Einleitung
Zu der Familie Chlamydiaceae zählen nach der revidierten Taxonomie von Everett u. Mitarb. [1] mittlerweile neun Spezies der Genera Chlamydia (C.) und Chlamydophila (Cp.). Chlamydien sind bei Tier und Mensch weit verbreitet (Tab. [1]) und können eine Reihe unterschiedlichster Krankheiten hervorrufen. Im Schrifttum
werden für verschiedene Tierarten sehr differierende Krankheitsbilder mit teils akutem,
teils chronischem Verlauf beschrieben. Das Ausmaß und die pathogenetische Bedeutung
von klinisch inapparenten persistierenden Chlamydien-Infektionen sind weitgehend unbekannt.
Weltweit widmen sich gegenwärtig viele Forschergruppen der Frage nach den Virulenzfaktoren
der einzelnen Chlamydienspezies.
Tab. 1 Vergleich zwischen alter und neuer taxonomischer Einteilung der Familie Chlamydiaceae (modifiziert nach [2])
| alte Spezies |
neue Spezies |
nachgewiesene Wirte |
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Chlamydia trachomatis
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Chlamydia trachomatis |
Mensch |
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Chlamydia muridarum |
Maus, Hamster |
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Chlamydia suis |
Schwein |
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Chlamydia psittaci
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Chlamydophila psittaci |
Vögel, Wiederkäuer, Pferd, Schwein, Mensch |
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Chlamydophila abortus |
Schaf, andere Wiederkäuer, Schwein, Vögel, Mensch |
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Chlamydophila caviae |
Meerschweinschen |
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Chlamydophila felis |
Hauskatze, Mensch |
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Chlamydia pecorum
|
Chlamydophila pecorum |
Rind, Schaf, Ziege, Schwein, Koala |
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Chlamydia pneumoniae
|
Chlamydophila pneumoniae |
Mensch, Koala, Pferd, Amphibien, Reptilien |
| Abkürzungen: Chlamydia = C.; Chlamydophila = Cp. |
Chlamydiosen des Geflügels und anderer Vogelarten
Die bekannteste Chlamydiose ist die Psittakose, eine systemische Erkrankung der Psittaziden
mit akutem, protrahiertem, chronischem oder subklinischem Verlauf. Eine Anzeigepflicht
besteht in Belgien, Deutschland, Großbritannien, der Schweiz und anderen Ländern.
Die analoge Infektion bei Nutz- und Wildgeflügel wird oft noch als Ornithose bezeichnet.
Ausbrüche in Geflügelbeständen können beträchtliche wirtschaftliche Schäden bewirken.
Obwohl das kausative Agens, Cp. psittaci, sehr weit verbreitet unter praktisch allen Vogelarten ist, weisen bei weitem nicht
alle Träger Krankheitssymptome auf.
Zoonotische Relevanz
Aviäre Stämme von Chlamydophila psittaci sind bekanntermaßen humanpathogen, wobei die Symptome hauptsächlich unspezifisch
und grippeartig sind. Allerdings sind auch schwere Pneumonien, Endocarditis und Enzephalitis
nicht ungewöhnlich [3]
[4]. In Deutschland ist die Zahl der angezeigten Psittakoseerkrankungen bei Menschen
seit einigen Jahren rückläufig (von 156 Fällen in 1998 auf 41 in 2002), trotzdem kommt
es immer noch zu Todesfällen. Eine Studie in den USA hat gezeigt, dass, obwohl in
Haushalten mit Vögeln die durchschnittliche Erregerprävalenz nur bei einigen Prozent
liegt, dennoch immer wieder größere Personenkreise von Psittakose betroffen werden,
wenn nämlich Ziervögel aus infizierten Beständen zum Verkauf gelangen. Die Situation
in Europa kann aufgrund des Fehlens zusammenhängender diagnostischer Daten nicht eingeschätzt
werden.
