Einleitung und Fragestellung
Einleitung und Fragestellung
Die Tagesschläfrigkeit ist das Leitsymptom vieler Schlafstörungen, insbesondere auch
des obstruktiv bedingten Schlafapnoesyndroms (OSAS). Standardisierte Fragebogen haben
sich im klinischen Alltag als diagnostische Verfahren zur Einschätzung des Schweregrades
der Tagesschläfrigkeit bei schlafbezogenen Atemstörungen (SBAS) etabliert [1 ].
Die Epworth-Schläfrigkeitsskala (ESS) stellt seit ihrer Validierung durch M. W. Johns
am Epworth Hospital in Melbourne [2 ] ein hilfreiches Instrument zur subjektiven Quantifizierung der Tagesschläfrigkeit
dar. Dabei bestehen eine hohe Reliabilität und interne Konsistenz [3 ]. Zudem eignet sich die ESS als Verlaufsparameter der Tagesschläfrigkeit nach Beginn
einer CPAP-Therapie, denn es konnte gezeigt werden, dass der gewünschte Therapieeffekt
anhand der Reduktion der ESS-Punktwerte nachvollziehbar wird [3 ]
[4 ].
Schließlich ist die ESS ein wertvoller Parameter zur Quantifizierung der Tagesschläfrigkeit
unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten.
Vor diesem Hintergrund untersuchten wir, ob die mittels ESS prospektiv erhobene Einschätzung
der Tagesschläfrigkeit bei OSA-Patienten vor Beginn einer CPAP-Therapie (Prä-CPAP)
mit der retrospektiv erhobenen prä-CPAP-ESS nach mindestens einem Jahr effektiver
CPAP-Therapie konsistent ist oder eine Variabilität aufweist. Die zugrundeliegende
klinische Fragestellung lautet, ob auch bei nicht vorhandener Ausgangs-ESS die retrospektive
Einschätzung Aussagekraft besitzt.
Methodik
Methodik
Entsprechend der in Abb. [1 ] vorgestellten Version der ESS ordnet der Patient jeder der acht aufgeführten Fragen
nach situationsbedingter Einschlafwahrscheinlichkeit auf einer Analogskala einen numerischen
Wert von 0 - 3 Punkten zu, so dass bei maximaler Symptomausprägung ein Wert von 24
Punkten erreicht werden kann.
Wir verglichen den vor Einstellung auf ein CPAP-Verfahren erhobenen Wert der ESS (ESS
base) mit der retrospektiven Einschätzung der initialen Tagesschläfrigkeit (ESS retro)
im Rahmen einer Verlaufskontrolle nach einem Jahr effektiver n-CPAP-Therapie. Schließlich
wurde der aktuelle ESS-Wert nach einem Jahr CPAP-Therapie erhoben (ESS-CPAP). Konkret
konnte ESS base aus den Krankenunterlagen des ersten stationären Aufenthaltes entnommen
werden, ESS retro und CPAP wurden anlässlich der oben erwähnten stationären Verlaufskontrolle
schon während des ärztlichen Aufnahmegespräches erfasst.
Die schlafbezogenen Parameter (Respiratory distress index = RDI) wurden vor und nach
einem Jahr CPAP-Therapie mittels Polygraphie (Poly-Mesam, MAP) dokumentiert.
Die statistische Auswertung erfolgte zunächst deskriptiv (Alter, Geschlechterverteilung,
BMI, CPAP mittlere Drucke, RDI, Lagemaße der ESS-Werte), im weiteren dann mittels
Wilcoxon-Test.
Abb. 1 Fragebogen zur Tagesschläfrigkeit/Epworth-Schläfrigkeitsskala.
Ergebnisse
Ergebnisse
Insgesamt 46 Patienten (45 Männer, 1 Frau; im Mittel 58 Jahre ± 9,3 alt, mit im Mittel
BMI 31 kg/m2 ) wurden untersucht.
Bei einem durchschnittlich mittelgradig bis schwergradig ausgeprägten Ausgangsbefund
eines OSAS (RDI im Mittel 39 ± 20,2/h) kam die CPAP-Therapie (mittleres CPAP-Druckniveau
von 8 ± 1,7 cmH2 O) mit befriedigender Compliance (mittlere Anwendungsstunden: 5,8 ± 1,8 h/d) zum Einsatz.
Die Reduktion des RDI unter CPAP auf im Mittel 7,6 ± 5,3/h) belegt die Therapieeffektivität.
Die subjektive Quantifizierung der Tagesschläfrigkeit mittels ESS vor Therapiebeginn
(ESS-base) lag im Mittel bei 11,7 (± 4,6) Punkten, retrospektiv wurde die Ausgangssituation
(ESS-retro) auf im Mittel 12,7 (± 5,2) Punkte geschätzt. Damit lag kein statistisch
signifikanter Unterschied vor (p = 0,06, siehe auch Abb. [2 ]).
Deutlich signifikant erwies sich jedoch der Unterschied zwischen ESS-base und nach
1 Jahr der effektiven CPAP-Therapie (im Mittel 5,4 ± 3,7; p < 0,01).
Abb. 2 ESS-Base; Einschätzung der ESS vor CPAP.
ESS-retro; retrospektive Einschätzung der ESS vor CPAP.
ESS-CPAP; ESS unter laufender CPAP-Therapie.
Diskussion
Diskussion
Im Vergleich der prospektiv bestimmten ESS (ESS-base) mit der retrospektiven Einschätzung
der ESS vor Beginn der CPAP-Therapie ergab sich für das Gesamtkollektiv keine signifikante
Differenz.
