Einleitung
Einleitung
Nach wie vor haben Kolophonium und Kolophonium-Derivate in den verschiedensten Einsatzbereichen
eine weite Verbreitung, z. B. in Pflastern, Klebebändern, Dichtungsmassen, Fußbodenklebern,
Lacken, Haarentfernungsmitteln, Wachsen, Kaugummi, Karton, Papier u. v. a. m. [1 ]. Durch die für die industrielle Verwendung vorgenommenen chemischen Modifikationen
des Kolophoniums werden nicht nur dessen unerwünschte Eigenschaften reduziert (und
gewünschte Eigenschaften verstärkt), sondern auch die sensibilisierenden Eigenschaften
verändert [2 ].
Im Informationsverbund Dermatologischer Kliniken (IVDK) lag die alters- und geschlechts-standardisierte
Reaktionsquote auf das in der Standardreihe getestete Kolophonium in den letzten Jahren
mit nur geringen Schwankungen um 4,5 % [IVDK, unveröffentlichte Daten]; Kolophonium
ist damit nach wie vor eines der allergologisch bedeutendsten Stoffgemische. Die Epikutantestung
mit chemisch modifiziertem Kolophonium erwies sich im Rahmen einer 1996 bis 1999 in
der Deutschen Kontaktallergie-Gruppe (DKG) und im IVDK durchgeführten Multizenterstudie
als eine wichtige zusätzliche diagnostische Maßnahme: Bei der alleinigen Testung mit
nativem Kolophonium wären 11,5 % der Kolophonium-Allergiker (67 von 582 sensibilisierten
Patienten) unentdeckt geblieben [3 ]. Damals war dazu ein Kolophonium-Mix (KM I) überprüft worden, der aus chinesischem
Kolophonium, einem Kalkzinkhartharz und einem Maleinsäure-Derivat bestand. In einer
Nachfolgeuntersuchung wurde in den Jahren 2000 und 2001 ein weiterer, an den auf dem
Markt befindlichen Produkten orientierter Mix mit chemisch modifiziertem Kolophonium,
der so genannte Kolophonium-Mix II (KM II), parallel zur Standardreihe epikutan getestet.
Insgesamt beteiligten sich 20 dem IVDK angeschlossene dermatologische Abteilungen
an der Untersuchung; in 14 dieser Zentren wurde der KM II in der Zeit vom 1. 7. 2000
bis 30. 4. 2001 bei 2057 Patienten im Rahmen des IVDK-Allergen-Monitorings (IVDK-Monitorblock)
epikutan getestet [4 ]. Die Daten dieser Patienten sind in die hier vorliegende Auswertung mit eingegangen.
Darüber hinaus wurde Daten des Dermatologischen Zentrums Buxtehude (DZB), das dem
IVDK nicht angehört, ausgewertet.
Material und Methoden
Material und Methoden
Der Kolophonium-Mix II war bereits 1998 im DZB entwickelt und erprobt worden, bevor
er auch den dem IVDK angeschlossenen dermatologischen Abteilungen zur Verfügung gestellt
wurde. Der im DZB hergestellte Mix (Abb. [1 ] - [3 ]) enthielt drei Bestandteile, nämlich einen Glycerinester (Sylvatec RE 85, Arizona
Chemical AB, Schweden), ein Tallharz (Sylvaros S, Arizona Chemical AB, Schweden),
und einen Pentaerythritester (Pentalyn H-E, Hercules, Niederlande). Die Gesamtkonzentration
betrug 15 % in Vaseline. Das in der Standardreihe getestete native Kolophonium stammte
von Hermal, Reinbek.
Abb. 1 Kolophoniumderivat im Lieferzustand und nach dem Pulverisieren im Mörser.
Abb. 2 Anrühren in Vaseline (Verhältnis 1 : 10).
Abb. 3 Homogenisieren des Testmaterials auf dem Dreiwalzenwerk.
In der Zeit vom 1. 1. 2000 bis zum 31. 12. 2001 wurde der KM II (15 % Vas.) in den
20 o. g. dermatologischen Abteilungen bei insgesamt 3787 Patienten parallel zur Standardreihe
epikutan getestet. Die Epikutantestungen wurden nach den Leitlinien der DKG durchgeführt
und abgelesen [5 ]. Die Expositionsdauer der Tests betrug 1 Tag bei 1548 Patienten (41 %), und 2 Tage
bei 2239 Patienten (59 %).
Im DZB selbst wurde der Mix von 1998 bis 2002 bei 2194 Patienten parallel zur Standardreihe
und zum Kolophonium-Mix (KM I) [3 ] epikutan getestet. Die Expositionsdauer des Epikutantests im DZB betrug 1 Tag.
Die Verarbeitung der im IVDK erfassten Testergebnisse und anamnestischen Angaben erfolgte
gemäß der IVDK-Routine [6 ]. Die Daten wurden unter Verwendung des Programmpaketes SAS, Version 8.2., in der
Zentrale des IVDK an der Universitäts-Hautklinik Göttingen ausgewertet. Es wurden
ausschließlich die Testreaktionen der 72-h-Ablesung für die Auswertung berücksichtigt.
