Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden,
ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heißt auf die Grundfrage der
Philosophie antworten. Alles andere … kommt später [1].
Können wir Camus' einleitenden Sätzen zum Mythos des Sisyphos noch zustimmen? Oder
sind sie veraltet? Die Frage, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden, kann kaum
veralten. Aber ist sie eine philosophische Frage?
Suizid im Roman
Suizid im Roman
Gleich mehrere Romane, die in diesem Jahr erschienen sind, kreisen um die Selbsttötung
eines Protagonisten. Für nächstes Jahr sind einige Titel angekündigt, die darauf hindeuten,
dass weitere folgen. Don DeLillo beschreibt in der „Körperzeit” die Situation einer
Frau, die ihren Mann durch Suizid verloren hat. Er beginnt mit einer scheinbar belanglosen
Alltagsszene, die sich später als das letzte gemeinsame Frühstück des Ehepaars erweist.
Über die Alltäglichkeiten, die eingespielten Rituale wird die innere Verbundenheit
spürbar, aber auch Momente der Isolierung in der Ehe. Es sind die grundlegenden Dinge,
über die die Hinterbliebene versucht, den Tod des Partners zu bewältigen: Die Veränderung
ihrer Körperwahrnehmung, seine Stimme, ihre Dialoge, der Tagesrhythmus, das Wetter
[2]. In „Sutters Glück” geht Adolf Muschg den Reflexionen des hinterbliebenen Mannes
nach dem Suizid seiner Frau nach, die an einem Karzinom schwer erkrankt war. Auch
hier geht es um das Zurückwandern zu dem, was dem Paar möglich war an Liebe, an Gemeinsamkeiten
zu leben gegenüber dem, was ihnen nicht gelungen ist [3]. Zuerst einmal sind beide Bücher Literatur. Aber als zeitgenössische Romane enthalten
sie auch Hinweise auf unser Lebensgefühl. Sie beschäftigen sich mit aktuellen Fragen
an das Leben: Wie gehe ich als liebender Partner mit dem Suizidwunsch meiner Partnerin
um, die an einem unheilbaren Karzinom leidet? Müsste ich sie vom Suizid abhalten?
Oder will sie sterben, weil ich nicht in der Lage war, intensiver an ihrem Leben teilzuhaben?
Wo beginnt die Mitverantwortung; wo endet die Autonomie? Kann es sein, dass ich meinen
Partner geliebt habe und mir seine Beschäftigung mit dem Suizid trotzdem verborgen
blieb? Wie sehr durchzog die Vereinzelung das gemeinsame Leben, und wie kann es sein,
dass mit seinem Tod mir selbst als Individuum und als Körperwesen der Boden unter
den Füßen abhanden gekommen ist? Wie präsent ist die Möglichkeit des Suizids in unserem
Alltag?
Aber sind die Fragen nach Autonomie und Verantwortung; nach gemeinsamem und eigenem
(einsamem) Leben; nach der Beurteilung der Lebensqualität - des Lebenswerts mit Karzinom
und Schmerzen philosophische Fragen? Sind sie Fragen an unsere Lebensweise und unsere
Moral? Romane haben den Vorteil, dass wir uns in die Geschichte hineindenken können,
ohne zu einer Beurteilung kommen zu müssen, die das reale Leben betrifft: Wie hat
sich dieser Mensch verhalten? Was hätte er m. E. tun sollen? Denn die Reflexion solcher
Fragen fordert die Entfaltung höchst intimer Details und privater Innenansichten.
Eine andere Quelle, aus der wir uns ihnen annähern können, sind Briefe, Tagebücher
und Prosa von Schriftstellern und Schriftstellerinnen, die sich das Leben genommen
haben (oder einen Suizidversuch unternommen). Ich halte es nicht für Zufall, dass
auch dazu gleich mehrere Bücher angekündigt oder erschienen sind [4]
[5]. Was allerdings die Kernfragen dabei sind, wo genau unsere Fragen an das Leben berührt
werden, ist für mich noch nicht klar erkennbar. Verstanden habe ich Folgendes: Die
Publikationen konzentrieren sich auf schreibende Frauen. Interessierende Schriftstellerinnen
sind Janet Frame, Sylvia Plath, Anne Sexton,Viginia Woolf, Unica Zürn, Marina Zwetajewa.