Personen, die in ihrer Berufstätigkeit oder Freizeit häufigen Umgang mit Vögeln haben,
sind einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt. Diesbezüglich werden aus vielen Ländern
nahezu regelmäßig Infektionen von Beschäftigten in Geflügelschlachtungen, Tierärzten
und Vogelzüchtern berichtet [5]
[6]
[7]
[8]
[9]
[10]. Stadttauben sind sehr oft mit Chlamydien infiziert und tauchen deshalb in den Statistiken
als häufigste Infektionsquelle auf [11]
[12].
Chlamydiosen bei Schaf und Ziege
Der enzootische Schafabort, hervorgerufen durch Cp. abortus (früher der ovine Subtyp von Chlamydia psittaci), ist anerkanntermaßen eine der bedeutendsten Ursachen der Tierverluste infolge Totgeburten
bei Schaf und Ziege in Europa, Nordamerika und Afrika. In einigen Ländern West-, Mittel-
und Nordeuropas stellt sie die häufigste Ursache der Verlammungen dar. So gehen z.
B. in Großbritannien 50 % aller diagnostizierten Schafaborte auf diesen Erreger zurück,
und die wirtschaftlichen Verluste werden dort jährlich auf 25 Mio € geschätzt. In
Irland, wo der enzootische Schafabort anzeigepflichtig ist, ist die Inzidenz in den
vergangenen Jahren dramatisch gestiegen. Obwohl allgemein bekannt ist, dass der enzootische
Ziegenabort hinsichtlich des Schweregrades und des zoonotischen Potenzials ähnlich
wie der Schafabort einzuordnen ist, gibt es hierzu gegenwärtig praktisch keine verwertbaren
epidemiologischen Daten.
Zoonotische Relevanz
Der enzootische Schafabort ist als Infektionsquelle für den Menschen gut dokumentiert.
Diese potenziell lebensbedrohliche Zoonose tritt bei schwangeren Frauen nach Kontakt
mit lammenden Mutterschafen und -ziegen auf und führt zu schweren fiebrigen Erkrankungen
während der Schwangerschaft bis zum Abort [13]
[14]
[15]
[16]
[17]
[18].
Vor allem Irland und Großbritannien unternehmen große Anstrengungen, um über verbesserte
Überwachungs- und Meldesysteme die Gefahren für die beteiligten Personengruppen zu
reduzieren, denn paradoxerweise haben die geltenden Regelungen in den meisten europäischen
Ländern dazu geführt, dass Abortfälle bei Schafen in diagnostischer Hinsicht gründlicher
untersucht worden sind als diejenigen bei Menschen.
Chlamydiosen bei Rindern
Chlamydien wurden in Rinderbeständen im Zusammenhang mit den verschiedensten Erkrankungen
nachgewiesen. Dazu zählen neben Infektionen des Urogenitaltraktes (Epididymitis, Endometritis,
Vestibulovaginitis, Fertilitäts- und Reproduktionsstörungen), der Gelenke (Polyarthritis,
Polyserositis), des Euters (Mastitis) und des Respirationstraktes (Pneumonie) auch
die des Darmtraktes (Enteritis), der Augen (Keratokonjunktivitis) und des Gehirns
(Enzephalomyelitis). Speziell die von Chlamydien verursachten Aborte treten meist
im letzten Drittel der Trächtigkeit auf und scheinen bei Rindern weltweit verbreitet
zu sein.
Die Tatsache, dass nach alter Nomenklatur aus Rinderbeständen isolierte Chlamydia-psittaci-Stämme in der Genotypisierung häufig als Cp. abortus oder als Cp. psittaci identifiziert werden, legt die Möglichkeit der Übertragung vom Schaf auf das Rind wie auch die Einschleppung des Erregers durch Vögel nahe. Untersuchungen in Italien haben gezeigt, dass weiterhin die so genannten nichtinvasiven
Stämme von Cp. pecorum oft an Ausbrüchen in Rinderbeständen beteiligt sind. In Fällen von Enzephalomyelitis
bei Wasserbüffeln wurde der letztgenannte Keim ebenfalls nachgewiesen.
