Z Geburtshilfe Neonatol 2018; 222(04): 137
DOI: 10.1055/a-0642-7477
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Das vielfach vermeidbare Leid der Müttersterblichkeit

Dominique Singer
1  Sektion Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin, Zentrum für Geburtshilfe, Kinder- und Jugendmedizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)
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Publication Date:
07 August 2018 (online)

Liebe Leserinnen und Leser,

es ist geburtshilflicher Informationsabend, vor uns sitzen mehr als 100 werdende Elternpaare – heutzutage gerne auch begleitet von den Großmüttern in spe –, verfolgen interessiert die dargebotenen Präsentationen und stellen dann ihre Fragen: ob man im Geburtsverlauf von mehr als einer Hebamme betreut werde, ob die Gebärwanne stets frei sei, wie hoch die Dammschnittrate liege, ob man Nabelschnurblut einlagern solle und Familienzimmer reservieren könne. Die Frage, zu welchem Prozentsatz die werdende Mutter, die Partnerin, die Tochter die Geburt überleben werde, kommt Niemandem in den Sinn – und das ist auch gut so! Aber es ist nicht immer so gewesen: Um 1900 lag die Müttersterblichkeit, d. h. die Wahrscheinlichkeit, unter der Geburt oder binnen 6 Wochen danach zu versterben, im Deutschen Reich noch über 300, bezogen auf 100000 Lebendgeborene (zum Vergleich: derzeit beträgt sie in Deutschland rund 3/100000); ganz zu schweigen von historischen Zeiten, in denen die bevorstehende Niederkunft für die Schwangere oftmals weniger ein freudiges als vielmehr ein lebensbedrohliches Ereignis darstellte. Und es ist auch nicht überall so: Noch heute sterben weltweit mehr als 800 Frauen täglich an geburts- und wochenbettassoziierten Komplikationen, 99% davon in Entwicklungsländern – ein krasses Ungleichgewicht, das die Weltgesundheitsorganisation mit entsprechenden Initiativen auf den Plan gerufen hat. Doch selbst in denjenigen Staaten, die sich am vermeintlich sicheren Pol der Mortalitätsskala befinden, besteht kein Grund zu übertriebener Selbstzufriedenheit. Nicht nur, weil in einigen westlichen Industrienationen die Müttersterblichkeit in den letzten Jahren, mitbedingt durch das zunehmende Alter und die komplexere Komorbidität der Schwangeren, wieder zugenommen hat. Sondern auch, weil nach wie vor rund die Hälfte der Fälle – speziell bei der sogenannten direkten, also unmittelbar mit Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett in Zusammenhang stehenden Mortalität – retrospektiv als sicher oder potentiell vermeidbar einzustufen sind. „Müttersterbefälle weltweit rückläufig, aber häufig vermeidbar!“ titelt daher eine höchst interessante Übersicht, die an erster Stelle dieser Ausgabe der Zeitschrift für Geburtshilfe und Neonatologie steht. Es werden verschiedene nationale Systeme zur Aufarbeitung von Müttersterbefällen vorgestellt – allen voran die beispielgebenden „Confidential Enquiries into Maternal Deaths and Morbidity“ im Vereinigten Königreich –, die durch die Identifikation von „substandard care“ eine wertvolle Grundlage für weitere Verbesserungen der peripartalen Versorgung bieten. Der Aufsatz schließt mit der bedauernden Feststellung, dass ein solches Qualitätssicherungssystem hierzulande nicht offiziell und flächendeckend etabliert ist.

In der sich anschließenden Originalarbeit wird am Beispiel der Schweizer Perinatalzentren der Einsatz von Medikamenten in Schwangerschaft und Peripartalperiode analysiert. Es stellt sich heraus, dass für eine Vielzahl von Indikationen übereinstimmend dieselben Wirkstoffe eingesetzt werden, sodass ein beträchtlicher kumulativer Erfahrungsschatz vorliegt, der es nahezu widersinnig erscheinen lässt, dass in den allermeisten Fällen im Beipackzettel vor der Anwendung in der Schwangerschaft gewarnt wird. Die Autoren formulieren die berechtigte Frage, ob es nicht Möglichkeiten gäbe, die in der Schwangerschaft oft – und oft sogar leitlinienkonform! – eingesetzten Medikamente trotz des Fehlens entsprechender Zulassungsstudien, aber angesichts des Vorhandenseins umfänglicher Anwendungserfahrungen aus dem Zwielicht des „Off-Label-Use“ herauszuholen.

Komplettiert wird dieses, wichtige geburtshilfliche Themen diskutierende Heft durch zwei neonatologische Fallberichte: eine Kasuistik über eine Megalourethra als Ursache eines perinatalen postrenalen Nierenversagens bei einem Frühgeborenen sowie einen Beitrag aus der Rubrik „Perinatalmedizin in Bildern“ über die Kardioversion bei neonatalem Vorhofflattern.

Ich wünsche Ihnen eine spannende Lektüre und einen guten Wiedereinstieg nach der Sommerpause,

Ihr

Dominique Singer