Vor einigen Wochen stürzten sich im sächsischen Reichenbach drei Jugendliche von einer
Eisenbahnbrücke in den Tod. Freunde und Erwachsene im Ort suchen nach einem Schuldigen.
Das berichtet der Spiegel in seiner Ausgabe 36/2001 (102 - 103).
Die Frage „Satan bis du unter uns?” ist die Schlagzeile dieses Beitrages. Und dieser
wiederum ist ein Trauerspiel in der Art und Weise, wie Medien immer wieder anscheinend
unbelehrbar mit dem Suizid umgehen, nach dem Suizid berichten und dabei mehr als gelegentlich
eine Art Aufforderung zum Tanz vermitteln und durch Spekulationen und Schuldzuweisungen
zusätzliches Leid für die Mitbetroffenen bringen, die Angehörigen, Freunde, die Arbeitskollegen
oder die Bewohner einer ganzen Gemeinde, wie im vorliegenden Fall.
Was der Spiegel aus seiner Berichterstattung macht, die unter der Rubrik Gesellschaft/Jugend
erscheint, ist eine Art Home-Story über die drei jungen Männer, deren Sturz in den
Tod unerklärlich bleibt. Da muss eine abenteuerliche Geschichte herhalten, die der
Tragik des Geschehens in keiner Weise gerecht wird: Verschwörungstheorien, Satanskult,
Teufelsanbeter.
Interessant immerhin ist die Mitteilung, dass einer der jungen Leute immer wieder
über „Selbstmord” sprach, aber mit dem Zusatz, die anderen nahmen ihn nicht ernst.
Interessant ist auch die Information, die drei Suizidopfer sollen ihren Suizid eine
Woche bevor sie von der Brücke stürzten, im Internet angekündigt haben: Eigentlich
müsste man so etwas belegen können. Also Spekulation.
Die Geschichte, die in dem Beitrag erzählt wird, ist abenteuerlich. Plausibel ist
sie nicht. „Nach dem Suizid sprach die Polizei von ,satanischen Praktiken‘ der Jugendlichen.
Die Lokalzeitung berichtete über brennende Autos, die im Kennzeichen die teuflische
Zahl 666 trugen, ein Pfarrer der Stadt erinnert sich an ein gotteslästerliches Transparenz,
das in seiner Kirche hing, und seither ist Reichenbach in den Boulevardzeitungen und
TV-Magazinen ein Ort des Teufels.”
Warum nicht recherchieren?
Warum nicht recherchieren?
Das tragische Geschehen von Reichenbach ist in der Tat einiges Nachdenken wert. Es
wäre auch einiges Recherchieren wert gewesen. Die Ressourcen dazu haben dem Magazin
mit einer Auflage von über einer Million wohl nicht gefehlt. Mit einem Beitrag wie
diesem wird beispielhaft mangelnde Seriosität von Medien im Umgang mit der Selbsttötung
von Suizid, dem „Selbstmord”, demonstriert. Es handelt sich in diesem Fall ausgerechnet
um ein Organ, das stolz auf seine journalistische Qualität ist - oft immer noch mit
Recht.
Der Suizid Hannelore Kohls
Der Suizid Hannelore Kohls
Einige Wochen vorher, am 6. Juli 2001, berichteten fast alle deutschen Tageszeitungen
auf Seite 1 über den Tod von Hannelore Kohl. In der Bildzeitung reicht das Wort Selbstmord!
von links bis rechts über die gesamte Breite der Zeitung. Diese herausgestellte Berichterstattung,
die sich sicher nicht auf die Bildzeitung beschränkt hat, war kaum vermeidbar.