Die Alters- und Geschlechtsstandardisierung der Reaktionsquoten unterlag den Empfehlungen
zu PAFS (patient adjusted frequency of sensitization) [7 ]. Die Berechnung von Reaktions-Index (RI) und Positivity Ratio (PR) erfolgte gemäß
den Original-Formeln [8 ]
[9 ]. Häufigkeitsunterschiede einzelner Merkmale in disjunkten Gruppen wurden mit dem
exakten Test von Fisher auf Signifikanz geprüft, wobei als Signifikanzgrenze ein p-Wert
von 0,05 angenommen wurde.
Ergebnisse
Ergebnisse
Von den 3787 im IVDK getesteten Patienten reagierten 63 (1,7 %) positiv auf den KM
II (15 % Vas.). Bei 38 Patienten wurden fragliche Reaktionen beobachtet, bei 1 Patienten
eine irritative Reaktion. Der Reaktions-Index lag damit bei 0,24. Bei 40 einfach positiven
Reaktionen betrug die Positivity Ratio 63,5 %. Die Testergebnisse sind in Tab. [1 ] aufgeführt.
Tab. 1 Testreaktionen an Tag 3 auf Kolophonium-Mix II (15 % Vas.)
Reaktion
Anzahl Patienten
Prozent
negativ
3685
97,3
?
38
1,0
+
40
1,1
++
20
0,5
+++
3
0,1
irritativ
1
0,0
Summe
3787
100,0
Bei 3740 Patienten wurde der KM II parallel zu Kolophonium (20 % Vas.) aus der Standardreihe
getestet. Während 60 dieser Patienten (1,6 %) positiv auf den KM II reagierten, zeigten
155 Patienten (4,1 %) eine positive Reaktion auf das Standard-Kolophonium. 46 Patienten
reagierten auf beide Testsubstanzen, das sind 77 % der 60 Patienten mit Reaktion auf
KM II bzw. 30 % der 155 Patienten mit Reaktion auf das Standard-Kolophonium. 14 Patienten
reagierten ausschließlich positiv auf KM II, nicht aber auf das Standard-Kolophonium;
das sind 8,3 % der insgesamt 169 Kolophonium-Allergiker unter diesen 3740 Patienten.
Eine Übersicht mit den dichotomisierten Testreaktionen auf KM II und Standard-Kolophonium
gibt Tab. [2 ] wieder.
Tab. 2 Testreaktionen an Tag 3 auf Kolophonium-Mix II (15 % Vas.) und Kolophonium (20 % Vas.)
aus der Standardreihe bei 3740 Patienten
Kolophonium
neg., ?, irr.
positiv
Summe
neg., ?, irr.
3571
109
3680
Kolophonium-Mix II
positiv
14
46
60
Summe
3585
155
3740
Der in der früheren Studie untersuchte Kolophonium-Mix (KM I) und der KM II wurden
bei nur 181 Patienten parallel getestet, von denen 5 auf den KM II und 1 auf KM I
positiv reagierten. Gemeinsame Reaktionen auf beide Mixe wurden nicht beobachtet.
Die klinische Relevanz der positiven Reaktionen auf den KM II war im individuellen
Einzelfall in der klinischen Routine kaum zu klären. Um aus den epidemiologischen
Daten Hinweise für eine mögliche Exposition zu bekommen, wurden die erfassten anamnestischen
Daten der Patienten mit positiver und negativer Reaktion auf den KM II verglichen.
In Tab. [3 ] sind die im MOAHLFA-Index zusammengefassten Punkte dargestellt. Signifikante Unterschiede
bestanden nur beim Anteil der Patienten mit Bein-Ekzem (20,6 % bei den KM-II-Positiven
vs. 10,3 % bei den KM-II-Negativen; p = 0,02). Die prozentuale Verteilung aller anderen
erfassten anamnestischen Angaben - auch über den MOAHLFA-Index hinaus - unterschied
sich nicht signifikant.
Tab. 3 MOAHLFA-Index der Patienten mit positiver (n = 63) und negativer (n = 3685) Reaktion
auf den Kolophonium-Mix II
Positive (n = 63)
Negative (n = 3685)
Männlich
M
36,5 %
40,3 %
Berufsdermatose
O
20,6 %
15,7 %
Atopische Dermatitis
A
11,1 %
16,3 %
Handekzem
H
30,2 %
28,6 %
Beinekzem
L
20,6 %
10,3 %
Gesichtsekzem
F
14,3 %
14,0 %
Alter ≥ 40 Jahre
A
71,4 %
65,7 %
Von den 2194 im DZB 1998 bis 2002 getesteten Patienten reagierten 76 (3,5 %) auf das
Kolophonium in der Standardreihe, 15 (0,7 %) auf den KM II und 44 (2,0 %) auf den
KM I. 7 Patienten reagierten ausschließlich auf den KM II und 2 Patienten auf beide
Kolophonium-Mixe.
