Fortschr Neurol Psychiatr 2018; 86(11): 678-679
DOI: 10.1055/a-0681-8928
Editorial
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Schwerpunktheft EKT

Special Issue ECT
Jens Kuhn
,
Wolfgang Gaebel
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Publication History

Publication Date:
17 January 2019 (online)

Die auf die maßgeblichen Ideen von Ladislav von Meduna und Ugo Cerletti zurückgehende Elektrokonvulsionstherapie (EKT) stellt eines der ältesten und zugleich effektivsten Therapieverfahren in der Psychiatrie dar [1]. Insbesondere für schwer behandelbare depressive Störungen belegen Metaanalysen die überlegene Wirksamkeit des Verfahrens, z. B. im Vergleich zu pharmakologischen Ansätzen. In manchen Studien zeigten sich Remissionsraten für die wahnhafte Depression von 50–95 %, Werte, die von kaum einem therapeutischen Verfahren in der Medizin je erreicht werden [2]. In dieser Indikation wird die EKT in der DGPPN S3-Leitlinie für Depression bei höchstem Evidenzgrad nachhaltig empfohlen [3]. Aber auch bei anderen schwer zu beeinflussenden Störungsbildern wie katatoner Schizophrenie, malignem neuroleptischen Syndrom und bipolarer Störung bewirkt das Verfahren oft einen relevanten Symptomrückgang bzw. therapeutischen Durchbruch. Und obwohl die EKT mit zu den invasivsten Therapieverfahren im Fachgebiet der Psychiatrie rechnet, gilt sie gerade auch bei der aufgrund häufiger Multimorbidität „sensiblen” Patientenpopulation der über 65-jährigen an Depression erkrankten Klientel („Late life depression“) als bevorzugte Indikation, da sich auch hier bei überlegener Wirksamkeit ein besseres Verträglichkeitsprofil gegenüber einer im Individualfall erforderlichen Polypharmazie zeigt [4].

Gleichzeitig ist die EKT auch eines der biologischen Therapieverfahren in der Psychiatrie, welches nach wie vor kontrovers diskutiert und dem nicht nur beim Laienpublikum mit erheblichen Bedenken begegnet wird. Während in früheren Zeiten ethische Bedenken im Vordergrund standen, sind es heute vor allem Befürchtungen nachhaltiger Nebenwirkungen, die mancherorts zur zurückhaltenden Indikationsstellung des Verfahrens beitragen. Insbesondere sind dies länger anhaltende Beeinträchtigungen der kognitiven und mnestischen Leistungsfähigkeit, die mit Ängsten bei den Patienten und Angehörigen verbunden sind. Passagere Beeinträchtigungen von Kognition und Mnestik können zwar nicht selten auftreten, sind aber in aller Regel vollständig reversibel. Demgegenüber wird auch gelegentlich von einer klinischen Besserung der Mnestik nach erfolgreicher EKT-Behandlung berichtet. Dennoch gibt es unter klinischen Routinebedingungen immer wieder Patienten, die über stark belastende und verunsichernde, zum Teil länger anhaltende Veränderungen ihrer Gedächtnisleistungen berichten. In diesem Zusammenhang konnte allerdings eine jüngst veröffentlichte Studie Indizien dafür liefern, dass Patienten, die aufgrund schwerer Depressionen mittels EKT behandelt wurden, kein erhöhtes Risiko für die Entwicklung einer späteren Demenz aufwiesen. Im Gegenteil scheint bei Patienten mit alterstypischer Depression das Risiko einer Demenz durch EKT eher geringer ausgeprägt zu sein, vermutlich durch die effektivere Behandlung schwerer Depressionen, die als Risikofaktor für eine Demenz bekannt sind [5].

Dass Beeinträchtigungen der Kognitions- und Gedächtnisleistungen einen zentralen Aspekt der EKT-Behandlung darstellen, haben Margittai et al. in diesem Schwerpunktheft aufgegriffen und wertvolle klinische Regeln zur Erfassung, Verlaufsdokumentation und Risikominimierung von kognitiven Nebenwirkungen im Rahmen der EKT-Behandlung zusammengestellt [6].

Eine weitere fallbasierte Übersichtsarbeit in dieser Ausgabe beschäftigt sich mit der seltenen Nebenwirkung der Tako-Tsubo-Kardiomyopathie und diskutiert in diesem Zusammenhang relevante humorale Prozesse, die im Zusammenhang mit Depression und EKT stehen und für das Herz-Kreislaufsystem von Bedeutung sind. [7].

Für das Auftreten von Nebenwirkungen, aber auch im Hinblick auf die Response der jeweiligen Störung unter EKT-Behandlung stellt sich die Frage nach der geeigneten Langzeitbehandlung und nach den Risikofaktoren für einen Rückfall, speziell in eine erneute depressive Symptomatik. Dieses klinisch hochbrisante Thema haben Grüter und Grözinger in ihrem Manuskript aufgearbeitet [8].

Komplettiert wird das Schwerpunktthema durch eine Originalarbeit zur „Kostenstrukturanalyse der Elektrokonvulsionstherapie innerhalb eines leistungsorientierten Krankenhausbudgets“, die Zeitintensität sowie personellen Aufwand, ökonomische Voraussetzungen in der heutigen psychiatrischen Krankenhauslandschaft mit der Kosteneffektivität des Verfahrens in Beziehung setzt [9].

Bleibt zu hoffen, dass die geneigte Leserschaft in den vorgelegten Arbeiten zur EKT-Behandlung vorrangig bei depressiven Erkrankungen Information und Anregung findet, je nach praktisch-klinischem Standort, eigener Einstellung zum und Erfahrung mit dem Verfahren der Elektrokonvulsionstherapie dessen Indikationsstellung und fallspezifische Risikoabwägung im klinischen Alltag differentialtherapeutisch durchaus häufiger in Erwägung zu ziehen. Inwieweit neuere Therapieansätze, wie die in absehbarer Zulassung befindliche repetitive Verabreichung von Ketamin in subanästhethischer Dosierung die EKT künftig stärker zu verdrängen vermag, wird sich zeigen müssen. Neuroplastizitätsfördernde Wirkmechanismen scheinen offenbar bei beiden Verfahren von besonderer Bedeutung zu sein [10].