Es geht in diesen Darstellungen um nicht gelebtes Leben; verhinderte Lebensentwürfe,
Leiden an der Familie, am Partner, an der Situation als Frau. Gibt es Persönlichkeitszüge,
die es den einzelnen Frauen verunmöglichten, ihr Leben nach den eigenen Vorstellungen
zu gestalten? Oder haben die nächsten Anghörigen, haben die gesellschaftlichen Vorstellungen
den wesentlichen Ausschlag gegeben? Ist es gerechtfertigt, das eigene Leben zu beenden,
wenn die Selbstentfaltung fehlt? Die Autorinnen der Bücher sind überwiegend Literaturwissenschaftlerinnen.
Sie setzen sich mit Leben und Werk auseinander. Vereinzelt wird ein psychoanalytischer
Blick auf die Geschehnisse geworfen. Dem Suizid verausgegangen ist aber bei einigen
eine schwere psychische Erkrankung, z. B. eine Schizophrenie. Diese Krankheit wird
kaum je als „Krankheit zum Tode” erkannt.
Entwicklungen im Fachgebiet
Entwicklungen im Fachgebiet
Für Psychiaterinnen und Psychiater ist der Suizid kein philosophisches Problem. Er
ist ein handfestes psychiatrisches Problem: Er ist ein allgegenwärtiges Symptom psychischer
Erkrankungen. Er ist die häufigste Ursache dafür, dass psychisch Kranke an den Folgen
ihrer Depression, Schizophrenie, Abhängigkeit oder anderen schweren psychischen Erkrankung
versterben.
So sehr wir uns dessen bewusst sind, dass der Suizid als solcher kein Symptom, keine
psychische Erkrankung ist; so sehr ist er in unserer klinischen Arbeit eine alltägliche
Bedrohung im Hintergrund. Als Psychiaterinnen und Psychiater sind wir in den vergangenen
Jahrzehnten zu den Spezialisten für Suizidgefährdung und Bewältigung eines vollendeten
Suizides geworden. Nach Innen und Außen stellt jeder vollendete Suizid die berufliche
Kompetenz infrage [6]. Dies hat in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt, dass juristische Fragen wesentliches
Leitmotiv für die epidemiologische Erforschung des Krankenhaussuizides und des Suizides
während psychiatrischer Behandlung allgemein geworden sind. Fragen von mangelnder
ärztlicher Hilfeleistung, Behandlungsfehlern oder Organisationsversagen wurden im
Wesentlichen mit Methoden der Epidemiologie beantwortet. Eine Fülle von Publikationen
gab Auskunft über die Inzidenz des Suizids in den einzelnen Ländern und die Erhöhung
des Suizidrisikos durch psychische Erkrankung. Wann eine psychiatrische Institution,
wann einzelne Psychiaterinnen und Psychiater haftbar gemacht werden können, wurde
von den obersten nationalen Gerichten geklärt. Die Thematik erscheint abgeschlossen
[7].
Demgegenüber haben spezifischere Fragestellungen in den vergangenen Jahren gezeigt,
dass wir über das Suizidrisiko nur sehr allgemeine Aussagen machen können, wenig jedoch
über die Gefährdung bei einer einzelnen Erkrankung, in einem bestimmten Zeitraum der
Biografie und der Behandlung [8]. Diesen Fragen sind in den letzten fünf bis zehn Jahren einige Studien nachgegangen.
Sie weisen methodische Probleme der älteren Studien nach und zeigen, dass für Detailfragen
- für die einzelnen psychischen Erkrankungen, für die unterschiedlichen psychosozialen
Situationen - erheblicher Forschungsbedarf besteht.
Die Publikationen sind jedoch nicht sehr zahlreich. Es entsteht der Eindruck, dass
mit der Klärung der juristischen Fragen auch das Leitmotiv der weiteren Forschung
verloren gegangen ist. Ein neues hat sich innerhalb des Fachgebietes bisher nicht
durchgesetzt. Verfolgt man die Literatur, haben in den vergangenen Jahren Arbeiten
zur Analyse bis hin zum Entschluss, sich zu Suizidieren mit Hilfe der psychologischen
Autopsie zwar zugenommen. Vereinzelt beschäftigen sich Publikationen mit dem Prozess
des Sterbewunsches bis hin zum Suizidentschluss. Befragungen von Suizidenten nach
Suizidversuch wollen in Erfahrung bringen, wann und auf welche Weise Suizidgedanken
zum konkreten Suizidentschluss werden und welche Interventionsmöglichkeiten sich bieten.
