Klinikarzt 2018; 47(12): 570-571
DOI: 10.1055/a-0751-9279
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Rasante Entwicklung der Notfallmedizin in Deutschland

Christoph Dodt
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Publication Date:
07 January 2019 (online)

Krankenhäuser stehen im Mittelpunk der gesundheitlichen Daseinsfürsorge für Menschen mit medizinischen Notfällen und die Notaufnahmen entwickeln sich gemeinsam mit den häufig dort angesiedelten vertragsärztlichen Bereitschaftspraxen zu Zentren der umfassenden Notfallversorgung für die Regionen.

In vielen Häusern werden mehr als 50 % der stationären Patienten über die Notaufnahmen aufgenommen und die Einheiten sind sehr wichtige Gate-Keeper vor dem Krankenhaus, die gleichzeitig in die Klinik hineinwirken, in dem sie für reibungslose medizinische Prozesse für die Notfallpatienten sorgen. Diese Prozesse werden mit allen klinischen Partnern darauf abgestimmt, mit rationaler, nutzenorientierter Medizin schnell eine kunst- und leitliniengerechte Weiterbehandlung zu gewährleisten. Dies ist nur in einem professionellen Setting zu gewährleisten, das für jeden Patienten sofort nach Eintreffen eine hohe Sicherheit garantiert und erreicht, dass schnellstmöglich eine Diagnose erstellt wird, die dann eine optimale fachspezifische Weiterbehandlung innerhalb oder außerhalb des Krankenhauses erlaubt. Dabei ist es entscheidend, dass die grundlegenden notfallmedizinischen Fähigkeiten der Wiederbelebung und Stabilisierung jederzeit von dem notfallmedizinischen Team beherrscht wird, damit der weitere Diagnose- und Therapieprozess überhaupt ermöglicht wird.

Damit ist das Aufgabenfeld der modernen Notfallmedizin beschrieben: Nach der Ersteinschätzung, die entweder durch den Notarzt oder ersteinschätzende Pflegekräfte in den Notfallzentren erfolgt, schließt sich die symptombezogene Stabilisierung kritisch kranker Patienten an, gegebenenfalls eine Überwachung und gleichzeitig die schnellstmögliche Diagnosestellung, die dann und auf dem Boden der Arbeitsdiagnose die weitere Behandlungsplanung und Disposition der Patienten erlaubt.

Diese anspruchsvolle, vielfältige Aufgabe erfolgreich durchzuführen, setzt umfassende diagnostische Fähigkeiten und Wissen ebenso voraus wie die Kenntnisse der leitliniengerechten Soforttherapie eines breiten Krankheitsspektrums. Gleichzeitig müssen die personellen und räumlichen Ressourcen optimal und auskömmlich gestaltet sein. Dies alles spricht dafür, der Notfallmedizin in Notaufnahmen eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen und diesen Bereich gezielt zu stärken. Dies ist in Deutschland einhergehend mit der Entwicklung der Berufsbilder der „Klinischen Akut- und Notfallmedizin“ und der „Notfallpflege“ in den letzten Jahren auch geschehen.

Im Jahr 2018 sind für das Fachgebiet der Notfallmedizin wesentliche Meilensteine erreicht worden: Zum Einen wurde die „Klinische Akut- und Notfallmedizin“ als Zusatzweiterbildung in die Musterweiterbildungsordnung der Bundesärztekammer aufgenommen und kann wie bereits seit einigen Jahren in Berlin nun bald bundesweit von interessierten Kolleginnen und Kollegen notfallmedizinisch relevanter Fächer innerhalb von 2 Jahren nach Facharztabschluss erworben werden. Begleitet wird diese Weiterbildung durch Kursformate, die in 80 Stunden die organisatorischen Kompetenzen für Notfallmediziner vermitteln. Durch diese umfassende Weiterbildung gewinnt Deutschland nun Anschluss an die europäische Entwicklung der letzten Jahrzehnte, die inzwischen in über 20 europäischen Ländern in den Facharzt für Notfallmedizin gemündet hat. Gleichzeitig mit der Professionalisierung der Notfallmedizin als eigenständige Fachlichkeit hat die Ärzteschaft aber auch dafür gesorgt, dass die notfallmedizinischen Basiskenntnisse, die bisher nur in den chirurgischen Fächern vermittelt werden mussten, nun auch fester Bestandteil der Weiterbildung in den konservativen Fächern werden.

Auch die Gesundheitspolitik hat erkannt, dass die Beteiligung an der Notfallversorgung stärker als bisher besondere Ausstattungsmerkmale in den Notaufnahmen, diagnostische Fähigkeiten und ein abgestimmtes Fächerspektrum erfordert. Im Gemeinsamen Bundesausschuss wurden deswegen Mitte des Jahres qualitative Vorgaben für die Teilnahme von Krankenhäusern an der Notfallversorgung gemacht, die dann je nach Versorgungsspektrum und Ausstattung in 3 Stufen aufgeteilt wurden. Entsprechend der Zuteilung zu einer dieser 3 Notfallstufen werden spezifische Zuschüsse für die Notfallkrankenhäuser gezahlt. Mit diesem Beschluss wird die Notfallversorgung in Deutschland auf speziell ausgestattete Krankenhäuser mit eigenständigen Notaufnahmen konzentriert. Dieser Konzentrationsprozess wird gleichzeitig damit einhergehen, dass die Krankenhäuser sich untereinander stärker vernetzen und die Leitstellen sowie die Flugrettung ausgebaut werden, um für jeden Notfallpatienten eine optimale und zeitgerechte Therapie zu gewährleisten.

Notfallmedizin ist aber nicht nur stationäre Medizin, sondern sie behandelt auch viele Patienten, die dann ambulant weiterbetreut werden. Deswegen sind die Vorschläge des Sachverständigenratsgutachtes zur Etablierung von integrierten Notfallzentren eventuell unter der Hoheit der Vertragsärzte hochinteressant. Hier wird die wichtige Funktion der Vertragsärzte in der Notfallversorgung von Notfallpatienten mit niedrigem Gesundheitsrisiko herausgestrichen. Sollten sich derartige Notfallzentren etablieren, stehen die kassenärztlichen Vereinigungen vor der großen Herausforderung die Allgemeinärzte zu dieser Aufgabe zu motivieren und zu qualifizieren. Nur die Allgemeinärzte haben das erforderliche breite fachliche Profil, das die kleine Chirurgie ebenso wie die Grundzüge der konservativen Notfallmedizin erfasst. Auf jeden Fall muss zukünftig wie der stationäre Notfallversorgungsbereich auch der vertragsärztliche Bereich der Notfallversorgung 24/7 eine garantierte Versorgungsqualität für die Notfallpatienten bieten.

All das zeigt – die Notfallmedizin entwickelt sich in Deutschland rasant und wird alle Bereiche der Medizin betreffen. Einen kleinen Ausschnitt der vielfältigen notfallmedizinischen Themen findet sich in dem aktuellen klinikarzt. Ich wünsche allen Lesern eine anregende Lektüre!

Prof. Dr. med. Christoph Dodt