Prof. Paul J. Levy
Die Entwicklung eines neuen Arzneimittels dauert durchschnittlich zehn Jahre. Von
etwa 100000 gefundenen neuen Molekülen wird nur ein Molekül bis zur Marktreife entwickelt.
Janssen-Cilag ist es gelungen, bis heute mehr als 80 neue Arzneimittel auf den Markt
zu bringen, beispielsweise Haloperidol und Risperidon, Meilensteine der Psychopharmakoforschung.
Janssen-Cilag zählt heute zu den Marktführern in Psychiatrie und Neurologie sowie
in der Anästhesie und Schmerztherapie, Mykologie und Nephrologie. Im Mutterunternehmen
Johnson & Johnson arbeiten 115000 Mitarbeiter in 57 Ländern und 200 Niederlassungen.
Weltweit investiert das Unternehmen 3,6 Milliarden US Dollar jährlich in die Forschung,
d.h. mehr als 16% des Pharmaumsatzes. Die Entwicklung der Neuroleptika ist eng mit
dem Namen Janssen verknüpft. Dr. Paul Janssen entdeckte 1958 mit Haloperidol den ersten
Vertreter aus der Reihe der Butyrophenone. Seitdem wurden mehr als 5000 Strukturanaloga
untersucht. Janssen, der 2003 verstarb, gilt als eine der bedeutendsten Forscherpersönlichkeiten.
Wir sprachen mit Prof. Dr. Paul J. Lewi, ehemaliger Vizepräsident Janssen Pharmaceutica,
über seine Erfahrungen und den Erfolg des Unternehmens.
Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Lewi, seit Anfang der 60er Jahre sind Sie bei Janssen
Pharmaceutica in Beerse (Belgien) beschäftigt. Sie haben lange mit Dr. Paul Janssen,
dem Begründer von Janssen Pharmaceutica zusammengearbeitet. Wodurch waren diese Pionierjahre
besonders gekennzeichnet?
Lewi: Am Anfang wurde noch diskutiert, ob die Psychosen in Europa anders sind als in Amerika.
Erst nach einigen Jahren hat man dann eingesehen, dass die Erkrankung in beiden Erdteilen
tatsächlich identisch ist.
In den 50er Jahren wurde dann die antipsychotische Wirkung des Phenothiazins Chlorpromazin
entdeckt. Allerdings war die Substanz nicht sehr spezifisch für die Dopaminrezeptoren.
Auf der Suche nach spezifischeren Neuroleptika erkannte Paul Janssen dann 1958 mit
Haloperidol den ersten Vertreter aus der Reihe der Butyrophenone.
Diese neue Klasse von Substanzen, die sich von antispastisch wirksamen Morphinderivaten
ableitet, greift spezifisch an Dopaminrezeptoren. Wir konnten dann in der Folge eine
ganze Reihe weiterer Neuroleptika entwickeln, bisher insgesamt 16.
Ist es nicht ungewöhnlich, mehrere Neuroleptika nacheinander zu entwickeln?
Lewi: Janssen hatte die Idee, dass man, wenn man etwas gefunden hatte, dann nicht aufgeben
darf. Das heißt, wenn man eine Substanz hat und dann aus Angst, dass sich die Substanzen
vielleicht gegenseitig in ihrer Entwicklung behindern, die Suche nach neuen Medikamenten
aufgibt, dann ist das der falsche Weg.
Substanzen sind wie Kinder, jede hat unterschiedliche Eigenschaften und Fähigkeiten.
Janssen hat seine Mitarbeiter daher immer wieder aufgefordert, weiter zu suchen.
Neben der Entwicklung neuer Leitstrukturen gibt es bei Janssen-Cilag auch viele Konzepte
hinsichtlich der Anwendung innovativer Arzneiformen (z.B. OROS, Microspheres). Können
diese pharmazeutisch-galenischen Weiterentwicklungen Ihrer Meinung nach die Behandlungen
von schweren Erkrankungen wie z.B. die der Schizophrenie verändern und Therapiestrategien
nachhaltig beeinflussen?
Lewi: Auf jeden Fall, die OROS-Technologie ist sehr wichtig. Mit dem OROS-System (osmotic
controlled release oral delivery system) können Medikamente durch eine semipermeable
Kapselwand aufgrund des steigenden osmotischen Drucks gezielt langsam freigesetzt
werden, so dass eine lang anhaltende Wirkung erzielt wird.
Diese Technik wird jetzt auch für das neue Neuroleptikum Paliperidon in unserer Pipeline
untersucht. Janssen war immer sehr begeistert von diesen Entwicklungen.
Denken Sie, dass es in Zukunft, ähnlich wie bei Haloperidol, noch zu einem Quantensprung
in der Behandlung schizophrener Störungen kommen kann? Oder denken Sie, dass ein solcher
Quantensprung über die galenische Entwicklung möglich ist?
Lewi: Beides. Man kann natürlich die Möglichkeiten der Substanzen, die bereits auf dem
Markt sind, über neue Galeniken weiter verbessern, wie bei Risperidon mit der ersten
atypischen Depotformulierung Risperdal® Consta®. Aber auch die Entdeckung neuer Substanzen
ist möglich. Janssen glaubte daran, dass es noch viel zu entdecken wird. Beispielsweise
steht uns heute die Molekularbiologie zur Verfügung.
