ZKH 2018; 62(04): 252-253
DOI: 10.1055/a-0797-7139
Leserbrief
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Publication Date:
23 January 2019 (online)

Leserbrief 2

Ich möchte den Artikel zum Anlass nehmen, den Zustand der Homöopathie heute zu kritisieren. Meine Kritik richtet sich nicht gegen die reinen Fakten des Falles, also die Symptome der Patientin und die daraus sich ergebende Mittelwahl, die auf einer Seite erzählt gewesen wären. Sie richtet sich gegen die Erklärungen und Interpretationen, die den größten Teil des Artikels einnehmen. Aus den Tatsachen, dass zur deren Rechtfertigung viele Homöopathen zitiert werden mussten, erkenne ich, dass diese Argumente schwach sind, da sie durch keine klinischen Symptome belegt sind. Im Gegenteil, selbst nach mehr als zwei Jahrzehnten kommt es auch noch zu Symptomen – Herzrhythmusstörungen, Extrasystolen und wieder Hautblutungen, die zum Nachdenken zwingen. Zum einen gehen die Symptome von der Haut nach innen zum Herzen und immer noch kommt es zur Blutungsneigung.

Was ich nun der Homöopathie zum Vorwurf mache, ist das Versäumnis, Hahnemanns Erforschung der chronischen Krankheiten nicht fortgesetzt zu haben. Eigentlich haben die Homöopathen noch etwas viel schlimmer begangen. Sie haben nicht nur die Erforschung der chronischen Krankheiten abgebrochen, sondern sie haben Hahnemanns Forschungsergebnisse dogmatisiert und damit jede weitere Forschung unterbunden. Denn jedes Forschungsergebnis, das zwangsläufig von den Ergebnissen Hahnemanns abweichen wird, gilt als Verstoß gegen das Dogma und verlangt geächtet zu werden.

Die Erforschung der Infektionskrankheiten mit chronischen Folgen hätte jedem – hätte er nur Anteil an dieser Forschung genommen – sofort klar gemacht, dass diese Patientin an Infektionskrankheiten gelitten hatte, die die Homöopathie, dem Dogma von den drei chronischen Krankheiten gehorchend nicht wahrnehmen konnte. Ein Vergleich der Symptome der Patientin mit denen des Eppstein-Barr-Virus (EBV), des Varizella-Zoster-Virus (VZV) und denen der Chlamydien legen den Verdacht „nahe, dass diese Patientin schon vor dem Auftreten der Aplasie des Knochenmarks an diesen Infektionen gelitten hat und bis heute leidet.

Eine Auflistung der Symptome der Patientin mit den Siglen der chronischen Krankheiten belegen diesen Verdacht, dass die Krankheitssymptome der Patientin Folgen dieser Infektionen sind.

Geburt, nach der
Hautausschlag am Hals:


Milchschorf auf Kopf und hinter den Ohren:

mit 5 Wochen
Mundsoor:

mit 6 Wochen
verklebtes linkes Auge morgens: Chlam


gelbgrün-eitriges Sekret: Chlam.


Husten für mehrere Wochen: Chlam., EBV., VZV.


Häufig rezidivierender Husten: Chlam.


Röcheln beim Ein- und Ausatmen:

mit 8 Wochen
Deformation des linken Zeigefingernagels: (VZV.)

04.05.1989
Abneigung gegen Muttermilch:

19.09.1989
erneute Bronchitis: Chlam., EBV., VZV.


3 Tage hohes Fieber: Chlam., EBV., VZV.


Durstlosigkeit:


Erbrechen bei Fieber: EBV., VZV.


Erbrechen im Schwall 5 Minuten nach Trinken:

25.10.1989
Hautblutungen, Ekchymosen, Petechien: EBV., VZV.


Schleimhautblutungen: EBV., VZV.


süßlicher Mundgeruch: EBV.


Speichelfluss: VZV.


grünlich-schaumige Stühle:


Stuhl: bitter-metallisch, blutig „riechend:


Stinkende, übelriechende Stühle: Chlam.,


blutige Stühle: Chlam., EBV., VZV.

02.11.1989
Appetitlos: Chlam., EBV., VZV.


Durstlos bei Fieber:


Fieber von 38,6o: Chlam., EBV., HHV 6., VZV.


heißer Kopf und kalten Extremitäten:


Erbrechen bei Fieber: EBV., VZV.


Blutiges Erbrechen: VZV.


Verlangen nach Bauchlage: EBV.


Verlangen Getragen zu werden:


Berührung, empfindlich gegen: VZV.


Panik (z.B. beim Anziehen): EBV., (VZV.)


Kalte Extremitäten: EBV., VZV.


Aplastische Anämie: Chlam., EBV., HHV 6., VZV.

04.11.1989
Apathisch: Chlam., EBV., HHV 6., VZV.


Panzytopenie: (Chlam.), EBV., (HHV 6.), (VZV.)


Thrombozytenkonzentrat: (EBV.), (VZV.)


Erythrozytenkonzentrat: (EBV.), (VZV.)


Paracetamol: EBV., (VZV.)


Cefotaxim und Tobramycin: EBV.


Nasenbluten: Chlam., EBV., VZV.

mit 22 Jahre
Herzrhythmusstörungen: Chlam., EBV., VZV.


Extrasystolen: EBV.,


Hautblutungen: EBV., VZV.

Sowohl die schulmedizinischen als auch die homöopathischen Kollegen haben keine Anstrengungen unternommen, die Ursache für die Krise zu untersuchen – wenigstens gibt der Artikel darauf keine Hinweise. Alle diese Infektionskrankheiten können latent im Körper vorhanden sein, ohne Krankheitssymptome zu erregen. Treten bestimmte Umstände ein, erwachen sie aus ihrer Latenz und provozieren Symptome, so auch Paracetamol, Antibiotika, emotionaler und körperlicher Stress, jeder banale Infekt. Das gilt dann auch für Ery- und Thrombozytenkonzentrate, da keine lebende Zelle frei von Viren ist. Die Krankengeschichte dieser Patientin inklusive der durchgemachten Krisen hat aus Sicht dieser chronischen Krankheiten einen vollkommen normalen Verlauf genommen.

Natürlich kann ich keine Belege vorlegen, dass sich der Krankheitsverlauf nicht auf die inkorrekte Verordnung potenzierter Arzneien zurückführen lässt. Meine Forschung hat aber ergeben, dass sehr viele, nicht nur die oben angeführten Umstände, diese Infektionen aus der Latenz erwecken können – warum nicht auch potenzierte Arzneien. Dann handelt es sich bei dieser inkorrekten Verordnung lediglich um den Auslöser, aber nicht um die Ursache für die Krise dieses berichteten Falles. Beobachtungen aus meiner Praxis legen diese Deutung nahe.

Diese Vermutung lässt sich nur verifizieren, wenn endlich damit begonnen wird, die Infektionskrankheiten auf ihre chronischen Folgen hin zu untersuchen. Wenn sich dann herausstellen sollte, dass eine homöopathisch gewählte Arznei eine latente Infektion erwecken kann, dann wird Hahnemanns Aufforderung, sich bei der Mittelwahl an der aktiven chronischen Krankheit zu orientieren, verständlich. Dogmatismus und Schriftauslegung bremst die Homöopathie aus und verhindert deren Weiterentwicklung. Ich erwarte von der Homöopathie, dass sie aus uns Forscher und keine Schriftgelehrten macht.

Friedrich Witzig