Die Situation der Hinterbliebenen nach dem Suizid ist ein wissenschaftliches Thema
geworden. Die Publikationen beschäftigen sich jedoch vor allem mit klinischen Fragen.
Haben wir den Suizid also doch auf die Phänomenologie - auf die Kategorisierung als
Krankheitssymptom reduziert? Haben wir das Nachdenken über Lebensfragen und über philosophische
Fragen aus unserer Fachdiskussion entfernt?
Hinterbliebene haben sich seit geraumer Zeit selbst zu Wort gemeldet. Sie geben Aufschluss
über Probleme der Verarbeitung wie Möglichkeiten der Bewältigung und Notwendigkeit
fachärztlicher Interventionen. Nicht nur Verwandte, sondern auch Behandelnde berichten,
wie sie den Suizid eines Patienten oder einer Patientin erlebt haben, welcher Selbstkritik
sie sich unterziehen und wie sie den Suizid verarbeiten. Die Angehörigen gemahnen
uns daran, dass wir die alltäglichen Gegebenheiten, mit denen wir alle - Gesunde,
Kranke, Suizidenten; Fachleute wie Betroffene - leben, nicht außer Acht lassen können.
Fragen an das Leben stellen sich jedem. Und genau hier könnten uns die Texte der Schrifstellerinnen
und Schrifsteller weiterhelfen. Prosa, Lyrik wie Briefe und Tagebücher geben uns Einsicht
in subtile Reflexionen, in intime Befindlichkeiten, die wir sonst kaum je zu hören
bekommen. Wie sehr öffnen sich unsere Liebsten in existenziellen Fragen? Wie weit
geben wir Patientinnen und Patienten die Möglichkeit, sich zu öffnen? Dies ist m.
E. die erste und nicht die unwichtigste Mitteilung aus den zu schnell analysierten
und interpretierten Texten. Dass sie im Kontext des Suizides hervorgeholt werden;
dass Romane sich mit dem Suizid befassen deutet darauf hin, dass es möglich geworden
ist, über heikle Fragen konflikthafter Beziehungen, von Versäumnissen, Missverständnissen
oder Fehlern zu sprechen und in Austausch zu treten.
Das sollte uns auch als Fachleute interessieren. Von wissenschaftlicher Seite wird
diese (verhaltene) Entwicklung jedoch kritisiert: Betroffenheit, subjektive Darstellungen
könnten einer wissenschaftlichen Analyse nicht dienlich sein. Vielmehr verhinderten
sie die Erforschung des Problems, wenn sich eine „Betroffenheitskultur” breit mache.
Selbst wenn wir uns als klinisch Tätige Lebensfragen nicht verschließen - müssen und
sollen sie uns als wissenschaftlich Denkende und/oder Arbeitende beschäftigen? Können
wir so genau trennen zwischen (psychischer) Krankheit, Lebenssituation und Haltung
zu Leben und körperlich-medizinischen Gegebenheiten? Und wenn nein, müssen wir nicht
hier mit unseren Forschungsfragen ansetzen?
Die öffentliche Diskussion
Die öffentliche Diskussion
Die öffentliche Diskussion erweckt den Eindruck, dass der Suizid aus der Psychiatrie
in die (somatische) Medizin gewandert ist: Wenn der Suizid in den Massenmedien Thema
wird, geht es zumeist um die Beihilfe zum Suizid, um passive und aktive Euthanasie.
Beihilfe zum Suizid und organisierte Möglichkeiten der Lebensbeendigung übertönen
die bedrückenden Fragen, wann, wie und warum ein Mensch sein Leben nicht mehr fortsetzen
wollte und was dies für die Hinterbliebenen bedeutet. Die Darstellungen in den Massenmedien;
die Berichte in Feuilletonartikeln und Journalbeiträgen; die Themen von Fernsehdiskussionen
und Filmen haben ein neues Zeitalter eingeläutet - das der Sterbehilfe; der Propagierung
von Straffreiheit der Beihilfe zum Suizid und passiver Euthanasie mit der definitiven
Regelung in den Niederlanden. In der Schweiz steht eine ähnliche Entscheidung kurz
vor der Abstimmung im Parlament. Ist es im Zeitalter der Rationierung im Gesundheitswesen,
des organisierten Todes im Spital überhaupt noch zeitgemäß, über den Suizid nachzudenken?
