PSYCH up2date 2019; 13(02): 155-172
DOI: 10.1055/a-0647-3175
Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Hochfunktionaler Autismus bei Erwachsenen

Ludger Tebartz van Elst
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Publication Date:
07 March 2019 (online)

Die hochfunktionalen Autismus-Spektrum-Störungen stellen eine wichtige Differenzialdiagnose nicht nur in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, sondern auch in der Erwachsenenpsychiatrie und durchaus auch für die Psychotherapie dar. Obwohl das Thema insbesondere in der Wissenschaft eine stark zunehmende Beachtung findet, ist es im klinischen Alltag der psychiatrisch-psychotherapeutischen Versorgungsrealität immer noch kaum angekommen.

Kernaussagen

Autismus-Spektrum-Störungen …

  • sind klinisch durch Defizite der sozialen Wahrnehmung und Kompetenz, der verbalen und nonverbalen Kommunikation, durch Routinen, Stereotypien und eingeengte Interessen sowie Besonderheiten der Wahrnehmung charakterisiert.

  • können sekundär verursacht sein etwa durch monogenetische Krankheiten (fragiles X-Syndrom, 22q11-Syndrom etc.) oder erworbene Hirnfunktionsstörungen (Valproat-Exposition in utero, entzündliche Prozesse, Epilepsien etc.).

  • sind – ähnlich wie die Persönlichkeitsstörungen – als überdauernde strukturelle Besonderheiten betroffener Menschen zu begreifen.

  • können vom Schweregrad her auch subsyndromal ausgeprägt vorhanden sein („Broader Autism Phenotype“).

  • werden in der hochfunktionalen Variante (bei vorhandener Sprache und durchschnittlicher oder überdurchschnittlicher Intelligenz) häufig nicht erkannt.

  • werden dann häufig unter Sekundärdiagnosen wie atypische Depression, Zwangsstörung, (Borderline-) Persönlichkeitsstörung, atypische Psychose geführt.

  • sind oft der Schlüssel für ein umfassendes Verständnis von Menschen mit atypischen, komplexen und schwer zu verstehenden, chronischen psychischen Störungen, verbunden mit zahlreichen Konflikten in den zwischenmenschlichen Beziehungen und am Arbeitsplatz.

  • können mit spezifischen pharmako- und psychotherapeutischen Konzepten oft gut behandelt werden.

  • sollten in ihren verschiedenen Schweregraden und Prägnanztypen in Lehre, Fort- und Weiterbildung in der Erwachsenenpsychiatrie und -psychotherapie stärker berücksichtigt werden.