Dtsch Med Wochenschr 2019; 144(01): e1-e11
DOI: 10.1055/a-0671-4605
Originalarbeit
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Ungedeckter medizinischer Versorgungsbedarf in Deutschland: Ergebnisse im EU-SILC-Survey 2005 bis 2014

Unmet Medical Need in Germany: Analyses of EU-SILC-Survey from 2005 to 2014
Alfons Hollederer
Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), Nürnberg
,
Manfred Wildner
Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL), Nürnberg
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Publication History

Publication Date:
02 January 2019 (online)

Zusammenfassung

Einleitung Der ungedeckte medizinische Bedarf ist ein wichtiger Indikator für die Qualitätsbeurteilung eines Gesundheitssystems.

Methodik Der EU-SILC-Survey wird seit 2005 in Deutschland jährlich erhoben. Im EU-SILC-Survey 2014 wurde in Deutschland eine Stichprobe von 12 744 Haushalten mit 22 695 Personen ab 16 Jahren randomisiert gezogen und interviewt.

Ergebnisse Zwischen den EU-SILC-Survey-Wellen 2005 bis 2014 nahm der Bevölkerungsanteil in Deutschland, der auf notwendige medizinische oder zahnmedizinische Untersuchungen bzw. Behandlungen verzichtete, stark ab. Im EU-SILC-Survey 2014 berichteten insgesamt 8,5 % der Befragten (ab 16 Jahren) entweder einen ungedeckten medizinischen Versorgungsbedarf (6,4 %) oder einen zahnmedizinischen Versorgungsbedarf (3,8 %). Finanzielle Gründe sind eine Hauptursache dafür, dass notwendige zahnmedizinische Untersuchungen oder Behandlungen nicht in Anspruch genommen wurden. Beim ungedeckten medizinischen Bedarf dominieren persönliche Gründe. Ein schlechter Gesundheitszustand hat in den multivariaten logistischen Regressionsmodellen den größten Einfluss auf die Auftrittswahrscheinlichkeit eines ungedeckten medizinischen oder zahnmedizinischen Versorgungsbedarfs. Höhere (Netto-)Äquivalenzeinkommen und Bildungsabschlüsse sind mit geringerer Wahrscheinlichkeit für eine Nichtinanspruchnahme assoziiert. Erwerbslosigkeit und Migration gehen mit einem erhöhten ungedeckten medizinischen oder zahnmedizinischen Versorgungsbedarf einher. Personen im mittleren Lebensalter sind besonders betroffen.

Diskussion Die Analysen weisen für Deutschland im Zeitverlauf auf erhebliche Verbesserungen beim ungedeckten medizinischen und zahnmedizinischen Versorgungsbedarf, aber auch auf große soziale Disparitäten hin. Zur Reduktion sozial bedingter gesundheitlicher Ungleichheiten bestehen Ansatzpunkte sowohl bei Finanzierungsregelungen als auch bei Gesundheitskompetenzen.

Abstract

Introduction The unmet medical need is an important indicator for the quality assessment of a health system on an international level.

Methods The EU-SILC-Survey was launched in 2005 and is performed yearly in Germany. In EU-SILC-2014, 22 695 people (over 17 years) in 12 744 households have been interviewed.

Results In accordance to the EU-SILC-waves 2005 and 2014, the unmet medical or dental need has been decreased strongly in Germany. 8.5 % of the population (aged 16 and over) reported either an unmet need for medical (6.4 %) or dental care (3.8 %). The main causes for not making use of unmet dental need are financial and of unmet medical need are personal reasons. In the multivariate logistical regression models, a bad health state has the biggest influence on the likelihood of occurrence of an unmet medical or dental need. Higher disposable (net) income and educational levels are associated with lower probability for non-utilization. Unemployment and migration are accompanied by a higher unmet medical and dental need. Middle-aged people are especially affected.

Conclusion The analyses reveal improvements in unmet needs for medical and dental care over time in Germany but also large social disparities. There are action approaches in financial regulation in the health system and strengthening individual health literacy.