Welche Relevanz kann die Beschäftigung mit dem Suizid noch haben? Aber - bin ich jetzt
nicht vom Thema abgeschweift? Geht es hier nicht um etwas ganz Anderes?
Es trifft nämlich zu, dass die Folgen eines Suizids für die Angehörigen, die Probleme
der Bewältigung des Suizids eines nahe stehenden Menschen Eingang in die Massenmedien
gefunden haben. Sie lassen Hinterbliebene zu Wort kommen und bemühen sich um Enttabuisierung.
Dabei ist die Gratwanderung zwischen dem öffentlichen Gespräch über schwierige Lebensverläufe,
psychische Krankheit, Konflikte, Wut, Trauer und Enttäuschung auf der einen Seite
und Bloßstellung wie neuer Stigmatisierung auf der anderen nicht immer erfolgreich.
So einfach ist es heute nicht, über die Entwicklung zum Suizid und über seine Folgen
nachzudenken. Auch wenn auf den ersten Blick Suizidforschung und Suizidprävention
auf der einen und Fragen der Beihilfe zum Suizid und der Lebensbeendigung auf der
anderen wenig gemein haben, zeigen sie beide Tendenzen, die auf eine Veränderung unserer
Haltung zum Leben hindeuten. Meines Erachtens lohnt die Bemühung, sie zu verstehen.
Techniken der Todesbewältigung
Techniken der Todesbewältigung
Ariès' Geschichte des Todes endet 1978 [9]. Er zeigt darin, in welchem Ausmaß die bürgerliche Gesellschaft im Verlauf des 20.
Jahrhunderts den Tod tabuisiert und aus dem öffentlichen Leben verbannt hat. Sein
Ausblick auf die weitere Entwicklung klingt höchst aktuell:
Sehr bemerkenswert ist, dass die Wiederaufnahme der Auseinandersetzung mit dem Tod
durchaus nicht die Entschlossenheit der Gesellschaft erschüttert hat, sein reales
Bild zu verdrängen … Dennoch gibt es eine Bresche im dichtgeschlossenen medikalisierten
Gehege, durch die Leben und Tod, so sorgsam getrennt, wie sie heute sind, sich wieder
in einer Flut polemisch-populärer Literatur zusammenfinden können: ich meine das Problem
der Euthanasie und der Macht, das Leben zu verlängern oder abzukürzen … Es könnte
der Fall eintreten, dass die Öffentlichkeit in Aufruhr gerät und sich dieses Themas
mit der gleichen Leidenschaftlichkeit annimmt, wie sie es bei zahlreichen anderen
lebenswichtigen Fragen getan hat, etwa bei der Abtreibungsfrage … Wir wissen heute,
dass in manchen Fällen Menschen sterben, weil man entschieden hat, dass ihre Zeit
abgelaufen sei. Wird es dazu kommen, dass sie ihren Tod fordern, wenn sie selbst ihn
wirklich wollen? … Das neueste Todesbild ist mit der Medikalisierung der Gesellschaft
verknüpft, d. h. mit einem Sektor der Industriegesellschaft, in dem die Macht der
Technik am freudigsten begrüßt worden und am wenigsten umstritten ist. Zum ersten
Mal stellen sich Zweifel an der bedingungslosen Wohltätigkeit dieser Macht ein. Und
gerade in dieser Zone des kollektiven Gewissens könnte ein Wandel der zeitgenössischen
Einstellungen durchaus einen Ansatzpunkt finden (S. 759 - 760).
Demgegenüber beschreiben Historiker und Soziologen wie Reemtsma oder Toulmin [10]
[11] den ersten und zweiten Weltkrieg als massive Demonstration von Endlichkeit, die
die Gesellschaft zwinge, sich mit dem Tod auseinander zu setzen. Die Anerkennung des
Traumas als Krankheitsursache ist jedoch janusgesichtig: Anerkennung ist nur eine
Seite, der der Anspruch auf Therapierbarkeit - und das heißt Beherrschbarkeit - auf
der anderen Seite gegenübersteht. Die Bedeutung des Gesundheitswesens für unsere Gesellschaft,
die Entwicklung der Kostenexplosion und der Trend zur Materialisierung dürften in
den letzten Jahrzehnten eine gewichtige Rolle dabei gespielt haben, dass Fragen der
Behandlungsindikation und Unterlassung von Behandlung, Fragen um das Sterben im Krankenhaus
und der Lebensbeendigung öffentlich diskutiert werden. Die Massenmedien interessieren
sich kaum mehr für Rechtsfragen der unterlassenen Hilfeleistung, sondern vielmehr
wann eine Behandlung beendet werden darf, wenn ein Mensch schwerst krank und komatös
über lange Zeit intensiv medizinisch behandelt wird. Rechts- und Finanzierungsfragen
auf dem Hintergrund des technischen und wissenschaftlichen Fortschritts der Medizin
scheinen natürlicherweise zur Folge zu haben, dass der Tod organisiert werden muss.
