In Deutschland konsumieren mehr als zehn Millionen Menschen Alkohol in gesundheitlich
riskanten Mengen. Etwa zwei Millionen Personen gelten als abhängig. Trotz dieser alarmierenden
Zahlen haben repräsentative Studien gezeigt, dass weniger als 10% der alkoholsüchtigen
Menschen eine spezifische suchtmedizinische Behandlung erhalten. Insbesondere dem
Hausarzt fällt häufig die Rolle zu, die Entwicklung einer Abhängigkeit bei seinem
Patienten frühzeitig zu erkennen und zu intervenieren.
Strategie: Abwehrhaltung von Patienten umgehen
Strategie: Abwehrhaltung von Patienten umgehen
Die Verfahren zur Früherkennung von Alkoholabhängigkeit lassen sich in direkte und
indirekte Maßnahmen unterteilen. Ziel der mittelbaren Strategien ist es, die Abwehrhaltung
von Patienten zu umgehen und zu verhindern, dass Betroffene ihr Problem bei einer
Konfrontation leugnen oder falsche Angaben zu ihrem Trinkverhalten machen. Zu den
indirekten Ansätzen zählt die Erfassung von typischen Laborparametern, wie der Gammaglutamyltransferase
(gGT), der Transaminasen (ALAT und ASAT), des mittleren Erythrozyten-Zellvolumens
sowie des "carbohydrate deficient transferrin" (CDT). Diese biologischen Marker geben
dem Hausarzt Aufschluss über die Alkoholmengen, die der Patient zu sich nimmt. Mithilfe
indirekter Fragebogenverfahren erhält der Allgemeinmediziner zusätzliche Informationen
über die Trinkgewohnheiten des Befragten.
Gesprächsführung: direkt und motivierend
Gesprächsführung: direkt und motivierend
Dennoch sollte der behandelnde Arzt vermeiden, seinen Patienten mit Laborwerten konfrontativ
zu überführen. Eine direkte Gesprächsführung bietet hier einen sensitiveren Zugang
zum Alkoholproblem und fördert zugleich die Selbsteinschätzung des Betroffenen. Als
besonders hilfreich haben sich in diesem Zusammenhang der "alcohol use disorder identification
test" (AUDIT, AUDIT-G-M) und der "Lübecker Alkoholabhängigkeits- und -missbrauchs-Screening
Test" (LAST) erwiesen. Für die tägliche Praxis wird meist eine Kurzversion des AUDIT;
der AUDIT-C Test empfohlen, da er gegenüber dem LAST eine größere Sensitivität für
den riskanten Alkoholkonsum aufweist. Im Falle eines positiven Screenings eignen sich
beispielsweise die "Internationalen Diagnose Checklisten" um den schädlichen Gebrauch
und eine Abhängigkeit zu konkretisieren.
Hauptzielgruppe für die Intervention sind Betroffene mit riskantem Alkoholkonsum,
Patienten in der frühen Phase der Abhängigkeitsentwicklung und Personen mit einer
geringen Motivation zur Verhaltensänderung. Für letzteren Personenkreis eignet sich
insbesondere die sogenannte "motivierende Gesprächsführung". Hier kommen mehrere komplexe
therapeutische Techniken mit offenen, nicht wertenden Fragen, reflektiertem Zuhören,
positiver Rückmeldung und regelmäßigen Zusammenfassungen zum Einsatz. Ziel dieser
Gesprächstechnik, die einer besonderen Schulung bedarf, ist die Förderung der Veränderungsbereitschaft
beim Patienten.
Kombination mit medikamentösen Maßnahmen
Kombination mit medikamentösen Maßnahmen
Das "medical management" (MM) bietet sich an, wenn die Intervention bei Alkoholabhängigkeit
mit einer Pharmakotherapie kombiniert werden soll. Diese Behandlung gliedert sich
in verschiedene Beratungstermine, bei denen dem Patienten Medikamente verabreicht
werden und ein Einnahmeplan erstellt wird. Gleichzeitig wird der Betroffene ermutigt,
sich einer Selbsthilfegruppe anzuschließen.
Im Rahmen der medizinischen Primärversorgung können Hausärzte in Kombination mit psychotherapeutischen
Maßnahmen so genannte "Anticraving Substanzen" einsetzen, wie beispielsweise den µ-Opiat-Rezeptor-Antagonisten
Naltrexon. "Anticraving-Substanzen" reduzieren das Verlangen nach dem Suchtstoff und
helfen so dem Patienten, abstinent zu bleiben. Eine positive Wirkung bei der Rückfallprophylaxe
ist hier insbesondere für den NMDA-Rezeptor Antagonisten Acamprosat belegt. Studien
haben gezeigt, dass diese Substanz die Abstinenzrate verdoppelt, wenn zum Verzicht
motivierte Patienten nach einer Entgiftung ein Jahr lang damit behandelt werden.
Quelle: Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM)
Terminhinweis:
Terminhinweis:
Symposium im Rahmen des 114. Internistenkongresses: Alkoholassoziierte Erkrankungen
in Klinik und Praxis: Neue Perspektiven in Früherkennung und Therapie.
2. April 2008, 10:15 Uhr; Saal 2A/B, Rhein-Main Hallen
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