiotika nur bei Patienten mit
einer mittel- bis schwergradigen COPD und mindestens 2 von 3 Kriterien aus eitrigem
Sputum, vermehrter Sputummenge und Dyspnoe gefunden. Neuere Untersuchungen belegen,
dass dem Kriterium des eitrigen Sputums die beste Prädiktion für kulturell bakteriell
positive Sputa zukommt [397 ]
[398 ]. Allerdings zeigen andere Daten eine geringe Spezifität des eitrigen Sputums [399 ] sowie keine überzeugende Assoziation zur Keimlast [400 ]. Dennoch erscheint eine Indikationsstellung über das eitrige Sputum als der aktuell
verlässlichste klinische Prädiktor für das Vorliegen bakterieller Erreger [399 ]
[401 ]. Über den Wert des CRP liegen widersprüchliche Daten vor. Während einige Arbeiten
einen CRP-Wert ab 4 mg/dL [402 ] bzw. ab 1,9 mg/dL [403 ] als prädiktiv für bakterielle Erreger gefunden haben, konnten andere keinen Trennwert
definieren [399 ]. Andere Autoren haben das CRP als prädiktiv für virale bzw. viral-bakterielle Infektionen
gefunden [404 ].
Auf die potenziellen Kollateralschäden v. a. einer wiederholten und prolongierten
Antibiotikagabe soll ausdrücklich hingewiesen werden. Trotz erstaunlich geringer Beachtung
darf nicht übersehen werden, dass Antibiotika bei COPD-Patienten mit einem erhöhten
Risiko für den Erwerb einer Kolonisation durch P. aeruginosa assoziiert sind [405 ]. Daher muss die erste Regel in der Indikationsstellung für Antibiotika lauten, diese
kritisch durchzuführen.
Indikation zur Antibiotikatherapie Nach aktueller Datenlage sollte eine Antibiotikatherapie Patienten mit akuter Exazerbation
und klinischen Hinweisen auf eine bakterielle Infektion vorbehalten bleiben. Das Vorliegen
eines purulenten Sputums ist dabei aktuell das beste Kriterium. Ein solches sollte
idealerweise anhand einer Farbskala identifiziert werden, zumindest jedoch die gelblich-grünliche
Farbe des Sputums durch den Augenschein validiert werden [397 ]. Alternativ kann eine Indikationsstellung nach PCT erfolgen [396 ].
Die Evidenz für einen Vorteil einer antibiotischen Therapie von Patienten mit ambulant
behandelbarer akuter Exazerbation ist sehr gering. Eine solche sollten nur Patienten
mit purulentem Sputum und mittel- bis schwergradiger COPD erhalten. Ob Patienten mit
sehr schwerer akuter Exazerbation (im Wesentlichen solche mit ventilatorischer Insuffizienz)
auch ohne purulentes Sputum von Antibiotika profitieren, ist aktuell unklar. Die Indikation
muss daher individuell entschieden werden. Die Empfehlungen finden sich in der [Abb. 8 ] zusammengefasst.
Abb. 8 Differenzialindikation der antibotischen Therapie der akuten Exazerbation. AB = Antibiotika.
Auswahl und Dauer der antibiotischen Therapie Mittel der Wahl sind in der kalkulierten Therapie im Regelfall Amoxicillin bzw. (in
Abhängigkeit von der lokalen Rate an β-Laktamasebildnern von H. influenzae ) Amoxicillin/Clavulansäure. Alternativ können bei mittelgradigen Exazerbationen Makrolide
oder Doxycyclin, bei schwer- bis sehr schwergradigen Exazerbationen Chinolone (Moxifloxacin;
Levofloxacin) gegeben werden. Die antibiotische Therapie sollte regelhaft über 5 – 7
Tage angewendet werden [406 ]
[407 ]
[408 ]
[409 ]. Die meisten stabilen Patienten sind mit 5 Tagen Antibiotika ausreichend behandelt.
Auch bei bronchialen Infektionen mit P. aeruginosa ist ein Vorteil einer längerdauernden Therapie über 7 Tage hinaus nicht belegt.
Es gibt keine Belege für eine klinische Überlegenheit von sog. neueren Substanzen
(Chinolone) gegenüber älteren (Penicilline, Makrolide, Tetracycline, Cotrimoxazol)
[410 ]
[411 ]. Makrolide weisen allerdings eine Wirkschwäche gegenüber Haemophilus influenzae
auf, hier scheinen Penicilline und Chinolone hinsichtlich der Eradikationsrate überlegen
[411 ]
[412 ].
Relevante Resistenzen sind in Deutschland bei S. pneumoniae selten bzw. nicht relevant. MRSA sind extrem seltene Erreger der akuten Exazerbation.
H. influenzae weist zunehmend Resistenzen gegen Ampicillin/β-Laktamasehemmer vom Typ Beta-Lactamase
negativ Ampicillin resistent (BLNAR) auf, die klinische Bedeutung dieser Resistenz
ist noch ungeklärt. M. catharralis sind regelhaft β-Laktamasebildner. Die Bedeutung von Resistenzen bei Enterobakterien
für Patienten mit akuter Exazerbation ist nicht definiert. P. aeruginosa bedürfen immer der gezielten Therapie nach Antibiogramm.
Eine kalkulierte Therapie von P. aeruginosa (ggf. sogar als intravenöse antipseudomonale Kombinationstherapie) ist in keinem
Schweregrad regelhaft erforderlich, auch nicht, wenn Risikofaktoren für P. aeruginosa vorliegen; über eine solche kann vielmehr individuell entschieden werden. Dies liegt
darin begründet, dass der bakteriellen bronchialen Infektion im Gegensatz zur Pneumonie
keine Exzess-Letalität im Falle einer initial inadäquaten antimikrobiellen Therapie
zukommt. Eine solche kalkulierte Therapie ist daher nur dann regelhaft indiziert,
wenn die Differenzierung zu einer Pneumonie zunächst nicht eindeutig möglich ist.
Eine intravenöse Therapie ist nur bei Patienten mit Unfähigkeit zur Einnahme oraler
Medikamente, Resorptionsstörungen oder schwergradigen akuten Exazerbationen erforderlich.