Die Lösung aus den Möglichkeiten lebensverlängernder Maßnahmen ist gekippt. Es geht
nicht mehr um die Lebensverlängerung um jeden Preis, sondern um die möglichst standardisierbare
Beendigung intensivmedizinischer Maßnahmen. Nicht der Mensch in seinem Ringen um das
Sterben steht im Vordergrund, sondern die Verfügbarkeit und der Gebrauch der technischen
Geräte, die für Sterbende noch herangezogen werden. - Und Finanzierungsfragen. Der
Intensivmediziner Murray [12] beschreibt eine fast heile Welt der internistischen Intensivstation, die lediglich
dadurch getrübt wird, dass manche Menschen dort gar nicht mehr hinkommen sollten oder
rechtzeitig von der Behandlung befreit. Demgegenüber stehen Berichte von Angehörigen,
die verzweifelt um die Begleitung ihrer nahe stehenden (Ehe-)Gefährten während der
Zeit auf der Intensivstation ringen müssen: Individuelle Reaktionen, individuelle
Begleitung, selbst Pflege durch die Angehörigen, wenn sie dabei den Kontakt zum komatösen
Partner aufrecht erhalten können, sind im System der Intensivstation nicht erwünscht.
Dieser Prozess wird lediglich durch einzelne Schwestern oder Pfleger durchbrochen,
die sich durch die menschliche Anteilnahme leiten lassen [13].
Anstelle der Lebensverlängerung um jeden Preis ist der organisierte Tod auf die Intensivstation
eingekehrt. Eine ähnliche Entwicklung scheint sich auch für den Suizid abzuzeichnen:
Für die Niederlande beschreibt Hendin die Möglichkeiten der Beihilfe zum Suizid sowie
die Tendenzen, passive und aktive Euthanasie großzügig zu betreiben als „Dutch Cure”
[14]. Die Zahlen zeigten, dass die Suizidrate in den Niederlanden seit diesen Angeboten
drastisch gesunken sei. In der Schweiz bietet die Selbsthilfeorganisation EXIT Möglichkeiten
der Beihilfe zum Suizid, ohne dass eine lebensbedrohliche Erkrankung medizinisch nachgewiesen
wäre, die innerhalb absehbarer Zeit zum Tod geführt hätte. In der nationalen Diskussion
wird darüber nachgedacht, ob die Beihilfe zum Suizid nicht auch für Menschen zur Verfügung
stehen solle, die nicht lebensbedrohlich erkrankt sind, sondern lediglich sterben
wollten. Ob psychische Erkrankungen die Urteilsfähigkeit im Hinblick auf die Frage
der Lebensbeendigung soweit einschränken, wie dies Psychiaterinnen und Psychiater
annehmen, solle noch weiter diskutiert werden. Im Vordergrund der öffentlichen Meinung
steht die Autonomie jedes Einzelnen, die Beendigung seines Lebens selbst zu entscheiden.
Moralisierung
Moralisierung
Verfechter von Suizidprävention und Verfechter von Autonomie im Kontext der Lebensbeendigung
stehen sich zunehmend erbittert gegenüber. Beide Argumentationslinien sind in sich
relativ geschlossen. Argumentiert wird mit der Moral: Es sei unmoralisch, einen Menschen,
der auf unerträgliche Weise leide - sei dies aus körperlichen oder psychischen Gründen
- gegen seinen Willen am Leben erhalten zu wollen. Versus: Es sei unmoralisch, einen
Menschen, der nicht urteilsfähig sei, in seinen Sterbewünschen zu unterstützen. Die
Autonomie spielt in beiden Argumentationssträngen eine entscheidende Rolle. Sie steht
jedoch nicht mehr für die Freiheit der individuellen Entscheidung, sondern für die
Planbarkeit der Lebensbeendigung: Weder die Einzelnen wollen überrascht oder dem „Schicksal”
ausgeliefert sein noch soll Sterben für die nähere Umgebung wie die Gesellschaft als
Ganzes ein Ereignis bleiben, das sich ihrer Planung und Kontrolle entzieht.
