Z Sex-Forsch 2018; 31(03): 250-262
DOI: 10.1055/a-0664-4322
Originalarbeiten
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Zwischen Liberalität und Retraditionalisierung – Einstellungen zu sexualitätsbezogenen Themen in Deutschland

Between Liberality and the Return to Traditionalism – Attitudes toward Sex-Related Issues in Germany
Verena Klein
a  Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
,
Franziska Brunner
a  Institut für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
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Publication History

Publication Date:
24 September 2018 (online)

Zusammenfassung

Einleitung: Sexualpolitische Themen wie das Recht von Frauen auf Informationen zum Schwangerschaftsabbruch, sexuelle Vielfalt als Thema des Schulunterrichts und das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare dominieren die öffentliche Debatte. Der sogenannte Wertekonflikt zwischen Liberalen versus Konservativen / Linken versus Rechten lässt sich besonders in der Erforschung von Einstellungen zu sexualitätsbezogenen Themen erkennen. Während die Mehrzahl der großen internationalen Survey-Untersuchungen zur Erfassung sexueller Verhaltensweisen Fragen zu sexualitätsbezogenen Einstellungen einbezog, existiert bisher keine systematische, repräsentative Studie zu sexualitätsbezogenen Einstellungen in Deutschland.

Forschungsziele: Ziel des vorliegenden Beitrags ist es, Einstellungen in Deutschland zu ausgewählten sexualitätsbezogenen Themen darzustellen: Sex außerhalb der Ehe, gleichgeschlechtliche Sexualkontakte von Männern und Frauen, Sexarbeit, Schwangerschaftsabbruch sowie Promiskuität.

Methoden: Die Daten wurden im Rahmen der Pilotstudie zur Erwachsenensexualität in Deutschland (vgl. [Matthiesen et al. 2018], in diesem Heft) erhoben. Insgesamt wurden die sexualitätsbezogenen Einstellungen von 950 Männern und Frauen im Alter zwischen 18 und 75 Jahren ausgewertet.

Ergebnisse: Durchschnittlich wurden die erhobenen Variablen eher akzeptierend beantwortet. Ausnahmen stellten die Einstellung zu Sex außerhalb der Ehe sowie zu einer hohen Anzahl wechselnder Sexualpartner_innen dar – diese stießen auf weniger Akzeptanz im Vergleich zu den anderen sexualitätsbezogenen Einstellungen.

Schlussfolgerung: In Deutschland überwiegen gegenwärtig liberale Einstellungen gegenüber gleichgeschlechtlichen Sexualkontakten, Schwangerschaftsabbruch und Sexarbeit. Sex außerhalb der Ehe und ein promiskuitives Sexualverhalten stießen auf weniger Akzeptanz. Die Ergebnisse der Pilotstudie legen nahe, dass die sexuellen Einstellungen der Deutschen eine permissive, aber monogame Werteorientierung unterstützen.

Abstract

Introduction: Some sexual policy topics dominate the public debate in Germany (e. g. sexual diversity in classrooms, adoption for homosexuals). The so-called value conflict between Liberals versus Conservatives / Left versus Right is particularly evident in research on sexual attitudes. While most of the international surveys on sexual behavior included sexual attitudes, representative data for sexual attitudes in Germany are missing.

Objectives: The aim of the present study was to provide a descriptive presentation of sexuality-related attitudes in Germany with regard to various sexuality-related topics: attitudes towards extramarital sex, same-sex sexual contacts, sex work, abortion and promiscuity.

Methods: Data were collected as part of the German sex survey pilot study ([Matthiesen et al. 2018], in this issue). Overall, the sexual attitudes of 950 men and women aged 18 to 75 years were analysed.

Results: Participants had an accepting attitude towards most sexual issues (same-sex sexual contacts, abortion etc.). One exception, however, was the attitude towards extramarital sex and a high number of sexual partners in the past, which were considered less acceptable.

Conclusion: Results indicate that most Germans have liberal attitudes towards same-sex sexual contacts, abortion and sex work. The only exception was the attitude towards extramarital sex. The results of the pilot study consequently suggest that the sexual attitudes of Germans support a permissive but monogamous value orientation.

Fußnoten