physiopraxis 2019; 17(03): 61
DOI: 10.1055/a-0839-9679
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© Georg Thieme Verlag Stuttgart – New York

Pseudo-Patentrezepte – Buch voller Unwahrheiten


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Publikationsverlauf

Publikationsdatum:
15. März 2019 (online)

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Der provokante Titel des Buchs suggeriert, dass Ärzte, Physiotherapeuten und Heilpraktiker einem durch die Medizin verbreiteten Arthrose-Jahrhundertirrtum aufgesessen sind. Die Heilbotschaft wird uns nun von einem selbst erfundenen Bewegungstherapeuten und seiner doktorierten Gattin kundgetan: „Das Problem der Arthrose und der Schmerzen ist gelöst.“

Nachdem das Arthroseexperten-Autorenduo en passant sämtliche Therapieformen despektierlich diskreditiert, wird den Patienten eine hanebüchene Lösung für ihre Krankheit präsentiert – ohne wissenschaftliche Evidenz in Form randomisierter und kontrollierter Studien. So resultieren die Schmerzen von Abermillionen Patienten allein aus mangelnder Aktivität und falscher Ernährung. Die dadurch bedingte erhöhte Muskel-Faszien-Spannung sei Kernelement der Volkskrankheit. Sie mündet im Gelenkverschleiß samt Schmerzen.

Als Antwort auf diese vermeintliche Kardinalproblematik bieten die Fachärztin für Allgemein- und Ernährungsmedizin und ihr Gatte mit Kampfkunstausbildung eine simple Lösung. Als Königsweg im Kampf gegen eine globale Volkskrankheit dient eine speziell von den Autoren entwickelte Osteopressur, isometrische Dehnungen, Übungen mit der Faszienrolle sowie eine vegetarische Ernährung – inklusive einem Rezept für die „Anti-Arthrose-Gemüsepfanne“.In der Manier mittelalterlicher Quacksalber berichtet das Ehepaar über ihre sensationelle Gabe, bei über 90 % der Patienten nahezu jeden Schmerzzustand binnen einer halben Stunde um 70–100 % zu reduzieren. Die Autoren sehen die Auflösung der zu hohen Muskel-Faszien-Spannung als Kernelement zur Behandlung von Schmerz und Arthrose. Belege dafür fehlen. Und schließlich gäbe es weder einen „funktionslosen chronischen Schmerz“ noch ein Schmerzgedächtnis. Derart irrwitzige Prophezeiungen kurbeln zwar die Verkaufszahlen an, werden dem Forschungsstand jedoch nicht gerecht. Laut aktueller Studienlage lässt sich kaum ein Schmerzproblem allein über biomechanische Faktoren erklären. Dass Arthrose nicht per se zu Schmerzen führt und dem Gelenkverschleiß nicht nur ein singulärer Faktor zugrunde liegt, ist wissenschaftlich erwiesen. Weitere Denkfehler der Autoren werden unter bit.ly/evidenzbasiertephysiotherapie_arthroseluege entlarvt.

Fazit: Die „Arthrose-Lüge“ wurde nicht aufgedeckt. Vollmundig aufgetischt werden stattdessen weitere Unwahrheiten. Haarsträubende Versprechungen leisten keinen positiven Beitrag zur Lösung eines gravierenden Schmerzproblems. Sie sind schlichtweg unmoralisch, um Patienten auf diese Art zu ködern.

Tobias Saueressig, Dipl.-Volkswirt und Physiotherapeut aus Wuppertal