Betrachtet man den medizinischen Fortschritt allein aus dem Blickwinkel der neuen
Substanzen, die für die Behandlung solider Tumoren zur Verfügung stehen, dann wird
klar, dass nennenswerte Fortschritte auf diesem Gebiet zu verzeichnen sind, die letztendlich
auch in dieser Ausgabe des klinikarzt ihren Niederschlag finden. Unter den Chemotherapeutika sind insbesondere Irinotecan
und Oxaliplatin zu nennen, die beim metastasierten kolorektalen Karzinom nahezu eine
Verdoppelung der Überlebenszeiten von 10-13 auf über 20 Monate erreicht haben. Das
oral verfügbare Capecitabin verspricht im Vergleich zu 5-Fluorouracil eine leichtere
Handhabung bei besserer Verträglichkeit und mindestens gleicher Effektivität.
Auf dem Gebiet des Pankreaskarzinoms hat Gemcitabin die Entwicklung einer effektiven
und nebenwirkungsarmen Behandlung eingeleitet. Diese fand ihren Anfang im Nachweis
der Chemotherapiesensitivität des metastasierten Pankreaskarzinoms und wird derzeit
durch die Kombination von Gemcitabin mit einer simultanen Bestrahlung sehr erfolgreich
auch bei lokal fortgeschrittenen Pankreastumoren fortgesetzt. Pemetrexed, ein neues
Antifolat, hat sich nicht nur beim Pankreaskarzinom als effektiv erwiesen, es hat
in Kombination mit Cisplatin beim Pleuramesotheliom eine neue Ebene einer wirkungsvollen
Chemotherapie eröffnet.
Auf dem Gebiet der endokrinen Therapie des metastasierten Mammakarzinoms, haben die
Aromatasehemmer der dritten Generation zunächst in der Zweitlinientherapie ihre Überlegenheit
gegenüber Megestrolacetat bewiesen, um dann in der endokrinen Erstlinientherapie eine
mindestens gleiche - und in einigen Studien überlegene - Wirkung im Vergleich zu Tamoxifen
zu zeigen. Das Spektrum der endokrinen Therapiemöglichkeiten wird Fulvestrant in Zukunft
bereichern. Denn dieses reine Antiöstrogen wirkt auch noch nach einer Vorbehandlung
mit Tamoxifen.
Der therapeutische Einsatz monoklonaler Antikörper gegen Wachstumsfaktorrezeptoren
wurde bei den soliden Tumoren durch Trastuzumab eingeleitet, das beim HER-2/neu überexprimierenden
metastasierten Mammakarzinom neben einer Eigenwirksamkeit auch eine synergistische
Interaktion mit konventionellen Chemotherapeutika eingeht. Beim kolorektalen Karzinom
zeigen erste Studien, dass der EGF-Rezeptor-Antikörper Cetuximab einerseits als Monotherapie
aktiv ist, andererseits aber auch bei mit Irinotecan vorbehandelten Patienten die
Chemosensitivität gegenüber Irinotecan wiederherstellen kann.
Die wohl weit reichendsten Entwicklungen der Substanzgeneration spielen sich auf der
Ebene der Tyrosinkinaseinhibitoren ab. Die Schwierigkeit der Einordnung dieser Substanzen
in die Tumortherapie zeigt sich nicht zuletzt am Beispiel von IressaTM. Dieser Tyrosinkinaseinhibitor erwies sich in der Zweitlinientherapie des nichtkleinzelligen
Bronchialkarzinoms zwar als effektiv, erbrachte aber in Kombination mit einer auf
Gemcitabin oder Taxanen basierten Erstlinienchemotherapie keinen zusätzlichen Nutzen
für das Überleben. Zu einer beeindruckenden Wirkung jedoch führte der Einsatz des
Tyrosinkinaseinhibitors Imatinib beim gastrointestinalen Stromatumor: Bei dieser bisher
als wenig chemotherapiesensibel geltenden Tumorentität konnten Remissionsraten bis
54 % induziert werden.
Die jüngere Geschichte zeigt, dass die zielorientierten, biologisch aktiven Substanzen
eine zum Teil beachtenswerte Eigenaktivität haben, aber durchaus auch mit nennenswerten
Nebenwirkungen verbunden sind. Zusammen mit herkömmlichen Chemotherapeutika sind vielfach
synergistische Effektivitätssteigerungen zu beobachten. Immer klarer wird es daher,
dass diese Medikamente die herkömmliche Chemotherapie nicht ersetzen, sondern vielmehr
im Zusammenspiel mit dieser eine neue Qualität der Behandlung ermöglichen.