Akupunktur ist Teil der multimodalen Therapie bei der Behandlung von Erkrankungen
der Stütz- und Bewegungsorgane. Dementsprechend haben viele Orthopäden, vor allem
in der Praxis die Zusatzbezeichnung Akupunkturbehandlung im Rahmen von Kursen erworben.
Gelehrt wurde meistens das Akupunkturverfahren nach der traditionellen chinesischen
Medizin, (TCM) in recht zeitaufwändigen und teuren (5000 €) Kursen, die neben oder
nach der Weiterbildung zum Facharzt für Orthopädie absolviert werden mussten. Der
Einsatz in der orthopädischen Kassenpraxis erfolgte schließlich im Rahmen der sog.
IGEL-Leistung, weil Akupunktur im Leistungskatalog der Kassen nicht aufgenommen war.
Bisher gab es wenig gesicherte Daten darüber, ob es sich bei der Akupunktur um ein
massenhaft eingesetztes Plazebo oder ein tatsächlich wirksames Heilverfahren handelt.
Im Oktober 2000 hat der Gemeinsame Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen beschlossen,
Akupunkturbehandlungen gegen chronische Schmerzen nur noch im Rahmen eines Modellversuches
von der GKV finanzieren zu lassen. Die Krankenkassen AOK, IKK, BKK, Bundesknappschaft,
landwirtschaftliche Sozialversicherung und Seekrankenkasse haben deswegen bundesweit
eine epidemiologisch repräsentative Studie mit ausgewiesenen Experten und hoher methodischer
Validität in Auftrag gegeben. Dieses in der deutschen Forschungslandschaft bisher
einmalige Projekt - die deutsche Akupunkturstudie (GERAC) - wurde inzwischen in allen
vier Teilstudien zur Schmerzbehandlung erfolgreich abgeschlossen. Ein Teil der Ergebnisse
wurde 2005 bereits auf dem Deutschen Orthopädenkongress in Berlin vorgestellt. Dort
ging es um Rückenschmerzen und Gonarthrose. Die Ergebnisse sind bekannt:
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Verumakupunktur ist wirksamer als eine leitlinienorientierte Standardtherapie
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Auch eine SHAM (Schein-)-Akupunktur ist wirksamer als die leitlinien orientierte Standardtherapie
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Es gab keinen signifikanten Unterschied zwischen Verum- und SHAM-Akupunktur
Jetzt wurden auch im Rahmen eines Symposiums in Bochum die Ergebnisse der Kopfschmerzstudie
vorgestellt. An der GERAC-Kopfschmerzstudie nahmen 1369 Patienten mit chronischem
Spannungskopfschmerz oder Migräne teil, die per Zufall drei Gruppen zugeordnet wurden.
Die Einteilung erfolgte wie bei den Rücken- und Knieschmerzen. Als dritter Arm wurde
eine Medikamenten-Standardtherapie gewählt. Die Ergebnisse bei den Neurologen waren
die gleichen wie bei den Orthopäden: Die Verum-TCM-Akupunktur aber auch die SHAM-Akupunktur
waren besser als die Standardtherapie mit Medikamenten.
Laut Bernhard Egger, Sprecher der Krankenkassen, könnte das Ergebnis der Studie dazu
beitragen, dass Akupunktur in den Leistungskatalog der Kassen aufgenommen wird.
Aus orthopädischer Sicht ergeben sich folgende Konsequenzen:
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Die konventionelle Behandlung von Rücken- und Knieschmerzen sollte verbessert werden.
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Akupunktur, in welcher Form auch immer, ist als nichtinvasive unschädliche Methode
fester Bestandteil der multimodalen Therapie von Rücken- und Kniearthrosebeschwerden.
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Die Ausbildung zur Anwendung der Akupunktur in der Erkrankung der Stütz- und Bewegungsorgane
sollte verkürzt, vereinfacht und vor allem preiswerter werden.
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Weitere Studien für andere Erkrankungen der Stütz- und Bewegungsorgane sollten folgen.
Ob die Aufnahme der Akupunktur in den Leistungskatalog der Kassen wirklich einen Vorteil
für die Orthopäden in der Praxis darstellt, ist fraglich. Entschieden wird Anfang
2006. (Von orthopädischer Seite waren an der GERAC-Studie beteiligt: PD Dr. Haake,
Regensburg. Prof. Dr. Krämer, Bochum. PD Dr. Molsberg, Prof. Dr. Scharf, Mannheim.)
Prof. Dr. Jürgen Krämer
Orthopädische Universitätsklinik Bochum