Weil die Argumentation auf moralischer Ebene geführt wird, sind die Gedankengänge
getrennt und für sich geschlossen. Sie sind in sich logisch und nicht widerlegbar.
Erstaunlich ist vor allem, dass beide Parteien sich auf die Moral berufen, da die
Gesellschaft insgesamt kaum mehr ein gemeinsames moralisches Fundament hat. Will man
den Streit um die Moral nicht als weitere Ablenkung vom Ernst des Themas betrachten,
könnte sie als Geländer im Sinne Arendts, als Leiter im Sinne Wittgensteins, als Referenz
verstanden werden, da die Bezüge zunehmend fehlen. Geht es aber wirklich noch um ein
philosophisches Problem? Oder müssen wir die Frage Camus, ob das Leben es wert sei,
gelebt zu werden, vielmehr medizinisch-materialistisch verstehen?
Ist es tatsächlich möglich geworden, über unsere aktuellen Fragen zum Suizid, über
Schuld und Verantwortung offener zu sprechen? Einige Beiträge in diesem Heft lassen
dies annehmen. Betrachtet man andere Texte, entsteht der Eindruck, dass auch in der
Darstellung subjektiver Erlebnisse nach dem Suizid Überlegungen von Rechtfertigung,
von eigener Schuld die Betrachtung der Abläufe verhindern. Dazu kann die vermeintliche
Offenheit des Gesprächs andere Folgen zeitigen. Auch auf sie hat Ariès bereits hingewiesen
[9]:
Der neue Aspekt, den ein Film wie „Dying” enhüllt, ist nicht so sehr die Einsamkeit
als vielmehr das Bedürfnis, die Heimlichkeiten des Todes bekanntzumachen und offen
und natürlich darüber zu reden, anstatt sie zu verbergen. In Wirklichkeit ist der
Unterschied aber weniger groß, als es den Anschein hat, und die Zurschaustellung erreicht
das gleiche Ziel wie das Verschweigen: die emotionale Anteilnahme zu dämpfen und das
Verhalten zu desensibilisieren (S. 758).
Forschungsfragen und methodische Ansätze
Forschungsfragen und methodische Ansätze
Von wissenschaftlicher Seite können wir die Publikationen, die öffentlich zugänglichen
Äußerungen nutzen. Zwar sind die Warnungen, sich allzu weit in subjektive Darstellungen
hinein zu begeben, die von wissenschaftlicher Seite geäußert werden, nicht ganz von
der Hand zu weisen. Aber die Entwertung der „Betroffenheitskultur” hilft hier genauso
wenig weiter wie die Argumentation mit der Schwierigkeit, geeignete methodische Ansätze
zu finden, um den Prozess von Suizidgedanken, Suizidimpulsen und vollendetem Suizid
auf der einen Seite sowie Reflexionen über den Suizid eines Angehörigen, eigene Verwicklungen
und Bewältigung des vollendeten Suizids auf der anderen zu untersuchen. Denn hieraus
ließen sich Möglichkeiten der Suizidprävention wie der Bewältigung des Suizids entwickeln,
die ohne die Einsicht in sehr persönliche, subjektive Prozesse nicht möglich sind.
Die Fragen an Lebenssinn, Lebensbeendigung und Todesbewältigung sind in ihrer Komplexität
nicht einfach reduzierbar. Danach müssen sich auch die Forschungsmethoden richten.
Die Kritik an der Wissenschaftlichkeit von Studien konzentriert sich nicht selten
allein auf die Methodik und deren korrekte Anwendung. Der theoretische Ansatz, aus
dem die Studie entwickelt wird, unterliegt seltener der Kritik. Auch werden die Forschungsfragen
nicht immer im Hinblick auf die Art der Daten gestellt. Noch weniger werden die „Hintergrundannahmen”
[15] in Betracht gezogen, auf denen theoretische Ansätze, Fragen wie Methodik beruhen.
