Adipositas als Risikofaktor
Adipositas als Risikofaktor
OA Dr. Stefan Klima
Adipositas gilt in den modernen Industrieländern der westlichen Welt als eine Volkskrankheit.
Das Statistische Bundesamt veröffentlichte eine im Mai 2003 durchgeführte Studie,
nach der in Deutschland rund 49% der erwachsenen Bevölkerung ab 18 Jahren an Übergewicht
leiden. Basis der Aussage war der BMI (Body-Mass-Index). Personen mit einem BMI über
25 galten demnach als übergewichtig, mit einem BMI >30 als stark übergewichtig. Demzufolge
hatten 13% der Normalbevölkerung starkes Übergewicht. In allen Altersgruppen waren
Männer häufiger übergewichtig als Frauen (58% : 41%).
Durch die Adipositas wird die Entstehung zahlreicher Krankheiten wie Diabetes mellitus,
Herz-Kreislauf-Erkrankungen und auch die Arthrose großer Gelenke begünstigt. Der Anteil
der adipösen Patienten in der Hüft- und Knieendoprothetik ist größer als ihr Anteil
in der Normalbevölkerung.
Fallorientiertes Riskmanagement beim Entgeltsystem nach DRG
Fallorientiertes Riskmanagement beim Entgeltsystem nach DRG
In der Literatur wird der Einfluss der Adipositas auf perioperative Komplikationen
(Wundinfektionen, tiefe Beinvenenthrombosen, Blutverlust) teilweise kontrovers diskutiert.
Es überwiegen jedoch Angaben, die ein erhöhtes Komplikationsrisiko bei übergewichtigen
Patienten bestätigen. Eine risikoorientierte präoperative Diagnostik und Konditionierung
des Patienten bei geplanten elektiven Eingriffen und abgestimmte perioperative Maßnahmen
können zur Risikominimierung in Fällen ausgeprägter Adipositas beitragen. In jedem
Fall sollte der Patient im Aufklärungsgespräch über sein individuelles Risiko informiert
werden. Das künftige pauschale Entgeltsystem im deutschen Gesundheitswesen nach DRG
(Diagnoses Related Groups) erfordert insbesondere unter betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten
ein fallorientiertes Riskmanagement, um drohende Mehrkosten zu kalkulieren.
Geht Übergewicht aufgrund von Fettleibigkeit mit einem erhöhten perioperativen Wundheilungsrisiko
in der Hüft- und Knieendoprothetik einher? Gibt es besonders bedrohte Personengruppen
und wie kann Einfluss genommen werden?
Body-Mass-Index und Wundheilung
Body-Mass-Index und Wundheilung
In einer Studie beobachteten wir 553 Patienten, die an der Orthopädischen Universitätsklinik
Halle mit einer primären Knie- (294) bzw. Hüftendoprothese (259) versorgt wurden.
Von Interesse war die postoperative Wundheilung. Die Patienten wurden in Abhängigkeit
vom Body-Mass-Index nach Garrow und Webster verschiedenen Gruppen zugeordnet:
Geht Übergewicht aufgrund von Fettleibigkeit mit einem erhöhten perioperativen Wundheilungsrisiko
in der Hüft- und Knieendoprothetik einher? Gibt es besonders bedrohte Personengruppen
und wie kann Einfluss genommen werden?
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Patienten mit Normalgewicht: BMI <25
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Patienten mit leichter Adipositas: BMI 25 bis <29,9
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Patienten mit mittlerer Adipositas: BMI 30 bis <39,9
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Patienten mit schwerer Adipositas: BMI >40).
Zusätzlich wurden relevante Nebenerkrankungen erfasst: Diabetes mellitus, manifeste
Herz-Kreislauf-Erkrankung (Arteriosklerose, Hypertonie), Varikosis der Beine, medikamentös
behandelte rheumatische Erkrankung und Gerinnungsstörungen. Weiterhin wurden die Operationszeit,
die Wundlänge und das verwendete Nahtmaterial (Klammern/Fäden) berücksichtigt.
Das durchschnittliche Patientenalter lag bei 65,6 Jahren (21,5-88,7), wobei der Altersdurchschnitt
in der HTEP-Gruppe etwas niedriger war. Der operative Zugang zum Hüftgelenk war stets
anterolateral (Bauer oder Watson-Jones). Zum Kniegelenk wurde ein anteriorer gerader
oder Midvastuszugang gewählt.
Zur Beurteilung des Wundheilungsverlaufes wurde eine primäre, reizlose Wundheilung
von einer sekundären, gestörten Wundheilung unterschieden. Diese Defektheilung wurde
in leichte (Umgebungsrötung, subkutane Fettgewebsnekrose, kleine Hautnekrose), mittlere
(Hautnekrose über 1/3 der Wundlänge) und schwere (großflächige Nekrosebildung, tief
reichende und massive Entzündung) Wundheilungsstörung eingeteilt. Des Weiteren wurden
alle Revisionseingriffe erfasst.
