Laryngorhinootologie 2019; 98(06): 424-425
DOI: 10.1055/a-0839-5241
Der interessante Fall
© Georg Thieme Verlag KG Stuttgart · New York

Benigne Raumforderung der Glandula parotis – eine seltene Differentialdiagnose

A benign tumour of the parotid gland – a rare diagnosis
Juliane Priese
,
Thomas Bitter
,
Orlando Guntinas-Lichius
Further Information

Publication History

Publication Date:
18 February 2019 (online)

Falldarstellung

Anamnese und klinischer Befund

Ein 72-jähriger Mann stellt sich mit einer seit einem Jahr bestehenden, größenkonstanten, indolenten Raumforderung präaurikulär links vor. Klinisch imponiert eine ca. 3 × 3 cm messende, prall elastische, rundliche Raumforderung im Bereich der Glandula parotis links. Sonografisch präsentierte sich die Struktur als scharf begrenzte, echoarme und homogene Raumforderung ([ Abb. 1 ]). Ein zwei Monate zuvor durchgeführtes MRT ergab radiologisch den Verdacht auf einen Warthin-Tumor der Glandula parotis. Nebenbefundlich berichtete der Patient über eine Stapesplastik links im Jahr 2013 und rechts vor etwa 20 Jahren. Der restliche HNO-ärztliche Befund zeigte sich unauffällig. Eine B-Symptomatik wurde verneint.

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Abb. 1 Präoperative Sonografie der zystischen Raumforderung der Gl. parotis links

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Verlauf und Therapie

Der Patient lehnte eine präoperative diagnostische Feinnadelpunktion ab. Es erfolgte die partielle Parotidektomie (Level I) links in Narkose, bei der das Gewebe in toto entfernt wurde. Intraoperativ zeigte sich eine eingekapselte weißliche Raumforderung ([ Abb. 2 ] und [ Abb. 3 ]). Der Befund war am ehesten mit einem pleomorphen Adenom vereinbar. Das histologische Ergebnis lieferte jedoch den Nachweis von zystischem Gewebe, welches in direktem Kontakt zum Speicheldrüsenparenchym stand. Nach weiteren histologischen Untersuchungen der Zystenstruktur bestätigte sich die Diagnose einer Epidermoidzyste der Gl. parotis. Da kein Anhalt auf Malignität besteht, war die klinische Nachsorge ausreichend.

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Abb. 2 OP-Situs links nach Freilegung der Gl. parotis. Am oberen Pol sieht man die Raumforderung (mit Stern markiert).
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Abb. 3 Darstellung des Fazialisfächers. Die oberflächlich nur klein imponierende Raumforderung zog bis an den Ramus frontalis n. facialis und den Gehörgang heran (mit Stern markiert).

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Diskussion

Raumforderungen der Speicheldrüsen machen circa 3 % der Tumoren im Kopf- Halsbereich aus und gehen in den meisten Fällen von der Glandula parotis aus. Etwa 75 % der dort vorkommenden Raumforderungen sind gutartig [Roh JL, Ryu CH, Choi SH, et al. Clinical utility of 18F-FDG PET for patients with salivary gland malignancies. J Nucl Med. 2007;48:240–246.]. Der Warthin-Tumor stellt nach dem pleomorphen Adenom den zweithäufigsten, gutartigen Tumor der Ohrspeicheldrüse dar.

Das Vorkommen von Epidermoidzysten ist mit einer Inzidenz von 1,6 % bis 6,9 % im Kopf- Halsbereich sehr selten. Sie gehören zu den dysontogenetischen Zysten und sind von Epithel ausgekleidete Hohlräume, die mit viskösen oder halbfesten epithelialen Abbauprodukten gefüllt sind. Sie entstehen durch Einschluss von Resten des Oberflächenektoderms zum Zeitpunkt des Neuralrohrverschlusses [Turki IM, Keddour AK, Daniel G. Dermoidcystofthe submandibular space. Fr ORL. 2005;89:167–69; Sanglee C, Kaun Kin H. Iatrogenic epidermoid cyst in the parotid gland-A case report. J KoreanAssociation Oral MaxillofacialSurg. 2011;37:237–40.].

In der Literatur wird bisher in wenigen Fällen ein Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Epidermoidzysten und vorherigen Ohroperationen beschrieben [Ulku CH, Uyar Y, Kocaogullar Y, Avunduk MC. Iatrogenic epidermal inclusion cyst of the parapharyngeal space: unusual complication of ear surgery. Skull Base. 2004 Feb;14(1):47–51; discussion 51.].Es wird vermutet, dass es dabei zu Epithelversprengungen kommt, die durch die Schnittführung in Nachbarschaft zur Gl. parotis entstehen können. Aus diesem versprengten Epithel soll sich dann eine Epidermoidzyste entwickeln können.

Daher sollte der behandelnde Arzt die Möglichkeit der Entwicklung einer solchen Raumforderung nach Eingriffen im Bereich des Ohres nicht außer Acht lassen; insbesondere bei einem älteren Patienten und bei der Lokalisation der Raumforderung am oberen Parotis Pol wie im vorliegenden Fall.

Die operative Entfernung ist die Therapie der Wahl und sollte bei Verdacht auf gutartige Speicheldrüsentumoren stets empfohlen werden.

FAZIT

Nicht jeder zystische Parotis Tumor bei älteren Patienten ist ein Warthin-Tumor.

Die Epidermoidzyste der Speicheldrüsen ist eine seltene Differentialdiagnose gutartiger Tumoren der großen Speicheldrüsen.

Eine Entartung ist nicht beschrieben.

Eine operative Entfernung wird empfohlen.


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