Nach Vorliegen der mikrobiologischen Ergebnisse (Kultur, Resistogramm) muss eine entsprechende
Adjustierung (Eskalation oder Deeskalation) erfolgen. Patienten mit rezidivierenden
akuten Exazerbationen und purulentem Sputum können wiederholte Antibiotikakurse erhalten.
Wiederholte Antibiotikagaben mit derselben Substanzklasse innerhalb von einem Zeitraum
von 3 Monaten implizieren ein erhöhtes Risiko der Resistenzbildung. In diesen Fällen
ist daher eine Rotation innerhalb von Substanzklassen zu erwägen (z. B. von Penicillin
über Makrolid zu Chinolon).
Zusätzliche Maßnahmen bei der Behandlung akuter Exazerbationen im Krankenhaus Im Krankenhaus wird der Schweregrad der Exazerbation anhand der Symptome, der arteriellen
Blutgase und des Röntgenbildes der Thoraxorgane bestimmt. Zusätzlich müssen die Suche
nach den Ursachen der Exazerbation und die Diagnostik etwaiger Begleitkrankheiten
unter Einschluss von EKG-Registrierung und Laborstatus rasch erfolgen. Bei respiratorischer
Insuffizienz ist die Sauerstoffgabe über eine Nasensonde bzw. Atemmaske sofort einzuleiten.
Ziel der Sauerstofftherapie ist eine adäquate Oxygenierung mit arteriellen PaO2 -Werten von mehr als 60 mmHg bzw. einer Sauerstoffsättigung von mehr als 90 %. Eine
Kontrolle zur Beurteilung des Erfolges und zur Überprüfung einer unter Sauerstoffgabe
auftretenden CO2 -Retention kann bereits nach 20 Minuten durchgeführt und sollte im Verlauf erfolgen.
Unter stationären Bedingungen mit Kontrolle der Herzfrequenz können kurzwirksame Beta-2-Sympathomimetika
höher dosiert und auch parenteral appliziert werden, bei fehlender Besserung mit Anticholinergika
und ggf. auch mit Theophyllin kombiniert werden.
Diuretika sind bei peripheren Ödemen und erhöhtem Jugularvenendruck indiziert. Für
die Initialtherapie ist die Gabe von 40 mg Furosemid i. v. empfehlenswert. Die Flüssigkeitsbilanz
ist sorgfältig zu überwachen. Eine leicht zu trinkende orale Zusatzernährung oder
die Ernährung über eine Magensonde können notwendig werden, wenn der Patient infolge
ausgeprägter Atemnot keine Nahrung zu sich nimmt. Bei respiratorischer Insuffizienz,
immobilisierten Patienten, bei Patienten mit Polyglobulie, Dehydratation, bei Zeichen
der chronisch venösen Insuffizienz und/oder thromboembolischen Erkrankungen sollte
eine Heparinisierung erfolgen, wobei niedermolekulare Heparine wie Standardheparine
einsetzbar sind.
7.3 Nicht medikamentöse Therapie der akuten pulmonalen Insuffizienz
Die Therapie der akuten pulmonalen Insuffizienz besteht primär in der Erhöhung der
inspiratorischen Sauerstofffraktion (FiO2 ) und damit in der Sauerstoffgabe.
7.3.1 Sauerstoff
Eine Sauerstoffgabe kann grundsätzlich über Nasenbrillen oder Gesichtsmasken erfolgen.
Gesichtsmasken verfolgen das Ziel einer Reservoir-Erhöhung, was höhere FiO2 -Konzentrationen erlaubt, insbesondere bei Verwendung eines zusätzlich angehängten
Nicht-Rückatembeutels.
Unter Sauerstoffinsufflation besteht aber immer auch die Gefahr, dass es bei koexistenter
Einschränkung der Atempumpfunktion zu einem PaCO2 -Anstieg kommt. Vor diesem Hintergrund ist bereits vor über 50 Jahren der Begriff
der „kontrollierten Sauerstofftherapie“ (controlled oxygen therapy) eingeführt worden
[413 ]. In diesem Sinne wird eine Oxygenierung angestrebt, welche den Patienten aus dem
kritischen Gefahrenbereich der Hypoxämie heraushebt, aber den Atemantrieb nicht maximal
unterdrückt. Dies gelingt entweder über die Zufuhr einer definierten FiO2 (in der Regel 28 % [414 ]) über entsprechende ventilgesteuerte Sauerstoffmasken (Venturi-Maske). Alternativ
wird bei einer kontrollierten Sauerstofftherapie via Monitoring eine Sauerstoffsättigung
zwischen 91 und 92 % angestrebt und damit die Sauerstoffzufuhr ebenfalls so begrenzt,
dass der Atemantrieb nicht zu sehr reduziert wird. Studiendaten zeigen hier, dass
auch Patienten mit akuter respiratorischer Insuffizienz und Hyperkapnie in der Regel
keinen wesentlichen und klinisch relevanten PaCO2 -Anstieg entwickeln [415 ].
7.3.2 High-Flow-Sauerstoff
Unter einer High-Flow-Sauerstoffgabe wird ein befeuchtetes und erwärmtes Luft-Sauerstoff-Gemisch
über Nasenkanülen mit einer hohen Flussrate von 20 – 60 Liter/min appliziert [416 ]. Dabei kann die FiO2 variiert werden. Die hohen Flussraten bedingen eine geringgradige Erhöhung des Druckes
in den oberen Atemwegen, typischerweise zwischen 1,5 und 7,5 cmH2 O. Die Folge ist auch eine gewisse Auswaschung von CO2 , weshalb unter einer High-Flow-Sauerstoffgabe auch unter hoher FiO2 -Einstellung kein Anstieg, sondern eher ein tendenzieller Abfall des PaCO2 und auch eine Abnahme der Atemarbeit erzielt werden können [416 ]. Die Erwärmung (37 Grad Celsius) sowie die Befeuchtung (Wassergehalt von 44 mg H2 O/ml) bedingen außerdem eine gute Verträglichkeit ohne Austrocknung und Entzündung
der Schleimhäute.
Eine aktuelle Studie konnte die Überlegenheit der High-Flow-Sauerstoffgabe gegenüber
der konventionellen Sauerstoffgabe und auch gegenüber der nicht invasiven Beatmung
(NIV) bei Patienten mit rein hypoxämischer respiratorischer Insuffizienz darlegen
[417 ]. Als Ursache der respiratorischen Insuffizienz bestand bei den Studienpatienten
in erster Linie eine Pneumonie, nicht notwendigerweise aber auf dem Boden einer COPD.
