Zeitschrift für Phytotherapie 2019; 40(05): 193-194
DOI: 10.1055/a-0094-4714
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Phytotherapie – eine Chance im Kampf gegen die Antibiotikaresistenz

Matthias F. Melzig
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Publication Date:
11 November 2019 (online)

Pressemitteilung der WHO im Juni 2019: „Antibiotikaresistenz nimmt weltweit alarmierende Ausmaße an…“

Ärzte Zeitung Online, 19.06.2019: „Die Antibiotikaresistenz droht, 100 Jahre medizinischen Fortschritt zunichte zu machen …“

DAZ.online, 20.06.2019: „WHO: Zu viele Antibiotika werden falsch eingesetzt“

Drei Meldungen – eine aufschreckende Botschaft! Nicht erst seit Juni 2019 steht das Problem der zunehmenden Resistenz von Krankheitserregern gegen Antibiotika auf der Tagesordnung von Gesellschaft und Politik – bisher ist aber zu wenig passiert – wir brauchen ein neues, kritisches Verständnis zur Nutzung dieser Arzneistoffklasse auf allen Gebieten, von der Humanmedizin über die Veterinärmedizin bis hin zur Landwirtschaft. Ein neues von der WHO angeregtes Programm soll alle Regierungen zu einem rationalen Antibiotika-Einsatz drängen. Dazu gehört u. a. eine stringente Dokumentation des Antibiotikaverbrauchs und ein neues Klassifikationssystem von Antibiotika „AWaRe“, das in drei Kategorien den wissenschaftlich begründeten Einsatz von Antibiotika konkret mit Handlungs- bzw. Verschreibungshinweisen verbindet. Damit soll das Risiko für Resistenzentwicklung reduziert werden. Aber reicht das wirklich aus, um die schon existierenden Probleme zu lösen? Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

Bereits 2014 habe ich in einem Editorial an gleicher Stelle auf die Bedeutung der Phytotherapie in diesem Kontext hingewiesen – es ist notwendig, dies erneut zu tun! Es hat den Anschein, dass wir dabei sind, den heute auf dem Gebrauch von Antibiotika und Chemotherapeutika basierenden Kampf gegen Infektionserreger und Parasiten zu verlieren. Der Prozess evolutionärer Anpassung ist eben auch hier und heute noch aktiv. Infektionserreger und Parasiten haben aufgrund ihrer enorm schnellen Generationsfolge dabei Vorteile gegenüber Mensch und Tier. Evolution ist aber auch ein Prozess, der Mittel und Wege findet, um den Vorteil von Infektionserregern und Parasiten einzudämmen. Dazu gehören antimikrobiell wirksame Naturstoffe, wie noch nicht entdeckte Antibiotika und die große Gruppe der biogenen Resistenz-Modifier, z. B. bestimmte Sekundärstoffe in Pflanzen. Viele phenolische Verbindungen, ätherische Öle, Saponine oder auch Senfölglykoside besitzen selbst antimikrobielle Aktivität oder können die Wirkung von Antibiotika verstärken. In diesem Sinne kann eine überlegt eingesetzte Phytotherapie einen relevanten Beitrag leisten, sowohl im Bereich der Human- als auch in der Veterinärmedizin. Erste Beispiele für eine (zaghafte) Empfehlung der Phytotherapie sind in den Leitlinien zur Behandlung der Rhinosinusitis (AWMF Reg. Nr. 017 / 049 und 053-012) und der rezidivierenden Zystitis der Frau (AWMF Reg. Nr. 043 / 044) zu finden.

Schaut man sich die internationale Literatur zu diesem Thema an, so ist in den vergangenen 20 Jahren eine Reihe von Studien veröffentlicht worden, die es geradezu nahelegen, bei unkomplizierten Infektionen zunächst phytotherapeutisch zu behandeln, bzw. bei Infektionen mit bereits resistenten Erregern die Kombination von Antibiotikum und Phytotherapeutikum einzusetzen. Bewährte Arzneipflanzenzubereitungen mit ätherischen Ölen sind gegen ein erstaunlich breites Spektrum von Mikroorganismen wirksam und können bei Mensch und Tier vielfältig innerlich wie äußerlich eingesetzt werden. Dazu gehören u. a. Thymian-, Oregano-, Teebaum-, Salbei- oder Zimtöl. Auch gegenüber resistenten Keimen, wie MRSA, Pseudomonas aeruginosa oder Klebsiella pneumoniae, sind bestimmte ätherische Öle wirksam, allein und besser noch in Kombination mit einem Standardantibiotikum. Das hilft, eine Infektion zu bekämpfen und Resistenzentwicklung bzw. -verbreitung zu hemmen [1].

In einer systematischen Analyse zum Einsatz von Arzneipflanzenzubereitungen bei rezidivierenden Harnwegsinfektionen wird festgestellt, dass Zubereitungen aus Drogen wie Zimtrinde, Cranberry oder Erd-Burzeldorn v. a. nebenwirkungsarm wirksam sind und Antibiotika ersetzen können [2]. Auch die in Europa oft eingesetzten Bärentraubenblätter sind bei dieser Indikation einsetzbar und eine klinische Studie dazu läuft gerade [3].

Zur Problemlösung im Umfeld der Antibiotikaresistenz müssen also nicht immer spektakuläre Aktionen und Programme aufgelegt werden, hierzu kann eine überlegt eingesetzte Phytotherapie relevante Beiträge leisten, sowohl im Bereich der Human- als auch in der Veterinärmedizin. Es mangelt uns nicht an wissenschaftlichen Erkenntnissen zur Wirksamkeit von pflanzlichen Zubereitungen bzw. einer Kombination von Phytos und Antibiotika, es fehlen die Anwendung und vielleicht auch der Mut, ungewohnte Wege zu gehen.

Warum halten wir uns nicht an Johann Wolfgang von Goethe? „Es ist nicht genug zu wissen, man muss auch anwenden; es ist nicht genug zu wollen, man muss auch tun.“

Matthias F. Melzig

 
  • Literatur

  • 1 Mittal RP, Rana A, Jaitak V. Essential oils: an impending substitute of synthetic antimicrobial agents to overcome antimicrobial resistance. Curr Drug Targets 2019; 20: 605-624
  • 2 Shaheen G. et al. Therapeutic potential of medicinal plants for the management of urinary tract infection: A systematic review. Clin Exp Pharmacol Physiol 2019; 46: 613-624
  • 3 Afshar K. et al. Reducing antibiotic use for uncomplicated urinary tract infection in general practice by treatment with uva-ursi (REGATTA) - a double-blind, randomized, controlled comparative effectiveness trial. BMC Complement Altern Med 2018; 18 (01) : 203