Chlamydiosen bei Schweinen
Die Chlamydiosen der Schweine werden mit den folgenden Chlamydienspezies in Verbindung
gebracht: C. suis, Cp. psittaci, Cp. abortus und Cp. pecorum. Es wird vielfach angenommen, dass im Falle multifaktorieller Krankheiten wie Aborte
bei Sauen, Polyarthritis bei Ferkeln, Genitalerkrankungen bei Ebern sowie Diarrhoe
die Chlamydien im Zusammenspiel mit weiteren Keimen agieren.
Eigene Untersuchungen wurden begonnen, um die Prävalenz von Chlamydien in Schweinebeständen
einschätzen zu können. Die bisherigen Ergebnisse belegen, dass bei gezielten Untersuchungen
regelmäßig Chlamydien im Respirationstrakt von Schweinen gefunden werden. Hierbei
wurde bislang C. psittaci (alte Nomenklatur) am häufigsten nachgewiesen [19]
[20].
Chlamydiose der Katze
Bei Katzen gilt Cp. felis als Verursacher von Konjunktivitiden, seltener auch von Pneumonien. Nach aktuellen
Angaben treten bei erkrankten Katzen Antikörperprävalenzen bis zu 69 % auf. Die Isolierung
von Cp. felis gelingt bei bis zu 13 % der gesunden und bis zu 49 % der kranken Katzen. In Katzenbeständen
gilt die Infektion als endemisch. Sie kann über längere Zeiträume (Monate bis Jahre)
bestehen, wobei klinische Symptome bei erkrankten Einzeltieren über Wochen persistieren
und Reaktivierungen chronischer Infektionen durch Stress jederzeit möglich sind [21].
Chlamydien-Nachweise bei Pferden
Gelegentliche Nachweise von Cp. psittaci und Cp. abortus aus abortierten Pferdefeten sowie das Auftreten von Cp. pneumoniae bei respiratorischen Störungen lassen auf eine gewisse Bedeutung der Chlamydien auch
bei dieser Tierart schließen. Allerdings werden erst systematische Untersuchungen
unter Einsatz molekularer diagnostischer Methoden genaueren Aufschluss geben können.
Offene Fragen zur zoonotischen Bedeutung von Chlamydien
Während die zoonotische Bedeutung aviärer Cp.-psittaci- und oviner Cp.-abortus-Stämme als gesichert gilt, ist über das mögliche zoonotische Potenzial anderer Chlamydien
nur sehr wenig bekannt. Bei Personen, die mit Cp.-felis-infizierten Katzen zusammen lebten, wurden Konjunktivitiden und in selteneren Fällen
auch atypische Pneumonien beobachtet. Bezüglich der Pathogenität von Cp. pneumoniae ging man bis zur heutigen Zeit davon aus, dass dieser Erreger ausschließlich beim
Menschen vorkommt. Kürzlich wurde im Schrifttum über Cp.-pneumoniae-Isolate beim Pferd, bei Koalas, bei Reptilien und bei Amphibien berichtet [22]
[23], so dass ein erweitertes Wirtsspektrum anzunehmen und die Frage nach möglichen Infektionsquellen
oder Übertragungswegen neu zu stellen ist (zumal die betreffenden Tierarten in wachsendem
Maße als Heim- und Hobbytiere Bedeutung erlangen). Auch die Bedeutung von Rindern
und Schweinen als Infektionsquelle für den Menschen ist weitgehend unklar. Fallberichte
über Einzelerkrankungen bei Exponierten mit „Psittakose- bzw. Ornithose-ähnlichen”
Symptomen, Asthma-ähnlichen Erkrankungen oder atypischen Pneumonien sowie die auffällige
Häufung von Seroreagenten unter Exponierten weisen jedoch auf ein zoonotisches Potenzial
von bovinen und porcinen Chlamydien-Infektionen hin [24]
[25].