Chronologisch gesehen ist die ESS somit ein Parameter mit einer hohen „Re-Test-Reliabilität”
bzw. guten Validität in der retrospektiven Einschätzung. Mit anderen Worten ist die
retrospektiv getroffene Einschätzung der ESS vor CPAP-Therapie ein valides diagnostisches
Werkzeug.
Auch bei einem Kollektiv gesunder Studenten ist dabei die Zuordnung der Tagesschläfrigkeit
mittels ESS im zeitlichen Verlauf konsistent [3 ], was unsere Untersuchungsergebnisse bestätigt.
In diesem Zusammenhang muss kritisch betont werden, dass die vorliegenden Ergebnisse
zeigen, dass die retrospektiv erhobenen ESS nur in größeren Kollektiven unter wissenschaftlichen
Fragestellungen im Mittel zuverlässig erhoben werden kann. Im Einzelfall lassen sich
dahingegen z. T. erhebliche, retrospektiv sowohl aggravierend als auch dissimulierend
abweichende Einschätzungen (ESS base versus ESS retro siehe Abb. [2 ]) bezüglich der initialen Tagesschläfrigkeit dokumentieren.
Die nachweisbaren Differenzen bei der retrospektiven Betrachtung sind dabei möglicherweise
Ausdruck einer emotionalen Wertung. Die ESS als subjektive, retrospektive Beschreibung
der Ausprägung der Tagesbefindlichkeit über einen längeren Zeitraum unterliegt Einflussgrößen
aus dem Bereich der Emotions- und Sozialpsychologie. Diese Schlagwörter sollen verdeutlichen,
dass die getroffene Einschätzung nur im Spannungsfeld der aktuellen subjektiven Emotionalität
und des sozialen Wahrnehmungsfeldes zu interpretieren ist. Die im Einzelfall imponierende
Streuung zwischen der Einschätzung ESS-base und -retro zeigt, dass die Angaben auf
Plausibilität zu prüfen bleiben und ein Anamnesegespräch nicht zu ersetzen ist.
Die vorliegenden Ergebnisse bestätigen, dass die ESS die subjektive wahrgenommene
Therapieeffektivität reflektiert, da sich eine deutliche Besserung der Tagesschläfrigkeit
unter CPAP findet.
Der generelle Stellenwert der ESS als diagnostisches Werkzeug kann anhand der vorliegenden
Arbeit nicht überprüft werden, denn die vorliegende Arbeit ist dadurch limitiert,
dass keine Korrelation zu neuropsychologischen Tests und anderen Verfahren zur Beurteilung
der Tagesschläfrigkeit (bspw. standardisierte Fragebogen oder dem Multiple Sleep Latency
Test = MSLT bzw. Maintenance of Wakefullness Test = MWT) vorgenommen wurde. Damit
kann die subjektive Einschätzung des Patienten nicht objektiviert werden.
Auf der anderen Seite ist nicht zuletzt unter Berücksichtigung einer aktuellen Arbeit
von Johns [5 ] zu diskutieren, ob der bisherige Ansatz, Verfahren wie den MSLT als Goldstandard
der Evaluation der Tagesschläfrigkeit zu definieren, nicht revidiert werden muss.
Die ESS zeigte sich im Vergleich der diagnostischen Verfahren in der angesprochenen
Studie als am meisten diskriminierender Faktor, um Tagesschläfrigkeit bei verschiedenen
zugrundeliegenden Erkrankungen zu differenzieren. Zeit- und Arbeitsaufwendigkeit sowie
die realitätsfernen Schlaflaborkonditionen sind weitere Handikaps der angesprochenen
objektiven Verfahren.
In unserem Zusammenhang ist die Frage von entscheidender Bedeutung, welchen Stellenwert
die ESS im diagnostischen Repertoire des OSAS einnimmt? Aus der Literatur ist bekannt,
dass zwischen der subjektiven Einschätzung der Einschlafneigung durch den Patienten
oder durch dessen Ehepartner und der im Verlauf zu objektivierenden Ausprägung des
OSAS, konkret z. B. in Bezug auf den RDI, keine Korrelation besteht [6 ]. Ebenso wenig lassen sich die ESS-Resultate mit scheinbar „objektiven” Messergebnissen
(MSLT oder MWT) korrelieren [7 ]
[8 ]. Dieser Umstand wundert nicht, wenn man sich vor Augen führt, dass doch unterschiedliche
Aspekte der Tagesschläfrigkeit, nämlich subjektives Erleben und objektive Auswirkung
(bspw. auf die Vigilanz), überprüft werden.
Das komplexe Phänomen der Tagesschläfrigkeit wird somit am ehesten in der Kombination
verschiedener Untersuchungsverfahren adäquat erfasst.
Im Methodenvergleich besteht jedoch der wesentliche Vorteil der ESS in ihrer einfachen
Struktur. Dieser Umstand resultiert in leicht und verlässlich reproduzierbaren Resultaten
unabhängig von Bildungsniveau, Kultur und Sprache des Befragten [9 ]
[1 ].
Abschließend soll kritisch angemerkt werden, dass trotz einer deutschsprachigen Validierung
[9 ] in den schlafmedizinischen Zentren unterschiedliche „Hausversionen” der ESS verbreitet
sind. Möglicherweise trägt die im DGSM Rundbrief des April 2000 veröffentlichte Version
in dieser Hinsicht zu einer Vereinheitlichung bei [10 ], siehe auch Abb. [1 ].
Schlussfolgerung
Schlussfolgerung
Die ESS stellt auch nach längerer CPAP-Therapie beim OSAS retrospektiv ein wertvolles
diagnostisches Hilfsmittel zur Einschätzung der Tagesschläfrigkeit dar.