Dennoch konnte in der Studie eindrucksvoll gezeigt werden, dass unter High-Flow-Sauerstoffgabe
die Intubationsrate am geringsten war, insbesondere bei schwerer respiratorischer
Insuffizienz mit einem Horovitz-Quotienten (PaO2 /FiO2 ) von < 200 mmHg. Auch wenn die High-Flow-Sauerstoffgabe noch mit wenigen Studiendaten
untermauert ist, wird sie bereits jetzt bei schwerer respiratorischer Insuffizienz
der konventionellen Sauerstofftherapie vorgezogen [418 ].
7.3.3 Nicht invasive Beatmung (NIV)
Bei akuter hypoxämischer respiratorischer Insuffizienz kann eine nicht invasive Beatmung
den Gasaustausch verbessern [419 ]. Sie kann entsprechend zur Vermeidung einer Intubation bei schwerer hypoxämischer
respiratorischer Insuffizienz zum Einsatz kommen. Physiologisch besteht das Ziel in
einer Rekrutierung von Alveolen mit der Folge einer Verbesserung des Ventilations-/Perfusionsverhältnisses
[420 ]. Voraussetzung hierfür ist allerdings die kontinuierliche Anwendung der NIV, da
auch ein kurzes Pausieren der positiven Druckanwendung innerhalb kurzer Zeit zu einem
alveolären De-Rekruitment mit der Folge einer akuten respiratorischen Verschlechterung
führen kann. Die NIV-Erfolgsrate bei akuter hypoxämischer respiratorischer Insuffizienz
ist jedoch deutlich niedriger als bei einem akuten hyperkapnischen respiratorischen
Versagen. Entsprechend sollte die NIV bei dieser Indikation bei ausgewählten Patienten
in ausgewiesenen Zentren erfolgen, die viel Erfahrung mit dem Umgang mit der NIV bei
akuter hypoxämischer respiratorischer Insuffizienz haben. Bezüglich der Wichtigkeit
von Indikationskriterien, Kontraindikationen, Auflagen für das Monitoring, Abbruchkriterien
und logistischen Voraussetzungen sei auf die aktuelle Fassung der Leitlinie der Deutschen
Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e. V. (DGP) zur Anwendung der NIV
bei akuter respiratorischer Insuffizienz hingewiesen [420 ].
Wie oben beschrieben, ist die High-Flow-Sauerstoffgabe allerdings der NIV bei akuter
hypoxämischer respiratorischer Insuffizienz zumindest in einer großen Studie überlegen
gewesen [417 ]. Zusätzlich muss von einer besseren Toleranz ausgegangen werden. Aus diesen Gründen
sollte die High-Flow-Sauerstoffgabe bei akutem hypoxämischen respiratorischem Versagen
als primäres Therapieverfahren angesehen werden, obwohl noch weitere Studiendaten
zu erheben sind und die NIV in einem erfahrenen Zentrum weiterhin als Alternative
gelten kann.
7.4 Nicht medikamentöse Therapie der akuten ventilatorischen Insuffizienz
Als Therapiemaßnahme erster Wahl bei respiratorischer Azidose im Rahmen einer hyperkapnischen
respiratorischen Insuffizienz wird die NIV angesehen.
7.4.1 Nicht invasive Beatmung (NIV) und invasive Beatmung
Es gilt als wissenschaftlich belegt, dass durch einen frühzeitigen Einsatz der NIV
zusätzlich zur Standardtherapie die Intubationsrate sowie die Komplikationsrate gesenkt,
die Krankenhaus-aufenthaltsdauer verkürzt und die Prognose verbessert werden können
[420 ]
[421 ]
[422 ]. Die besten Erfolge sind für den pH-Bereich 7,35 bis 7,20 etabliert, wobei auch
Patienten mit schwerstgradiger respiratorischer Azidose (pH < 7,20) in erfahrenen
Zentren von einer NIV profitieren können [420 ]
[422 ]. Auch hier sei bezüglich der weiteren Indikationsstellung, der Kontraindikationen,
der Abbruchkriterien, des notwendigen Monitorings und weiterer logistischer Voraussetzungen
auf die entsprechende Leitlinie der DGP verwiesen [420 ].
Trotz der positiven Studienlage kommt es im klinischen Alltag immer wieder zu einem
NIV-Versagen. Dabei wird zwischen dem frühen NIV-Versagen innerhalb der ersten Stunden
und einem späten NIV-Versagen, welches auch Tage nach zunächst erfolgreicher NIV-Einleitung
erfolgen kann, unterschieden [421 ]
[423 ]
[424 ]. Ein NIV-Versagen mit konsekutiver Intubation geht mit eingeschränkter Prognose
einher, insbesondere bei einem späten NIV-Versagen [423 ]
[424 ]
[425 ]. Dabei zeigen epidemiologische Daten, dass die Prognose bei NIV-Versagen sogar schlechter
ist als bei primärer Intubation [425 ]. Aus diesem Grund bedarf es eines engmaschigen Monitorings mit dem Ziel, den Zeitpunkt
der Intubation nicht unnötig hinauszuzögern, da die Intubation des Patienten und die
sich anschließende invasive Beatmung bei NIV-Versagen oder Unmöglichkeit der NIV aus
anderen Gründen nach wie vor etablierte Methoden darstellen.
