Muskelerkrankungen umfassen heute eine nahezu unüberschaubare Vielzahl klinisch und
ätiologisch unterschiedlicher Erkrankungen. Das Manifestationsalter reicht dabei von
der Kindheit bis zum späten Erwachsenenalter. Neben den meist gut zu behandelnden
erworbenen Myopathien gibt es viele genetisch bedingte, die noch immer allenfalls
symptomatisch zu beeinflussen sind. Bei diesen nicht heilbaren Erkrankungen trifft
man auch heute nicht selten auf die Meinung, dass eine exakte Diagnosestellung aufgrund
fehlender therapeutischer Konsequenz nicht notwendig, allenfalls durch die Möglichkeit
einer genetischen Beratung gerechtfertigt sei. Diese Ansicht verkennt, dass sich ärztliches
Handeln keineswegs allein auf chirurgische oder medikamentöse Therapie beschränkt.
Ebenso wichtig und hilfreich kann es sein, dem Patienten sagen zu können, dass sein
Leiden keine unverstandene Behinderung und mystisch dunkle Bedrohung darstellt, sondern
diagnostizierbar, benennbar und klassifizierbar ist. Allein das Verstehen der Erkrankung
ermöglicht eine rational begründete Prognose die, auch wenn sie ungünstig ist, dem
Patienten die Auseinandersetzung mit seinem Schicksal erlaubt.
Die molekular- und zellbiologischen Fortschritte haben in den vergangenen Jahrzehnten
ein besseres und teilweise auch grundlegend neues Verständnis der Pathogenese vieler
Myopathien ermöglicht. Dies hat dazu geführt, dass sowohl neue Krankheitsentitäten
identifiziert werden konnten, als auch bekannte Erkrankungen neu klassifiziert werden
mussten.
Das vorliegende Themenheft versammelt Beiträge von Mitarbeitern der Neurologischen
Universitätsklinik Halle/Saale: Stephan Neudecker gibt in seinem Beitrag eine Übersicht
zur Klassifikation der verschiedenen Myopathien, wobei auch die große Vielfalt dieser
Erkrankungen erkennbar wird. Malte Kornhuber stellt die Grundzüge des diagnostischen
Vorgehens bei Myopathien dar.
In den Beiträgen von Kathrin Traufeller (entzündliche Myopathien), Katharina Eger
(Störungen der neuromuskulären Übertragung) und Marcus Deschauer (mitochondriale Erkrankungen)
werden ausgewählte Erkrankungsgruppen dargestellt, die aufgrund ihrer Häufigkeit und
ihrer differenzialdiagnostischen Bedeutung auch in der nervenärztlichen Praxis von
Interesse sind.