Häufigere und schwerere Infekte bei Adipösen
Häufigere und schwerere Infekte bei Adipösen
Der Einteilung nach Garrow und Webster zufolge hatten 74 Patienten (28,6%) aus der
HTEP-Gruppe und 49 Patienten (16,7%) aus der KTEP-Gruppe Normalgewicht. Eine leichte
Adipositas wiesen 116 Patienten (44,8%) bzw. 128 Patienten (43,5%), ein mittleres
Übergewicht 60 Patienten (23,2%) bzw. 109 Patienten (37,1%) und eine schwere Adipositas
9 (3,5%) bzw. 8 Patienten (2,7%) der Hüft- bzw. Knieendoprothesengruppe auf.
Die durchschnittliche Operations-dauer verlängerte sich mit steigendem BMI kontinuierlich.
So betrug die mittlere Dauer aller Patienten, die mit einer Hüftprothese versorgt
wurden 89 Minuten und verlängerte sich von 84,1 Minuten in der Gruppe 1 (BMI <25)
auf 103,7 Minuten in der Gruppe 4 (BMI >40). Ein ähnliches Bild zeigte sich in der
KTEP-Gruppe mit einer mittleren OP-Dauer aller Patienten von 90,5 Minuten und einer
Steigerung von 83,3 Minuten (Gruppe 1) auf knapp 105 Minuten (Gruppe 4).
Auch die durchschnittliche Wundlänge vergrößerte sich mit steigendem Body-Mass-Index
bei der Hüftprothesengruppe von durchschnittlich 19,4 cm (Gruppe 1: 17,7 cm , Gruppe
4: 25,9 cm), bei der Knieprothesengruppe - bei der stets am flektierten Bein gemessen
wurde - von mittleren 23 cm (Gruppe 1: 21,1 cm , Gruppe 4: 28 cm).
Der Wundverschluss erfolgte in der Hüftendoprothetik bei mehr als 82% der Patienten
mit Klammern, in knapp 11% ausschließlich bei nachgewiesener oder unsicherer Metallallergie
ausschließlich mit Fäden und in knapp 7% ausschließlich bei Patienten mit hohem BMI
mit Klammern und zusätzlichen Stütznähten. Bei der Knieprothetik kamen beinahe ausschließlich
Klammern zur Anwendung, lediglich bei 14 Patienten (< 5%) mit nachgewiesener Metallallergie
wurden Fäden benutzt. Die Art des verwendeten Nahtmaterials ließ keinen signifikanten
Rückschluss auf den Wundheilungsverlauf erkennen.
Sowohl die Häufigkeit, besonders aber die Schwere von Wundheilungsstörungen wurden
mit steigendem Body-Mass-Index in beiden Prothesengruppen, deutlich ausgeprägter jedoch
in der Hüftendoprothetik, nachgewiesen. Weniger längerstreckige Wundrandnekrosen als
vielmehr revisionspflichtige fortdauernde Sekretionen und tiefe Infekte stiegen in
der Gruppe der Patienten mit schwerer Adipositas nach Hüft-TEP-Versorgung sprunghaft
an. Innerhalb der Gruppe 3 (BMI 30 bis <40) waren Wundheilungsstörungen im oberen
Teil der Gruppe wesentlich häufiger im Vergleich zum Gruppendurchschnitt. In der Knieendoprothetik
zeichnete sich ein ähnlicher, allerdings abgeschwächter Trend ab, der auf ein Wundheilungsrisiko
schließen lässt. Hier fanden sich hauptsächlich Wundrandnekrosen und subkutane Fettgewebsnekrosen.
Ein höheres Risiko tief reichender Frühinfekte konnte bei Patienten mit mittlerer
und schwerer Adipositas im Vergleich zum gesamten Patientenkollektiv nicht nachgewiesen
werden.
Abb. 1: Bild eines tief reichenden Wundinfektes nach Hüft-TEP bei einer Patientin mit massiver
Adipositas (BMI = 47).
Höheres BMI und längere Operationszeiten
Höheres BMI und längere Operationszeiten
Gemessen an der erwachsenen Normalbevölkerung mit 49% Anteil an fettleibigen Personen
stellt das beobachtete Patientenkollektiv eine Konzentration an Übergewichtigen dar.
Die Patientenverteilung in beiden Gruppen bestätigt generell die These, dass Übergewicht
die Entstehung einer Arthrose im Hüft- und Kniegelenk fördert. Besonders die Entstehung
einer Gonarthrose scheint durch eine Adipositas gefördert zu werden. Der sich in Deutschland
seit Jahren andeutende Trend einer überdurchschnittlichen Zunahme der prothetischen
Versorgung arthrotischer Kniegelenke bei nur relativ schwachem Anstieg in der Hüftprothetik
wird sich wohl auch künftig fortsetzen oder gar verstärken, wenn die Gesundheitspolitik
und das persönliche Gesundheitsverständnis der Bevölkerung bei der Reduzierung der
Adipositas-Inzidenz erfolglos bleibt.