7.4.2 Extrakorporale CO2 -Elimination
Aufgrund verbesserter technischer Möglichkeiten und auch im Zuge erster positiver
Studienergebnisse ist es insbesondere in den letzten Jahren in Deutschland zu einem
sprunghaften Anstieg des Gebrauchs extrakorporaler Verfahren auf den Intensivstationen
gekommen [426 ]. Hier stehen zunächst Verfahren zur extrakorporalen Oxygenierung (insbesondere bei
einem ARDS), aber auch zur extrakorporalen CO2 -Elimination zur Verfügung [426 ]
[427 ]. Vorteile für die extrakorporale CO2 -Elimination sind insbesondere für die COPD beschrieben. Hier kann das Verfahren sowohl
zur Vermeidung einer Intubation bei drohendem NIV-Versagen als auch zur Verkürzung
der Dauer einer invasiven Beatmung nach stattgehabter Intubation stattfinden [428 ]
[429 ]
[430 ]. Grundsätzlich stehen arteriovenöse Verfahren, die den körpereigenen Druckgradienten
zwischen arteriellem und venösem System nutzen, sowie pumpengetriebene venovenöse
Verfahren zur Verfügung [427 ]. Erste Studien zeigen in der Tat Vorteile für diese extrakorporalen Verfahren auch
hinsichtlich der Intubationsvermeidung [428 ]
[429 ]
[430 ]. Allerdings werden sowohl geräteseitige Komplikationen (insbesondere das Clotting)
als auch patientenseitige Komplikationen (insbesondere Blutungen) beschrieben [427 ]. Vor diesen Hintergründen kann eine breite Anwendung extrakorporaler Verfahren zur
CO2 -Elimination nicht empfohlen werden. Das Therapieverfahren ist aber vielversprechend
und sollte primär an erfahrenen Zentren vor allen Dingen im Rahmen wissenschaftlicher
Studien zum Einsatz kommen [427 ]
[431 ].
7.5 Prävention von weiteren Exazerbationen
Im Rahmen einer Exazerbation ist zu prüfen, ob der Patient die für ihn adäquaten medikamentösen
und nicht medikamentösen Therapien erhält, um die Entwicklung einer weiteren Exazerbation
zu verhindern. In der [Tab. 16 ] sind alle Maßnahmen aufgeführt, für die in Studien signifikante Effekte auf Exazerbationen
gezeigt werden konnte. Die entsprechenden Literaturzitate finden sich in Kapitel 5.
Tab. 16
Interventionen mit signifikanten Auswirkungen auf das Exazerbationsrisiko.
Interventionsart
Intervention
Bronchodilatatoren
LABAs
LAMAs
LAMA/LABA
Therapien mit Kortikosteroiden
LABA/ICS
LAMA/LABA/ICS
antientzündlich (ohne Steroide)
Roflumilast
Antiinfektiva
Influenzavakzine
Langzeitgabe von Makroliden
Mukoregulatoren
N-Acetylcystein
Carbocistein
Cineol
Verschiedenes
Rauchentwöhnung
Patientenschulung
Rehabilitation
Lungenvolumenreduktion
7.6 Follow-Up-Untersuchungen nach Exazerbationen
Die ersten Wochen nach einer höhergradigen Exazerbation, insbesondere wenn die Patienten
wegen der Exazerbation hospitalisiert werden mussten, stellen eine vulnerable Phase
dar. So wurde gezeigt, dass mehr als 30 % der Patienten mit einer im Krankenhaus behandelten
Exazerbation in den ersten 90 Tagen wieder mit der gleichen Diagnose ins Krankenhaus
aufgenommen werden [432 ]. Darüber hinaus sind Patienten in den ersten Wochen nach einer Exazerbation durch
kardiovaskuläre Ereignisse gefährdet [433 ]. Vor diesem Hintergrund ist es aus unserer Sicht geboten, dass Patienten in den
ersten 4 Wochen nach einer Exazerbation reevaluiert werden.
Empfehlungen für Follow-Up-Untersuchungen in den Wochen 1 bis 4 nach einer Exazerbation:
Evaluation der klinischen Situation (evt. mit Labor- und Lungenfunktionsuntersuchungen)
inklusive Komorbiditäten
Überprüfung der Therapie für COPD und Komorbiditäten
Überprüfung der Inhalationstechnik
Exazerbationsmedikation (systemische Kortikosteroide, Antibiotika) abgesetzt?
Evaluation der Notwendigkeit einer LTOT
Gegebenenfalls sollte eine weitere Reevaluation 12 – 16 Wochen nach Exazerbation erfolgen.
8 Komorbiditäten bei COPD
8 Komorbiditäten bei COPD
Empfehlungen und Statements
E34 Komorbiditäten der COPD sollten proaktiv diagnostiziert und leitliniengerecht therapiert
werden.
S12 Die Mehrzahl der Patienten verstirbt nicht an der COPD, sondern an kardiovaskulären
Erkrankungen und am Lungenkarzinom.
S13 Eine abschließende Aussage zum Lungenkarzinomscreening bei Patienten mit COPD kann
derzeit nicht getroffen werden.
8.1 Häufigkeit und klinische Relevanz von Komorbiditäten
Die COPD ist häufig mit Begleiterkrankungen vergesellschaftet [434 ]. Diese Komorbiditäten oder auch systemischen Manifestationen der COPD nehmen signifikant
Einfluss auf die Morbidität und Mortalität der Patienten [91 ]
[192 ]. Ätiologisch wird das gehäufte Auftreten von Komorbiditäten bei Patienten mit COPD
durch das Rauchen, körperliche Inaktivität, chronische Entzündungsreaktionen und vorzeitige
Alterungsmechanismen erklärt [435 ]
[436 ]. Allerdings sind kausale Zusammenhänge zwischen COPD und Komorbiditäten bisher nur
ungenügend untersucht, und das gemeinsame Auftreten könnte auch Ausdruck einer allgemeinen
chronischen Entzündungsreaktion sein [437 ]. Komorbiditäten sollten proaktiv diagnostiziert werden, da anamnestische Angaben
häufig nicht genügen [438 ]. Die Behandlung der Komorbiditäten richtet sich nach den Therapieempfehlungen der
jeweiligen Fachgesellschaften [36 ].
8.2 Kardiovaskuläre Erkrankungen
COPD ist mit einem 2,5-fach höheren Gesamtrisiko für alle kardiovaskulären Erkrankungen
assoziiert, wobei die häufigsten Entitäten (koronare Herzerkrankung mit und ohne stattgehabten
Myokardinfarkt, Herzrhythmusstörungen, Herzinsuffizienz, peripher-arterielle Verschlusskrankheit)
jeweils ungefähr das gleiche Risiko aufweisen [439 ]. Für die zerebrovaskulären Erkrankungen hingegen ist das Risiko eines gehäuften
Auftretens bei COPD-Patienten gegenüber Kontrollkollektiven nur tendenziell erhöht
[439 ] und das Risiko eines Schlaganfalls nicht unabhängig vom Rauchen [440 ].
