Sehr häufig wird die Parkinsonsymptomatik von Depressionen begleitet. PD Dr. Matthias
Lemke ist Ärztlicher Direktor der Rheinischen Kliniken Bonn, hat einen Lehrauftrag
an der Psychiatrischen Abteilung der Universität Kiel und verfügt über viel Erfahrung
bei der Behandlung von Parkinsonpatienten mit depressiver Symptomatik. Wir sprachen
mit ihm im Rahmen des diesjährigen "International Congress on Parkinson's Disease
and Related Disorders" über die therapeutischen Möglichkeiten.
Welchen Stellenwert haben Depressionen bei Patienten mit Morbus Parkinson und wie
häufig treten sie auf?
Etwa 50% der Patienten mit idiopathischem Parkinsonsyndrom leiden unter Depressionen,
die bei etwa der Hälfte der Betroffenen als mittelschwer bis schwer einzustufen sind.
Das Auftreten von Depressionen ist dabei nicht mit dem Alter der Patienten oder dem
Krankheitsstadium korreliert.
Welche antidepressive Therapie würden Sie bei Parkinsonpatienten mit Depressionen
an erster Stelle empfehlen?
Als Therapie der ersten Wahl würde ich in enger Zusammenarbeit mit dem Neurologen
bei Parkinsonpatienten mit Depressionen Dopaminagonisten einsetzen und hier insbesondere
Pramipexol. Der non-ergoline Dopaminagonist ist in mehreren Studien in dieser Indikation
untersucht worden und zeigte hier unabhängig von der positiven Beeinflussung der motorischen
Symptome eine deutliche antidepressive Wirksamkeit und einen positiven Einfluss auf
die Anhedonie. Auch Motivation, Antrieb und Interesse an der Umwelt nehmen unter der
Behandlung wieder zu. Bei depressiven Patienten ohne Parkinsonsyndrom zeigt Pramipexol
ebenfalls eine antidepressive Wirksamkeit, was für einen eigenständigen antidepressiven
Effekt der Substanz unabhängig von der Besserung der Parkinsonsymptomatik spricht.
Ein weiterer Vorteil der Substanz ist die gute Verträglichkeit insbesondere im Vergleich
zu den älteren Antidepressiva.
Reicht die Gabe von Pramipexol nicht aus, können zusätzlich selektive Serotonin-Reuptake-Inhibitoren
(SSRI) oder andere Antidepressiva zum Einsatz kommen.
Grundsätzlich sollte die antidepressive Therapie von Parkinsonpatienten von einer
Psychoedukation bzw. Psychotherapie mit Vermittlung von geeigneten Coping-Mechanismen
begleitet werden. Auch eine Vermittlung an entsprechende Selbsthilfegruppen ist empfehlenswert.
Handelt es sich Ihrer Meinung nach um ein eher unterschätztes Problem und welche diagnostischen
Schritte würden Sie vorschlagen?
Depressionen werden bei Parkinson-Patienten häufig nicht erkannt und gar nicht oder
nicht adäquat behandelt. Aufgrund der motorischen Symptomatik lässt sich die Depression
bei Parkinsonpatienten nur sehr schwer an der äußeren Erscheinung wie z.B. an Mimik
oder Körperhaltung erkennen. Man sollte daher gezielt nachhaken. Gefragt werden sollte
nach einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Leere, dem Fehlen emotionaler Reaktionen
bei freudigen Ereignissen und nach Anhedonie, d.h. der Unfähigkeit sich an kleinen
Dingen des täglichen Lebens zu freuen. Damit lassen sich depressive Patienten von
Parkinsonpatienten ohne Depression in der Regel leicht abgrenzen.
Sind die Depressionen im Sinne einer reaktiven Depression eher Folge der Erkrankung
oder stellen sie auch ein eigenständiges Symptom des M. Parkinson dar?
Wahrscheinlich kommt hier oft beides zusammen. Für Depressionen als eigenständiges
Krankheitssymptom spricht die Tatsache, dass die Depressionen den motorischen Symptomen
bis zu fünf Jahren vorausgehen können und dann praktisch ein Erstsymptom der Erkrankung
darstellen. Weiterhin konnten in neueren Untersuchungen bei Patienten mit Parkinsonsyndrom
pathologische Veränderungen im limbischen System nachgewiesen werden, was ebenfalls
für die Depression als eigenständiges Symptom spricht.
Welche Auswirkungen haben Depressionen auf den Krankheitsverlauf von Parkinson-Patienten?
Man weiß heute, dass Depressionen unabhängig von den motorischen Defiziten die Lebensqualität
von Parkinsonpatienten deutlich vermindern. Depressive Patienten empfinden ihre motorischen
Defizite meist als wesentlich belastender und haben oft schlechte Coping-Mechanismen
im Umgang mit ihrer Erkrankung.
Wie sind Ihre Erfahrungen mit Pramipexol bei depressiven Parkinson-Patienten?
Wir haben in einer offenen prospektiven Studie bei 657 Patienten mit idiopathischem
Parkinsonsyndrom die Häufigkeit von Depression und Anhedonie und den Einfluss von
Pramipexol untersucht. Zu Beginn der Studie litten 47% der Patienten unter einer leichten
und 22% unter einer mittelschweren bis schweren Depression. Eine Anhedonie war bei
45,7% aller Patienten und bei 79,7% der depressiven Patienten nachweisbar. Unter der
Therapie mit Pramipexol über durchschnittlich 63 Tage nahmen sowohl die Frequenz als
auch der Schweregrad von Depressionen und Anhedonie signifikant ab. Gleichzeitig besserten
sich auch die motorischen Symptome.
Auf Grund der zur Verfügung stehenden Daten und klinischen Erfahrungen erscheint Pramipexol
als das Mittel der ersten Wahl für Parkinsonpatienten mit Depressionen, da es gleichzeitig
die depressiven und motorischen Symptome bessert. Dies gilt sowohl für frühe als auch
für fortgeschrittene Stadien der Parkinsonerkrankung.
Herr PD Dr. Lemke, vielen Dank für das Gespräch!