Es gibt also noch viel zu tun, es gibt neue Targets, die man entwickeln kann. Auch
die klassische Pharmakologie ist noch nicht völlig ausgereizt. Es gibt ein englisches
Sprichwort "Die niedrig hängenden Früchte werden zuerst geerntet."
In den folgenden Jahren brachte Janssen Pharmaceutica viele weitere wirksame Substanzen
auf den Markt. Wie begründen Sie den Forschungserfolg von Janssen Pharmaceutica?
Lewi: Das besondere war das Konzept von Janssen, er hat den Menschen in den Mittelpunkt
gestellt. Janssen war immer sehr an den Menschen interessiert, nicht an Computern
oder anderen Maschinen. Was er am meisten schätzte, waren Mut, Fähigkeiten und Kompetenzen,
nicht aufzugeben. Er hat seinen Mitarbeitern viel Freiheit gegeben, aber gleichzeitig
auch immer wieder stark gefordert. Janssen hat immer wieder gefragt "Warum?" Und so
hat er die Menschen ausgebildet. Auf diese einfache Weise kann man Forschung optimieren.
Das Geheimnis ist, dass man den Forschern die Möglichkeiten zur Verfügung stellt,
das zu tun, das sie glauben, tun zu müssen. Man darf ihnen nicht nur Aufgaben stellen,
die sie erfüllen müssen. Janssen hat es übernommen, seine Mitarbeiter auf produktive
Weise ständig herauszufordern.
Wenn jemand mit einer neuen Idee zu ihm kam, meinte er zunächst "Das glaube ich nicht,
zeigen sie es mir. Wenn Sie sich dafür einsetzen wollen und mich überzeugen können,
dann machen Sie es. Wir werden sehen, wer recht hat."
Janssen sagte immer, dass eine große Ähnlichkeit zwischen Musik und Forschung bestehe.
Die Leiter der Forschung seien eigentlich wie ein Orchesterleiter. Natürlich wollen
sie zeigen, was möglich ist. Man muss die einzelnen Musiker aber auch synchronisieren,
so dass sie miteinander in eine Art Resonanz kommen. Dabei darf man aber nicht mit
hohem Druck arbeiten. Man muss die richtige Wellenlänge treffen, dann verstärken sich
die gegenseitigen Anstrengungen. Janssen konnte die Leute in Resonanz bringen, so
dass sie gemeinsam etwas Neues erzeugen konnten, das individuell nicht möglich ist.
Viele Entwicklungen von Janssen fallen in psychiatrische Indikationen ...
Lewi: Ein besonderes Interesse von Janssen galt der Psychiatrie. Bis in seine letzten Tagen
war er an den Menschen, Patienten und psychischen Krankheiten interessiert. Und er
hat immer gefragt, was ist Schizophrenie? Ist es eine Krankheit oder eine Gruppe von
Krankheiten? Ist Schizophrenie bei jedem gleich?
Ein anderes Thema war Alzheimer. Wie kann man Alzheimer diagnostizieren? Was hat der
Arzt Alois Alzheimer tatsächlich in seinem Mikroskop gesehen? Er war ihm sehr wichtig
und er hat seine Mitarbeiter immer wieder dazu aufgefordert, alles kritisch zu hinterfragen.
Er glaubte fest, dass man mit Medikamenten einem Menschen helfen konnte. Seiner Meinung
nach waren viele psychische Krankheiten metabolische Störungen im Gehirn. Man kann
sie nicht heilen, aber man kann das Leben lebenswert machen. Janssen war dabei sehr
populär. Viele Menschen spürten, dass er die Wahrheit sagte. So meinte er auch offen,
dass einige Medikamente, die auf dem Markt sind, nur Geld kosten aber nicht wirksam
sind. Andererseits trat er dafür ein, den Forschern auch die Freiheit zu geben, neue
Medikamente zu entwickeln. Dies kann man nicht aus Marketing- oder politischen Gründen
einfach anordnen. Auf diese Weise haben wir große revolutionäre Entdeckungen gemacht
in der Psychiatrie, aber auch z.B. in der HIV-Forschung.
1995 gründeten Sie zusammen mit Dr. Paul Janssen das "Center for Molecular Design".
Ist dies Ihrer Meinung nach der Weg der Zukunft in der weiteren Arzneistoffentwicklung
oder welche weiteren Entwicklungen sehen Sie?
Lewi: Viele sagen, früher war alles viel einfacher, die Entwicklung von Medkamenten wesentlich
leichter und günstiger. Janssen war nicht davon überzeugt, dass Medikamente nur mit
großem Aufwand zu entwickeln seien. Die Menschen seien schließlich immer noch dieselben.
So ließe sich mit einer kleinen Gruppe von Forschern sehr viel erreichen.
Wir haben dann vor einigen Jahren ein kleines Zentrum aufgebaut, das sich mit Molecular
Modelling beschäftigte und eine ganze Reihe von Substanzen entwickelt hat, die es
in die klinischen Studien geschafft haben. Mit einem klaren Konzept kann man mit einem
kleinen Team und wenig Investionen tatsächlich viel erreichen.
Sehr geehrter Herr Prof. Lewi, besten Dank für das Gespräch!