DZO 2018; 50(03): 146
DOI: 10.1055/a-0663-3158
Leserbrief
© Karl F. Haug Verlag in MVS Medizinverlage Stuttgart GmbH & Co. KG

Zum Artikel „Zusatznutzen der Homöopathie in der Onkologie“ in Heft 2/2018

Norbert Aust
1  Informationsnetzwerk Homöopathie, Schopfheim
,
Edzard Ernst
2  University of Exeter
,
Natalie Grams
3  GWUP Roßdorf
,
Jutta Hübner
4  Universitätsklinikum Jena
,
Norbert Schmacke
5  Universität Bremen
,
Bettina Schöne-Seifert
6  Universität Münster
› Author Affiliations
Further Information

Publication History

Publication Date:
24 September 2018 (online)

Sehr geehrter Herr Professor Büssing,
sehr geehrter Herr Dr. Holzhauer,

auch wenn es sich bei Ihrer Zeitschrift nicht um ein Journal mit Peer-review handelt, sollte doch die vorliegende Evidenz Grundlage für die in Ihren Artikeln beschriebenen Sachverhalte bilden, damit die von Ihnen angesprochenen Ärzte sicher sein können, ihren Patienten für den jeweiligen Befund die bestmögliche Therapie zu empfehlen.

Diesen an sich selbstverständlichen Anspruch lässt der in Ihrer aktuellen Ausgabe veröffentlichte Bericht über den Zusatznutzen der Homöopathie in der Onkologie vermissen [1]. Bereits bei oberflächlicher Betrachtung fällt auf, dass der Autor, der einer auf die homöopathische Behandlung von Krebspatienten spezialisierten Privatklinik angehört, keinen Interessenkonflikt angibt. Wenn dieser Artikel demnach einen Werbebeitrag für den Arbeitgeber des Autors darstellt, müsste er nach deutschem Presserecht als solcher gekennzeichnet werden.

Einen großen Raum nehmen 2 Fallbeispiele ein, bei denen konventionell behandelte Patienten zusätzlich homöopathische Präparate erhielten. Aus den sehr ausführlich beschriebenen Verläufen zieht der Autor die Schlussfolgerung, dass es die Homöopathie gewesen sein müsse, die den positiven Verlauf verursacht habe, und untermauert dies mit dem Hinweis auf seine Erfahrung und seine Überzeugung. Da bei beiden Krebsarten auch in hohen Stadien durchaus langfristige positive Verläufe bekannt sind [2] [3], ist diese Schlussfolgerung vollkommen unberechtigt. Der als Beleg zitierten Verwunderung der behandelnden Ärzte über den Verlauf ist wohl keine hohe Evidenzstufe zuzuordnen.

Als Evidenz für seine Behauptung, die Homöopathie könnte Krebspatienten einen Zusatznutzen bieten, kann der Autor keine einzige randomisierte Vergleichsstudie zitieren. Die wohl höchsten Evidenzgrade bilden zwei Beobachtungsstudien zur Lebensqualität bei homöopathischer Zusatzbehandlung von Krebserkrankungen [Originalquellen 5 und 7]. Wobei anzumerken ist, dass die vom Autor zitierte höhere Lebensqualität bei Rostock et al. [Originalquelle 5] ein statistischer Artefakt ist, der sich daraus ergibt, dass die Vergleichszeitpunkte der Betrachtung bezogen auf die Erstdiagnose um volle 7 Monate verschoben sind [4].

Mit diesem Artikel wurde also kein wissenschaftlicher Beitrag zur Diskussion um die Homöopathie in der Onkologie publiziert, sondern lediglich ein Werbebeitrag. Die dargelegte Evidenz ist noch nicht einmal vorläufig. Vielmehr besteht sie ausschließlich in der Überzeugung des Autors und dem zum Ausdruck gebrachten Erstaunen namentlich nicht näher benannter involvierter Onkologen ob des vermeintlich außerordentlichen Verlaufs. Damit basiert der Artikel genau auf der Ich-zentrierten Weltsicht des Therapeuten, die im Editorial des gleichen Heftes kritisiert wird. Auf diese Weise wird schwerkranken Menschen suggeriert, eine auf im Sub-Milligramm-Bereich dosierten Verdunstungsrückständen von geschütteltem Wasser oder Alkohol auf Zucker basierende Therapie könne eine wirksame Hilfe darstellen.

Es sei an Ihre Ethik und Konsequenz als Herausgeber appelliert, ob dies in Ihrer Zeitschrift so stehen bleiben kann.

KOMMENTAR

Als Herausgeberteam sehen wir es als unsere Aufgabe an, zu einem kritischen Diskurs auch kontroverser Themen beizutragen. Daher veröffentlichen wir gerne diesen Leserbrief. Eigentlich war es unser Ziel gewesen, zu dem Thema Homöopathie in der Onkologie im Sinne eines „Pro und Contra“ Experten für die Gegenposition einzuladen. Zwei derjenigen, die dann leider abgesagt haben, sind nun Unterzeichner des Leserbriefes. Wir hatten uns dennoch für die Veröffentlichung des Erfahrungsberichtes entschlossen, da wir unseren Lesern eine eigenständige, reflektierte Meinungsbildung zutrauen.
Arndt Büssing
Peter Holzhauer