Insgesamt ist davon auszugehen, dass COPD-Patienten signifikant zu der kardiovaskulären
Mortalität, die die globale Todesfallstatistik anführt, beitragen. So beträgt der
Anteil kardiovaskulärer Erkrankungen an der Gesamtmortalität von Patienten mit COPD
etwa 20 % [441 ]. Insbesondere in den leichteren Stadien der COPD sind kardiovaskuläre Erkrankungen
eine der führenden Todesursachen [192 ]. So ist das Risiko zu versterben bei Patienten mit moderater Atemwegsobstruktion
und kardiovaskulären Erkrankungen höher als das Risiko von Patienten mit schwerer
COPD ohne kardiovaskuläre Erkrankungen [442 ]. Unabhängig vom Rauchstatus haben Patienten mit COPD und weiteren etablierten kardiovaskulären
Risikofaktoren wie arterieller Hypertonie und/oder Diabetes mellitus immer ein höheres
Risiko zu versterben als Patienten im gleichen Schweregrad ohne diese Risikofaktoren
[442 ]. Die Zeit während und nach einer Exazerbation erhöht das Risiko für das Auftreten
kardiovaskulärer Ereignisse deutlich und wird als eine sehr vulnerable Periode angesehen
[443 ]. Verschiedene entzündlich-prothrombotische Prozesse könnten für diese zeitlichen
Zusammenhänge verantwortlich sein [443 ].
Therapeutisch wird in der Behandlung der kardiovaskulären Erkrankungen nicht unterschieden
zwischen Patienten mit COPD und primär kardiovaskulären Patienten ohne COPD [36 ]. Diese Einschätzung basiert nicht zuletzt auf verschiedenen retrospektiven Analysen,
die klare Überlebensvorteile von Patienten mit COPD unter etablierten kardiovaskulären
Therapiemodalitäten (z. B. Statine) aufzeigen [444 ]
[445 ] und schließt explizit die kardioselektiven Beta-Blocker mit ein [446 ]
[447 ]. Prospektive Studien zur kardiovaskulären Therapie von Patienten mit COPD fehlen.
Eine kürzlich durchgeführte Studie zur präventiven Gabe von Simvastatin in der Verhinderung
von Exazerbationen von Patienten mit COPD war für die Fragestellung der kardiovaskulären
Protektion nicht hilfreich, weil Patienten mit kardiovaskulärem Risikoprofil und einer
entsprechenden Indikation für Statine von der Studienteilnahme ausgeschlossen blieben
[448 ].
Eine begleitende Herzinsuffizienz wird häufig bei Patienten mit COPD diagnostiziert
[449 ]. Ätiologisch wurde dies bisher immer der hohen Prävalenz einer ischämischen oder
hypertensiven Herzerkrankung, sowie in den höheren Schweregraden einer in der Regel
leichteren Form der sekundären pulmonalen Hypertonie zugeordnet [449 ]. Jüngere Daten zeigen einen Zusammenhang zwischen Lungenüberblähung, reduzierter
Herzfüllung und vermindertem Schlag- bzw. Herzzeitvolumen auf [450 ]
[451 ]. Sowohl eine pharmakologische als auch eine chirurgische lungenentblähende Therapie
haben hier zu einer verbesserten Herzfüllung geführt [452 ]
[453 ]. Eine spezifische Therapie der sekundären pulmonalen Hypertonie von Patienten mit
COPD sollte außerhalb von klinischen Studien und ggfs. individualisierten Heilversuchen
derzeit nicht durchgeführt werden, da eine entsprechende Therapie in kleineren Studien
häufig zu unerwünschten Nebenwirkungen und einer schlechteren Oxygenierung führte
[454 ]
[455 ]. Hier steht die konsequente Therapie der Grunderkrankung mit Raucherentwöhnung,
intensivierter Bronchodilatation und Sauerstofftherapie im Vordergrund [456 ].
8.3 Lungenkarzinom
Die COPD ist ein unabhängiger Risikofaktor für die Entwicklung eines Lungenkarzinoms.
Verschiedenen Untersuchungen zufolge ist das Risiko 2- bis 6-mal höher als bei rauchenden
Kontrollkollektiven [436 ]. Ein besonderes Risikokollektiv scheinen COPD-Patienten mit einem Alter von mehr
als als 60 Jahren, mehr als 60 Packungsjahren, einem Body-Mass-Index von weniger als
25 kg/m2 und Lungenemphysem zu sein [457 ]. Lungenkarzinome wiederum sind eine der führenden Todesursachen von Patienten mit
COPD [91 ]
[192 ]
[441 ], insbesondere in den leichteren Stadien [192 ]. Bis zu 50 % der Todesfälle können hier auf Lungenkarzinome zurückgeführt werden
[441 ]. Die Therapie des Lungenkarzinoms unterscheidet sich prinzipiell nicht von der Therapie
bei Patienten ohne COPD mit der Ausnahme, dass die chirurgische Resektion und damit
potenziell kurative Therapie von resektablen Tumoren bei eingeschränkter Lungenfunktion
nicht immer möglich ist. Insgesamt ist die Prognose von Patienten mit Lungenkarzinom
und COPD schlechter als die Prognose von Lungenkarzinom-Patienten ohne COPD [458 ].
In den letzten Jahren ist zunehmend das Screening für Lungenkarzinome mit Niedrigdosis-Computertomografie
in Hochrisikopopulationen in den Fokus gerückt. In einer großangelegten Studie in
den USA konnte bei einem Risikokollektiv von 53 445 Rauchern oder Ex-Rauchern (nicht
länger als 15 Jahre Beendigung des Rauchens bei Beginn des Screenings) mit mehr als
30 Packungsjahren in einem Alter von 55 bis 74 Jahren eine lungenkarzinomspezifische
relative Mortalitätssenkung um 20 % gezeigt werden [459 ]. Eine weitere Analyse in einer Subgruppe von 18 714 Studienteilnehmern mit durchgeführter
Spirometrie ergab, dass es bei den 6436 Teilnehmern mit spirometrischer COPD gegenüber
den Teilnehmern ohne Atemwegsobstruktion nur wenig Überdiagnosen und einen Trend zu
den frühen Stadien gab, allerdings stehen die Mortalitätsdaten hier noch aus [460 ]. Eine Post-hoc-Analyse einer dänischen Screeningstudie für Lungenkarzinom konnte
keine statistisch signifikante Reduktion der Lungenkrebsmortalität bei Teilnehmern
mit COPD aufweisen [461 ]. Für Deutschland wird derzeit ein flächendeckendes Screening von Risikopopulationen
nicht empfohlen, da die Risiken der praktischen Umsetzbarkeit in weniger erfahrenen
Zentren und das Risiko der kumulativen Strahlendosis nicht hinreichend geklärt sind
[462 ]. Diese Punkte treffen derzeit grundsätzlich auch auf Patienten mit COPD zu, zumal
Überlebensvorteile bisher nicht für Patienten mit COPD gezeigt werden konnten.
