Laryngo-Rhino-Otol 2019; 98(01): 46-47
DOI: 10.1055/a-0784-9537
Gutachten und Recht
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Aus der Gutachtenpraxis: Ohrmuschel-perichondritis oder Herpes zoster oticus?

Diagnoseirrtum, Diagnosefehler oder Befunderhebungsfehler?From the Experts office: Auricular perichondritis or herpes zoster oticus?Diagnostic error, diagnostic mistake, or deficient examination findings?
R. Leuwer
,
T. Brusis
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Publication Date:
08 January 2019 (online)

Fallbericht

Auf Überweisung ihres Hausarztes stellt sich die Klägerin bei einem HNO-Arzt vor, weil sie starke linksseitige Ohrenschmerzen hat. In der Ohrmikroskopie beobachtet dieser eine diffuse Schwellung der Haut des linken äußeren Gehörgangs sowie eitriges Sekret im Gehörgang. Das Trommelfell beschreibt er, soweit einsehbar, als „ohne Befund“. Der HNO-Arzt saugt das Sekret ab und legt einen desinfizierenden und entzündungshemmenden Salbenstreifen mit Mercuchrom und Jellin ein. Zudem verordnet er Diclofenac zur Schmerztherapie. Er bestellt die Klägerin zwei Tage darauf erneut ein. Zu diesem Zeitpunkt geht es ihr nicht besser und sie beklagt zudem einen ungerichteten Schwindel. Die Ohrmikroskopie zeigt weiterhin ausweislich der Patientendokumentation eine eitrige Sekretion links, der Gehörgang ist weiter diffus geschwollen, das Trommelfell ist unauffällig. In der Akte findet sich dokumentiert, dass im Gehörgang Bläschen nicht erkennbar sind. An der Ohrmuschel erkennt der HNO-Arzt nun als Folge der Otorrhoe eine Hautmazeration. Er verordnet einen Ohrverband mit Aureomycin und systemisch Ciprofloxazin. Zu diesem Zeitpunkt besteht unter der Frenzelbrille kein Spontannystagmus, eine Fazialisparese liegt ebenfalls nicht vor. In der Tongehörprüfung gibt die Klägerin beidseits ein normales Hörvermögen an, links mit einem geringen und altersentsprechenden Hochtonabfall ab 4.000 Hz. Die kalorische Prüfung der Gleichgewichtsorgane mit 44° C zeigt eine seitengleiche Erregbarkeit. Zu einer weiteren Vorstellung bei diesem HNO-Arzt kommt es nicht. Parallel zur HNO-Behandlung gibt der Hausarzt über 3 Tage Medivitan (B6, B12 und Folsäure), Diclofenac, Solu-Decortin 25 mg, zusätzlich einmal Repevax (einen Diphtherie-Pertussis-Tetanus-Poliomyelitis-Kombinations-Impfstoff) intramuskulär. Cortison erhält die Klägerin von ihrem HNO-Arzt dagegen nicht. 3 Tage nach der Erstvorstellung bei ihrem HNO-Arzt wird die Klägerin in einer Klinik für Neurologie eines Akutkrankenhauses aufgenommen, nachdem eine linksseitige Gesichtsnervenlähmung über Nacht aufgetreten ist. Von dort wird sie am Folgetag unter dem Bild eines Zoster Oticus in die Neurologie der benachbarten Universitätsklinik verlegt. Dort wird im Wesentlichen die im Akutkrankenhaus begonnene Behandlung mit Aciclovir fortgeführt. Unter dieser Therapie bildet sich die Fazialisparese nur unvollständig zurück.

Bei der gutachterlichen Untersuchung besteht eine inkomplette Parese aller drei Äste des linken N. fazialis Grad III nach House und Brackman. Der prozentuale Hörverlust beträgt nach der Tabelle von Röser (1973) zur Ermittlung des prozentualen Hörverlustes aus dem Tonaudiogramm bei regelmäßigem Verlauf der Tongehörkurve rechts 0 %, links 36 %. Die Gleichgewichtsprüfung mittels Vestibulookulographie entspricht einer kompensierten Untererregbarkeit des linken Gleichgewichtsorgans.