Z Sex-Forsch 2018; 31(02): 167-170
DOI: 10.1055/a-0637-6451
Dokumentation
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Weder Kinsey noch Freud – er hat seine eigenen Maßstäbe

Zum 80. Geburtstag von Kurt Starke
Konrad Weller
a  Fachbereich Soziale Arbeit. Medien. Kultur, Hochschule Merseburg
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Publication Date:
27 June 2018 (online)

Eigentlich leitete Kurt Starke im Zentralinstitut für Jugendforschung Leipzig, dem er von 1967–1990 angehörte, die Abteilung Studentenforschung und konzipierte mit seinem Team mehrere große Studien zur Persönlichkeitsentwicklung von Hochschulstudierenden. Sein Lebensthema fand er jedoch schon früh in der Erforschung der Sexualität und Partnerschaft Jugendlicher und Erwachsener. Die 1972 von ihm konzipierten PARTNER-Studien wurden 1980, 1990 und zuletzt erneut im Jahre 2013 durchgeführt und liefern ein beeindruckendes Monitoring sexualkultureller Entwicklung in den Jahrzehnten der sexuellen Liberalisierung.

Die Liste seiner empirischen Forschungen hat Kinsey´sche Dimension, es sind mehr als 40 zumeist quantifizierende Fragebogenstudien, darunter allein 25 zu Liebe und Partnerschaft, Hetero- und Homosexualität, weiblicher und männlicher Sexualität, zu Familienplanung, Postmenopause, HIV und Aids, Pornografie… Obwohl die amerikanischen Studien in gewisser Weise Vorbild in der Erforschung „normaler“ Sexualität waren, beschritt Kurt Starke bei der Konzipierung der empirischen Sexualforschung in der DDR eigene Wege. Bei Kinsey kam die Liebe nicht vor, im Denken von Starke hingegen waren sexuelles Verhalten und Erleben, Liebe und Lust miteinander verbunden, gehörten Sexualität und Partnerschaft zur Gesamtpersönlichkeit. Und diese wiederum galt es unter konkreten gesellschaftlichen Bedingungen zu erforschen.

In seinem ersten populärwissenschaftlichen Bestseller „Junge Partner“ (1980) widmete Starke sich einer Frage, die in der Frühphase der sexuellen Liberalisierung häufig gestellt wurde: Wie ist das, wenn man 15, 16, 17 Jahre ist, noch zur Schule geht und in diesem Alter schon eine Liebesbeziehung hat? Stört sie beim Lernen, beeinträchtigt Sex den Lernerfolg? Die Befunde von PARTNER I wurden zu einem empirischen Sieg über alle Bedenkenträger. Keine Angst vor frühen Liebesbeziehungen einschließlich Sexualität – das war die finale Botschaft. Im Gegenteil: Der Elan der ersten Liebe erwies sich als förderlich für das Lernen und die Persönlichkeitsentwicklung. Wissenschaftlich hieß das: Die Paarbeziehung im Jugendalter ist eine wichtige Sozialisationsinstanz. Auch das Studieren mit Kind wurde empirisch legitimiert und konnte sich fortan gesellschaftlich durchsetzen.

Kurt Starke unterstützte mit seinen Erkenntnissen reale Emanzipationsprozesse, ohne zu übersehen, dass die Befunde auch theoretisch bedeutsam waren: Zwar kam in der DDR der Psychoanalyse (außer in psychotherapeutischer Praxis) keine Bedeutung zu, aber im Alltagsdenken von Pädagog*innen und Eltern spielte die Grundidee der Freud´schen Sublimationsthese (wonach es ein partielles Aufsparen sexueller „Triebe“ braucht, um Persönlichkeitsentwicklung zu ermöglichen) durchaus eine Rolle. Insofern wurde Freud empirisch „entsublimiert“.

Die gesellschaftliche Wirkung der PARTNER-Studien spiegelt sich in den Auflagen damaliger Publikationen wider. Die „Jungen Partner“ ([Starke 1980]) fanden 100 000 Leser*innen, das Buch zur zweiten Partnerstudie „Liebe und Sexualität bis 30“ ([Starke und Friedrich 1984]) erlebte eine Gesamtauflage von 400 000 Exemplaren. Und Kurt Starke gehörte zu den empirischen Forschern, die ihre Ergebnisse in auflagenstarke Aufklärungsschriften des Deutschen Hygienemuseums zu Kontrazeption und Aids-Prävention einfließen ließen, ganz zu schweigen von Frage-Antwort-Büchern wie “Sex hoch drei“ (1995) und „Mehr Lust an der Lust“ (2004). Gern erwähnt er, dass er fast 10 000 Fragen gespeichert hat, die ihm schriftlich vor allem von jugendlichen Schülern und mündlich 1994–2013 in seiner Sendereihe „LiebeLiebe…“ und bis heute in der wöchentlichen Sendung „SingleTime“ des MDR gestellt wurden. Dabei betrachtet er sich keineswegs als Berater oder gar Therapeut, sondern er nutzt das Ratgeberformat, um seine wissenschaftlichen Erkenntnisse unter die Leute zu bringen, gewissermaßen denen Rechenschaft zu geben, die er befragt hat. Das ist seine Grundhaltung.

