Z Sex-Forsch 2018; 31(02): 171-174
DOI: 10.1055/a-0609-1706
Dokumentation
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Ein ganz anständiger Soziologe: Michael Bochow zum 70. Geburtstag

Richard Lemke
a  Institut für Publizistik, Johannes Gutenberg-Universität Mainz
,
Martin Dannecker
b  Professor (em.) für Sexualwissenschaft, Berlin
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Publication History

Publication Date:
27 June 2018 (online)

Wenn man als Wissenschaftler auf sein Lebenswerk zurückblickt, dann kann es verschiedene Gründe geben, damit zufrieden zu sein. Michael Bochow hat etwas geschafft, das nur sehr wenigen Wissenschaftlern gelingt. Sein Name ist in Fachkreisen zu einem Synonym für eine ganze Forschungstradition in Deutschland geworden. Die von ihm begründeten und in regelmäßiger Folge vorgelegten Studien zu „Lebensstilen, Sex, Schutz- und Risikoverhalten schwuler Männer“ werden unter Fachleuten seit einiger Zeit unter dem Rubrum „Bochow-Studien“ zusammengefasst ([Bochow 1988], [1989], [1993], [1994], [1997], [2001a]; [Bochow et al., 2004], [2010], [2012]). Begonnen hat diese Reihe 1987 mit der Studie „AIDS: Wie leben schwule Männer heute?“ ([Bochow 1988]). Insgesamt neunmal im Zeitraum von 24 Jahren hat Michael Bochow einen Ergebnisbericht zu diesen Gegenständen vorgelegt. Zweimal für Westdeutschland, siebenmal für Gesamtdeutschland; zweimal im Auftrag der Deutschen AIDS-Hilfe, siebenmal im Auftrag der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (und publiziert durch die Deutsche AIDS-Hilfe); achtmal als eigenständige Befragung, einmal in Verbindung mit der europaweiten EMIS-Befragung; sechsmal als alleiniger Autor, dreimal im Zuge immer umfangreicherer Empirie zusammen mit jüngeren Kolleg_innen, von denen einige zu eigenständigen Forscher_innen auf diesem und anderen Feldern heranwuchsen. Michael Bochow wurde mit seinen Studien zum besten Kenner der sexuellen Lebensrealität schwuler und bisexueller Männer in Deutschland, weil er nicht nur die Dynamik von AIDS und HIV unter diesen analysierte, sondern immer auch über den Tellerrand der Prävention hinausblickte und sich mit von HIV unabhängigen Veränderungen beschäftigte.

Die Bochow-Studien waren die beste empirische Grundlage für eine erfolgreiche Präventionsarbeit in Deutschland. Und das in doppelten Sinne: Zum einen hat er die Schwierigkeiten und Erfolge der strukturellen Prävention akribisch protokolliert und die immer wieder aufflackernden Behauptungen eines Rückfalls in die Bedenkenlosigkeit entschieden zurückgewiesen. Zum anderen hat er, auf der Grundlage seiner Forschungsresultate, Präventionserfordernisse formuliert, die sich durchaus praktisch niedergeschlagen haben. Seine Studien stehen für eine Präventionsarbeit, in der Vermutungen und Plausibilitätsüberlegungen durch behutsam erfragte empirische Realität ersetzt wurden. Mit den quantitativen Studien konnte Bochow auf manche Entwicklung mahnend hinweisen, aber gleichzeitig auch zeigen, dass empirische Realität an vielen Stellen viel profaner ist als Plausibilitätsannahmen. Dann zum Beispiel, wenn er gezeigt hat, welch hohen Stellenwert mutuelle Masturbation anstelle von Analverkehr unter schwulen und bisexuellen Männern hat. Damit hat er manchen Epidemiologen in seinem regulativen Eifer gebremst. Nicht ohne eine gewisse Genugtuung mit der Feststellung „Die besorgten Medizinmänner tappten (…) buchstäblich in die Penetrationsfalle ihrer heterosexuellen Phantasien“ ([Bochow 2001b]).