Diskussion
Diskussion
Wie schon bei der ersten Untersuchung mit chemisch modifiziertem Kolophonium lag auch
bei der jetzigen Testung mit dem KM II die Reaktionsquote auf das modifizierte Kolophonium
deutlich niedriger als die auf das native Kolophonium. Dies ist nicht verwunderlich,
da es sich bei den Kolophonium-Mixen um spezielle Produkte handelte, deren allergene
Eigenschaften durch die chemische Modifikation verändert wurden. Die Mixe KM I und
KM II sollten ja auch nicht das native Kolophonium in der Diagnostik ersetzen, sondern
die diagnostische Palette bei entsprechenden Patienten erweitern. Dass dies gelungen
ist, zeigt der Zugewinn von 67 zusätzlich diagnostizierten Patienten in der ersten
Untersuchung (11,5 % der damals insgesamt 582 Kolophonium-Allergiker), die ohne die
Testung mit dem KM I übersehen worden wären. Ähnliches lässt sich auch beim KM II
feststellen: Hier waren es 14 Patienten (8,3 % der insgesamt 169 Kolophonium-Allergiker),
die ausschließlich auf den KM II positiv reagierten, deren Kolophonium-Allergie also
bei alleiniger Testung mit dem nativen Kolophonium in der Standardreihe nicht diagnostiziert
worden wäre.
Der relativ hohe Reaktions-Index und die niedrige Positivity Ratio des KM II zeigen,
dass hier eine Testzubereitung mit günstigen diagnostischen Eigenschaften vorlag.
Gleichzeitig wird deutlich, dass die beobachteten positiven Reaktionen tatsächlich
allergische Reaktionen waren, und nicht vermehrt falsch positive Befunde aufgetreten
sind. Hierfür spricht auch, dass unter den Patienten mit positiver Reaktion auf KM
II signifikant mehr Bein-Patienten waren, denn der im KM II enthaltene Pentaerythritester
(Pentalyn H-E) wird häufig in Hydrokolloidverbänden für die Versorgung von Ulcera
crurum verwendet. Er ist als ätiologisches Agens beschrieben worden [10 ]
[11 ]
[12 ]
[13 ]. Insofern ist - auch ohne den expliziten Allergennachweis in jedem Einzelfall -
das Ergebnis unserer Untersuchung plausibel.
Sowohl die erste Untersuchung aus dem Jahre 2000 [3 ] als auch die jetzige Studie machen deutlich, dass es notwendig ist, die Testung
des nativen Kolophoniums in der Standardreihe durch ein Gemisch mit modifizierten
Kolophoniumprodukten zu ergänzen. In den beiden getesteten Kolophonium-Mixen waren
insgesamt 6 verschiedene Produkte enthalten. Da auf dem Markt jedoch weit mehr als
100 verschiedene Kolophoniumprodukte eingesetzt werden, wird es wohl nie zu verwirklichen
sein, ein Gemisch zusammenzustellen, das alle Kolophoniumsorten erfasst. Einerseits
lassen sich nur wenige Sorten wegen der notwendig hohen Konzentration in einem Gemisch
zusammenzufassen, andererseits ändert sich das Angebot an verwendeten Sorten ständig,
so dass man gezwungen wäre, sich durch Wechsel des Testmaterials den Veränderungen
anzupassen. Schon bei der Erstellung des KM II wurde offensichtlich, dass mehr als
drei Derivate nicht in einem Gemisch zu vereinigen sind. Dieser Mix enthielt z. B.
einen der neueren „Klebrigmacher” („tackifier”). Dieser erwies sich als so klebrig,
dass nicht nur das Mischen zu einem Problem wurde, sondern auch das Einbringen in
die Testspritzen. Die anschließende Reinigung des Dreiwalzenwerkes (Abb. [3 ]), der verwendeten Werkzeuge (z. B. der Spatel) und des Labors zog sich über eine
Woche hin. Dies war auch der Grund, warum die Verwendung des KM II für die weitere
routinemäßige Epikutantestung wieder aufgegeben wurde. Einfacher wäre es, eine Testreihe
mit möglichst vielen marktgängigen modifizierten Produkten aufzubauen, die zum Einsatz
käme, wenn der begründete Verdacht einer Kolophoniumallergie vorliegt, das Standardkolophonium
aber keine positive Reaktion gezeigt hat.
Eine derartige, vom Autor B. M. H. seit Jahren eingesetzte Testreihe mit 37 modifizierten
Kolophoniumprodukten zeigte in der Mehrzahl der Fälle stark positive Reaktionen auf
35 der getesteten Derivate, während 2 der hydrierten Produkte nur schwache Reaktionen
ergaben oder negativ blieben. Dieses Ergebnis steht in guter Übereinstimmung mit dem
experimentell bestimmten, sehr niedrigen Sensibilisierungsvermögen dieser Produkte
[2 ], wie z. B. einem kommerziellen und einem selbst gegossenen Geigenharz [14 ].