PSYCH up2date 2019; 13(02): 175-189
DOI: 10.1055/a-0712-2843
Spezielle Themen
Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Psychiatrische Aspekte von Stalking

Harald Dreßing
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Publication Date:
07 March 2019 (online)

Lange Zeit hinkte das Thema Stalking in Deutschland gegenüber anderen Ländern hinterher, wurde jedoch mittlerweile auch von Justiz und Psychiatrie als relevant eingestuft. Stalking ist weit verbreitet und kann auch gewalttätig eskalieren, weshalb Drohungen von Stalkern unbedingt ernst zu nehmen sind. Den von Stalking Betroffenen kann man mit kurzen, kognitiv-verhaltenstherapeutischen Interventionen im Einzel- oder Gruppensetting wirksam helfen.

Kernaussagen
  • Stalking ist keine neue Krankheitsentität, sondern bezeichnet ein Verhaltensmuster, bei dem der Stalker einen anderen Menschen verfolgt und belästigt, häufig auch bedroht, unter Umständen auch körperlich attackiert und in seltenen Fällen sogar tötet.

  • Stalking ist ein in der Bevölkerung weit verbreitetes Phänomen.

  • Stalking kann gewalttätig eskalieren. Drohungen von Stalkern müssen ernst genommen werden. Eine individuelle und dynamische Risikoanalyse sollte bei der Beratung und Therapie von Stalkern und Stalkingbetroffenen in jedem Fall vorgenommen werden.

  • Am häufigsten ist das „Ex-Partner-Stalking“. Bei dieser Konstellation ist besonders häufig mit gewalttätiger Eskalation zu rechnen.

  • Kurze, kognitiv-verhaltenstherapeutische Interventionen haben sich sowohl in der Einzel- als auch in der Gruppentherapie von Stalkingbetroffenen als wirksam erwiesen.

  • Bei der Risikoeinschätzung von Stalkingfällen sollten die speziell hierfür publizierten Risikofaktoren systematisch geprüft werden. Das Gewaltrisiko bei Stalking kann sich dynamisch verändern, sodass die Risikoeinschätzung im Verlauf zu wiederholen und gegebenenfalls anzupassen ist.

  • Das abnorme Verhalten eines Stalkers darf den Arzt nicht dazu verleiten, eine vorschnelle Pathologisierung vorzunehmen. Stalking ist ein kriminelles Delikt. Nur in seltenen Fällen liegt dem eine psychiatrische Störung zugrunde, die die Schuldfähigkeit des Stalkers beeinträchtigt.

  • Wissenschaftliche Untersuchungen zur Effizienz gezielter Therapiemaßnahmen bei Stalkern liegen bisher noch nicht vor, deshalb sind mancherorts vorhandene Therapieangebote derzeit eher skeptisch einzuschätzen.

  • Psychiater und Psychotherapeuten sind einem erhöhten Risiko ausgesetzt, im beruflichen Kontext von Patienten gestalkt zu werden.