Aber es wäre falsch, das Lebenswerk Michael Bochows auf seine quantitativen Studien, also auf das, was als Bochow-Studien bezeichnet wird, zu reduzieren. Ebenso souverän, wie er quantitative Umfragen mit mehreren tausend Befragten auswertet und interpretiert, beweist er in qualitativen Interviews „ein sehr genaues Hinhören“ ([Bochow 2006]: 196) und es gelingt ihm, auch „versteckte Hinweise“ (ebd.) auf Vorgänge unterhalb der bewusst zugänglichen Oberfläche wahrzunehmen. Und so haben wir von Michael Bochow neben den quantitativen Daten wertvolle qualitative Einblicke in schwule Sexualität jenseits der Fragen nach Schutz- und Risikoverhalten erhalten: zum Beispiel in die Lebensrealität schwuler Männer im dritten Lebensalter ([Bochow 2006]) und die Homosexualität junger Muslime in Westeuropa ([Bochow 2007]). Michael Bochow gelingt auf faszinierend gelassene Art die richtige Mischung aus Distanz zum und Identifikation mit seinem Forschungsgegenstand, der schwulen Sexualität. Dass er weiß, wovon er spricht, wenn er von der Sexualität schwuler Männer spricht, merkt man spätestens dann, wenn er in Vorträgen nach der Präsentation nackter quantitativer Zahlen mit einem leichten Schmunzeln auf die Erkenntnisse „äußerst anteilnehmender Beobachtungen in den 1980er- und 1990er-Jahren“ hinweist.

Michael Bochow hat sich für eine Laufbahn als Wissenschaftler entschieden, obwohl die Aussichten schon in den 1980er-Jahren alles andere als gemütlich waren. Das wusste er aus erster Hand. Nach seiner Promotion und vor seinem (beruflichen) Eintauchen in die Sexualsoziologie untersuchte er am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung die Beschäftigungskrise in den Hochschulen und stellte fest: „Der akademische Mittelbau in der Bundesrepublik sieht sich gegenwärtig in Hinblick auf seine Berufschancen und Beschäftigungsmöglichkeiten mit einer zweifachen Krise konfrontiert: der Krise der universitären Personalstruktur und einer allgemeinen Krise des Arbeitsmarktes, welche auch den bislang privilegierten Teilarbeitsmarkt für Akademiker nicht unberührt läßt“ ([Bochow und Joas 1984]). Michael Bochow hat diese Krise der Personalstruktur über mehr als drei Jahrzehnte sozusagen am eigenen Leib erfahren und bemerkenswert gelassen ertragen. Er hat sich mit den Bochow-Studien von einem Auftragsprojekt ins nächste gehangelt, weil er von der Wichtigkeit seines Themas überzeugt war.

In einem solchen Forscherleben, in dem Deadline auf Deadline, Bericht auf Bericht, Antrag auf Antrag folgt, ist es erstaunlich, wenn jemand nicht die Lust an der Wissenschaft verliert. Michael Bochow hat diese Lust nie verloren. Und er hat sich zwischen all dem Erheben und Auswerten von Daten und der notwendigen Tabellengießerei immer wieder die Zeit zum Nachdenken genommen und auf diese bestanden. Bemerkenswert ist zum Beispiel die Ausführlichkeit, mit der er immer wieder seine Stichproben kritisch hinterfragte, diskutierte und über die generellen Möglichkeiten repräsentativer Stichproben schwuler Männer reflektierte ([Bochow 2001b], [2003]). Ein solches methodisches Innehalten würde so mancher schnell rekrutierten Online-Befragung heute guttun. Bemerkenswert ist aber auch, dass Michael Bochow die eigene Arbeit nie überschätzt, sondern ohne Konkurrenzgehabe und Geltungsbedürfnis die Arbeit anderer rezipiert und auf internationalen Konferenzen und in Forschungszusammenhängen, in die er eingebunden war, gewürdigt hat und noch immer würdigt. Der kalte Verriss ist nicht seine Sache, wovon auch seine zahlreichen Rezensionen französischer Sexualforschung zeugen, die in der Zeitschrift für Sexualforschung erschienen sind. Er möchte lieber loben. Und er bedauert da, wo ihm das dann doch nicht möglich ist, mit subtiler Ironie, das nicht uneingeschränkt zu können.

Michael Bochow wird auch in seiner Rolle als „Pensionist“, wie er sich aus seiner Affinität für die österreich-ungarische Monarchie gerne selber bezeichnet, zu vielen Themen gefragt und meldet sich zu Wort. Sei es zur Frage der Präexpositionsprophylaxe (PrEP) unter schwulen Männern, zu schwuler Sexualität im Alter, zu schwulen Beziehungen, zur Sexualität schwuler Migranten oder zu Sexualität auf Klappen. Als wir im Januar dieses Jahres nach einem seiner Vorträge in einem Berliner Caféhaus mit ihm das eine oder andere Glas Wein tranken, meinte er zu später Stunde mit einer Mischung aus Zufriedenheit und Sentimentalität: „Wenn ich so sehe, zu wie vielen Themen ich in meinem hohen Alter noch gefragt werde und etwas sagen darf, dann ist aus mir, glaube ich, doch ein ganz anständiger Soziologe geworden.“

Lieber Michael, das finden wir auch!