Eine Korrelation zwischen BMI und Operationsdauer konnte auch in jüngst veröffentlichten
retrospektiven Studien nachgewiesen werden. Seit Lister wird als Hauptursache für
einen Wundinfekt eine Bakterieneinschleppung in die Wunde gesehen. Je länger eine
Operation dauert, desto höher ist auch das Risiko einer Wundkontamination, was in
mehreren Studien nachgewiesen wurde. Daneben führen auch bei längerer OP-Dauer eintrocknende
Wundränder zu einer gestörten Wundheilung. Werden in dieser Situation am Ende des
chirurgischen Eingriffs die Ränder nachreseziert, kann oft ein idealer scharfer Wundrand
nicht mehr erreicht werden, wodurch die Wundheilung ebenfalls beeinträchtigt wird.
Die Nekrosebildung wird begünstigt.
Nekrosen durch Hakendruck
Nekrosen durch Hakendruck
Besonders Hakendruck und -zug am Weichgewebe führt bereits nach Minuten zu lokaler
Minderperfusion und Nekrosebildung. Zwar konnte auch bei dem untersuchten Patientenkollektiv
eine direkte Korrelation zwischen Wundlänge und Adipositas nachgewiesen werden, jedoch
ist der Hakeneinfluss auf die Wundränder besonders bei starker Adipositas jedem Chirurgen
bekannt.
Tatsächlich war die durchschnittliche Wundlänge in der Gruppe 3 (BMI 30 bis <40) gegenüber
der normalgewichtigen Gruppe 1 lediglich um 20% (Hüft-TEP) bzw. 13% (Knie-TEP) vergrößert.
Eine Beeinträchtigung der Wundheilung infolge der eingesetzten Haken kann angenommen
werden. Massive subkutane Fettschichten, wie sie bei schwerer Adipositas die Regel
sind, werden durch eingesetzte scharfe oder stumpfe Haken immer geschädigt, beim Einsatz
von Hohmann-Hebeln ist meist ein erheblicher Kraftaufwand nötig, um die erhebliche
Weichteilschicht auseinander zu drängen und in der Tiefe das Azetabulum zu erreichen.
Die Situation wird auch durch deutlich längere Wunden in der Gruppe 4 widergespiegelt.
In der Hüftendoprothetik ist diese Schicht noch deutlich stärker ausgeprägt. Hier
gelingt es gelegentlich nicht, den gespaltenen Tractus iliotibialis korrekt, d.h.
lückenlos und ohne Weichteilinterponat zu verschließen. Eine fortdauernde Wundsekretion,
begünstigt durch subkutane Fettgewebsnekrosen, bildet dann in der postoperativen Phase
die Eintrittspforte für Keime. Die Keime stammen oft aus Hautfalten, insbesondere
inguinal bzw. aszendieren entlang liegender Drainagen. Auch aufgrund einer mangelhaften
Analhygiene können gefürchtete Keime (E. coli, Enteroc. faecalis) in die Wunde gelangen.
Diese Gefahr und die Tatsache, dass die Wunde bei rund 80% der aseptischen Eingriffe
am Ende der Operation keimbeladen ist, stellt sich für Patienten mit ausgeprägter
Adipositas besonders fatal dar. Hier bilden sich im Fettgewebe mangeldurchblutete
Krypten, in denen sich Keime entwickeln und die auch von Antibiotika nicht erreicht
werden.
In der Knieprothetik scheint für stark adipöse Patienten das Risiko einer tiefen Infektion
weniger stark erhöht. Einerseits kann ein sicherer Verschluss der Kapsel in der Regel
besser erreicht werden, andererseits ist die hygienische Situation in der Knieregion
wesentlich günstiger als im Bereich der Hüfte. Hier spielen Wundrandnekrosen aufgrund
hohen Hakendrucks und -zugs eine vordergründige Rolle.
Schlussfolgerungen
Schlussfolgerungen
Die Gefahr einer gestörten Wundheilung mit Nekrosebildung im Bereich der Wundränder
bis hin zur tiefen Infektion stellt insbesondere für Patienten mit schwerer Adipositas
in der Hüft- und Knieendoprothetik ein manifestes Risiko dar. Der Chirurg trägt mit
zügiger und schonender Operationstechnik wesentlich zur Reduzierung des Risikos bei.
Dabei sollte neben einem scharfen Hautschnitt auf eine zurückhaltende Koagulierung
sowie einen bewussten Hakeneinsatz geachtet werden. Besonders in der Hüftendoprothetik
besteht - abhängig vom operativen Zugang - eine Gefahr der sekundären aszendierenden
Wundbesiedelung aus hygienischen Gründen.
Über das erhöhte Wundheilungsrisiko muss der Patient im Aufklärungsgespräch unterrichtet
werden.
Dr. Stefan Klima
Klinik für Orthopädie und Physikalische Medizin der Martin-Luther-Universität
Halle-Wittenberg