Im Gegensatz zu manch anderen Sexualforschern war und ist Kurt Starke alles andere als medienscheu: vom MDR („Riverboot“) bis VOX („Wa(h)re Liebe“), vom Boulevard („Der Orgasmus-Professor spinnt“ / BILD vom 31.05.1990) bis zu „neues deutschland“ (Beiträge zu FKK oder Me Too in jüngster Zeit). Ihm gelingt es, streitbare Themen mutig anzusprechen, das vermarktungsaffine Thema Sexualität wissenschaftlich zu versachlichen und (wenn nötig) schlüpfrige Journalistenfragen humorvoll zu kontern. Viele sexualwissenschaftliche Kolleg*innen hätten z. B. bei einer Überschrift: „So liebt der Sex-Papst der Ex-DDR“ („SUPERillu“ vom 11.10.1990) die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Kurt Starke antwortete auf die Journalistenfrage „Welche Stellungen bevorzugen Sie?“: „Ich kenne 722 Stellungen, z. B. aus der Erotikbibel Kamasutra. Aber ich praktiziere nur 18. Welche das sind, überlasse ich Ihrer Fantasie.“

1990 wurde Kurt Starke Gründungsvorsitzender der Gesellschaft für Sexualwissenschaft. Dieses Amt hatte er 10 Jahre lang inne. Die GSW der Gründerjahre vereinte eine kleine, aber interdisziplinäre Gruppe von Forscher*innen und Praktiker*innen, die sich zu DDR-Zeiten in der Sektion Ehe und Familie der Gesellschaft für Sozialhygiene gefunden hatten. In der GSW wurden u. a. wendebedingt abgewickelte Forschungen des ZIJ Leipzig fortgeführt, neue initiiert und eingebunden.

Bereits unter den schwierigen Bedingungen der deutschen Teilung initiierte Kurt Starke seit Mitte der 1980er-Jahre Kontakte zu westdeutschen Kolleg*innen, v. a. zu Gunter Schmidt in Hamburg. Die Ergebnisse aus den 1980 in der DDR und 1981 in der BRD durchgeführten Studentenstudien wurden in der ersten Ausgabe der „Zeitschrift für Sexualforschung“ gemeinsam publiziert ([Clement und Starke 1988]). Die Verschränkung der deutsch-deutschen Forschungsperspektiven zeigte, dass wesensgleiche Liberalisierungsprozesse nicht nur in kapitalistisch-marktwirtschaftlichen Konsumgesellschaften vonstattengingen, sondern auch unter „realsozialistischen“ Bedingungen. Die Diskussion z. T. erheblicher deutsch-deutscher Unterschiede hat den Blick für soziale Determinanten sexuellen Verhaltens und Erlebens geschärft. Die partnerschaftliche sexuelle Entwicklung der Ostdeutschen war akzeleriert (was mit kürzeren Bildungswegen und früherer Abnabelung aus dem Elternhaus zu erklären war). Andererseits waren die Sexualverhältnisse im Osten sehr heteronormativ gegenüber einer größeren Vielfalt im Westen.

1990 fand dann – bereits vor der Wende konzipiert, wie die Forschungsleiter Schmidt und Starke streng betonen – auch die erste gesamtdeutsche Jugendstudie „Jugendsexualität und Aids“ in Kooperation zwischen Hamburg und Leipzig statt ([Schmidt 1993]). Weitere Studien folgten, in die die historischen Perspektiven und Ergebnisse der jeweiligen Vorgängerstudien in West und Ost einflossen ([Schmidt 2000], [2006]; [Starke 2005]).

Bis in die Gegenwart ist Kurt Starke aktiver Forscher, Publizist, Kolumnist, gefragter Interviewpartner und Experte für öffentliche Statements wie für vertrauliche Gutachten geblieben. Sein jüngstes Buch „Varianten der Sexualität. Studien in Ost- und Westdeutschland“ erschien 2017.