8.4 Osteoporose
Circa ein Drittel der Patienten mit COPD haben eine Osteoporose [463 ]. Die Prävalenz nimmt mit dem Schweregrad zu. Entsprechend sind das Ausmaß der Lungenüberblähung
bzw. der Emphysemschweregrad prädiktive Faktoren [464 ]. Zudem sind Patienten mit einem niedrigen BMI, niedriger fettfreier Masse (auch
bei normalen BMI) und dauerhafter systemischer Kortikosteroidtherapie besonders gefährdet
[463 ]. Analog der Allgemeinbevölkerung haben Frauen möglicherweise eine höhere Prävalenz
als Männer [463 ]. Die Therapie mit ICS konnte bisher nicht sicher in den Zusammenhang mit einem Abbau
der Knochendichte gestellt werden [133 ]. Therapeutisch wird nicht unterschieden zwischen Osteoporose-Patienten mit und ohne
COPD.
8.5 Muskeldysfunktion
Eine Muskeldysfunktion der Extremitätenmuskulatur mit Abnahme der Muskelmasse wird
als eine der systemischen Konsequenzen der Erkrankung angesehen [465 ]. Neben anderen Faktoren scheint die körperliche Inaktivität hier eine Schlüsselrolle
zu spielen [465 ]. So ist der jährliche Verlust an Muskelmasse 5-mal höher bei Patienten, die körperlich
sehr inaktiv sind [466 ]. Daher wird dem Muskeltraining und der regelmäßigen körperlichen Aktivität eine
außerordentliche Bedeutung in der Therapie beigemessen [465 ].
8.6 Metabolisches Syndrom/Diabetes
In den Industrieländern haben circa 50 % der Patienten mit COPD ein begleitendes metabolisches
Syndrom [467 ]
[468 ]
[469 ]. Anhand des klinischen Risikoprofils (Dyslipidämie, arterielle Hypertonie und Insulinresistenz
bzw. Diabetes) und der höheren systemischen Inflammation ist zu vermuten, dass die
COPD-Patienten mit metabolischem Syndrom ein höheres kardiovaskuläres Risiko haben
als COPD-Patienten ohne metabolisches Syndrom. Eine prospektive Komorbiditäten-Studie
bei COPD wird hier weitere Erkenntnisse bringen [470 ].
8.7 Mentale Erkrankungen
Angst und Depression kommen häufig bei Patienten mit COPD vor. Luftnot, fehlende Belastbarkeit
und Einschränkungen im Alltag führen zu vermindertem Selbstwertgefühl und sozialer
Isolation. Insbesondere der multimodalen pneumologischen Rehabilitation kommt hier
eine entscheidende Rolle in der Therapie zu [471 ]. Aktuelle randomisierte, placebokontrollierte Studien zur medikamentösen antidepressiven
Therapie von Patienten mit COPD liegen nicht vor [471 ]. Daher wird bei entsprechender Indikation zur medikamentösen Therapie derzeit nicht
unterschieden zwischen depressiven Patienten mit oder ohne COPD.
9 Arbeitsmedizinische Aspekte
9 Arbeitsmedizinische Aspekte
Empfehlungen und Statements
E35 Berufliche Noxen können eine COPD verursachen, deshalb soll bei jedem Patienten mit
einer COPD in der Arbeitsanamnese nach langjähriger hoher beruflicher Exposition gegenüber
anorganischen Stäuben, organischen Stäuben und irritativ wirkenden Gasen, Dämpfen
sowie Rauchen gefragt werden.
9.1 Bronchitis und COPD durch arbeitsbedingte Einwirkungen
International ist die „berufsbedingte Bronchitis“ (occupational bronchitis) ein feststehender
Begriff und wird als Folge einer Exposition gegenüber irritativ wirkenden Dämpfen,
Stäuben, Gasen und Rauchen am Arbeitsplatz angesehen. Der Tätigkeits-attributable,
also ursächlich arbeitsbedingte, Anteil durch Einatmung von Schadstoffen am Arbeitsplatz
an der COPD bei Nichtrauchern wird auf 31 % geschätzt [472 ]. Bei Nichtrauchern ist die berufliche Exposition gegenüber solchen Noxen mit einem
mehr als verdreifachtem Risiko für die Entwicklung einer COPD verbunden [473 ]. Bei Rauchern ist dieser Anteil schwieriger quantifizierbar. Als gefährdend für
eine COPD sind unter anderem Tätigkeiten mit langjähriger hoher beruflicher Exposition
gegenüber a) anorganischen Stäuben, b) organischen Stäuben, und c) irritativ wirksamen
Gasen anzusehen (siehe [Tab. 17, ]Übersicht bei [474 ]).
Tab. 17
Tätigkeiten mit langjähriger hoher beruflicher Exposition (Beispiele).
anorganische Stäube
[475 ]
[476 ]
[477 ]
Bergbautätigkeiten (Kohle, Quarz)
Tunnelbauer
Metallschmelzprozesse
Koksofenarbeiter
Asphaltarbeiter
Zementarbeiter
Schweißer
Kadmiumarbeiter
Passivrauchexponierte (Gastronomie)
Personen mit beruflicher Exposition gegenüber Dieselmotoremissionen
organische Stäube
[476 ]
[478 ]
[479 ]
landwirtschaftliche Tätigkeiten (Schweine- und Putenmast, seltener Milchviehwirtschaft)
Textilindustrie, Arbeiten mit Rohbaumwolle (u. a. mit Endotoxinexposition)
Arbeiten mit Flachs, Jute (u. a. mit Endotoxinexposition)
Arbeiten in der Getreideverladung (u. a. mit Endotoxinexposition)
Arbeiten mit Exposition gegenüber Holzstäuben (Hartholz)
irritativ wirksame Gase [476 ]
[480 ]
Die beruflich verursachte chronische (nicht obstruktive) Bronchitis kann als Vorstufe
einer COPD und damit als Hinweis auf eine vermehrte Exposition gegenüber Irritantien
des Atemtraktes angesehen werden.