In die sozialen Repräsentationen gehen auch Hintergrundannahmen ein, die Wissenschaftler
aus ihrem Alltag in die wissenschaftlichen Überlegungen hinein nehmen. Dies gilt umso
mehr, je mehr das Forschungsfeld existenzielle Fragen berührt. Wo wenn nicht bei Fragen
des Todes und der Lebensbeendigung sollte dies der Fall sein. So sehr es zutrifft,
dass subjektive Darstellungen allein Forschungsfragen nicht beantworten können, so
wenig kann die subjektive Reflexion über die Lebensbeendigung und Suizidbewältigung
von der wissenschaftlichen Untersuchung ausgeklammert bleiben. Weil der Entschluss
zum Suizid eine zutiefst subjektive Angelegenheit ist; weil die Lebensbewältigung
nach vollendetem Suizid eine zutiefst persönliche Frage ist, können Möglichkeiten
der Suizidverhinderung wie der Suizidbewältigung nur aufgrund subjektiver Berichte
weiterentwickelt werden.
Eine Fülle von Forschungsfragen knüpft sich daran: Was geschieht, wenn sich Suizidgedanken
konkretisieren, wann und auf welche Weise akzentuieren sie sich; was geschieht, wenn
daraus ein definitiver Suizidentschluss wird? Wann und auf welche Weise wird die Urteilsfähigkeit
durch psychische Erkrankungen eingeschränkt? Ist sie in der Tat erst aufgehoben, wenn
von einer akuten psychotischen Symptomatik gesprochen werden muss? Inwieweit ist ein
Mensch, selbst dann, wenn er mäßig depressiv ist, wenn sie beginnende Denkstörungen
zeigt, Beziehungsideen, Wahn oder Halluzinationen, die sie noch nach außen verbergen
kann bereits im Hinblick auf den Suizid nicht mehr urteilsfähig? Wie ist es möglich,
nach dem Suizid eines nahestehenden Angehörigen wieder Tritt im Leben zu fassen, gerade
wenn Konflikte unbewältigt bleiben, Gespräche nicht abgeschlossen werden konnten?
Was bedeutet es für die Einzelnen, wenn sich die Haltung der Gesellschaft zum Leben
- und damit auch zum Tod - verändert hat? Wo müssen wir über pekuniäre Interessen,
über Tendenzen im Gesundheitswesen nachdenken, wenn wir mehr über den Suizid erfahren
wollen?
Akzeptiert man diese Ausgangssituation, stellen sich die nächsten Fragen: Die Begrenzungen
der Methoden des Erzählens, der Erzählanalyse, der Biografik, der psychologischen
Autopsie sind bekannt. Dennoch wird das Erzählen, das Reflektieren der Einzelpersonen
Grundlage des Vorgehens bleiben müssen. Meines Erachtens führt kein Weg an der individuellen
Aufzeichnung, der seriösen Transkribierung von Gesprächen, von Interviews, von Therapiesitzungen
und deren Auswertung vorbei [16]
[17].
Aktuelle gesellschaftliche Fragen haben Auswirkungen auf wissenschaftliche Fragestellungen.
Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass Forschungsfragen Moden folgen müssen. Die Abgrenzung,
einem Modetrend zu folgen gegenüber der Forderung, zeitgenössische Fragen wissenschaftlich
anzugehen, ist dabei nicht die unwichtigste Aufgabe. Ebenso wie die juristische Klärung
von Behandlungsfehlern, unterlassener Hilfeleistung und Organisationsversagen beim
Krankenhaussuizid in Deutschland nach dem Dritten Reich ein unerlässliches Thema war,
fordert die aktuelle Diskussion um Suizid, Beihilfe zum Suizid und Fragen der Lebensbeendigung
eine wissenschaftliche Auseinandersetzung um Autonomie und Urteilsfähigkeit im Kontext
des Suizides. Deshalb lohnt es sich, aus der abgezirkelten Diskussion der Suizidforschung,
ob und in welcher Weise subjektive Aspekte von Relevanz sein könnten und ob sie -
und in welcher Weise - wissenschaftlich angehbar sein könnten, herauszutreten, und
einen Blick auf die Fragen zu werfen, die in Zeitungen, Fernsehen und Filmen so heftig
diskutiert werden. Angesichts der veränderten Haltung zum Leben sind wir als Psychiaterinnen
und Psychiater auf neue Weise gefordert. Die Tatsache, dass eine ganze Reihe von Romanen
zum Thema in diesem und im kommenden Jahr erscheinen zeigt auch, wie sehr Fragen des
Suizids, der Autonomie und des Umgangs mit Todeswünschen uns allen unter den Nägeln
brennen. Sie sind ein Schlüssel für den Umgang mit dem Suizid in unserer Gesellschaft.