Hinsichtlich des Gesundheitsmarktes in Deutschland zeigten große Anbieter auf edlen
Hochglanzständen ihre (Horror-)Visionen der fortschreitenden Digitalisierung auf -
von Patientenkarten und telemetrischen Überwachungssystemen über digitale Arztausweise
bis hin zu zentraler Speicherung von Patienten- und Behandlungsdaten. Diese Themen
werden besonders Daten- und Verbraucherschützer in den nächsten Jahren heftig bewegen;
erste Vorschläge zur Verwässerung des Datenschutzes hat die Bundesregierung bereits
vorgelegt. Jenseits davon bietet die praxisorientierte Informatik eine Vielzahl von
Entwicklungen, die auch für die Medizin von hohem Interesse sind.
Wissensbasierte Experten-systeme selber gestrickt
Wissensbasierte Experten-systeme selber gestrickt
Auf beliebig umfangreichen Regelsätzen aufbauende digitale Expertensysteme werden
schon seit rund 20 Jahren entwickelt und teilweise auch klinisch eingesetzt. Z. B.
in der Inneren Medizin (Schattauer M.I.S. (www.schattauer.de/gv/60_gvstart.asp?load=titles/schat5120.asp; Thieme Diagnosis/SymptomAnalyst), der Intensivmedizin des Mortalitätsrisikos eines Patienten über so genannte Risikoscores
(Uniklinikum Bremen u.a.) oder auch der Neurologie (z.B. zur Prognoseabschätzung bei
Kindern mit Hirnstammgliomen, Charité). Ein Anwender-Problem dabei: Fehlende Transparenz
der verwendeten Daten und ungenügende individuelle Anpassungsfähigkeit. Mal ganz abgesehen
davon, dass praktisch kein Arzt oder medizinische Arbeitsgruppe bislang ein Expertensystem
selbst erstellen konnte. Dies ist ab sofort möglich: Mit „Assist” von der Firma KnowIt-Software
GmbH in Würzburg (www.knowit-software.de) gibt es jetzt eine Software, die das einfache
Erstellen von medizinischen Expertensystemen erlaubt. Diese sind jederzeit editier-,
kommentier- und veränderbar. Die Anwender nutzen die Abfrageoberfläche des Expertensystems
via Intra- oder Internet per Java-Servlets, wodurch das im System verschlüsselte Knowhow
geschützt bleibt. Mit der Software wurden bereits medizinische Expertensysteme aufgebaut,
die Firma vermittelt Referenzadressen. Die Lizenzkosten für das System variieren je
nach Anforderung der Benutzer, der Einstiegspreis liegt bei zirka 2000 Euro.
Medizinische Literatur in Fraktur?
Medizinische Literatur in Fraktur?
Mitte 2004 will die russische Software-Schmiede Abbyy (www.abbyy.com) eine frakturfähige Version des Texterkennungs-Klassikers „FineReader Professional”
einführen. Damit wird dann erstmals eine kommerzielle, massenverarbeitungstaugliche
Lösung vorliegen, die die enormen Datenbestände medizinischer Zeitschriften und Bücher
erfassen kann, die in Fraktur gedruckt worden sind. Allerdings nur bis zirka 1860-70,
weil der Handsatz vor dieser Zeit kein sinnvolles maschinelles Texterkennen wie beim
späteren Maschinensatz erlaubt. Nach Mitteilung der Firma soll die Frakturlösung,
deren mehrsprachige Spezial-Wortschätze des 19. Jahrhunderts (zur Rechtschreib-Korrektur
notwendig) an mehreren europäischen Universitäten entwickelt worden sind, als eigenes
Produkt auf den Markt kommen. Der Preis steht noch nicht fest.
Gesundheitsdaten online
Gesundheitsdaten online
Auch wenn die vom Statistischen Bundesamt erfassten oder gesammelten Daten nicht immer
frei vom Versuch politischer Einflussnahme sind, wie Vertreter des Amtes in Hannover
beklagten, sind die Statistiken der „Gesundheitsberichterstattung des Bundes” (www.gbe-bund.de; erarbeitet vom Statistischen Bundesamt und RKI unter Leitung des BMGS) das beste,
was derzeit in Deutschland zur Verfügung steht. Gut gelungen: Die neuen Adhoc-Tabellen
mit selbst bestimmbarer Auflösung der präsentierten Daten, z. B. die neuen Tabellen
zur Pflegestatistik oder Gesundheitsausgaben.
Immer mehr Speicher für Palmtops
Immer mehr Speicher für Palmtops
Für verspielte Naturen, bei denen im Kittel ein Palmtop digital Daten vorhält, kündigen
verschiedene Hersteller wie beispielsweise PalmOne neue Durchbrüche bei den Speicherkapazitäten
an. So stellten einige Hersteller SD-Karten oberhalb von 512 MB (1 GB von SanDisk,
www.sandisk.com; 1 GB Silicon Power, www.silicon-power.com u. a.) oder externe Festplatten im Gigabytebereich (2 GB von Cornice, www.corniceco.com; 4 GB von Magistor, www.gs-magicstor.com u.a.) vor. Auch wenn manchem Palm-Anwender solche Kapazitäten wie das Digital-Paradies
vorkommen mögen, gibt es im medizinischen Bereich jenseits der allbekannten 'Roten
Liste' weitaus mehr Fachliteratur für die Handflächen-Rechner. Zum Beispiel der ICD
10 (www.dragiton.com/software/Detailed/1704.php), das Harrisons Manual of Medicine (www.pdagreen.com/clieplanet/software_detail.asp?id=8619) und viele andere Produkte (www.ePocrates.com, www.pdaMD.com).
EEG steuert Rechner: „Gedanken können wir (noch) nicht lesen!”
EEG steuert Rechner: „Gedanken können wir (noch) nicht lesen!”
Wer die Publikationen der Neurochirurgen und -biologengruppe um Turner, Nicolelis,
Patil, Carmena und Wolf (1, 2) verfolgt, wird mit Untersuchungen konfrontiert, bei
denen mittels Mehrkanalregistrierung implantierter Elektroden, einer - ad libitum
berührungslosen - Signaltransduktion und EDV-gestützter Datenaufbereitung Patienten/Probanden
innerhalb weniger Minuten einfache externe Steueraufgaben zu erfüllen lernen (z.B.
die Benutzung simpler Videospiele). Dass dabei die neuartigen Elektrodenarrays - natürlich
- nur bei geöffnetem Schädel in ihre Zielregion eingesetzt werden können, dürfte die
PR-technisch anvisierten Patientenzielgruppen (z.B. querschnittgelähmte Menschen)
zwar eher abschrecken, die Mitfinanziers dieser Studien - das US-Militär - jedoch
kaum interessieren. Neben den zahlreichen, auf implantierten Elektroden beziehungsweise
der Analyse von EMG-Daten basierenden Gehirn-Computer-Schnittstellen, an denen momentan
zahlreiche Gruppen arbeiten, haben einige wenige Teams grundlegend andere Wege gewählt.
Eine hiervon, die Berliner „Arbeitsgruppe Neurophysik” um den Neurologen und Psychiater
Prof. Gabriel Curio der Charité und die „Arbeitsgruppe Intelligente Datenanalyse”
um den Informatiker Prof. Dr. Klaus-Robert Müller vom „Fraunhofer Institut für Rechnerarchitektur
und Softwaretechnik” in Berlin-Adlershof haben bei der CEBIT ihr interdisziplinäres
Projekt „Berlin Brain-Computer Interface (BBCI)”, gefördert vom Bundesministerium
für Bildung und Forschung (BMBF), präsentiert (3, 4, 5).