9.2 Bronchitis und COPD im Unfall- und Berufskrankheitenrecht
Die alleinige Bronchitis ohne obstruktive Lungenfunktionseinschränkung erfüllt in
Deutschland nicht die unfallversicherungsrechtlichen Voraussetzungen zur Anerkennung
einer Berufskrankheit nach § 9 Abs. 1 oder 2 des Sozialgesetzbuchs (SGB) VII. Analoges
gilt für Österreich mit § 177 und Anlage 1 des Allgemeinen Sozialversicherungsgesetzes
(ASVG).
Die Anerkennung einer COPD als Berufskrankheit ist in Deutschland im Wesentlichen
unter den BK-Nummern 4302, 1315 und 4111 möglich, wobei unter den erstgenannten beiden
Nummern der asthmatische Phänotyp gegenüber dem COPD-Phänotyp im Vordergrund steht.
In Österreich wird dies im Wesentlichen unter der BK 41 abzuhandeln sein. Im Unterschied
zu Deutschland ist in Österreich die Anerkennung der COPD als Berufskrankheit nicht
zwingend an die Aufgabe der Tätigkeit gebunden, allerdings an einen objektiven Nachweis
einer Leistungsminderung von Atmung oder Kreislauf.
Möglichkeiten, die COPD zu subsumieren, in der deutschen Liste der Berufskrankheiten
vom 22. 12. 2014
BK-Nr. 4302 „Durch chemisch-irritativ oder toxisch wirkende Stoffe verursachte obstruktive Atemwegs-erkrankungen,
die zur Unterlassung aller Tätigkeiten gezwungen haben, die für die Entstehung, die
Verschlimmerung oder das Wiederaufleben der Krankheit ursächlich waren oder sein können.“
BK-Nr. 1315 „Erkrankungen durch Isocyanate, die zur Unterlassung aller Tätigkeiten gezwungen haben,
die für die Entstehung, die Verschlimmerung oder das Wiederaufleben der Krankheit
ursächlich waren oder sein können.“
BK-Nr. 4111 „Chronische obstruktive Bronchitis oder Emphysem von Bergleuten unter Tage im Steinkohlenbergbau
bei Nachweis der Einwirkung einer kumulativen Dosis von in der Regel 100 Feinstaubjahren
[(mg/m³) × Jahre].“
Möglichkeiten, die COPD zu subsumieren, in der österreichischen Liste der Berufskrankheiten
vom 01. 01. 2014
Nach epidemiologischen Studien werden bei Beschäftigungen mit langjähriger Untertage-Tätigkeit
im Steinkohlenbergbau Erkrankungen an chronischer obstruktiver Bronchitis oder Lungenemphysem
signifikant gehäuft angetroffen. Dies trifft auch zu, wenn radiologische Zeichen einer
eindeutigen Silikose nicht vorliegen. Es gelang bei dieser Personengruppe, eine eindeutige
Dosis-Wirkung-Beziehung zwischen Einatmen der Staubmenge und der Häufigkeit des Auftretens
von chronischer obstruktiver Bronchitis und Lungenemphysem nachzuweisen. Zur Prüfung
des Vorliegens der entsprechenden deutschen Berufskrankheit 4111 bedarf es der Errechnung
der kumulativen Feinstaubdosis, in Österreich ist dies entbehrlich. Die Dokumentation
der Staubexposition im deutschen Steinkohlenbergbau ist seit den 60er Jahren praktisch
lückenlos, sodass nachvollziehbare individuelle Abschätzungen der kumulativen Feinstaubdosis
möglich sind. Die kumulative Feinstaubdosis ergibt sich aus der Feinstaubkonzentration
in der Luft am Arbeitsplatz in mg/m³ multipliziert mit der Anzahl der Expositionsjahre,
bezogen auf jährlich 220 gefahrene Schichten zu je 8 Stunden Dauer.
Weiterhin kann eine COPD-Begleiterkrankung eine Pneumokoniose sein, also eine Lungenveränderung
durch eingeatmeten (vorrangig quarzhaltigen) Staub. Hier kommen in Deutschland die
BK-Nummern 4101 (ggfs. 4102), in Österreich die BK-Nr. 26 infrage.
Sofern die entsprechenden unfallversichungsrechtlichen Voraussetzungen gegeben sind,
sind die funktionsanalytisch nachweisbaren obstruktiven Folgezustände unter der jeweils
für die Substanz zutreffenden BK-Nummer zu entschädigen. [Tab. 18 ] enthält die hier vorrangig infrage kommenden BK-Nummern nach deutschem Recht in
der Fassung der Berufskrankheiten-Verordnung vom 01. 08. 2017 sowie nach österreichischem
Recht in der Fassung vom 01. 01. 2014.
Tab. 18
Beispiele möglicher Auslöser von Erkrankungen der Atemwege und Lunge, bei denen im
weiteren Sinne obstruktive Ventilationsstörungen vorkommen können.
Auslöser
BK-Nummer (D)
BK-Nummer (Ö)
Chrom
1103
8
Vanadium
1107
50
Fluor
1308
ggfs. 41
Quarz
4101, 4102
26
Asbest
4103
27
Aluminium
4106
28
Nickel
4109
49
Steinkohlengrubenstäube unter Tage
4111
ggfs. 41
Verschimmeltes Heu, Stroh, Pilze
4201
43
Rohbaumwolle, -flachs, -hanf
4202
44
Eine Bronchitis kann Folge eines Arbeitsunfalles sein, z. B. nach lokalisierten Entzündungen,
Kontusion, Verletzung der großen Atemwege, Inhalationsintoxikation oder nach unfallbedingten
neurologischen Erkrankungen.