Hannelore Kohl war eine über die Maßen prominente Frau, deren Leben und deren Schicksal
an der Seite von Helmut Kohl die Medien und die Öffentlichkeit über Jahrzehnte beschäftigt
haben: Die Eigenart dieser Beziehung; die Frage ob Helmut Kohl sie nun gut oder schlecht
behandelt habe, die ständigen Andeutungen über eine angebliche Schattenfrau, eine
enge Mitarbeiterin des Kanzlers, die auch bei der Hochzeit von Kohls Sohn in der Türkei
anwesend gewesen sein soll, an der Hannelore Kohl wegen ihrer Krankheit ihrer Lichtallergie
nicht teilnehmen konnte, überwucherten schließlich die Berichterstattung über die
Selbsttötung.
Auch hier wurde freimütig nach dem Schuldigen gesucht. War es der Altkanzler selbst,
der sich nicht ausreichend um seine Frau gekümmert hatte? War es die Krankheit, die
schmerzhafte Lichtallergie, die ihre Lebensqualität in zuletzt nicht erträglicher
Weise einschränkte? Waren es die Schmerzen, war es die zunehmende körperliche Schwäche,
von der berichtet wurde? Niemand weiß es. Die Spekulationen wucherten.
Grund zur Besorgnis: Der Werther-Effekt
Grund zur Besorgnis: Der Werther-Effekt
Wer sich beruflich mit Suizid und Suizidprophylaxe beschäftigt, hatte sowohl nach
dem Sturz von der Brücke in Reichenbach als auch nach dem Tod von Hannelore Kohl ob
der Berichterstattung große Sorgen. Seit Jahrzehnten ist bekannt, dass spektakuläre
Suizide zur Nachahmung auffordern. Seit der ersten angeblich großen Suizidepidemie
nach dem Erscheinen von Goethes „Leiden eines jungen Werther” ist in diesem Zusammenhang
vom „Werther-Effekt” die Rede [1].
In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Suizidhandlungen mit Imitationseffekt bekannt
und untersucht worden. Es fing an mit dem Suizid von Marilyn Monroe in den frühen
60er Jahren und er setzte sich fort mit einer tragischen Zahl von Nachahmungssuiziden
nach der Ausstrahlung der Fernsehserie „Tod eines Schülers” im ZDF und nach deren
Wiederholung.
Dennoch scheint es unmöglich zu sein, die Medien im Umgang mit einem so explosiven
Thema zu disziplinieren oder sie wenigstens auf einen Ethikkodex im Umgang mit der
Berichterstattung über Selbsttötung (nicht Selbstmord) zu bewegen. Es gibt eine Ausnahme:
Als nach der Einweihung der Wiener U-Bahn serienweise U-Bahn-Suizide in Wien auftraten,
verpflichteten die Medien sich in Absprache mit Wiener Suizidforschern auf eine zurückhaltende
Berichterstattung. Die Vorfälle wurden berichtet. Sie wurden aber nicht mehr sensationell
aufgemacht. Sie fanden keinen Platz auf der Seite eins. Das Wunder geschah. Die Suizidepidemie
hörte schlagartig auf. Bei einer Lockerung der Zurückhaltung der Medien nahmen auch
die Suizide wieder zu.
Warum, so stellt sich die Frage, warum muss es sein, dass der Suizid, auch wenn er
prominente Menschen betrifft, auf spektakuläre Weise herausgestellt wird wie ein Massenmord?
Muss es sein, dass sich die Öffentlichkeit am Unglück anderer weidet?
Hinter dem Suizid stehen immer Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung. Hinter dem Suizid
steht immer eine tragische Geschichte. Über die ließe sich berichten. Aber über die
ließe sich genauso auf Seite drei oder Seite zwölf berichten wie auf der ersten Seite.
Gewiss sind die Medien keine Vereinigung zur Suizidprophylaxe. Aber sie werden sich
ungern vorhalten lassen, sie förderten die Selbsttötungshandlungen unglücklicher und
verzweifelter Menschen aus bloßer Sensationsgier, aus Auflagengeilheit, aus dem Bedürfnis,
die Konkurrenz auszustechen. Oder?