Sofern haftungsbegründende und haftungsausfüllende Kausalität aus unfallversicherungsrechtlicher
und gutachterlicher Sicht bejaht werden und ggf. (in Deutschland, nicht jedoch in
Österreich) die gefährdende Tätigkeit aufgegeben ist (Deutschland: BK 4302, 1315),
ist die Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE) vom Gutachter einzuschätzen. Diese richtet
sich nach anamnestischen, klinischen und funktionsanalytischen Kenngrößen. Von wesentlicher
Bedeutung ist die Längsschnittbeurteilung der Erkrankung, d. h. es ist in aller Regel
erforderlich, auf früher erstellte Originalbefunde zurückzugreifen. Die zwischen wissenschaftlichen
Fachgesellschaften und Unfallversicherung konsentierte Reichenhaller Empfehlung hat
deutlich zur flächendeckenden Qualitätsverbesserung in der Begutachtung auch der COPD
als Berufskrankheit beigetragen [481 ].
9.3 Diagnosestellung und Beurteilung des Kausalzusammenhangs im Einzelfall (siehe
[474 ])
Die Diagnose einer obstruktiven Atemwegserkrankung muss im Vollbeweis gesichert sein.
Wichtig ist die Dokumentation einer bronchialen Obstruktion noch vor Beginn einer
medikamentösen Therapie. Die Obstruktion ist charakterisiert durch die Verminderung
des Quotienten von FEV1 /FVC (im gleichen Atemmanöver gemessen). Die Diagnose eines Lungenemphysems ist schwieriger
zu stellen und erfordert oft eine Computertomografie des Thorax, für die Emphysemdiagnostik
bei der BK 4111 wird noch die Konsensempfehlung [482 ] herangezogen.
Bei begründetem Verdacht auf eine Berufskrankheit ist eine Verdachtsanzeige erforderlich.
Sofern ein Erkrankter nie geraucht hat und somit die häufigste außerberufliche Ursache
einer COPD wegfällt, fällt es oft leicht, die arbeitsbedingten Expositionen als krankheitsursächlich
zu benennen. Bei Rauchern und Ex-Rauchern mit gleichzeitiger beruflicher Exposition
gegenüber Auslösern einer COPD (z. B. bei rauchenden Schweißern) wird hingegen vielfach
fälschlich der berufliche Anteil gar nicht bedacht, sodass Meldungen des Verdachts
einer Berufskrankheit bei Rauchern mit einer COPD häufig fälschlich unterbleiben.
Die detaillierte Aufarbeitung der konkurrierenden Expositionen wird oft nur im Rahmen
einer wissenschaftlichen Zusammenhangsbegutachtung möglich sein. Hier muss der Gutachter
prüfen, ob alle relevanten Fakten ausreichend ermittelt wurden. Wegen der kumulativen
Wirkung irritativer und toxischer Stoffe hinsichtlich der Entstehung einer Berufskrankheit
COPD ist die Vollständigkeit der Ermittlung besonders wichtig. Der zeitliche Verlauf
zwischen Expositionsbeginn und dem Auftreten der Beschwerden ist ebenfalls zu berücksichtigen.
Für Einzelheiten der Kausalitätsbeurteilung bei der COPD sei auf die Reichenhaller
Empfehlung [481 ] verwiesen. Der in Deutschland für die Anerkennung einer BK 4302 (noch) erforderliche
Unterlassungszwang erfordert besonderes Fingerspitzengefühl hinsichtlich der wünschenswerten
Erhaltung des Arbeitsplatzes unter verbesserten Expositionsbedingungen. Die Minderung
der Erwerbsfähigkeit richtet sich nach der Reichenhaller Empfehlung, in deren neuester
Version [481 ] die therapeutischen Unterschiede zwischen Asthma und COPD Eingang gefunden haben.
9.4 COPD im sozialen Entschädigungsrecht und im Schwerbehindertenrecht
Hinsichtlich des gutachterlichen Vorgehens im sozialen Entschädigungsrecht und im
Schwerbehindertenrecht sei in Deutschland auf die Versorgungsmedizin-Verordnung (VersMedV)
verwiesen, in Österreich wird der Grad der Behinderung aufgrund der Richtsatzverordnung
ermittelt.
9.5 Prävention am Arbeitsplatz
Zur Prävention arbeitsbedingter obstruktiver Atemwegserkrankungen sei auf die entsprechende
interdisziplinäre Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin
verwiesen [483 ].
Als allgemeinen Staubgrenzwert hat die Senatskommission zur Prüfung gesundheitsschädlicher
Arbeitsstoffe der Deutschen Forschungsgemeinschaft eine Konzentration der alveolengängigen
Fraktion (A-Fraktion) für granuläre biobeständige Stäube (GBS) von 0,3 mg/m³, bezogen
auf eine Dichte der Stäube von 1 g/cm³, und eine Konzentration des einatembaren Anteils
(E-Fraktion) von 4 mg/m³ festgesetzt. Überschreitungen sind für die E-Fraktion zulässig,
wobei die Höhe der zulässigen Überschreitungen das Zweifache des genannten allgemeinen
Staubgrenzwertes nicht übertreffen sollte. In Österreich beträgt der MAK-Wert für
biologisch „inerte“ Schwebstoffe 10 g/m³ für die einatembare Fraktion und 5 mg/m³
für die alveolengängige Fraktion als Tagesmittelwert. Als Kurzzeitwert (15 min) wird
das Zweifache dieser Werte zugelassen. Der Kurzzeitwert darf innerhalb von 8 Stunden
höchstens 2-mal erreicht werden.
Die Einhaltung des allgemeinen Staubgrenzwertes soll unspezifische Wirkungen auf die
Atemorgane verhindern. Er ist anzuwenden für schwer lösliche oder unlösliche Stäube,
die nicht anderweitig reguliert sind, oder für Mischstäube. Bei Einhaltung des Allgemeinen
Staubgrenzwertes ist mit einer Gesundheitsgefährdung nur dann nicht zu rechnen, wenn
sichergestellt ist, dass keine zusätzlichen stoffspezifischen toxischen Wirkungen
des Staubes zu erwarten sind.
Hinsichtlich gasförmiger Schadstoffe, die geeignet sind, obstruktive Atemwegserkrankungen
auszulösen, schützt nach heutigem Wissensstand die Einhaltung aktuell wissenschaftlich
begründeter Grenzwerte (MAK-Werte), die meist als Arbeitsplatzgrenzwerte vom Gesetzgeber
übernommen werden, vor der Entstehung solcher Atemwegserkrankungen. Wichtig ist dabei,
darauf zu achten, dass auch die vorgegebene Begrenzung der Expositionsspitzen eingehalten
wird.